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Collage aus Fotos von: Jeremy Lapak und Linda Sondergaar

Collage aus Fotos von: Jeremy Lapak und Linda Sondergaar

Die Jogging-App als Whistleblower

Eine Jogging-App visualisiert die Rennstrecken von Nutzern – und macht damit auch die von Soldaten in geheimen Militärbasen sichtbar. Die Anekdote ist in Zeichen der Zeit über das zwanghaft gewordene Tracking-Verhalten durch Fitness-Apps. Eine Spurensuche.

Anfang Januar dieses Jahres kam es zu einem Datenreichtum der besonderen Art. Die Fitness-App Strava hatte bereits im November 2017 eine Datenvisualisierung aller verfügbaren Jogging-Routen ihrer User online gestellt, mit idyllischen Radstrecken und Schwimmplätzen. Das Ironische an der Aktion: Neben den Freizeitsportlern waren auch die Visualisierungen der Jogging-Routen von Soldaten auf geheimen Militärstationen schön in Farbe markiert. Ob US-Basen in Afghanistan, Djibouti und Syrien, die Area 51 oder auch britische Stationen auf den Falklandinseln – überall bot sich auf einmal eine genaue Verortung der eigentlich geheimen Stützpunkte. Dabei war das nicht automatisch eingestellt. Die User teilten ihre Lauf-Daten einfach per Ankreuzen mit allen. Schließlich rannten die Soldaten um das Gelände, um sich fit zu halten. Ähnlich verhielt es sich mit der Visualisierung des Activity Tracker Polar V800. Auch hier waren bis Anfang Juli Routen von Soldaten auf Basen, in Drohnen-Stationen und sogar auf Stützpunkten mit atomaren Waffen zu sehen, bis hin zu den Jogging-Gewohnheiten der Mitarbeiter von Nachrichtendiensten und Botschaften. Über deren typischen Wege ließ sich leicht die private Adresse herausfinden und in Verbindung mit dem Profil in der App die Klarnamen ermitteln.

Foto: Nasa

Jede Datensammlung kann ins Netz gelangen

Wo Daten gesammelt werden, gibt es immer auch ein Risiko – oft durch die Unachtsamkeit der User im Umgang mit ihrer Privatsphäre. Die Digitalisierung durchdringt eben alles. Es wäre der Fehler im App-System dieser umfassenden – wie freiwilligen – Konsumenten-Überwachung. Dabei war das System zur Selbstoptimierung der UserInnen angelegt. Eine Reaktion könnte nun sein, das System beziehungsweise die Infrastruktur mit ihren eigenen Mitteln nachzubauen, um unser heute fast zwanghaft gewordenes Tracking- und Tracing-Verhalten offenzulegen.

Genau das war einer der vielen Streiche der Aktivisten-Künstlergruppe !Mediengruppe Bitnik. Bekannt sind sie unter anderem durch ihren Random Darknet Shopper: Dieser autonom agierende Bot kaufte in illegalen Börsen im Darknet per Zufall ausgewählte Waren und ließ diese verschicken. Darunter waren Hacks, Pässe, E-Mail-Adressen und Drogen. Zum Thema Tracking hat ihre Kunst-Performance Delivery for Mr. Assange für Aufsehen gesorgt. Als Julian Assange festsaß, seit 2012 in der Ecuadorianischen Botschaft, und diese umstellt wurde, wollten Bitnik diesen Ausnahmezustand und die Problematik mit physischen Waren vor Augen führen. Carmen Weisskopf von der Künstlergruppe erklärt: „Als die britische Polizei die Botschaft umstellte, wurde daraus eine Kriegszone mitten in der Stadt.“ Bitnik verschickten daraufhin ein Päckchen mit einer Kamera an Assange, die an ein Smartphone angeschlossen alle 10 Sekunden ein Foto durch ein Loch in der Verpackung machte. Dieses wurde mit einem Tweet automatisch auf die Bitnik-Seite hochgeladen. So wurde die Reise des Pakets minutiös getrackt und User konnten den Frachtversand wie auch missglückte Zustellversuche mitverfolgen. Würde das Paket den Belagerungszustand und die Sicherheitsbehörden überwinden und zugestellt werden? Die diplomatische Krise um Assange wurde so einmal mehr vor Augen geführt.

