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Wie ein Paartherapeut auf TikTok tausende junge Menschen aufklärt

Der Diplom-Psychologe und Sexualtherapeut Umut Özdemir erreichte in nur drei Monaten mit seinen Aufklärungsvideos auf TikTok über 50 000 Fans. Dabei beantwortet er seinem überwiegend jungen Publikum in kurzen Videos grundlegende Fragen zum Thema Sex und Beziehungen. Ist das ein Zeichen dafür, dass in der Generation X große Aufklärungslust herrscht? 

Wie tief ist die durchschnittliche Vagina? Und wie spricht man mit seinem Partner über Analsex? Musstest du auch kurz zucken, als du das gelesen hast? Viele Menschen empfinden bei solch intimen Fragen Schamgefühl. Andere stoßen auf einen innerlichen Widerstand und unterdrücken ihre Neugier. Der Sexualtherapeut Umut Özdemir hat es sich zu seiner Aufgabe gemacht, Menschen mit sexuellem Leidensdruck zu helfen. Vor kurzem hat er einen deutschen TikTok-Kanal gestartet, auf dem er in unterhaltsamen Videos grundlegende Fragen über Sex, Beziehung und Sexualität beantwortet. Damit hat er in nur drei Monaten über 50 000 Abonnenten gewinnen können. Dieser Erfolg zeigt, wie groß der Bedarf nach sexueller Aufklärung und einem kompetenten Ansprechpartner ist. Wir haben mit Umut Özdemir über seine Arbeit und seine Auffassung von authentischem Sex ohne Scham gesprochen. 

Umut, die meisten Menschen, die ich kenne, waren noch nie bei einem Sexualtherapeuten, sondern holen sich ihr Wissen eher aus Serien wie Sex Education. Wie realistisch wird der Beruf in den Medien oder solchen Serien dargestellt? 

Ich bin sehr dankbar für Sex Education, da der Beruf der Mutter als Sexualtherapeutin dabei sehr realistisch dargestellt wird. Menschen kommen, egal ob Einzelpersonen oder Paare, und berichten über ihre Probleme und man löst das Ganze durch Reden. Ich wurde schon mal gefragt, ob ich mit meinen Patienten Sex habe und ob dies Bestandteil der Therapie sei. Da sieht man, wie viele absurde Mythen es zu diesem Thema gibt. 

Nun erlebst du gerade viel Aufmerksamkeit durch deinen TikTok-Kanal. Wie bist du dazu gekommen, deinen Kanal rund um die Themen Sexualität und Sexualpsychologie zu starten? 

Ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland ein Problem damit haben, wenn Wissenschaftler*innen, Therapeut*innen oder auch Ärzt*innen auf Social Media präsent sind. Im Ausland ist das völlig normal. Da verliert niemand an Glaubwürdigkeit, hier ist das aber nicht der Fall. Dennoch habe ich mir gedacht, dass ich Menschen damit helfen kann, komplexe fachliche Forschungsergebnisse vereinfacht wiederzugeben. Ich wollte so der Mittler zwischen dem neuesten Stand der Forschung und den Menschen sein, denen das Wissen helfen könnte. 

Als Plattform habe ich TikTok gewählt, da sie mir durch das Videoformat ermöglicht, Sachverhalte zu erklären und sie nicht wie auf Instagram in Fotos und Bildunterschriften darzustellen. Das ist in einer Videominute direkter und leichter zu konsumieren und die Zuschauer fühlen sich direkt angesprochen und verstanden. 

Der Diplom-Psychologe und Sexualtherapeut Umut Özdemir leistet mit seinen beliebten Videos auf TikTok Aufklärungsarbeit vor 50 000 Zuschauern. Foto: Claudio Rimmele.

Warum glaubst du, gibt es in Deutschland noch Hemmungen, was die Social-Media-Präsenz von Wissenschaftler*innen, Therapeut*innen oder auch Ärzt*innen angeht?  

Ich glaube, Deutschland hat sowieso Hemmungen, was Digitalisierung angeht. Ich glaube, das sehen wir auch in der Einstellung, die wir zur Arbeit haben: Wer nicht den ganzen Tag arbeitet und nicht auch noch Überstunden macht, der kann angeblich nicht produktiv sein. So lauten die Stimmen auch in meinem Bereich: Wenn er ein gut ausgebuchter Therapeut wäre, dann hätte er gar nicht die Zeit, auf sozialen Medien präsent zu sein. Die Arbeit an meinem Kanal geht momentan von meiner Freizeit ab, das Ganze passiert nebenbei. Doch Social Media ist nun mal für Menschen der primäre Austauschort. Und wenn wir sie abholen möchten, dann müssen wir als Behandler*innen auf Social Media präsent sein.  

Wie werden Benutzer auf deinen Kanal aufmerksam? Wie verbreitet sich deine Message? 

Aktuell durch den Algorithmus auf Tiktok. Wenn man ähnlichen Profilen folgt, die sich beispielsweise mit Psychologie oder Medizin beschäftigen, werden meine Videos unter anderem auch vorgeschlagen. Auch Interviews wie diese helfen Menschen dabei, meine Inhalte auf TikTok zu finden.

