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Foto: Darius Bashar

Der Boom der Sinnfluencer – Das Geschäft mit der Achtsamkeit

Kann man mit Meditationsanleitungen und Achtsamkeits-Quotes auf Instagram Schaden anrichten? In den meisten Fällen nicht. Aber dennoch sollte man sich vor Social-Media-Scharlatanen in Acht nehmen. Denn davon hat die Social-Media Plattform einige auf Lager.

Wer von uns hat es nicht schon gesehen oder vielleicht sogar selber auf Instagram gepostet — einen Sonnenuntergang am Strand, bevorzugt südlich des Äquators, im Anschnitt noch die Andeutung einer meditativen Handhaltung, versehen mit einem Zitat eines*r Dichter*in auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. #mindfulness #mindfulliving

Mittlerweile finden wir auf Instagram mehr als 26,9 Millionen Beiträge mit dem Hashtag #mindfulness und abertausende mehr unter vergleichbaren Hashtags wie #minfulnesspractice #mindfulliving oder #mindful. Oft verbergen sich hinter diesen Beiträgen mehr oder weniger inspirierende Zitate, die mehr oder weniger mit der tatsächlichen Praxis der Achtsamkeit zu tun haben. Influencer, angehende Influencer und vermeintliche Experten teilen ihre akrobatisch anmutenden Yogaposen, Kale-Smoothies am Strand oder einfach das Selfie unter einer Palme. Wie „achtsam“ können diese Posts sein? Und geht es hier wirklich um das, was Wissenschaftler*innen, Therapeut*innen und Expert*innen unter dem zum Trend gewordenen Begriff verstehen?

Achtsamkeit kann vieles sein – ist heute aber vor allem eine Methode

Achtsamkeit ist eine Form der Konzentration, bei der man bewusst wahrnimmt, was im gegenwärtigen Moment ist, ohne zu urteilen. — Eine der vielen Definitionen, die man über Achtsamkeit nachlesen kann. Achtsamkeit bedeutet im Hier und Jetzt zu sein, körperlich, vor allem aber auch mental. Aber es bedeutet auch, die gegenwärtige Situation, sowie aufkommende Gefühlszustände anzuerkennen, ohne sie zu bewerten. Das ist für die meisten Menschen kein Normalzustand und erfordert Übung. Und die wohl bekannteste Achtsamkeitsübung ist die Meditation.

Achtsamkeit bedeutet im Hier und Jetzt zu sein, körperlich, vor allem aber auch mental. Foto: Aleks Marinkovic

Mittlerweile gibt es viele wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Achtsamkeit unser Wohlbefinden und langfristig unsere Lebensfreude steigern kann. Wir lernen dabei, weniger in unseren Gefühlen zu verharren und mehr im Moment zu leben. Achtsamkeit bringt uns von der Außenwelt nach innen, zu uns selbst.

Wie können wir nun diese nach innen gerichtete Praxis mit einer voll und ganz von der Außenwelt bestimmten und auf das Äußere bedachte Plattform wie Instagram vereinen? Müssen wir es überhaupt?

Geld verdienen mit neuen und alten Achtsamkeitstrends

Wo ein Trend ist, ist auch Geld, besser gesagt viel Geld. Zwischen 15 und 20 Milliarden Euro werden jährlich in der „Esoterik Branche“ umgesetzt. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass die vermeintlichen Sinnfluencer geradezu Schlange stehen, um die ein oder andere schnelle Mark zu machen. Die Social Media Plattformen machen es ihnen leicht. Hier wird nicht nach Ausbildungen, Kenntnisstand oder Zertifikaten gefragt. Expertise ergibt sich anhand der Follower-Zahl. Je mehr Follower, desto höher die Glaubwürdigkeit und der damit einhergehende Expertenstatus. Von Dauer oder Tiefe der Ausbildung, überhaupt eine nachweisbare Qualifikation, keine Spur.

