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Clicktivism – Wie wirksam ist der Like-Aktivismus?

Das Schicksal des von der Polizei gewaltsam ermordeten George Floyds löste eine Protestwelle aus, die über alle Ländergrenzen, Menschen bewegte. Schaut man sich den Aktivismus on- und offline genauer an, kommt bei einigen Demonstrierenden schnell die Frage auf: Sind so viele hier, um für BML zu demonstrieren oder für den Fotobeweis, dass sie dabei waren? 

Ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass wir uns immer schon gegen Ungerechtigkeit durch gesellschaftlich bewegende Proteste aufzulehnen wussten. Retrospektiv wird dabei ersichtlich, dass Krisenzeiten größere Menschengruppen wiederholt solidarisiert haben. Bereits vor und besonders während des zweiten Weltkriegs bildeten sich in ganz Deutschland Jugendgruppen, wie die “Edelweißpiraten” oder die “Meuten”, die den Beitritt der Hitlerjugend verweigerten und sich gegen das Hitler-Regime durch wiederkehrende Protestaktionen auflehnten. Parallel zu der Studentenbewegung in den USA und Westeuropa entstand auch in Deutschland 1960 das Verlangen, für die sexuelle Emanzipation der Gesellschaft von kapitalistischer Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung zu demonstrieren. Weiterführend wurden die 80er Jahre grundlegend durch die gewaltfreien Friedensdemonstrationen gegen die atomare Hochrüstung Westeuropas und der USA geprägt, denen jedes Mal hunderttausende von Menschen zur Unterstützung beiwohnten. 

Die Proteste der Organisation Black Lives Matter wurden weltweit von tausenden von Menschen durch Demonstrationen unterstützt. Foto: Thomas De Luze.

Die Pandemie als Auslöser eines kollektiven Gerechtigkeitsbewusstseins

Das neue Jahrzehnt stimmt nun einen unaufhaltsamen, gesellschaftlichen Wandel an. Besonders in den USA wird die Unmut gegen den amtierenden US-Präsidenten immer lauter. Der Mai begann mit Protesten in Washington, die sich gegen Trumps fehlerhafte Handhabung der Corona-Pandemie auflehnten, die bisher über 80.000 Menschen das Leben kostete. Doch das sollte erst der Anfang eines dringenden Wandlungsbedürfnisses werden. Seit Ende Mai wird nun auch in vielen US-Bundesstaaten gegen Polizeigewalt und Rassismus protestiert. Auslöser war der gewaltsame Tod George Floyds während eines Polizeieinsatzes im Bundesstaat Minnesota. Die Videoaufnahmen raste wie ein Lauffeuer um die Welt, getragen von einem kollektiven Solidaritätsgefühl, dessen Weg von der Pandemie geebnet wurde. Seitdem protestieren Millionen von Menschen weltweit gegen Rassismus und soziale Ungleichheit.

Clicktivism – Protestieren unter Mindestaufwand

Einen großen Beitrag zur schnellen Vervielfältigung des Videos und Organisation der Protestbewegung tragen soziale Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram. Diese werden nun seit mehreren Wochen als Informationsquelle und Orientierungsmöglichkeit für Demonstrierende genutzt. Förderlich dabei ist die Möglichkeit, gleich eine große Masse an Unwissenden mitzureißen und aufzuklären. Woran viele involvierte Menschen sich dabei negativ stoßen, ist die Annahme, dass eine politische Bewegung, die eine derart breite Menschenmasse erreicht, Gefahr läuft, zu einem Trend zu werden. Genauer gesagt scheuen sie dabei das Aufkommen von Slacktivism oder auch Clicktivism. Der englische Begriff slack bedeutet soviel wie lustlos und beschreibt das Online-Verhalten vieler Social-Media-User, vordergründig mit minimalem Aufwand zu zeigen, dass man an der Bewegung teilgenommen hat. 

