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Shitstorm reloaded: Oder warum Cancel Culture nichts Neues ist

Der mediale Wirbel um Cancel Culture in Deutschland ist nichts anderes als nutzergenerierter Content. Wirklich Konsequenzen außerhalb einer eventuell empfundenen Genugtuung bei Social-Media-Nutzern und Journalisten, die über Fälle berichten, gibt es leider so gut wie nicht.

Man könnte nostalgisch werden dieser Tage – nostalgisch für eine Zeit vor Corona, nostalgisch für eine Zeit, bevor jede/r Jens, Hans und Anna das Internet zu ihrer Heimat machten. Bevor Social Media eine Influencer-Schwemme erschuf und jeder wusste, wer Lisa Eckhart ist. Für diejenigen, die bisher verschont blieben: Lisa Eckhart ist Kabarettistin und nach Sarah Wiener wohl momentan Deutschlands meistgehasste Auslandsösterreicherin. Eckhart, die mit ihrem überschaubaren Boutiquen-Besitzerinnen-Charme gut bei der Babyboomer-Demografie der pensionierten Zahnärzte und Gymnasiallehrer ankommt, wurde „gecancelt“. Aber der Reihe nach: Was ist passiert?

Kabarettistin Lisa Eckhart beim österreichischen Kabarettpreis. Foto: Manfred Werner (CC by-sa 4.0).

Cancel Culture als Spektrum

Cancel Culture existiert auf einem Spektrum. Auf der einen Seite befinden sich diejenigen, die Opfer einer Straftat geworden sind und sich nun wehren. Auf der anderen Seite befinden sich Menschen mit hohem kulturellen Kapital und großer Reichweite, die für einen Fehltritt angeprangert werden. Und während durch die #MeToo-Bewegung der Ruf nach Gerechtigkeit und Sühne immer lauter wird, passiert wenig Konkretes. Man kann Cancel Culture als eine kollektive Sehnsucht nach Gerechtigkeit verstehen. Wie eine Folge Law & Order verspricht Cancel Culture Betroffenen bestenfalls ein Gefühl der Kontrolle über ihre eigene Erfahrung. Eine Art Episodenserie mit der Hoffnung nach einer befriedigenden Auflösung gegen die eigene Ohnmacht im post-shame age, in dem es sich anfühlt, als wenn niemand mehr permanente Konsequenzen für falsches Handeln zu spüren bekommt. 

Cancel Culture funktioniert jedoch nicht, wie häufig behauptet, von unten nach oben. Menschen mit geringem kulturellen Kapital, die eventuell mehrfach marginalisiert sind, erfahren keine reale Genugtuung außerhalb eines Momentes der öffentlichen Aufmerksamkeit, wenn sie dazu aufrufen, eine bestimmte Person zu „canceln”. Auf diesen kurzen Moment der Aufmerksamkeit folgt oft ein Gegenschlag derer, die dem Opfer nicht glauben wollen. In den wenigsten Fällen kommt es zu Verurteilungen: Harvey Weinstein, Bill Cosby und R. Kelly sind Ausnahmeerscheinungen. Wirkliche Konsequenzen gibt es häufig erst, wenn eine kritische Masse von Kläger*innen erreicht wird. Und selbst dann bedeutet dies noch nicht ein Karriereende (siehe auch Donald Trump).

Den Preis für Cancel Culture zahlen zumeist die Opfer, die versuchen sich Gehör zu verschaffen – selten die Täter. Unzählige Celebrities arbeiten trotz glaubhafter und erhärteter Anschuldigungen weiter erfolgreich. Louis C.K. oder Johnny Depp sind nur die Spitze des Eisberges. Schlimm ist daran auch, dass Cancel Culture mittlerweile Teil eines eigenen Unterhaltungsökosystem geworden ist. Medien und Journalisten stürzen sich auf die von Nutzern generierten Kontroversen und berichten so lange, bis die nächste, „bessere” Story das reale Leid der Opfer überholt. Eventuell gibt es eine lapidare Entschuldigung des Beschuldigten aus der Notes App, denn das nächste Netflix-Special oder der neue Blockbuster sind ja schon abgedreht. Das Internet hat bekanntermaßen ein kurzes Gedächtnis.

Medien und Journalisten stürzen sich auf die von Nutzern generierten Kontroversen und berichten so lange, bis die nächste, „bessere” Story das reale Leid der Opfer überholt. Foto: Pexels.

Täter oder Opfer? Die Masse entscheidet.

Aber zurück zu Lisa Eckhart, dem Paradiesvogel der Unterhaltungsresterampe für Leute mit Abitur und kultureller Selbstüberschätzung (öffentlich-rechtliches Kabarett). Denn es stellt sich heraus, dass recht viele Personen in sozialen Netzwerken antisemitische „Witze” (wie Eckhart sie macht) nicht besonders witzig finden und sich online eine substanzielle Gegenreaktion zusammenbraut. Und wie immer, wenn das Internet für zwei Tage einen neuen Hauptcharakter bekommt, laufen bei den Medien von taz bis Welt die Tastaturen heiß. Die amerikanische Aktivistin und Schriftstellerin Sarah Schulman benennt die extreme Reaktion auf Cancel Culture als ein klassisches Beispiel für die Tendenz von Menschen mit hohem kulturellen Kapital und großer Reichweite jegliche Kritik als direkten, persönlichen Angriff zu werten und sich selbst als Opfer zu stilisieren. Eckhart musste das nicht einmal selbst tun, die Medienhäuser der Republik taten es für sie.

Während die einen Eckhart zu Recht als Opfer einer Cancel-Culture-Kampagne sahen, fanden die anderen die Dame doch ganz witzig und eventuell sogar subversiv. Es liegt mir fern, hier ein Urteil zu fällen, obwohl die Unterstützungsgrenze für Eckhart persönlich erreicht war, als ihr die AFD Hessen beisprang. Wenig später wurde ihr Auftritt bei einem Hamburger Literaturfestival abgesagt. Man wollte sich nicht der Gefahr potenziell eskalierender Protesten aussetzen. Seitdem ist es still um Lisa Eckhart. Nur kennt jetzt jeder ihren Namen, inklusive mir. Ein Blick auf Eckharts Webseite verrät, dass ihr Live-Auftrittskalender mit 12-20 Buchungen pro Monat bis September 2021 doch recht ausgelastet zu sein scheint – TV und Radio Auftritte nicht mitgezählt.

Die Situation um Lisa Eckhart zeigt, dass Cancel Culture an sich nur die Schnittstelle zweier Phänomene der Online-Kultur ist, die man schon seit Mitte der 2000er kennt: Clicktivism und Shitstorm. Clicktivism, man erinnert sich, beschreibt das en masse Teilen von Petitionen und „Gefällt mir”-Geklicke von Menschen, die prinzipiell gerne soziale Gerechtigkeit und Veränderung hätten, diese aber durch minimale Aktivität zu erreichen versuchen. Der Shitstorm ist und bleibt eine verlässliche Quelle für nutzergenerierten Content für viele Journalisten. Denn Wut und Sühne verkaufen sich und bringen Klicks, egal ob sich wirklich etwas verändert. Das ist enttäuschend, besonders für die wirklichen Opfer, die mutig genug sind, ihre Peiniger öffentlich zu benennen und für die Cancel Culture das unbefriedigende Risiko birgt, als Lügner abgestempelt zu werden, ohne jemals Genugtuung zu erhalten.

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