Und warum glaubst du, gibt es dieses enorme Interesse an Sexualthemen auf TikTok?

Der Altersdurchschnitt ist jünger als auf anderen Plattformen. Das sind Teenager*innen und junge Erwachsene, da ist das ein Riesenthema. Gleichzeitig fehlt vielen Menschen eine Person, mit der man schamfrei reden kann. Diese räumliche Trennung hilft dabei. Wenn sie mir eine Nachricht schreiben, die ich dann mit einem Video beantworte, ist die Hemmschwelle niedriger, da sie mir dabei nicht ins Gesicht schauen müssen. 

Auf der anderen Seite spielt Sexualität für Menschen jeder Altersgruppe und Orientierung eine Rolle. Selbst für asexuelle Menschen, weil sie sich mit diesen Themen in ihrem täglichen Leben immer wieder auseinandersetzen müssen. 

Glaubst du, dass junge Menschen in unserem Kulturkreis heutzutage souveräner mit ihrer Sexualität umgehen? 

Ja, ich glaube einen Wandel zu erkennen. Junge Menschen heute erscheinen mir offener als die zwei Generationen zuvor und auch bereiter, über Sex zu reden. In anderen Altersklassen wird das Thema immer noch tabuisiert. 

Welche Themen und Trends beschäftigen junge Menschen gerade besonders? Kannst du da schon was erkennen? 

Das meiste geht gerade in Richtung Aufklärungstipps, wie beispielsweise der menschliche Körper funktioniert. Mein gerade am meisten geteiltes Video behandelt die Tiefe einer durchschnittlichen Vagina. Diese Informationen werden nirgends vermittelt, weder in der Schule noch von den Eltern. Es gibt auch kaum Gynäkolog*innen, die einfach so darüber reden. 

Sexualtherapie eine Form von Psychotherapie ist, was letztlich eine medizinische Behandlung ist. Man nimmt sie in Anspruch, wenn man einen krankheitsähnlichen Leidensdruck hat. Foto: Malvestida Magazine.

Wie siehst du die Zukunft sexueller Aufklärung? Werden junge Menschen immer aufgeklärter und entspannter mit diesen Themen?

Einerseits sehe ich, dass es in den letzten Jahren immer mehr Menschen gibt, die dazu auf Social Media Informationen liefern. Es gibt mittlerweile etliche Podcasts oder Instagram- und TikTok-Kanäle, die darüber informieren. Auf der anderen Seite wird es immer Menschen geben, die Fragen haben und ich glaube, dass diese Nachfrage bleiben wird. Eventuell gibt es in kleineren sozialen Kontexten, wie kleinen Städten oder Dörfern, eine gewisse Hemmschwelle, darüber zu reden. Da ist Social Media die perfekte Lösung, da ich mir die Informationen auch als Einzelperson auf der Toilette, also alleine, anschauen kann. 

Glaubst du, dass Apps wie Instagram und TikTok einen Einfluss darauf nehmen, wie wir Sexualität verstehen und leben?

Wie wir sie leben, glaube ich nicht, da haben immer noch Pornos einen sehr großen Einfluss. Zumindest beeinflusst es jene, die nicht wissen, dass dabei viel geschnitten und medikamentös nachgeholfen wird. Dass also Apps wie TikTok Einfluss auf das wirkliche Ausleben sexuellen Verhaltens haben, glaube ich nicht. Eher, dass jene Apps auf die Art, wie wir mit unseren Partner*innen über Sex reden, einen Einfluss haben können. So lese ich immer wieder Fragen wie: „Wie kann ich sexuelle Themen in meiner Partnerschaft ansprechen?”. 

Wie stehst du als Sexualtherapeut zu der Zugänglichkeit von Pornographie und Sexualität im Internet? 

Die Forschung dahingehend ist sich noch uneinig. Manche behaupten, einen negativen Einfluss auf das Sexualverhalten erkannt zu haben, andere meinen, dass kaum ein Effekt nachweisbar ist. Bei jenen, die von Pornographie beeinflusst werden, sehe ich schon, dass es dazu verleiten kann, zu hinterfragen, warum die Praktiken, die man dort sieht, seiner Partner*in nicht gefallen. Oder warum Analverkehr nicht so leicht ist, wie es in einem Porno dargestellt wird, da die ganze Vorbereitung fehlt. Weil Pornodarsteller*innen schauspielern, in dem Moment nach Drehbuch handeln und nicht nach ihren Vorlieben. Das wichtige „darüber reden” fehlt gänzlich. 

Würdest du bei deiner Erfahrung sagen, dass eigentlich viel mehr Menschen eine Sexualtherapie bräuchten? 

Nein, das glaube ich nicht, da Sexualtherapie eine Form von Psychotherapie ist, was letztlich eine medizinische Behandlung ist. Man nimmt sie in Anspruch, wenn man einen krankheitsähnlichen Leidensdruck hat: Man leidet unter einer Problematik oder sie führt dazu, dass ich im Alltag beeinträchtigt bin. Ich glaube nicht, dass Menschen vermehrt eine Sexualtherapie in Anspruch nehmen sollten, doch ich glaube, dass sehr viele Menschen von mehr Aufklärung profitieren würden. 