Schaut man sich zur Zeit der Proteste die Beiträge des Black Lives Matter Hashtags auf Instagram an, findet man auch Bilder von attraktiv inszenierter Influencer auf Demonstrationen weltweit. So beispielsweise die russische Bloggerin Kris Schatzel, die mit ihrer aufgeflogenen, inszenierten Anteilnahme an einer BLM-Demonstration die Glaubwürdigkeit jener Influencer-Posts ins Wanken brachte:

Jeder erinnert sich bestimmt noch an die weltweite Ice-Bucket-Challenge von 2014, aber die wenigsten bringen sie wahrscheinlich mit ihrer eigentlichen Wirkungsidee in Verbindung: Auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam zu machen. Ein weiteres Beispiel, bei dem weltweit digitaler Clicktivism betrieben wurde. Zwar beteiligten und verbreiteten Millionen von Menschen den Hashtag und teilten die Videos, allerdings ohne auf die eigentliche Ursache einzugehen. Man überlege sich die Einnahmen der Organisation, welche die Challenge ins Leben rief, hätten die Teilnehmer die Ausgaben für all das Eis gespendet. 

Wie nachhaltig ist Clicktivism wirklich?

Zwei Studien aus dem selben Jahr untersuchten, in wie fern sich jene, die sich entschieden haben eine Bewegung online zu unterstützen, nachträglich tatsächlich weiter mit dieser beschäftigten oder sogar Geld gespendet haben. Die groß angelegte Facebook-Studie von Kevin Lewis, Kurt Gray und Jens Meierhenrich namens “The Structure of Online Activism” kamen zu dem traurigen Ergebnis, dass 99,7% der Teilnehmer, die durch ein “Like” die Unterstützung an einem Projekt bekundeten, es danach nicht weiter verfolgten. Den Grund dafür versuchten Kris Kristofferson, Katherine White und John Peloza durch die Studie “The Nature of Slacktivism“ herauszufinden. Bei dieser Studie wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine sollte ein Anliegen auf Facebook nach außen sichtbar unterstützen, die andere es in einer privaten Gruppe. Das Ergebnis: Die Teilnehmer der privaten Gruppe waren viel eher gewillt die Aktionen auch im Nachgang zu unterstützen. Die Schlussfolgerung war, dass ein öffentliches Bekunden als Genugtuung reicht und dadurch nicht weiter das Bedürfnis besteht, der Sache nach einem öffentlichen “Like” weiter nachzugehen. Somit wurde gesagt, dass Clicktivism kein nachhaltiger Aktivismus ist, sondern ein Mittel zum Zweck, in kurzer Zeit viele Menschen auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen. 

Einen großen Beitrag zur schnellen Vervielfältigung des Videos und der Organisation der Protestbewegung trugen soziale Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram. Foto: Austin Distel.

Dabei dürfen alle mitmischen. Freunde, Familie und Arbeitskollegen nehmen online Stellung. Plötzlich wird einem online inszenierter politischer Aktivismus als attraktiver und erstrebenswerter Lifestyle vermittelt. Zeigen, dass man dabei war wird wichtiger, als die Bewegung selbst, für die man online mit wenig Aufwand einzustehen vorgibt. 

Ist Clicktivism nun verwerflich? 

Die Unterstützung einer Bewegung, die bestimmte Lebensumstände von Menschen sichtbar machen soll, kann niemals verkehrt sein. Unter Betrachtung der beiden Studien ist zu erkennen, dass Clicktivism grundlegend weniger nachhaltig ist, es aber zur schnellen Bekanntmachung einer wohltätigen Aktion dient. Und je mehr Leute erreicht werden, desto mehr potentiel nachhaltige Unterstützer lassen sich finden.

Viel eher führt uns der aktuelle Diskurs vor Augen, wie wichtig nach wie vor eine gelungene digitale Inszenierung für Millionen von Menschen ist. Wie beispielsweise jenen Influencerinnen, die sich unreflektiert durch blackfacing solidarisch zeigen wollten und ihnen die Unterstützung der Angelegenheit somit eher schlecht als recht gelang. So negativ Clicktivism behaftet sein mag und so sehr man über den #blacklivesmatter Hashtag unter dem Foto seiner sonst unpolitischen Freundin auch schmunzelt. Wenn es auch nur einen Menschen dazu bewegt seine Verhaltensweisen zu überdenken, war auch das Aktivismus, der Samen gesät hat.

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