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Foto: Markus Spiske

Foto: Markus Spiske

Das Geschäft mit der Apokalypse

Die Welt, wie wir sie kennen, steht still. Doch ist das nur der Anfang einer Krise mit ungeahnten Ausmaßen? Politiker*-, Wissenschaftler*- und Expert*innen versuchen zu beschwichtigen, doch das „Doomsday Business“ – das Geschäft mit dem Ende der Welt – floriert in Zeiten von Corona wie nie zuvor. Qiio hat sich einmal genauer angesehen, was dahinter steckt und ob wir dem Ende wirklich schon so nahe sind.

Jetzt drehen alle durch

Angst verbreitet sich schnell. Schneller als politische Instabilität, Bürgerkriege, nukleare Drohgebärden – oder eben ein Virus. Und wo einige bereits sozioökonomische Krisen am Horizont ausmachen, wittern andere das große Geschäft. Der Preis von Atemmasken und Desinfektionsmitteln ist in den letzten Wochen in beispiellose Höhen gestiegen. Doch nicht nur legale Produkte werden knapp: Angesichts der Schließung nationaler Grenzen wurde die Lieferkette vieler illegaler Drogen schlagartig unterbrochen, so die Financial Times. Illegal ist dabei auch so manch anderes Geschäft.

Der Preis von Atemmasken, Mundschutzmasken und Desinfektionsmitteln ist in den letzten Wochen in beispiellose Höhen gestiegen. Doch nicht nur legale Produkte werden knapp. Foto: Claudio Schwarz.

Die BBC berichtete, dass der Online-Versandhändler Amazon mehr als eine Million Produkte von seiner Plattform löschen musste, die angeblich vor dem Coronavirus schützen oder es sogar heilen sollen: von vermeintlich wissenschaftlichen Büchern über Virusinfektionen und Vitamin-C-Präparate bis hin zu unwirksamen Medikamenten.

Doch auch zahlreiche Großunternehmen ziehen Profit aus dem globalen Ausnahmezustand. Schätzungsweise mehr als 2,5 Milliarden Menschen sitzen derzeit zu Hause vor ihren Bildschirmen und verhelfen so Softwareunternehmen und Online-Diensten wie Zoom, Microsoft Teams und Netflix zu einem unerwarteten Boom.

Das Ende ist nah – doch das war es schon immer

Während nun jedoch so manche*r versucht, sich einen Jahresvorrat Toilettenpapier, Dosen-Ravioli sowie Kernseife im Keller zuzulegen und sich dafür sogar in Rangeleien an der Supermarktkasse begibt, können einige andere sich derzeit entspannt zurücklehnen. Denn „Prepper*innen“ – jene Menschen, die sich jederzeit auf ein mögliches Ende vorbereiten – haben die aktuelle Krise schon lange erwartet.

Das „Prepper-Mindset“ (vom englischen Wort „prepared“ – „vorbereitet sein“) entwächst einem unterschwelligen Gefühl permanenter gesellschaftlicher Instabilität. So fanatisch das klingen mag: Das Phänomen ist eine logische Folge der traumatischen Erfahrung zweier Weltkriege in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Seitdem lauert scheinbar die nächste – weitaus katastrophalere – Krise hinter so mancher gesellschaftlichen Spannung. Ob konkrete Ereignisse wie der Vietnamkrieg, Tschernobyl und die Finanzkrise 2007 oder irrationale Ängste vor einer Alieninvasion wie im Jahre 1938 in New York, der Zerstörung aller Computersysteme durch den Wechsel des Millenniums und dem Ende des Maya-Kalenders 2012: Alles bietet Grund genug, sich vorzubereiten. Eben diese Angst vor dem Ungewissen wird zum Geschäft – zum Multi-Millionen-Geschäft, um genau zu sein.

Von apokalyptischen Angeboten …

Von spezieller Camping-Ausstattung über einen Jahresvorrat an getrockneten Nahrungsmitteln bis hin zu Waffen und anderen Verteidigungsmitteln: Der Markt boomt angesichts der ersten globalen Pandemie seit 1918. Foto: John Cameron.

„Angst verkauft sich noch besser als Sex“, berichtet Professor John W. Hoopes, Professor für Anthropologie an der Universität von Kansas und Experte in Sachen „Prepper-Kultur“, in der New York Times. „Wenn man Leuten Angst macht, kann man ihnen alles Mögliche verkaufen.“

In den USA, dem „Heimatland“ der Prepper*innen, nimmt das zum Teil recht abstruse Formen an: Online-Stores wie „doomsdayprep.com“, „beprepared.com“ oder „unchartedsupplyco.com“ bieten die nötige Ausrüstung, um sogar einen Atomkrieg überleben zu können. Von spezieller Camping-Ausstattung über einen Jahresvorrat an getrockneten Nahrungsmitteln bis hin zu Waffen und anderen Verteidigungsmitteln. Der Markt boomt angesichts der ersten globalen Pandemie seit 1918.

