facebook-likehamburgerlupeoverview_iconoverviewplusslider-arrow-downslider-arrow-leftslider-arrow-righttwitter

„Das Geheimnis Skandinaviens” könnte uns alle retten

Tomas Björkman war früher Investmentbanker. Heute betreibt er ein Retreat für inneres Wachstum. Was nach modernem Eskapismus klingt, geht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Beweis für den Erfolg dieser Retreats ist Skandinaviens historische Entwicklung.

Am Rande des geordneten Chaos’ der TEDx Berlin 2018 verabreden wir uns mit Tomas Björkman, der am Abend einen Vortrag über das „Geheimnis Skandinaviens“ halten wird. Das Treffen ist im verglasten Presseraum arrangiert, sichtgeschützt durch schwere grüne Samtvorhänge. Der Raum ist L-förmig: Im einen Teil sind gemütliche Wohnmöbel vor einem an der Wand hängenden Fernseher platziert, im anderen stehen ein paar Stühle und einfache Tische. Wir setzen uns und beginnen über Björkmans bewegten Werdegang zu sprechen. Er holt weit aus.

Quantifizierte Welt, quantifiziertes Wissen

Schon als Schüler war Björkman von der Idee fasziniert, die verborgenen Strukturen seiner Umgebung anhand von Zahlen und Formeln zu erkunden. Deshalb studierte er Mathe und theoretische Physik, zunächst im schwedischen Uppsala, später in Sussex. „Doch das akademische Umfeld erschien mir recht langweilig”, erzählt er. Deshalb nahm er sich vor, die Welt von nun an nicht mehr nur zu beschreiben, sondern zu ändern. „Ich schlug das Angebot meiner Uni aus, einen Doktor zu machen und wurde Entrepreneur.”

Im anbrechenden Zeitalter überbordender digitaler Informationen wurden Daten zum Dreh- und Angelpunkt. Da wirkt mathematisches Verständnis mit etwas Geschäftssinn wie die Zauberformel, mit der Daten zu Gold verwandelt werden können: Noch vor seinem dreißigsten Lebensjahr baute Björkman sein erstes Unternehmen auf. Bis heute sind laut eigener Aussage 20 (!) weitere hinzugekommen.

Foto: Susan Yin

Vom Investmentbanker zum “Club of Rome“

Dazu gehörte auch die “Investment Banking Partners AB”, später wurde er Vorsitzender der Investmentbank EFG International. In dieser Zeit lernte Björkman viel über ökonomische und sozialpolitische Zusammenhänge. Doch als seine Tätigkeit bei EFG endete, sei er froh gewesen, sich nun wieder anderen Themen zuwenden zu können. Seit 2014 ist er Mitglied des “Club of Rome”, einer internationalen Expertenvereinigung, die sich für nachhaltiges Wirtschaften einsetzt.

Besondere Bekanntheit erreichte der Club durch die Veröffentlichung von „Die Grenzen des Wachstums” (1972). Das Buch sorgte damals weltweit für Schlagzeilen, weil dort angesehene Ökonomen mit dem neoliberalen Grundsatz aller wirtschaftlichen Bestrebungen brachen: dem Wachstum. Unter Berücksichtigung des immer noch anhaltend massiven Ressourcenverbrauchs sei spätestens 2100 Schluss – mit dem Wirtschafts- sowie dem Ökosystem.

Das Problem: Unsere Wirtschaft basiert auf Knappheit

Björkman stimmt überein mit den Thesen der berühmten Publikation. Er ist sich aber sicher, dass es so katastrophal nicht enden muss: „Die technologische Entwicklung ist ein Geschenk für die Menschheit. Wir müssen sie nur zu nutzen wissen.” Sie könne allen Menschen Wohlstand bringen. „Das Problem ist nur, dass unsere Wirtschaft auf Knappheit basiert: sowohl von Produkten, als auch von Arbeit. Die Technologie sorgt hingegen für Überfluss von beidem.” Wenn wir uns darauf nicht vorbereiten, würde unser jetziges System kollabieren und in der Folge die Ungleichheit zunehmen. „Wir müssen also einen Weg finden, die Arbeit und damit auch den Wohlstand besser zu verteilen.”