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„Viele der Tracking-Apps wurden nie zu Ende gedacht” – und die User gehen dann auch noch unachtsam mit ihrer Privatsphäre um

Carmen Weisskopf kommentiert den Datenskandal der geheimen Militärbasen durch die Jogging-Apps: „Diese Apps sind genau ein Beispiel für das Problem mit Daten. Bei erhobenen Daten ist es sehr schwer, sie sicher und geheim zu halten. Daten tendieren dazu, öffentlich zu werden. Bei vielen dieser Apps ist es einfach so, dass sie nicht zu Ende gedacht sind. So werden die Umrisse eines Gebäudes sichtbar, wenn Jogger ihre Runden drehen.“ Das Problem geht aber noch viel tiefer, erklärt sie: „Diese Zweischneidigkeit ist in der Technologie immer drin. Werden Daten gesammelt, fallen oftmals mehr an, als man herausgeben möchte. Da ist hier wieder eine Verbindung zum Recht auf Vergessenwerden.“ Dieses Löschen personenbezogener Daten, die nicht mehr verwendet werden, ist heute in der DSGVO festgelegt.

Die Beute des Random Darknet Shopper Bots. Zufällig gekaufte und verschickte Ware aus illegalen Börsen. Foto: !Mediengruppe Bitnik

Gamification lädt eben zum Cheaten ein

Tracking-Apps sind wegen des Gamification-Effekts erfolgreich. Schließlich möchte jeder besser und schneller laufen als sein Nachbar. Der Nebeneffekt von diesem Leistungsdruck: Nutzer denken sich Möglichkeiten aus, wie sie die Apps hintergehen können, um besser dazustehen. Carmen Weisskopf berichtet: „In einem Londoner Schulprojekt gab es vor ein paar Jahren ein Experiment mit Fitness-Apps. Sie wollten Kinder zu mehr Bewegung animieren. Jeder Schüler bekam einen Tracker. Die Aufgabe war, eine bestimmte Zahl an Schritten wöchentlich zu gehen. Ein geh-fauler Schüler und weitere kamen auf die Idee, ihren Haustieren die Tracker umzuschnallen, damit dieses ihre Schritte übernehmen. Das hat super funktioniert. Aber bei der Datenauswertung wurde die Abweichung ersichtlich, weil sich eine Katze in der Stadt anders bewegt als ein Kind.” Ein Experiment, das auch bei einigen ‘normalen’ User im Alltag ähnlich ausging: Sie haben sich mit diversen Haustieren wie Werkzeugen beholfen, um in den Ranglisten der Fitness-Apps weiter oben zu stehen. Das Ganze hat aber noch eine andere Komponente, nämlich die der Privatsphäre. Carmen sagt: „Die Missachtung der Kinder ist auch eine Art des zivilen Ungehorsams, der vollkommen legitim ist. Schließlich kann man neben der Entfernung alle Wege nachverfolgen und wer sich mit wem in der Freizeit getroffen hat – und das geht niemanden etwas an.“

Just In Time Tracking – für Personen wie Waren

Übergeordnet ist diese Nachvollziehbarkeit der Wege, das Tracking und Tracing von Personen, lange schon in der Warenwelt angekommen. Carmen erklärt: „Das Thema kommt auch in der Logistik immer mehr auf, Stichwort Just In Time Tracking. Damit ist nachvollziehbar, wo auf der Welt sich die Ware gerade befindet. Das hat auch einen Reiz für den Konsumenten, wenn er sich etwas bei Amazon bestellt und den Sendeverlauf verfolgen kann.“ Das Thema wird Bitnik dann als Projekt für das Werkleitz Festival 2018 im Oktober umsetzen. Denn mit dem Motto „Holen und Bringen“ nimmt sich das Event zeitgemäß vor, die Logistik künstlerisch darzustellen.

Die nächste Austellung der Künstlergruppe findet beim Werkleitz-Festival im Oktober statt, dass sich mit dem Thema Logistik auseinandersetzt. Foto: !Mediengruppe Bitnik

Haben User aus dem Tracking-Skandal mit den Soldaten etwas gelernt? Haben sie verstanden, dass sie durch diese Funktionen wie ein DHL-Paket nachverfolgbar sind? Offensichtlich nicht, denn als fröhliche Konsumenten wollen viele einfache und reibungslose Services – um jeden Preis. Die Zweischneidigkeit ist, dass sie sich dabei daran gewöhnen und die Nachvollziehbarkeit der Ware wie auch die der eigenen Location per App selbstverständlich wird.

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