„Ich sage mittlerweile schon scherzhaft, dass wir im Moment die Coronavirus-Hotline sind“, schreibt der Geschäftsführer von DoomsdayPrep im SLATE-Magazin. „Die Nachfrage ist komplett außer Kontrolle, viele Produkte sind bereits restlos ausverkauft. Doch die Leute stellen weiter Fragen und da lege ich natürlich nicht einfach den Hörer auf. Ich verstehe ja, dass das sehr reale Bedenken sind, die die Menschen umtreiben.“

In Zeiten irrationaler gesellschaftlicher Panik ist insbesondere der Anstieg der Waffenverkäufe besorgniserregend. Laut einer Datenbank der Associated Press erreichte die Anzahl der Massenschießereien in den Vereinigten Staaten im Jahr 2019 ein neues – trauriges – Hoch. Bei einer Vielzahl der 41 Schießereien handelte es sich um Familienstreitigkeiten: keine guten Voraussetzungen, wenn Millionen US-Amerikaner*innen dazu angehalten sind, die eigenen vier Wände so wenig wie möglich zu verlassen.

… bis hin zu exzessiven Untergangsvorbereitungen.

Der Bunker als neues Zuhause? Foto: Adrian Alva.

Andere findige Geschäftsleute gehen noch einen Schritt weiter und bringen die Vorbereitungen für schlechte Zeiten nicht nur ins Eigenheim, sondern machen das Eigenheim selbst zum Doomsday-Domizil. Die New York Times berichtete von Larry Hall, jenem Makler der Apokalypse, der Bunker auf alten Militärstationen in Wohnungen umwandelt.

Allerdings handelt es sich dabei nicht um enge Bunkerräume, wie man sie vielleicht kennt, sondern um luxuriöse Eigentumswohnungen inklusive Swimmingpool, Sauna und Kino – für ein angenehmes Leben in der Postapokalypse. Die Eigentumsbunker beginnen preislich bei etwas über eine Million US-Dollar. Als er um 2011 herum mit dem Verkauf der Bunker begann, so Hall, waren alle Einheiten innerhalb weniger Monate vergeben. Weitere US- und saudi-arabische Milliardär*innen standen bereits Schlange.

Und wer nun denkt, bei solch exzessivem „Prepping“ handle es sich um individuelle Übertreibungen: Die finnische Regierung hat nun bekannt gegeben, dass das Land angesichts der Coronakrise zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg die nationalen Sicherheitsvorräte anbrechen würde. Dazu zählen Schutzausrüstung, aber auch haltbare Nahrungsmittel und Maschinen für die Landwirtschaft.

Finnland hat sich damit sozusagen als Prepper unter den skandinavischen Staaten geoutet. Ist es etwa dieses vorsorgliche Mindset, das Finnland auf der Liste der glücklichsten Nationen der Welt zum ersten Platz verhilft? Ob exzessiv oder nicht, ausgiebige Krisenvorbereitungen nehmen somit alle möglichen Formen und Ausmaße an.

Not macht erfinderisch.

Wo ist jedoch die ethische Grenze, wenn Geschäfte mit menschlicher Angst gemacht werden? Denn gerade in Krisenzeiten wird Geld zur knappen Ressource. Geht nicht jede*r, welche*r Aspekte der Krise zum eigenen Profit nutzt, zu weit? So schwarz-weiß ist die Antwort nicht.

Ob nun rationale oder irrationale Beweggründe für die Käuferschaft im Vordergrund stehen, für so manche Kleinunternehmer*- und freischaffende Künstler*innen stellen „Krisenprodukte“ wie beispielsweise Schutzkleidung derzeit eine der wenigen Umsatzmöglichkeiten dar.

„Ich habe durch Corona meine beiden Jobs verloren, sowohl meine Tätigkeit für einen Club als auch für ein Fashion-Label“, berichtet Modedesignstudent Justin J. Van Meensel. „Ohne das zusätzliche Einkommen kann ich mir meinen Lebensunterhalt kaum leisten.“ Die Not machte den jungen Berliner erfinderisch: Jay eröffnete kurzerhand den Instagram-Account „JVM_Made“, um seinen Follower*innen eigens designte Schutzmasken mit wilden Prints zum Kauf anzubieten. Die enorme Nachfrage überraschte ihn dann doch.

