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Foto: Ava Pivot

Die Zeichen standen noch nie so gut wie jetzt – Tyron Ricketts über die Zukunft des deutschen Films

Große Streaming-Anbieter schaffen in Hinblick auf Diversität und Inklusivität endlich neue Maßstäbe. Spätestens jetzt müssen sich aber auch das deutsche Fernsehen und der deutsche Film ranhalten, die noch einiges nachzuholen haben. Eine Aussicht auf die Zukunft mit Regisseur und Produzent Tyron Ricketts, der selbst alternative Blickwinkel in die Medienlandschaft bringt.

Wenn man sich den bisherigen Weg des deutschen Fernsehens und Films anschaut, wurden lange nur die Perspektiven einer weißen Mehrheitsgesellschaft beleuchtet. Andere Realitäten fanden kaum statt oder waren stereotyp konstruiert. Aber da sind wir nun, mitten im Umbruch, der in den nächsten Jahren einen Richtungswechsel bringen könnte. Die kreative Medienlandschaft ändert sich auch in Deutschland, wenn auch langsam, weil sie will und muss.

Einer, der schon lange aktiv daran arbeitet, ist Tyron Ricketts, Schauspieler, Musiker, Moderator, Regisseur und Inhaber einer eigenen Produktionsfirma namens Panthertainment. Diese produziert Geschichten mit Fokus auf BiPoC, welche Diversität als Normalität zeigen. Im Gespräch mit ihm geht es darum, wie die Aufarbeitung der Vergangenheit Fortschritt bringen kann, welchen persönlichen Meilenstein er gerade erlebt und inwiefern es ein Miteinander braucht, um weiter voranzukommen.

Herr Ricketts, eine große Frage gleich zu Beginn: Wie stellen Sie sich die Zukunft des deutschen Fernsehens und Films vor?

Die Utopie ist die Realität. Ich stelle mir das deutsche Fernsehen und den deutschen Film so vor, wie Deutschland tatsächlich aussieht. Ungefähr 25 Prozent aller Deutschen haben den sogenannten Migrationshintergrund*. Die Zahl ist etwas irreführend, weil auch Personen, die hier in zweiter Generation leben, einen deutschen Pass und vielleicht Rassismuserfahrungen haben, da nicht mitgezählt werden. Die tatsächliche Zahl der Menschen, die nicht weiß-deutsch im klassischen Sinne sind, ist noch größer. Die wünsche ich mir mehr abgebildet in der Zukunft.

*Anmerkung der Redaktion: 2019 hatten 26 Prozent der Einwohner*innen in Deutschland einen Migrationshintergrund, davon warum wiederum 52,4 Prozent Deutsche und 47,6 Prozent Ausländer*innen.

Ich wünsche mir außerdem verschiedene sexuelle Orientierungen anders abgebildet, ich wünsche mir Menschen mit Behinderungen gezeigt. Ich wünsche mir, dass im Fernsehen, wofür alle in der Bevölkerung den Rundfunkbeitrag zahlen, einfach alle Elemente unserer Gesellschaft ganz selbstverständlich so abgebildet werden, wie sie in Wirklichkeit vorzufinden sind.

Tyron Ricketts stellt sich das deutsche Fernsehen und den deutschen Film so vor, wie Deutschland tatsächlich aussieht: divers. Foto: Ava Pivot.

Um dahin zukommen, müssen wir unter anderem weg vom White Gaze, bei dem Weißsein der Standard ist. Ich vermute, dass manchen Menschen gar nicht bewusst ist, welchen Einfluss er auf Lebensrealitäten und auf die Gesellschaft hat. Können Sie die Problematik dahinter näher erläutern?

Ich nenne das gerne die eurozentrische Sichtweise auf die Welt, die ja schon lange vor dem Fernsehen anfing. Das Ganze fing an, als Europa losgezogen ist, um die Welt zu erobern. Der damalige technologische Fortschritt wurde dazu genutzt, um andere Kontinente zu „entdecken” und unterwerfen. Um diese wirtschaftliche Entscheidung in der eigenen Bevölkerung moralisch zu rechtfertigen, musste eine Erzählung erfunden werden, die das nicht allzu unmenschlich erscheinen ließ. Und diese Erzählung war, dass weiße Menschen mehr wert sind als alle anderen und dass es Abstufungen gibt. In der Erzählung sind weiße Menschen das Subjekt und alle anderen zum Objekt geworden.

Ich stelle gerne die Frage, wann Kolumbus Amerika entdeckt hat, aber die eigentliche Frage ist: Wie kann man einen Kontinent entdecken, wo schon Menschen gelebt haben? Das zeigt die eurozentrische Sichtweise, die für uns ganz selbstverständlich ist und die wir auch in der Schule gelernt haben. Geschichten wurden immer wieder wiederholt und plötzlich wurde diese Sichtweise zur Normalität. Jetzt sind wir aber in einer Zeit, in der die Welt mehr zusammenrückt und sich die Kommunikation verändert. Diese alte Erzählweise reicht nicht mehr aus und stößt an ihre Grenzen. Wir sind an dem Punkt, an dem wir eine neue Erzählung für Deutschland, aber auch für die Welt brauchen.

