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Foto: A_MAZE Festival

Foto: A_MAZE Festival

Digital Dancing – Im virtuellen Club mit hüpfenden Avataren

Beats, Drinks, Schweiß, Knutschen – die Clubkultur muss angesichts der Corona-Pandemie eine neue Erfolgsformel finden. Wir besuchen eine Party im virtuellen Club Matryoshka.

Clubs werden in Zeiten der Coronavirus-Pandemie wahrscheinlich noch sehr lange geschlossen bleiben. Währenddessen finden mehrere Events mit DJ-Sets, Performances und Musikkonzerten in den virtuellen Umgebungen von Online-Games statt. Hat die digitale Transformation nun auch das Clubleben erreicht? Es scheint, als ob die Pandemie geschafft hat, was die Second Life-„Welt“ als virtuelle Welt schon vor fast fünfzehn Jahren in Aussicht stellte.

Kein Türsteher, aber digitale Hürden

Auch ich möchte ein digitales Club-Event besuchen, und zwar den DJ-Abend des Berliner Elektronikfestivals CTM mit dem virtuellen Club Matryoshka. Dieser virtuelle Space existiert nur im Multiplayer-Game Minecraft und wurde von Künstler*innen auf den Philippinen aufgebaut. Vor diesem 3D-Raum gibt es zwar keinen Türsteher, dafür aber ganz andere digitale Hürden. Erst einmal muss jede*r Interessierte mehrere Mitgliedschaften vorweisen: Ohne einen Account in der Chat-Plattform Discord und einen Account in Minecraft selbst gibt es keinen Einlass. Die habe ich noch schnell angelegt und mir für meinen Standard-Avatar ein buntes Partykostüm, eine „Skin“, aus einem der vielen Webforen zu Minecraft heruntergeladen. Dann logge ich mich zur besten Partyzeit ein – und stehe erst hilflos herum, weil ich die Tastaturbefehle zum Laufen und Springen meines Avatars noch nicht intuitiv beherrsche.

Die schwindelerregend hohen Bühnen des Clubs Matryoshka in der Spielwelt von Minecraft, in seiner berühmten Retro-Pixel-Optik. Foto: CTM x Club Matryoshka.

Der Avatar ist in einer der fantastischen Umgebungen gelandet, die die Clubmacher*innen eigens für das Event kreiert haben. Inspiriert wurden sie von den radikalen Entwürfen des Konzeptarchitekten Lebbeus Woods. Der einflussreiche Amerikaner strebte in den 1970ern eine experimentelle Architektur frei von jeglichen Konventionen an. Er entwarf Gebilde, die heute wie gemacht für eine Umgebung wie Minecraft sind. Und so legen die DJs von luftigen Plateaus aus auf, in Arenen aus alienartiger Architektur oder auch mal unter Wasser. Minecraft ist bekannt und beliebt für seine Retro-Pixel-Optik, und so bestehen auch die pixeligen, turmhohen Gebilde, Gänge und Berge um mich herum aus vielfarbigen Quadern, die es zu erklimmen gilt. Nur zur nächsten Bühne schaffe ich es nicht. Das ist aber meiner eigenen Unfähigkeit geschuldet, hätte ich doch nur vorher meinen 15-jährigen Neffen um Orientierung gebeten. Immer wieder lande ich im hippen Clubrestaurant, in dem mich ein launischer Chef-Bot ignoriert. Andere Avatare tauchen auf, rennen an mir vorbei und scheinen zu wissen, wo die Party abgeht. Ich dagegen falle von einer Brüstung und laufe in ein Lavabecken, das als Deko dient. Gut, dass ich immer wieder neu auferstehen kann. 

Verschiedene Avatare in der Minecraft-Welt, die sich dem Spektakel im Club Matryoshka hingeben. Foto: CTM x Club Matryoshka.

Kommunikation simultan auf allen Kanälen

Schließlich nehme ich die Abkürzung zum Dancefloor und wechsel zum Kanal von Club Matryoshka auf der Live-Streaming-Plattform Twitch. Da gibt es die ungehinderte Sicht auf den jeweiligen DJ-Avatar, der eine ziemliche elektronische Bandbreite von Gabber bis Noise abdeckt, und den Dancefloor mit darauf hopsenden Avataren. Zudem gibt es mehr Interaktionsmöglichkeiten, jeder darf in einem Chatfenster kommentieren. Denn das ist das eigentlich andere am virtuellen Club: Die Kommunikation findet auf mehreren Kanälen und Ebenen zeitgleich statt, das Visuelle auf und vor der Bühne ist nur ein Teil der Gesamtinteraktion. Sowohl in Minecraft als auch auf Twitch gibt es ein Chatfenster, ein Großteil geschieht auch noch über die verschiedenen Kanäle auf Discord. Während das Audio der DJ-Sets im Stream abläuft, kann dort jede*r User*in mit den Künstler*innen chatten, sich bedanken oder auch nach den jeweiligen Tracks fragen. Gespendet werden für die Künstler*innen darf natürlich auch – entsprechende Hinweise erscheinen immer wieder in jedem ChatFeed. Im nächsten Kanal können sich die User*innen austauschen, technische Hilfe gibt es wiederum von den Macher*innen in einem dritten Kanal – auch als Sprachnachricht, wenn es sein muss. Da ploppen viele Fenster auf meinem Laptop auf, überall gibt es etwas zu sehen oder mitzulesen. Es ist ein lustiges, buntes Durcheinander und fast wie in einer Gruppe im realen Club, in der jede*r auf den anderen einredet. Nur hier steht der/die Künstler*in auch wirklich daneben und wird ins Gespräch einbezogen. Und neben all den Chatfenstern toben auch noch die Avatare vor der Bühne im Stream, als wären sie eine wilde Menschenmenge in einem Musikvideo.

