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Bild: Antoine Julien

Dieser Nachtclub will Energie aus der Körperwärme der Tänzer produzieren

Jeder Schritt, den wir tätigen, ist Energie. Obwohl wir wandelnde Energieproduzenten sind, ist menschlich erzeugte Energie eine der am wenigsten genutzten Energiequellen. Könnte ausgerechnet unsere Körperwärme dabei helfen, klimaneutral zu werden?

Stell dir vor, du läufst an einem Sommerabend durch die Fußgängerzone und die Straßenbeleuchtung geht an, nicht, weil sie einen eingebauten Bewegungssensor hat, sondern weil du und die anderen Fußgänger mit euren Schritten genug Energie produziert, um die Straßenlaternen mit Strom zu versorgen.

Menschlich erzeugte Energie wird bisher kaum genutzt. Dabei ist der menschliche Körper selbst ein Heizkörper: Sogar im Ruhezustand gibt er etwa 80 Watt Wärme an seine Umgebung ab. Der Mensch als Stromerzeuger – was im Filmklassiker Matrix die Hintergrundgeschichte für eine post-apokalyptische Dystopie bildet, könnte bald zur Klima-Utopie werden.

Ein Glasgower Club macht es nun im Rahmen der UN-Klimakonferenz COP26 vor. Im Nachtclub SWG3 wird die Körperwärme der tanzwütigen Clubgäste in Energie umgewandelt werden, die das ganze Gebäude beheizen und kühlen soll.

Bodyheat – aus Körperwärme wird Energie

Das Bodyheat System wird im November bei der Bodyheat Launch Party eingeweiht. Es ist das bisher erste System Schottlands, das geothermische Energie mit Körperwärme kombiniert. Für genügend überschüssige Körperwärme auf dem Dancefloor wird Djane und Aktivistin Honey Dijon sorgen. Die Initiative ist Teil der UN-Klimakonferenz, die am 31. Oktober in Glasgow beginnt. Das Ziel des Clubs ist es, als Teil der Klimakonferenz weitestgehend klimaneutral zu werden. 

Für das Bodyheat Projekt hat das SWG3 mit einer schottischen Unternehmensberatung zusammengearbeitet, die auf geothermische Energie, also Energie, die als Wärme unterhalb der Erdoberfläche gespeichert wird, spezialisiert ist.

Laut der Website des Clubs wird das Bodyheat System die gestaute Körperwärme der Clubbesucher*innen über Wärmepumpen in 150 Meter tiefe Bohrlöcher unterhalb des Clubs leiten, wo sie gelagert und in Wärme oder Kälte umgewandelt werden kann. Die Bohrlöcher fungieren dabei sozusagen als Batterien, die die Energie bis zu mehreren Monaten speichern können. Der Nachtclub schätzt, dass mit dem System jährlich bis zu 70 Tonnen CO₂ eingespart werden können. Zum Vergleich: Der CO₂-Fußabdruck eines Deutschen liegt bei ca. 12,5 Tonnen CO₂ im Jahr.

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Ob geothermische Energie ein Modell für alle Nachtclubs werden könnte, ist schwer zu sagen, da geothermische Energie nicht überall gleich „leicht” gewonnen werden kann. Ob sich das kostspielige Verfahren lohnt, hängt auch damit zusammen, wie tief in die Erde gebohrt werden muss und ob ein Gebäude groß genug ist und Kellerzugang hat. 

Das Besondere am Bodyheat System ist die Mischung aus geothermischer Energie und der Abwärme von menschlicher Körperwärme. „Das ist eine wirklich einzigartige Lösung”, sagt der Manager des Clubs, Andrew Fleming-Brown. Er ist überzeugt, dass Körperwärme in Zukunft eine größere Rolle bei erneuerbaren Energien spielen wird und plant, das Bodyheat System auch in andere Nachtclubs zu bringen. „Wir prüfen zurzeit, wie andere Veranstaltungsorte das Bodyheat System nutzen könnten. Schließlich müssen wir uns alle mit erneuerbaren Energien auseinandersetzen”, sagt er.

In Deutschland trägt Geothermie laut Umweltbundesamt trotz Wachstum weniger als 0,1 Prozent zu erneuerbarer Stromerzeugung bei. Länder wie Island, die über eine große Anzahl an aktiven Vulkanen verfügen und deshalb nicht so tief bohren müssen, um an die Erdwärme zu gelangen, gewinnen mit 27% bereits einen Großteil ihrer Energie aus Erdwärme.

Länder wie Island, die noch viele aktive Vulkane haben und deshalb nicht so tief bohren müssen, um an die Erdwärme zu gelangen, gewinnen mit 27% bereits einen Großteil ihrer Energie aus Erdwärme. Bild: Matt Palmer

Menschen als Energieproduzenten in Eco-Gyms

Körperenergie zu nutzen, die wir sozusagen „umsonst“ produzieren, ist zwar keine neue Idee, doch sie erfährt durch die Klimakrise immer mehr Zuspruch. In Zukunft könnten bisher ignorierte Energiequellen stärker in unseren Alltag eingebaut werden, sodass wir nur die Energie nutzen, die wir auch produzieren.

Ein klassisches Beispiel dafür ist das Fitnessstudio; ein Ort, an dem hunderte von Menschen täglich Unmengen an ungenutzter Energie verschwitzen.

Eco-Gyms, die die produzierte Energie der Besucher*innen in Strom umwandeln und damit das ganze Fitnessstudio klimaneutral mit Energie versorgen, könnten bald großflächig Realität werden. Bereits 2008 gründete der amerikanische Unternehmer Adam Boesel in Portland das erste Eco-Gym Amerikas, The Green Microgym. Boesel designte dafür ein eigens für das Fitnessstudio zum Generator umgerüstetes Spinning-Bike, das die durchs Radeln produzierte Energie in Strom umwandelt und speichert. 

Der Ansporn, sich zu betätigen, wird für die Sportler*innen durch die selbst produzierte Energie sogar noch vergrößert, da die produzierte Energie direkt genutzt wird. Gleichzeitig wird weniger Energie verschwendet, da keine Energie produziert wird, wenn die Fitnessgeräte nicht genutzt werden. Der CO₂-Fußabdruck des Green Microgyms beträgt ungefähr ein Zehntel eines traditionellen Fitnessstudio. Würden also alle über 200.000 Fitnessstudios auf der Welt auf das Eco-Gym-Modell umsteigen, könnten damit große Mengen an Energie eingespart werden. 

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Nimmt man einmal menschlich produzierte Energie, ob kinetisch, geothermisch oder thermoelektrisch, als eine nützliche Energiequelle wahr, ergibt sich dadurch ein ganzes Feld neuer Möglichkeiten. Ungenutzte menschliche Energie scheint uns überall zu umgeben und könnte die Zukunft der erneuerbaren Energieversorgung prägen. Je schneller innovative Wege gefunden werden, ungenutzte menschliche Energiequellen auszuschöpfen, desto mehr könnten diese dazu beitragen, Energieeffizienz bewusster und nachhaltiger zu gestalten.

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