Ekskäret bedeutet so viel wie “dort, wo die Eichen wachsen”. Heute stehen dort aber vor allem Tannen. Foto: Jonas Jacobsson

Was wir indessen unsere Wirtschaft nennen, sei nichts anderes als Raubbau am eigenen Planeten: wir fördern Öl, wir roden Wälder, wir verschmutzen die Meere. Wir generieren Reichtum, indem wir nehmen, ohne etwas zurückzugeben. Momentan arbeite die Wirtschaft in einem Vakuum ohne Bezug zur Umwelt. „Was wir also tun müssen, ist, die externen Kosten mit einzuberechnen.” Ein ökonomisches Problem ökonomisch lösen? „Ja, wir müssen die richtigen Anreize setzen“, sagt er. Doch dafür brauche es ein gebildetes, aufgeklärtes Kollektiv. „Wenn wir das ganze System und den Markt ändern wollen, dann müssen wir an einem Strang ziehen.”

Voraussetzungen für sozialen Wandel

Und so schlägt Björkman den Bogen zu seinem Ansatz. Er hat einen Plan, wie er die Wirtschaft, und damit die Verteilungsfragen, eigentlich nicht weniger als die Zukunft der Menschheit, wieder ins Lot bringen will. Denn es gebe kein Patentrezept, keine einfache Lösung, außer der, bei den Menschen selbst anzusetzen, bei der Gesellschaft. Deshalb hat Björkman die Ekskäret Stiftung gegründet. Ziel ist, eine Welt zu schaffen, in der jeder befähigt wird, für sich, füreinander und letztlich für den ganzen Planeten nachhaltigen Wohlstand zu schaffen. Ein demokratischer Gedanke. „Ich glaube stark daran, dass persönliche Entwicklung eine Voraussetzung für sozialen Wandel ist”, hält er fest.

Es könnte auch ganz anders ausgehen. Seinen TEDx-Vortrag wird Björkman am Abend folgendermaßen einleiten: „Die Herausforderungen dieser Tage, verdeckte Algorithmen, Globalisierung, Migration, Brexit, Trump, sie sind Ausdruck einer zugrunde liegenden Meta-Krise. Es ist unser kollektives Unvermögen mit der zunehmenden Komplexität unserer Welt umzugehen.”

„Die Herausforderungen dieser Tage, verdeckte Algorithmen, Globalisierung, Migration, Brexit, Trump, sie sind Ausdruck einer zugrunde liegenden Meta-Krise. Es ist unser kollektives Unvermögen mit der zunehmenden Komplexität unserer Welt umzugehen.” Foto: Rob Walsh

Volkshochschulen im ursprünglichen Sinne

Denn wie reagieren wir Menschen auf große Ungewissheit, auf anhaltenden Wandel, mit dem wir nicht mehr mithalten können? Damals wie heute wenden wir uns denen zu, die versprechen, es gebe eine simple Lösung: autoritären Politikern, fundamentalistischen Predigern, esoterischen Heilsbringern.

Dabei gab es schon im 19. Jahrhundert Ansätze, um dem durch rapiden Wandel erzeugten kollektiven Gefühl der Ohnmacht und Verunsicherung zu begegnen. In sogenannten folkehøjskoler (Volkshochschulen) sollte die Entwicklung der eigenen Identität und Selbstbestimmung vorangetrieben werden. Ein im Grunde aufklärerisches Bestreben. Der einzelne sollte zu einem mündigen und selbstbewussten Bürger reifen. Damit werde Demokratie möglich, so der Gedanke.

Dichter und Denker

Es war Frederik Grundtvig, der im Jahre 1844 die erste folkehøjskole gründete. Daraufhin erlangte er internationale Bekanntheit. Dabei war Grundtvig alles andere, als ein unbeschriebenes Blatt, sondern vielseitiges Talent mit nachhaltiger Wirkmacht. Er war Dichter und Schriftsteller, Pfarrer mit großem theologischen Einfluss, weltfassender Historiker, aufklärerischer Philosoph, liberaler Politiker und revolutionärer Volkspädagoge.

Laut Björkman lässt sich die Idee der demokratiefördernden folkehøjskoler jedoch noch weiter zurückführen. Sie gehe auf große deutsche Dichter und Denker wie Schiller, Goethe und Herder zurück. Diese hätten damals etwas erkannt, das später aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt werden sollte. Nämlich, dass unser Handeln sich rational nicht vollends erklären ließe, sondern nur unter Einbeziehung des kulturellen Kontextes, als Teil eines komplexen organischen Systems.

