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Foto: Annie Spratt.

Deep Nostalgia animiert Fotos verstorbener Ahnen – kostenlos aber nicht umsonst

MyHeritage macht mit Deep Nostalgia die Begegnung mit Verstorbenen möglich. Wir tauschen dabei allerdings ein nostalgische Erfahrung gegen unsere privaten Daten. Ein berechnender Marketing Stunt, der weltweit für Aufsehen sorgt.

Wenn ihr das Abbild eines verstorbenen Menschen zum Leben erwecken könntet, welches wäre es? Die Vorstellung, noch einmal Augenkontakt mit einem verstorbenen, geliebten Menschen haben zu können, ist fast genauso tief bewegend wie ungewöhnlich. 

MyHeritage, ein weltweit aktiver Service, der unbekannte Blutsverwandtschaften in unserer Vergangenheit aufspürt, gab letzte Woche die Veröffentlichung von Deep Nostalgia bekannt. Diese Funktion lässt die Gesichter in Familienfotos und Portraits zu neuem Leben erwecken. So können selbst Hinterbliebene, welche die verstorbene Verwandtschaft nie getroffen haben, eine realistische Darstellung davon erhalten, wie sich die Person einst bewegt hat und dabei ausgesehen haben könnte. All das wird möglich durch das Können der Deepfake-Technologie.

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Deepfakes: Fluch und Segen der Deep Learning Algorithmen

Die Deepfake-Technologie hat in letzter Zeit des öfteren für Schlagzeilen gesorgt, entweder durch gefälschte Nacktaufnahmen von prominenten Schauspielerinnen im Netz oder Politiker, deren Aufnahmen auf sozialen Medien zu falschen Statements ungeformt wurden. Sie sind die neueste Entwicklung im Bereich computergesteuerter Bildbearbeitung und entstehen durch künstliche Intelligenzen, die so programmiert werden, dass sie das Abbild einer Person in einer Videoaufnahme durch ein anderes Abbild ersetzt. Der Begriff stammt von der dahinter stehenden Technologie “Deep Learning”, eine weitere Form der KI. 

Verstorbene Verwandte durch Deepfake-Technologie zum Leben erwecken. Was einst Zukunftsmusik war, geht jetzt einfach per App. Foto: Cheryl Winn-Boujnida.

Deep-Learning-Algorithmen bringen sich selbst bei, wie sie Probleme lösen und können, wenn sie große Datenmengen erhalten, auch Gesichter in Videos und digitalen Inhalten austauschen, um realistisch aussehende Medien zu erstellen. Es gibt verschiedene Methoden zur Erstellung von Deepfakes, aber die gängigste basiert auf der Verwendung von neuronalen Netzwerken, die eine Face-Swapping-Technik verwenden. Obwohl die Möglichkeiten damit Unfug zu treiben und Persönlichkeitsrechte zu verletzen endlos sind, sehen wir am Beispiel von MyHeritage, wie es eben auch anders geht. Es ermöglicht uns, verstorbene Menschen über den Bildschirm neu zu erleben. Doch ist das wirklich ihr einziges Motiv? 

Unlauteres Marketing? Daten gegen unsere emotionale Verletzbarkeit

Der Black Mirror Reiz der neuen Deep Nostalgia Funktion hat dem Ganzen zu einem unaufhaltsamen Strom an Posts auf sozialen Netzwerken verholfen. Über 37 Millionen Bilder wurden in den wenigen Tagen bereits über Deep Nostalgia zum Leben erweckt. Ein Blinzeln, ein Lächeln, eine leichte Kopfdrehung. Die emotionale Reaktion der Hinterbliebenen überwältigte für einige Tage das Netz mit Erinnerungs-Post und Tränen überströmten Selfies.

Doch MyHeritage’s virales Marketing ist mit ihrer Vorgehensweise strategisch berechnend: Sie zielen auf unsere nostalgische Emotionalität ab, um sich Zugang zu unseren Daten zu verschaffen, die wiederum der Anwerbung neuer Nutzer für ihr eigentliches Business – den Verkauf von DNA-Tests – dienen soll. Es ist zwar kostenlos ein Foto mit der Deep Nostalgia auf der MyHeritage-Website zu animieren. Doch das Ergebnis bekommt man erst zu sehen, wenn man mindestens eine E-Mail mit jenen Fotos verschickt, die man animiert haben möchte. Und das erfordert natürlich unsere Zustimmung zu den AGBs und Datenschutzbestimmungen. Die Unterstellung, MyHeritage sei nur hinter den Daten hinterher, ist vielleicht etwas vermessen. Dennoch ist es wichtig, sich über die Marketingstrategie bei der Anwendung solcher Dienste bewusst zu sein um für sich selbst zu entscheiden, ob man eine persönlich bewegende Erfahrung gegen seine Emailadresse eintauschen möchte.

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