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Big Big Data – eine Debatte über Datenökonomie im Alltag

Für Bloggerin Vreni Frost sind Konzerne wie Facebook und Co innovative Alltagsmanager und die Basis ihres Jobs. Für den Entwickler und Hacker Sebastian Neef sind die großen Internetkonzerne vor allem gigantische Datenkraken. Ein Gespräch.

Es ist jetzt zehn Uhr morgens. Hand aufs Herz: Wie viel Zeit habt ihr heute schon online verbracht?

Vreni Frost: Wenn ich aufwache, dann schaue ich eigentlich immer als Erstes auf mein Telefon. Heute habe ich schon Instagram gecheckt, Facebook und Spiegel Online. Das ist meine Morgenroutine und dauert etwa eine halbe Stunde.

Sebastian Neef: Bei mir ist es auch so. Ich greife zum Telefon, mache das WLAN an und checke erst mal meine Mails.

Frost: Du machst das WLAN erst mal an?

Neef: Ich bin nicht dauerhaft online. Ich habe so einen Prepaid Vertrag mit 100 MB im Monat. Meistens verbrauche ich die aber gar nicht. Unterwegs checke ich höchstens meine E-Mails oder benutze Messenger Dienste.

Frost: Für deinen Job als Programmierer und Hacker bist du aber generell viel im Internet unterwegs, oder?

Neef: Schon, aber oft bin ich dann nicht im klassischen Sinne „online“, sondern arbeite an Websites oder suche online nach Sicherheitslücken.

Vreni Frost (rechts) betont die vielen Service-Aspekte durch Google und andere Anbieter. Sebastian Neef kennt die Mechanismen dahinter – und verzichtet lieber auf den Service.

Wie funktioniert das?

Neef: Mit einem speziellen Suchprogramm, das quasi das ganze Internet durchsucht. Viele Firmen haben ihre Websites nicht richtig geschützt und liegen völlig offen im Netz. Gemeinsam mit einem Freund betreibe ich deshalb das Projekt “Internetwache.org”. Wenn wir eine offene Lücke finden, informieren wir den Hersteller der Software und den Betreiber der Website. Also Leute wie Vreni zum Beispiel.

Frost: Oje, da müssen wir uns nochmal zusammensetzen, Sebastian. Wenn mich jemand hacken würde, wüsste der eh alles über mich. Ich bin bestimmt sechs bis sieben Stunden online am Tag. Das meiste läuft über mein Telefon. Ich schreibe Mails, bearbeite Videos und texte mit Freunden über den Facebook-Messenger oder per WhatsApp. Ich habe sogar Shopping-Apps auf meinem Telefon. Sebastian, was für Apps benutzt Du denn?

(Sebastian Neef holt sein Telefon heraus. Ein großer schwarzer Block.)

Frost: Ich dachte, Du holst jetzt so ein altes Prepaid-Telefon raus. (Lacht)

Neef: Nee, ich habe mittlerweile auch ein Smartphone. (Lacht) Aber das Android-Betriebssystem habe ich weggeschmissen. Vor allem wegen den vorprogrammierten Apps der Hersteller. Facebook und so. Ich habe hier jetzt mein eigenes Android drauf, von einem Open-Source-Projekt.

Frost: Und das ist legal?

Neef: Ja, du verlierst halt die Garantie, aber sonst ist das legal.

Frost: Und was ist mit Google und WhatsApp?

Neef: Google ist nicht drauf. WhatsApp schon. Aber ich habe denen ein paar Rechte entzogen. Ich will nicht, dass Facebook auf meine Kontakte zugreifen kann oder weiß, mit wem ich befreundet bin. Das kommt natürlich mit ein paar Nachteilen.

Sebastian Neefs “schwarzer Block”. Ein Android-Smartphone, dessen Google-Betriebssystem er durch ein Open-Source-System ersetzt hat.

Welchen denn?

Neef: Ich kann bei WhatsApp niemanden mehr direkt anschreiben. Ich muss jetzt also immer warten, bis ich angeschrieben werde. Dafür kann ich meine Daten behalten.

Frost: Hast Du generell was gegen Social Media?

Neef: Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich habe auch einen Twitter Account und bei Facebook bin ich auch. Aber unter einem anderen Namen. Diesen Netzwerkeffekten kann man sich ja nicht komplett entziehen. Auf Facebook poste ich aber nichts oder so. Vor allem wegen den Metadaten.

Was genau meinst Du mit Metadaten?

Neef: Facebook und Co sammeln ja nicht nur Daten über Inhalte, die ich poste. Sie studieren auch wie sich mein Netzwerk verhält. Wenn fünf meiner Facebook-Freunde etwas zu einem bestimmten Thema liken, dann könnte Facebook daraus schließen, dass ich mich ebenso für diesen Inhalt interessiere. Die Interessen unter Freunden sind ja oft sehr ähnlich. Es ist schwierig, diese Metadaten einzugrenzen. Man kann natürlich sein Telefon zu Hause lassen oder sich in einer Höhle verkriechen, aber das ist ja keine Lösung.

Vreni, sieht Du das ähnlich?

Frost: Ich geh da ganz anders ran. Ich nutze das Internet vor allem beruflich. Mir ist auch bewusst, dass die Inhalte auch dann noch da sind, wenn ich sie lösche. Ich mache meinen Blog jetzt seit neun Jahren. Am Anfang hat das spielerisch angefangen, mittlerweile ist das total professionalisiert. Ich beschäftige mittlerweile drei feste Mitarbeiter und habe einen Pool an Fotografen, Grafikern und anderen Spezialisten, auf die ich bei Bedarf zurückgreifen kann. Ohne Social Media wäre ich sicherlich nicht so erfolgreich. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich meine Privatsphäre aufgebe. Was man online sieht, ist ja nur ein Teil von mir. Damit verdiene ich Geld und alles was ich ins Netz stelle, kann gesehen werden. Ob das Fotos sind oder Posts. Ich habe vor niemandem etwas zu verbergen.

