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Der alte weiße Mann ist der Maßstab, wenn es um die verschiedenen Bereiche unserer Welt geht. Foto: Jim Reardan.

Der alte weiße Mann ist der Maßstab, wenn es um die verschiedenen Bereiche unserer Welt geht. Foto: Jim Reardan.

Der unsichtbare Mann in meinem Büro

Nicht nur unsere Sprache, unsere Kultur und Politik ist von der langen Alleinherrschaft des weißen Mannes geprägt, auch unsere Design- und Architekturgeschichte wurde lange ausschließlich von Männern für Männer geschrieben. Wie viel Gender steckt heute noch in unseren Büros?

Welche Stararchitekten fallen dir auf Anhieb ein? Frank Gehry, Norman Foster und David Chipperfield kommen mir direkt in den Sinn. Nach Stararchitekt*innen müsste ich hingegen erst mal googeln. Unsere Architekturgeschichte ist nämlich männlich (und weiß) geprägt. 2019 beträgt der Anteil der deutschen Architektinnen gerade mal 35 Prozent. Dieses Ungleichgewicht ist nicht nur im Städtebau, sondern auch in unseren Wohn- und Arbeitsräumen spürbar.

Geschlechterdominanzen prägen Räume

Obwohl Frauen etwa dreimal so viel Raum für Toiletten benötigen würden, bekommen sie nur so viel wie Männer auch. Foto: NeONBRAND.

„Da jeder Mensch von der eigenen Lebenswirklichkeit als generell gültigen Maßstab ausgeht, sind Architektur, Stadt- und Raumplanung überwiegend auf die Abdeckung männlicher Raumansprüche ausgelegt,“ beschreibt Silvia Kronberg, Hochschulprofessorin für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Salzburg, das Problem mit dem unsichtbaren Mann im Büro ziemlich treffend.

Laut einer McKinsey Studie arbeiten Frauen in offenen Räumen produktiver, Männer fühlen sich hingegen in segmentierten, abgeschlossenen Raumstrukturen wohler. Der Cubicle, der ab den 1960ern unsere Büroräume wie kein anderes Architekturkonzept prägte, sprach eine eindeutig männliche Designsprache. Statt Offenheit zelebrierte das Office der 1960er die Abgeschiedenheit in der eigenen Bürowabe. Damals arbeiteten noch kaum Frauen im Büro. Dass sich also das Design am Mann orientierte, ist aus heutiger Sicht zwar unverständlich, aber dennoch logisch.

Obwohl bis heute einiges passiert ist, gilt vielerorts noch das unsichtbare männliche Maß im Büro. Eine Studie zur Temperatur im Büro zeigt z. B., dass Frauen bei durchschnittlich 25 Grad Raumtemperatur optimal arbeiten, während Männer Temperaturen um die 22 Grad bevorzugen. Weil die Klimaanlagen in den Büros auf den männlichen Standard eingestellt sind, frieren viele Frauen im Sommer.

Auch der Toilettenraum erzählt uns etwas über fehlende Gleichberechtigung im Büro. Hier herrscht noch der männliche Maßstab, denn obwohl Frauen durchschnittlich dreimal mehr Zeit auf Toilette benötigen (u. a. aufgrund biologischer Faktoren, wie der deutlich kürzeren Harnröhre, Menstruation), wird ihnen, was den Toilettenraum im Büro angeht, der gleiche Platz wie den Männern zugeteilt. Theoretisch müsste der Toilettenraum für Frauen in Büros dreimal so groß sein, um Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen.

Inklusives Bürodesign – Gendersensitive Planung

Frauen mussten sich bisher immer nach männlichen Maßstäben richten – ist damit bald schluss? Foto: Man and woman in an unidentified office, Library of Congress, gemeinfrei.

Besserung ist zum Glück nicht nur in Sicht, sondern schon in der Praxis. Das Stichwort ist gendersensitive Planung. Ada Colau, Bürgermeisterin von Barcelona, berücksichtigt diesen Ansatz z. B. in ihrer Stadtplanung. Gemeinsam mit gendersensiblen Architekt*innen erarbeitet sie eine intersektionale Stadtplanung, in der sich alle Menschen wiederfinden. Gendersensitive Planung im Wohnraum kann zum Beispiel dafür sorgen, dass den Care-Tätigkeiten bei der Grundrissplanung eines Hauses ein größerer Stellenwert eingeräumt wird, diese Tätigkeiten dadurch erleichtert werden und auch für Männer zugänglicher werden. Dieser Ansatz leistet also einen konkreten Beitrag zum Abbau traditioneller Rollenmuster und Geschlechterstereotypen.

Wie Geschlechtergerechtigkeit im Bürodesign aussehen kann? Das Smart Office setzt auf vernetztes, agiles und intelligentes Arbeiten. Digitalanwendungen im Büro helfen den Mitarbeiter*innen, ihren Arbeitsalltag inklusiver, barrierearmer und effizienter zu gestalten. Dank digitaler Technik kann den diversen Lebensrealitäten von Männern, Frauen, Singles, Familien und Alleinerziehenden entgegengekommen werden. Sitz-Steh-Tische, die per App gesteuert auf die eigene individuelle Höhe gebracht werden können, berücksichtigen verschiedene Körpergrößen und -formen. Ortsunabhängiges Arbeiten und flexiblere Arbeitszeiten entkräften zusätzlich alte Machtstrukturen im Büro.

Vom männlichen zum genderfluiden Büro?

Dr. Kira Marrs, die zum Thema Gendergerechtigkeit in der Arbeitswelt 4.0 forscht, sagt im Interview mit Edition F, dass die Digitalisierung nicht nur unseren Büroraum neu ordnet. Auch bestehende Machtstrukturen im Team erfahren einen massiven Umbruch, denn die Anforderungen an Arbeitnehmer*innen ändern sich: Kollaboratives und vernetztes Arbeiten werde im digitalen Arbeitsalltag immer wichtiger. Gleichzeitig würden Produkte und Entwicklungsprozesse immer komplexer und Innovationszyklen kürzer, so Marrs. Kommunikation und der Austausch von Wissen werden in der neuen Arbeitswelt damit unentbehrlich. Soziale, kommunikative und integrative Fähigkeiten erhalten zukünftig also eine entscheidende Aufwertung. Unternehmen mit traditionellen Strukturen können den neuen Herausforderungen nur durch intersektionale, smart arbeitende Teams begegnen, die alte Machtstrukturen hinter sich lassen.

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