TEDxBerlin 10 Years, 2018, Foto: Sebastian Gabsch

„Das Geheimnis Skandinaviens”

Dass diese Ideen auf deutschem Boden nicht umgesetzt wurden, lag an der gewaltsamen Niederschlagung aller demokratischen Bestrebungen während der Deutschen Revolution 1848/1849. Die nachfolgenden Entwicklungen mündeten schließlich in der Gründung des deutschen Kaiserreichs, welches Zentren der inneren Einkehr mit liberaler, aufklärerischer und demokratischer Prägung der Konspiration verdächtigt hätte. Dieser Gefahr wollte sich niemand aussetzen. In Dänemark und bald ganz Skandinavien aber trafen sie auf fruchtbaren Boden.

So gab es dort vor über 100 Jahren bereits mehr als 300 folkehøjskoler (Björkman nennt sie im Interview wie im Vortrag “retreat centers for inner growth“.). Sie wurden staatlich finanziert, aber unabhängig organisiert. Dadurch sollte einer politischen Vereinnahmung vorgebeugt werden. Bereits um 1900 war es in Dänemark, Schweden und Norwegen möglich, sich dort vier bis sechs Monate kostenfrei aufzuhalten. Teilnehmer erfuhren über neueste technologische Innovationen, lernten über die Geschichte des Landes und sich selbst darin einzuordnen, ihnen wurden sogar Grundlagen des politischen Aktivismus’ beigebracht. Björkman zufolge konnten sich skandinavische Länder nur so zu wirtschaftlich florierenden und demokratisch gefestigten Nationen entwickeln.

Das Opernhaus in Oslo – Zeugnis einer wirtschaftlich florierenden und demokratisch gefestigten Nation Skandinaviens. Foto: Vidar Nordli Mathisen

Emotional statt rational

Heute seien Rückzugsorte dieser Art trotz ihres Erfolges weitgehend verschwunden. Zwar gebe es noch immer folkehøjskoler, jedoch gehe es dort, so wie in deutschen Volkshochschulen, meist um Erwachsenenbildung. Björkman führt den Rückgang auch auf die Theorie der rationalen Entscheidung und das Modell des homo oeconomicus zurück. Dabei hätten „zahlreiche wissenschaftliche Studienergebnisse […] diese Theorien falsifiziert.” Neuere Erkenntnisse bezeugten dagegen, dass Goethe, Schiller und Herder recht hatten: Wir Menschen sind emotionale, soziale Wesen, eingebettet in die uns umgebende Kultur.

So führt Björkman die kleine Weltgeschichte wieder zu sich selbst zurück. Zu dem Punkt, an dem die Naturwissenschaften zur Beschreibung der Umwelt nicht ausreichen. „Ich habe diesen Prozess selbst durchgemacht, den des inneren Wachstums. Und dabei wuchs auch mein Interesse, die Verbindung zwischen gesellschaftlicher Transformation und sozialem Wandel zu ergründen. Deshalb habe ich vor zehn Jahren mein Bankgeschäft verkauft und die Ekskäret Stiftung gegründet.”

Wo die Eichen wachsen

Auf der kleinen schwedischen Insel Ekskäret (zu Deutsch: Wo die Eichen wachsen) versucht er, mit seinen Mitstreitern die alte Idee des innerlichen Wachsens wiederzubeleben. In zweiwöchigen Camps sollen Teilnehmer aller Altersklassen befähigt werden, ihren „inneren Kompass“ zu finden und „Autoren ihres eigenen Lebens“ zu werden. So werde gesellschaftlicher Wandel möglich.

Foto: Ekskäret Foundation

Akzeptanz und Änderungswille

Seinen TEDx Vortrag schließt Björkman mit einer Analogie: „Der Schlüssel zum Erfolg während der Industriellen Revolution war es, zu akzeptieren, dass wir die uns umgebende Welt ignoriert haben.” Erst diese Akzeptanz hätte die Entdeckung neuer Kontinente und die ersten Schritte auf dem Mond ermöglicht. „Die Revolution unserer Zeit aber ist, zu akzeptieren, dass wir unsere innere Welt ignorierten.” Wenn wir akzeptierten, dass wir nie fertig sind, sondern uns ständig weiterentwickeln, dann könnten wir eine neue soziale Ordnung schaffen. Sie würde uns, zusammen mit den technologischen Innovationen unserer Zeit, in eine Zukunft des persönlichen, kollektiven und ökologischen Wohlstands führen. Es scheint, als wäre sich Tomas Björkman da ganz sicher.

Mein Kommentar