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Schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden richteten die Menschen ihr Leben nach Sternkarten aus. Bild: George Christoph Eimmart, via Wiki Commons, gemeinfrei.

Schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden richteten die Menschen ihr Leben nach Sternkarten aus. Bild: George Christoph Eimmart, via Wiki Commons, gemeinfrei.

Astro-Apps: Das Geschäft mit den Sternen

Der Blick in die Sterne gehört, zumindest in sozialen Medien, so fest zum Alltag wie der Blick in die Wetter-App. Sternzeichen, Mondzeichen und Aszendenten in der Instagram-Bio zu vermerken, gehört zum guten Ton. Was ist da los? Wir haben einen Blick in die Geschichte der Astrologie und des Business der Astro-Apps gewagt.

Der Blick in die Sterne: Die älteste Wissenschaft der Welt

Auch wenn die Babylonier vor 4.000 Jahren noch keine Apps hatten, sie hatten die Schrift und von dieser Schrift wissen wir, dass die babylonische Zivilisation in die Sterne blickte. Die Beobachtung der Sterne und ihrer Zyklen wurde mit Vorkommnissen auf der Erde in Verbindung gesetzt: Erntezeiten, Katastrophen und politische Ereignisse standen im Dialog mit den Bewegungen der Gestirne. Stonehenge, die steinzeitliche Steinformation, soll ebenfalls seit 5.000 Jahren den Sternen gewidmet sein. Was wie Astronomie klingt, könnte auch als Astrologie gelesen werden. Die Verbindung von kosmischen Bewegungen und irdischen Ereignissen war genauso Teil der Betrachtung der Sterne, wie die Beschreibung ihrer Bewegung an sich. 

Wer bei Astrologie jetzt noch an Klatschzeitungen und tief gegenderte Tipps für die Single-Fische-Frau denkt, verkennt die Geschichte dieses Wissensgebiets. Unweigerlich gehört Astrologie zum menschlichen Erbe, erstreckt sich über Kulturen und Zeitalter hinweg. Doch wie alle Diskurse steht die Astrologie immer im Kontext und im Dialog mit der sie umgebenden Kultur. 

Apps als Impulsgeber oder Kontrollmechanismus?

Das Sternzeichen, genauer gesagt das Sonnenzeichen, bildet nur einen von vielen Aspekten in der Astrologie. Bild: Johannes Regiomontanus: Sonnenzirkel, Deutsche Fotothek, gemeinfrei.

Das Sternzeichen, genauer gesagt das Sonnenzeichen, bildet nur einen von vielen Aspekten in der Astrologie. Egibt 10 Planeten, die nicht nur überall in einem 12 Zeichen umfassenden System eingeordnet sein können, sie stehen zusätzlich im Dialog miteinander – so die astrologische Perspektive auf das Sonnensystem. Die Kombinationsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind so komplex wie das Leben selbst. Schwer da durchzublicken. Wer will denn nicht wissen, ob morgen ein guter Tag für ein Date oder ein neues Business ist? Wenn die antworten alle in den Sternen liegen, dann sind Apps die Brücke zu ihnen.

Die Apps bereiten Wissen auf, das sonst nicht zugänglich wäre. Dabei vermitteln sie psychologische Perspektiven und esoterische Lehre zugleich. Sie verbreiten Informationen und setzen Impulse, wobei sie alle Register der App-Kultur ziehen. 

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Astrology Zone: Die erste Astro-App 

Zu sagen, Susan Miller sei eine Internetkoryphäe, ist angemessen, denn sie hat die Astrologie in Zeiten von AOL in den frühen 90ern ins Internet gebracht. AstrologyZone gehört damit in die Frühgeschichte des Internets. Zufall? Wohl kaum, denn der AstrologyZones-Launch war genau nach den Sternen abgestimmt, wie sie in einem Interview sagt. 

Astroapps gehören mittlerweile genauso sehr zum täglichen Leben wie Shopping- und Sprachlern-Apps. Foto: Andrew Hughes.

Neben täglichen Horoskopen für jedes Sternzeichen (hochgerechnet knapp 4.400 Dreizeiler im Jahr, die Susan Miller alleine bestreitet), gibt es ausführliche Essays mit einem Monatshoroskop. Verfolgt man Susan Millers Social Media Kanäle, sieht man, dass ihre Fans sie dafür lieben und anfeuern. Selbst gesundheitliche Probleme können der First Lady der Online-Astrologie nicht in den Weg kommen. So soll sie einige der Monatshoroskope auch schon nach OPs im Krankenbett geschrieben haben.

Ihre Texte sind ausführlich und charmant, zugleich wirken sie aus der Zeit gefallen. Wie alt Susan Miller ist, wissen wir nicht genau, aber sie ist schon lange im Geschäft. So viel kostenloser Content – wie finanziert sie sich? Natürlich gibt es immer mehr zu wissen, mehr zu lesen und mehr zu lernen. Neben Abonnements für die App (die bei 5 $ im Monat anfangen), ist sie eine viel gefragte Persönlichkeit und tourt durch die USA. Mit ihrem Content Marketing sitzt sie fest im Business-Sattel. 