Es ist die Weiterführung der Informationsüberflutung in ein Format, das unterhaltsam ist und keinen Zuschauer sich für eine Sekunde langweilen lässt. Fühlt es sich aber wie eine „richtige“ Party an? Nein, aber vielleicht wird es die einzige Alternative für den nächsten Lockdown. Und Spaß hat daran nicht nur eine junge Generation, die mit TikTok aufwächst und auf dem Smartphone daddelt. Als Avatar herumhüpfen ist für eine Weile ganz lustig, interessant wird das Format aber erst durch alle Chatfenster und die direkte Interaktion mit den Künstler*innen.

Der Live-Stream der Matryoshka Club-Nacht, inklusive aktivem Chatverlauf der Zuschauer auf der Gamer Plattform Twitch. Foto: Verena Dauerer.

„Projekte aus dem Digitalen heraus denken“

Wie kommt die CTM eigentlich auf so ein Konzept? James Grabsch, Co-Curatorin der CTM, erklärt es mir am Telefon: „Viele Events versuchen das, was wir aus dem IRL (in real life, Anm. d. Red.) kennen, einfach ins Digitale zu übersetzen. Der Hunger nach dieser Art ist schnell gesättigt. Für uns ist nicht nur die User-Interaktion wichtig, wir wollen auch Projekte, die aus dem Digitalen heraus gedacht werden und Möglichkeiten nutzen, die es in der realen Welt nicht geben würde.“

Damit steht die CTM nicht alleine da. Seit diesem Frühjahr gibt es immer wieder virtuelle Musikevents, die man als eine Mischung aus In-Game-Event, interaktivem Musikvideo und Live-Marketingkampagne bezeichnen könnte. Das größte Event dieser Art fand bisher im Multiplayer-Game Fortnite Ende April statt. Da performte US-Rapper Travis Scott als überlebensgroßer Avatar zu ausgefeilten Visuals, während sich über 12 Millionen Player*innen durch sphärische Welten tanzten. Ähnlich elaboriert, da mit Nike als großem Sponsor umgesetzt, wurde Anfang August eine virtuelle Konzertserie des japanischen Rappers kZm. Bis jetzt ist diese japanische Konzertserie allen anderen in der technischen Umsetzung voraus: Die User*innen mussten keine Game-Umgebung mehr herunterladen und keinen eigenen Account anlegen. Stattdessen konnten sie bequem in einer mobilen, eigens von der Tokioter Kreativagentur PARTY entwickelten App einen Avatar auswählen und bekamen ein multimediales Live-Spektakel auf ihrem Smartphone.

Die jährliche Konferenz des Indiegame-Festivals A_MAZE fand dieses Jahr virtuell statt. Als hüpfender Flamingo-Avatar konnte man so auch online dabei sein. Foto: A_MAZE Festival.

Das Game im Game spielen

Dass aber ein großes Budget für eine tolle immersive Erfahrung überhaupt nicht notwendig sein muss, zeigte neben dem Club Matryoshka auch das Berliner Indiegame-Festival A_MAZE. Das verlegte Ende Juli seine jährliche Konferenz mit Preisverleihung komplett ins Virtuelle. Dafür wurde ein 3D-Ausstellungsraum von Gamedesigner Moshe Linke zur Multiplayer-Experience umfunktioniert, in dem sich die User*innen als Flamingo-Avatare tummelten. Unter anderem konnten sie darin eine Konfettikanone anwerfen und nebenher auf YouTube den Panels, Talks und der Award Show folgen. Die einzelnen Games waren als Installationen mit Clips und Infos sichtbar und konnten sogar im virtuellen Raum auch gleich gespielt werden. 

So eine Umsetzung könnte sicherlich auch für andere Konferenzen und Award Shows spannend sein, um als Hybridformen vor Ort wie auch virtuellen Besuchern etwas zu bieten. Ersetzen virtuelle Events wie diese nun längerfristig unsere liebgewonnen Club- und Eventkultur? Keineswegs. Aber sie sind mehr als eine bunte Erweiterung des physischen Raums mit neuen Interaktionsmethoden. Bislang geht der Spagat allerdings weit auseinander zwischen einerseits liebgewonnenen Low-Budget-Projekten, in denen für die Künstler*innen direkt gespendet werden kann, und andererseits millionenschwere Merch-Promo-Events wie bei Rapper Travis Scott oder dem japanischen kZm. Die kommenden Monate zeigen uns hoffentlich noch mehr dieser Projekte – vielleicht auch mit spannenden neuen Monetarisierungslösungen.

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