Stichwort Kommunikation: Welche Rolle spielt sie und wird sie noch weiter spielen, wenn es um eine positive Veränderung in Sachen Diversität und Inklusivität geht?

Die Veränderung, die gerade stattfindet, hat meines Erachtens damit zu tun, dass die Technologie in unserer Welt dafür sorgt, dass wir anders miteinander kommunizieren müssen. Der Historiker Yuval Noah Harari sagt zum Beispiel, dass die signifikanten Veränderungen in der Menschheitsgeschichte nicht passiert sind, weil der Mensch schlauer geworden ist, sondern weil sie vielmehr mit großen Erfindungen einhergingen, sei es in der Landwirtschaft, der Industrialisierung oder bei der der Erfindung des Rads. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem Digitalisierung die Welt enorm verändert.

Wir haben jederzeit die Möglichkeit, im Netzwerk zu kommunizieren, in dem plötzlich auch Menschen eine Stimme haben, die es vorher nicht hatten. Jede Person, die ein Handy hat, wird zum Sender. Die „Wahrheit”, die jetzt durchs Netz geht, setzt sich aus einem Chor verschiedener Stimmen zusammen. Es gibt keine singuläre, tonangebende „Wahrheit”, sondern eine komplexere. Es gibt andere Anforderungen an das Narrativ, weil du mit einem Narrativ nicht mehr alle glücklich machen kannst. Das alte Narrativ bricht zusammen. Wir brauchen ein neues, das eben diverser ist, mit dem sich alle angesprochen und abgeholt fühlen.

Das sind die Zeichen der Zeit, die sich meiner Meinung nach nicht wieder zurückdrehen lassen. Hinzu kommt noch der demographische Wandel. Wenn man als Unternehmen global agiert, kann man nicht mehr wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn das Narrativ am Großteil der Bevölkerung vorbei erzählt. Das ging früher, das geht jetzt nicht mehr.

Welche Rolle spielt hierbei eigentlich der wirtschaftliche Faktor? Wird es mit der Diversität vor und hinter der Kamera in den nächsten Jahren weiter vorangehen, weil man auch finanzielle Chancen sieht?

Das ergibt sich aus dem, was ich gerade gesagt habe. Für ein Unternehmen, das die ganze Welt als Markt sieht, ist es eine wirtschaftliche Entscheidung, Geschichten zu erzählen, die die ganze Welt interessieren. Dass es humanitär und politisch gesehen das Richtige ist, wissen wir. Allein das Grundgesetz sagt das. Aber es gibt eben andere Zwänge und die wirtschaftlichen Zwänge sind ein großer Motor für Veränderung und Nichtveränderung. Dadurch, dass sich der Markt jetzt verändert, werden die wirtschaftlichen Zwänge spürbar. Unternehmen wie Netflix und Disney+ machen vor, wie man es richtig macht. Dadurch verändert sich eine Sehgewohnheit, weswegen die normalen Fernsehsender nachziehen müssen.

Sie sind ja Gründer der Produktionsfirma Panthertainment, die Film- und Serieninhalte mit dem Fokus auf BiPoC-Geschichten schafft. Wo geht die Reise mit dem Unternehmen hin?

Wir produzieren jetzt erst einmal eine Serie für Disney+. Das erste deutsche Original. Da geht es um die wahre Geschichte vom ersten schwarzen Polizisten in Ostdeutschland. Wir produzieren seit Februar 2021 und fangen im Oktober 2021 an zu drehen.

Wie sind Sie denn auf diese Geschichte gekommen?

Ich war früher in der Rapgruppe „Brothers Keepers“, mit der wir eine Schultour durch Ostdeutschland gemacht haben. Davor haben wir Morddrohungen von Rechten bekommen und brauchten Security. Einer der Security-Angestellten war Sam Meffire, um den sich die Serie dreht. Mir war damals klar, dass seine Geschichte auf die Leinwand muss. Aber zum damaligen Zeitpunkt war es undenkbar, einen deutschen Film mit einem schwarzen Hauptdarsteller zu machen. Das wäre nie finanziert worden. Wir haben es 2007 versucht, aber keinen Auftraggeber gefunden. Umso schöner ist es, dass wir jetzt einen so großen Auftraggeber haben, der Lust hat, das richtig gut zu machen.

Als Tyron Ricketts vor dreißig Jahren ins Filmgeschäft einstieg, war es undenkbar, einen deutschen Film mit einem schwarzen Hauptdarsteller zu machen. Heute ist Ricketts Gründer der Produktionsfirma Panthertainment, die Film- und Serieninhalte mit dem Fokus auf BiPoC-Geschichten schafft. Foto: Ava Pivot.

Wenn man die komplette Branche betrachtet: Gibt es etwas, das Sie sich speziell von weißen Menschen wünschen, wenn es darum geht, Diversität zu normalisieren?