Mittlerweile gibt es durch den technologischen Wandel immer mehr Geräte, Sextoys oder Apps, um sich selbst sexuell zu stimulieren. Stichwort „Sexual Wellness“. Wie glaubst du, wird sich dieser Trend entwickeln? 

Ich glaube, dass der Trend größer werden wird. Generell ist es eine tolle Sache: Man kann sich durch Online -Shopping relativ anonym Spielzeug bestellen und den eigenen Körper und seine Vorlieben erkunden. Gerade beginnt vermehrt die Forschung an Sexpuppen. Es gibt Stimmen, die darauf hoffen, dass dadurch sexuelle Übergriffe abnehmen. Gleichzeitig bergen derartige Puppen ein wenig die Gefahr zur Vereinsamung, da man jemand Künstlichen hat, mit dem man Verkehr haben kann, dabei jedoch das Zwischenmenschliche und die Kommunikation fehlen, damit Bedürfnisse spezifisch befriedigt werden. Ich bin nicht so tief in dem Thema drin, aber ich könnte mir vorstellen, dass, wenn Virtual Reality noch größer wird und Haushalte sich für günstiges Geld eine VR-Brille zulegen können, die Pornoindustrie ganz vorne mit dabei sein wird. 

Umut möchte darauf aufmerksam machen, dass Sex kein Thema ist wofür man sich schämen muss und das man darüber reden darf und soll. Foto: Charles Deluvio.

Als letztes würde ich gerne mit dir über Scham und Schamgefühle sprechen. Wie werden sich diese Problematik und die damit einhergehenden Gefühle in den nächsten Jahrzehnten verändern?

Wir haben ein Diagnosewerk, mit dem wir sexuelle Probleme diagnostizieren. Bei dem aktuellen Werk haben wir beispielsweise noch die Diagnose von „transvestitischen Fetischismus” stehen. Das ist, wenn man sehr stereotyp denkt. Der Cis-Hetero-Mann, der hohe Schuhe und Reizwäsche anzieht, und dadurch sexuell erregt wird. Ab 2022 gilt die aktualisierte Version des Regelwerks. Da ist die Diagnose gestrichen, da sich immer weniger Männer in den letzten Jahren vorgestellt haben, die darunter leiden. Die Hoffnung ist dabei natürlich, dass das bedeutet, dass die Gesellschaft mittlerweile einen Schritt weiter ist. Menschen trauen sich mehr seine*n Partner*in darum zu bitten, den Fetisch in ihr Sexualleben zu integrieren. 

Bei vielen geht es um die Frage: „Wie wird die Gesellschaft darauf reagieren, wenn ich das mal öffentlich mache?”. Da geht es nicht nur um LGBT-Plus-Themen, es geht auch bei vielen heterosexuellen Menschen um die Angst aufgrund ihrer Vorlieben ausgegrenzt zu werden. Das Problem bei Angst ist, dass man nicht vor der Situation an sich Angst hat, sondern vor all dem, was man sich selbst als gesellschaftliche Reaktion ausdenkt, bis dies schließlich zu einer gefühlten Bedrohung und letztlich schlimmen Schamgefühlen führt. 

Die App TikTok wurde in den letzten Monaten teilweise auch scharf wegen diskriminierender Moderationsregeln kritisiert. Hast du selbst Zensurerfahrungen damit gemacht? 

Videos von mir wurden bereits zensiert. Das hängt auch damit zusammen, dass Minderjährige meine Inhalte konsumieren, da die Plattform in Deutschland offiziell ab 13 Jahren international genutzt werden darf. Da zensieren sie Inhalte, die der Algorithmus als sehr explizit ansieht. Bei mir ging es damals beispielsweise um sehr konkrete Begriffe. Nachdem ich aber Einspruch einlegte, sah sich ein*e Mitarbeiter*in TikToks das Video an und gab es wieder frei. 

TikTok hat öffentlich ein Statement abgegeben, dass sie daran arbeiten werden, ihre Zensuren zu verfeinern. Man kann es jetzt Whataboutism nennen, aber letztlich werden sich bei Instagram und Facebook nicht so viel Gedanken darum gemacht. Der negative Fokus liegt auf TikTok. Bei den US-amerikanischen Plattformen machen wir uns keine Gedanken, doch bei der chinesischen Plattform wird Alarm geschlagen – spielt da Rassismus vielleicht auch eine Rolle? 

Was ist dein persönliches Ziel mit deinem TikTok Kanal? 

Ich habe mehrere Ziele. Zum einen natürlich Aufklärung zu betreiben. Dass Sex kein Thema ist, wofür man sich schämen muss. Dass man über Sex reden darf und soll. Auf der anderen Seite geht es mir darum, dass ich als Kind von Migranten dort stehe und der nächsten Generation zeige: Ich habe ein Diplom in Psychologie, auch ihr als Kinder von Migranten könnt diesen Weg gehen. Man wird zwar in der Masse dort draußen nicht abgebildet, aber es gibt uns.

Mehr über Umut erfahrt ihr auf seinem TikTok Kanal und auf Instagram.

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