Bestes Beispiel ist der Schauspieler, Aktivist, Influencer und seit neuestem Meditations-Experte Russel Brand. Auf seinem Instagram Kanal finden wir eine Reihe kurzer, knackiger Meditationen, die uns entsprechend der heutigen Zeit mehr Ruhe, mehr Leichtigkeit, mehr was auch immer versprechen.

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Doch Russel ist kein ausgebildeter Lehrer. Was er, Buddha sei Dank, auch hin und wieder anmerkt. Selbstbewusst gibt er die Meditation weiter, die er im besten Fall selber praktiziert. Ob er sich über mögliche negative Auswirkungen seiner mit seichten Heilversprechen versehenen Meditationen bewusst ist? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

8% der Menschen erleben Depressionen und Angstattacken aufgrund von Meditation

Trotzdem muss gesagt werden, dass Meditation und Mindfulness eben nicht für alle die Lösung sind und sogar unschöne Folgen haben können. Forscher der Coventry University haben durch das Analysieren von über 83 Studien festgestellt, dass 8% der Menschen, die Meditation oder Achtsamkeit praktizieren, sogar eine deutliche Verschlechterung von Depressionen und Angstzuständen erleben. Die Dunkelziffer könnte vermutlich deutlich höher liegen. Auch für Menschen, die bisher noch nie Depressionen oder Angstattacken erlebt haben, könnte Meditation solche Symptome zum allerersten Mal auslösen. Laut den Psychologen könnte der Grund für die Verschlimmerung ein Abwehrmechanismus des Gehirns sein, welches nicht zur Ruhe kommen will. Ein Laie, der also Meditations-Praktiken an jemanden weitergibt, der Traumata in seinem Leben erfahren hat, richtet also im Zweifel mehr Schaden an als Gutes, wenn er die Meditation eben nicht den Umständen entsprechend anpasst oder auf negative Reaktionen unvorbereitet ist.

Meditation und Mindfulness sind nicht für alle die Lösung und können sogar unschöne Folgen haben können, meinen Forscher der Coventry University. Foto: S. Migaj

Instagram – ein Paradies für Hochstapler

Social Media ist ein wunderbarer Ort, um sich inspirieren zu lassen oder Themen eine Reichweite zu geben, die sie tatsächlich auch verdienen. Social Media ist aber eben auch ein wunderbarer Ort für Hochstapler, Scharlatane und Ad-Experten, die schnell auf den Trend-Zug aufspringen, der am meisten Umsatz einzufahren scheint. Und das gilt nicht nur für den Bereich Spiritualität.

Die Masse an Informationen, die uns zur Verfügung steht, ist Fluch und Segen zugleich. Nicht jeder hat die Zeit für stundenlange Recherchen und zum Erkennen fundierter Informationen, denen wir vertrauen können. Und manchmal ist es eben auch so viel schöner, sich von einem lächelnden, Witze machenden Russel Brand eine Meditation erklären zu lassen, statt von einer eingestaubten Instituts-Website ohne Gesicht und Charakter (dafür aber mit jahrelanger Erfahrung und einer wirklichen Ausbildung).

Die Lösung – wie so oft im Leben – Eigenverantwortung übernehmen. Natürlich können wir uns von jedem Sinnfluencer dieser Welt zu mehr Achtsamkeit inspirieren lassen. Wir sollten aber auch achtsam mit uns und unseren Erwartungen umgehen und nicht jedes Heilversprechen, dem wir über den Weg scrollen für bare Münze nehmen. Wenn man merkt, dass genau solch ein Versprechen nach einem besseren Leben Sehnsüchte weckt, dann wird es Zeit zum Innehalten, das Telefon zur Seite legen, tief ein- und ausatmen und den Moment auf sich wirken lassen. Und gerne danach kopfüber in die Recherche eintauchen, um herauszufinden, von wem man Achtsamkeit jetzt eigentlich wirklich lernen kann und will, statt nur dem nächsten Sinnfluencer dazu zu verhelfen, seinen Kontostand aufzubessern.

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