Es ist schwierig. Vielen, die ihr Leben lang privilegiert waren, erscheint Gleichberechtigung als Ungerechtigkeit. Dann spielt mit, dass man Rassismus lange mit der NS-Zeit gleichgesetzt hat, was direkt zu einem Abwehrmechanismus führt. Immer wenn sich etwas verändert, geht das mit Reibung einher. Ein Tipp? Vielleicht zuhören, vielleicht versuchen auszuhalten, auch wenn es unangenehm ist, sich etwas vor Augen zu halten. Zu erkennen, dass es nicht nur ein Problem von „Betroffenen”, sondern von unserer gesamten Gesellschaft ist. Und dieses Problem können wir nur gemeinsam lösen – mit Menschen, die in der Vergangenheit diskriminiert wurden, aber auch mit denen, die bisher in der diskriminierenden Rolle waren. Wenn man sich das vor Augen führt, entspannt das die Situation ein bisschen.

Diese Thematik wird ja immer präsenter, auch in Medien und auf Social Media, wo es viel Aufklärung dazu gibt. Trotzdem kommt es immer wieder zu Situationen, in denen schon wieder nur weiße Menschen über Rassismus in einer Talkshow diskutieren oder vergessen wird, dass sich BiPoC auch zu anderen Themen als Expert*innen äußern können als zu Rassismus…

Wie gesagt, wir haben es mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun, deswegen ist es ein gesamtgesellschaftliches Problem. Darum macht es nur Sinn, wenn man gemeinsam darüber diskutiert. Deswegen ist es Quatsch, über Rassismus zu sprechen, wenn keine Betroffenen dabei sind.

Dass schwarze Menschen dann aber nicht zu anderen Themen eingeladen werden, ist vielleicht ein bisschen dem geschuldet, dass man sich in Deutschland erst jetzt damit beschäftigt. Davor wurde man als Nicht-Weiße*r nicht als Teil der Gesellschaft gesehen, also wurde man folglich nicht zu anderen Themen eingeladen. Also ist der erste Schritt: Wir müssen erkennen, dass Deutschland mittlerweile anders aussieht, bunter aussieht, dass man deutsch sein kann, wenn man nicht weiß ist. Wenn man das versteht, werden BiPoCs auch zu anderen Themen eingeladen werden.

Repräsentation ist enorm wichtig, vor und hinter der Kamera. Die Art der Rollen, die BPoC bekommen, ist wichtig. Wie kann man Diversität und Inklusion im TV und Film außerdem weiter vorantreiben?

Es muss mit Bildung zu rassismuskritischem Denken anfangen, man muss die Situation verstehen. Dann ist der nächste Schritt für mich, dass wirklich alle Positionen divers besetzt werden. So wie unsere Welt auch aussieht. Angefangen beim Drehbuch bis hin zur Produktion, Maske, Make-up, Beleuchter, Schnitt, Regie. Wenn man da bunt ist, wird auch die Geschichte besser. Einen anderen Weg wird es nicht geben.

“Es gab noch nie eine Zeit, in der die Zeichen so gut standen, wie gerade im Moment.” Foto: Ava Pivot

Ich habe ja ganz am Anfang gefragt, wie Sie sich die Zukunft des Fernsehens und Films vorstellen. Was braucht es noch konkret, um diese Realität on- und offscreen zu erreichen?

Es kommen oft diese Widerstände auf, die meistens auch gar nicht böse gemeint sind. Man hat es halt so gelernt, man wurde so sozialisiert oder man merkt es nicht, weil man nicht sensibel genug ist. Weil aber so viele blinde Flecken, Unsicherheiten und Ängste da sind, ist der einzige Weg, gewisse Quoten einzuführen. In der idealen Welt bräuchte man das nicht, weil wir so “woke” und uns allem bewusst wären. Aber weil wir nicht darin leben, glaube ich, dass wir momentan Quoten als Stütze brauchen. Um zu sehen, an welchen Stellen man weit am Ziel vorbei ist. Wenn man das Zielbild vorher nicht definiert, ist es viel schwieriger als eingespielte Strukturen nur aus dem Bewusstsein heraus zu verändern.

Bleiben Sie hoffnungsvoll gestimmt, was die Zukunft des deutschen Fernsehens und Films angeht?

1994 habe ich meinen ersten Film gedreht – ich mache das Ganze also schon fast 30 Jahre. Es gab noch nie eine Zeit, in der die Zeichen so gut standen, wie gerade im Moment. Darum ist es emotional eine schöne Zeit für mich. Auch anstrengend, weil viele Möglichkeiten da sind. Man muss plötzlich aus einer Rebellensituation in eine Machtposition switchen. Das ist eine Transformation, die nicht ganz einfach ist. Über etwas zu meckern ist einfacher, als es selber besser zu machen. Aber ich habe keine Angst davor und viele andere auch nicht. Darum sehe ich das gerade sehr positiv.

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