Neef: Oha! (Lacht)

Vreni Frost findet, sie hat vor niemandem etwas zu verbergen. Ein super “Trigger” für Sebastian Neef: Seiner Meinung nach hat jeder etwas zu verbergen.

Frost: Was meinst Du jetzt? (Lacht)

Neef: Das ist ein super Trigger, weil das eh immer alle Leute sagen: Ich habe nichts zu verbergen. Aber Menschen machen Fehler und dann landet doch auf einmal ein peinliches Foto von der letzten Party online.

Frost: Peinliche Partyfotos gibt es viele von mir. Die stelle ich aber nicht ins Netz. (Lacht)

Neef: Ja, weil du weißt, wie du mit deinen Daten umgehen musst. Es gibt aber Leute, die stellen wirklich alles ins Netz. Die private Telefonnummer oder Fotos der Kinder. Das Problem ist, dass die großen Plattformen diese Daten sammeln und wir nicht wissen, was mit diesen Daten passiert.

Was könnte denn passieren?

Neef: Zum Beispiel kann Facebook mit den Daten seiner Nutzer ein sehr genaues Profil erstellen. Was mag die Person, was nicht? Mit wem ist sie befreundet und wohin geht es in den Urlaub? Was gibt es für politische Einstellungen? Diese Datensammelwut fängt ja schon damit an, dass die Telefonanbieter wissen, wo und wann man unterwegs ist.

Wie aus einer “Black Mirror”-Folge: Die Daten, die wir jetzt so bereitwillig preisgeben, könnten von künftigen politischen Systemen missbraucht werden.

Wieso?

Neef: Dein Telefon wählt sich immer automatisch in die nächste Funkzelle ein. Dafür musst du noch nicht mal telefonieren. Daraus lässt sich ganz leicht ein Bewegungsprofil erstellen und natürlich auch ein persönliches Profil des Nutzers. Wie zukünftige politische Systeme diese ganzen Daten nutzen werden, können wir nicht wissen.

Frost: Ich sehe das nicht besonders kritisch, verstehe aber, warum viele Leute da Bedenken haben. Für mich bedeutet Technik vor allem erst mal Fortschritt. Deswegen habe ich vor etwa einem Jahr einen Tech-Blog gestartet.

Was ist das für ein Blog?

Frost: Mit “Tech and the City” richten wir uns an Frauen, die Bock auf Technik haben. Wir probieren aus und schauen, was einzelne Gadgets können und ob es sich lohnt, dafür Geld auszugeben. Für mich steht dabei immer der Service-Charakter im Vordergrund. Ich kann natürlich verstehen, dass Sebastian nicht möchte, dass Google alles über ihn weiß. Auf der anderen Seite ist Google auch ein sehr spannendes Unternehmen, das sehr viel in technische Innovationen investiert. Ich denke, man braucht einfach eine gewisse Medienkompetenz im Internet. Dann ist das schon okay.

Stichwort Medienkompetenz. Vreni, Du postest auf Deinem Instagram Account auch sehr private Bilder. Gibt es auch Dinge, die Du nicht online stellen würdest?

Frost: Alles was Freunde und Familie angeht ist raus. Vor ein paar Jahren hab ich mal ein Foto von meinem Neffen gepostet. Das würde ich jetzt nicht mehr machen. Das ist mir zu privat. Ich denke, man sollte generell auch keine Krankheitsgeschichten online stellen. Es gibt immer noch viele Arbeitgeber, die da sehr schwierig mit sind. Gerade wenn es um psychische oder chronische Krankheiten geht.

Neef: Ich denke, gerade für junge Menschen ist es wichtig zu wissen: Das Internet vergisst nie. Alle Daten, die wir preisgeben, alle Fotos, die wir posten, das alles bleibt bei den Unternehmen. Da braucht es schon ein gewisses Bewusstsein für. Andererseits kann ich die Begeisterung von Vreni für den technischen Fortschritt auch verstehen. Soziale Netzwerke und Suchmaschinen sind schon sehr praktisch. Ich nutze die ja selber auch. Allerdings ist vielen Menschen nicht bewusst, dass die eben nicht nur praktisch sind, sondern auch unsere Daten abgreifen.

Frost: Mir ist das bewusst und ich nutze die trotzdem. (Lacht) Seit einigen Tagen tracke ich auch noch meine Schritte. 10.000 pro Tag.

Für Dich wäre so ein Schrittzähler nichts, oder Sebastian?

Neef: Nee, außer ich programmiere mir da selber eine App. Wie gesagt: Das Internet vergisst nie. (Lacht)

Frost: Also, Sebastian, diese App will ich dann aber auch haben. (Lacht)


Vreni Frost betriebt ihren Blog „Neverever.me“ nun schon seit neun Jahren. Die 35-Jährige schreibt dort über Mode, Beauty, Travel und female Empowerment. Neben “Neverever.me” betreibt Frost den Tech-Blog “Tech and the City”, der sich vor allem an Frauen richtet. Neben ihren Blogs arbeitet Vreni Frost als freie Autorin, Moderatorin und Projektmanagerin.

Sebastian Neef betreibt seit 2012 das Projekt „Internetwache.org“. Das Ziel von Neef und Co: Vor allem Aufklärung und mehr Sicherheit im Internet. Wenn der 24-Jährige nicht gerade nach Sicherheitslücken sucht, studiert er Informatik in Berlin und beschäftigt sich mit digitaler Privatsphäre in Zeiten von Facebook und Co.

Fotos: Jacob Schickler

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