Co-Star: Das soziale Sterne-Netzwerk

Ebenfalls kostenlos, dafür aber algorithmisch zusammengesetzt, funktionieren die Horoskope von Co-Star. Allein das Design der App besticht sofort durch seine Schwarz-Weiß-Ästhetik. Egal was hier auf dem Bildschirm präsentiert wird, es hat sofort die Wertigkeit eines ausgestalteten Magazins. Erst seit 2018 auf dem Markt, braucht die App kaum Werbung. Mit 880.000 Followern auf Instagram und mehreren Millionen aktiven Usern (aktuelle Zahlen gibt es seitens der App nicht), gehört die App zum hippen Millennial-Smartphone-Inventar. „Kann ich dich auf Co-Star?“ – adden hat Facebook zwar noch nicht ersetzt, aber es zeigt die Richtung von sozialen Medien der Zukunft.

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Aus der Lösung für alles werden soziale Verbindungen auf Grundlage von Nischenthemen. Kein drittes Date ohne einen Abgleich auf Co-Star: Die App zeigt Freunden wie romantischen Partnern ihre Kompatibilität auf allen astrologischen Ebenen. Die Texte schreiben Menschen auf Grundlage der Eigenschaften, die Planeten und Sternzeichen inhärent mitbringen, werden dann individualisiert vom Algorithmus zusammengebaut und auf das persönliche Horoskop abgestimmt.

Während Susan Miller nur auf das Sonnenzeichen eingehen kann, bietet Co-Star Maschinenintelligenz für ein noch genaueres Horoskop. Auch hier sitzt das Content Marketing: Die App finanziert sich dadurch, dass sich für 3 $ ein Horoskop einer anderen Person erstellen lässt. Das gilt allerdings nur für Nicht-User.

Sanctuary: Chatbot oder Live-Beratung

Das Design kommt im Look eines Chatbots, die Funktionen sind (noch) nicht allzu vielfältig, aber Sanctuary überzeugt durch eine witzige und klare Sprache. Jeden Tag bekommt man kurze Statements zum Sternzeichen und Aszendenten. Ein Power-Emoji des Tages macht die Informationen noch mehr millennial. Wer mehr über die Sterne lernen will, bekommt über ein Abo, Zugang zu einem vollen Astrologie-Kurs. Der kostet aber: Mit 16 $ im Monat könnte man auch eine Sprache lernen. Hier erschließt sich ein anderer Weg in die Sterne: Sanctuary will Wissen weitergeben und lässt sich das auch entsprechend bezahlen. 

Neben der Chatbot-Funktion bietet Sanctuary auch die Möglichkeit an, über die App mit eine*r Astrolog*in zu sprechen. Der kostenlose Content ist beschränkt, aber auf deren Instagram-Account gibt es eine Menge lustiger Memes die man sich kostenlos zu Gemüte führen kann. 

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Ersetzen Apps in Zukunft Astrolg*innen?

Ersetzen Astro-Apps nun die Astrolog*innen? Foto: pixel parker.

Dazu haben wir jetzt keinen Blick in die Sterne gewagt, aber die Prognose für professionelle Astrolog*innen ist gut. Zwar sind die astrologischen Basics für alle frei verfügbar, aber sobald die User tiefer gehen wollen oder mehr verstehen wollen, werden sie von der App zur Kasse gebeten. Egal wie stark automatisiert die individualisierten Horoskope sind, die Interpretation des komplexen Zusammenspiels obliegt noch immer einem Menschen. Doch das Geschäftsmodell der Astro-Apps scheint sich zu tragen. Die Astrologie zeigt, dass die Zukunft von Apps in gutem Design und gutem Content liegt. Wer seine Inhalte zielgruppengerecht verpackt und verschiedene Stufen der Verfügbarkeit einbezieht, baut zugleich ein nachhaltiges Geschäftsmodell auf. 

Neben der wirtschaftlichen Ebene zeigt sich auch eine kulturelle. In einer Kultur, die den Blick auf das eigene psychologische Befinden lenkt, scheint die Astrologie einen Nerv zu treffen. Auf die Frage, wer bin ich und was kann ich, hat die Astrologie Antworten zur Hand. Sie bietet ein komplexes Narrativ, das alles erklären kann: Von einem verkorksten Liebesleben bis hin zur Berufswahl, alles scheint für das geschulte Auge in den Planeten zu stehen. Aberglaube oder Empowerment? Im besten Falle schärft Astrologie nicht nur die Selbstakzeptanz, sondern auch das Verständnis für andere. Ob das jetzt durch einen In-App-Kauf ermöglicht werden muss, sei dahin gestellt.

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