Ob nun rationale oder irrationale Beweggründe für die Käuferschaft im Vordergrund stehen, für so manche Kleinunternehmer*- und freischaffende Künstler*innen stellen „Krisenprodukte“ wie beispielsweise Schutzkleidung derzeit eine der wenigen Umsatzmöglichkeiten dar. Foto: Kelly Sikkema.

„Zuerst ging es mir mit den Masken nur darum, mich selber zu schützen. Ich gehöre selbst zur Risikogruppe und wollte mich sicher fühlen, wenn ich einkaufen gehe – aber dabei eben auch gut aussehen! Als ich mitbekam, dass ein großer Bedarf an Masken besteht, kam mir die Idee, sie aus Stoffresten selber zu nähen. Da habe ich mir natürlich die Frage gestellt, ob es wirklich vertretbar ist, mich an dieser Situation zu bereichern“, berichtet Jay. „Deshalb biete ich die Masken zu einem vernünftigen Preis an – bei fünf bis fünfzehn Euro pro Stück werde ich nicht reich. Ich sorge hoffentlich dafür, dass Menschen sich ein klein wenig sicherer fühlen, und helfe gleichzeitig auch mir selber aus der Krise.“

Pfiffiges Geschäftsgespür oder perfides Kalkül?

Menschen wie Jay nutzen zwar Aspekte der Krise, um mit dieser Geld zu verdienen, doch sie sind getrieben durch legitime, existenzielle Gründe. Sie setzen auf ihr künstlerisches Talent und ihre individuellen Fähigkeiten, um nicht nur ihren eigenen Weg aus der Krise zu finden, sondern anderen darüber hinaus einen Service mit Mehrwert anzubieten, der über reines „Krisenprepping“ hinausgeht. Krise hin oder her – wer kann schon von sich behaupten, eine Atemmaske mit Schlangenhautprint zu besitzen?

Doch kann man eine vergleichbare Authentizität im Moment auch von Konzernen erwarten? Mehr denn je kommt es nun darauf an, dass wir als Käufer*innen den moralischen Kodex hinterfragen, der hinter Produkten und Dienstleistungen steht, für die wir unser Geld ausgeben.

Denn viele Menschen scheinen ihren moralischen Kompass in Krisenzeiten komplett zu verlieren. Deutschlandfunk berichtete von Kriminellen, die derzeit an Haustüren klopfen, um vermeintliche Coronatests durchzuführen – natürlich gegen Entgelt. So manch einer schüttelt nun wahrscheinlich den Kopf: „Wer fällt darauf denn schon rein?“ Stimmt, du vielleicht nicht; aber was würde deinen Großeltern passieren?

Lesson learned?

Regierungen sollten zukünftig Systeme und Strukturen langfristig fördern, die in globalen Krisen ausschlaggebend sind: ein gut aufgestelltes und zugängliches Gesundheitssystem, eine umfangreiche soziale Absicherung oder auch niedrige bürokratische Hürden, um im Notfall schnell reagieren zu können. Foto: Jonathan Cooper.

So sehr dieses „Untergangsbusiness“ unter „normalen“ Umständen dem absurden Hobby fanatischer Verschwörungstheoretiker*innen gleicht, so scheint es in Krisenzeiten wie der jetzigen auf einmal gar nicht mehr so unvernünftig, gewisse Vorkehrungen für schlechtere Tage zu treffen. Zwei Packungen Spaghetti und Tomaten aus der Dose mehr im Schrank: Das schadet nicht, wenn man dann doch in wochenlange Quarantäne muss.

Und in der Tat können wir uns vielleicht das eine oder andere von Prepper*innen abschauen, auch auf politischer Ebene – in angemessener Form, versteht sich. In Anbetracht der derzeitigen Situation lernen zahlreiche Staaten hoffentlich eine Lektion für die Zukunft. Regierungen sollten genau solche Systeme und Strukturen langfristig fördern, die in globalen Krisen einen ausschlaggebenden Faktor darstellen: ein gut aufgestelltes und zugängliches Gesundheitssystem, eine umfangreiche soziale Absicherung oder auch niedrige bürokratische Hürden, um im Notfall schnell reagieren zu können.

Denn angesichts all der Auswirkungen, die COVID-19 auf unser Miteinander innerhalb der Gesellschaft haben wird, zeigen die aktuellen Entwicklungen vor allem, wie schnell das, was wir als unantastbare Systemnormalität wahrnehmen, von einem kleinen Haufen Proteine und Nukleinsäuren komplett aus den Fugen geworfen werden kann. Insbesondere für den privilegierten globalen „Westen“ ist das eine Lektion in Demut – doch dies ist noch lange kein Grund zur Panik, sondern eher ein längst überfälliger Reality-Check.

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