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Ein Blick in die Zukunft des Schreibens: Werden wir mit unseren Augen schreiben?

Kannst du dir eine Form des Schreibens vorstellen, die sich wie Sehen anfühlt? Neue Technologie verändert die Art und Weise, wie wir schreiben. Was passiert, wenn analoge und digitale Formen der Schrift sich wandeln?  

Alle Technologien, besonders diejenigen, die unsere geistigen Fähigkeiten unterstützen, sind Ausdruck des menschlichen Willens. Schreibwerkzeuge gehören zu dem, was wir als „intellektuelle Technologien“ bezeichnen können (ein Begriff vom Anthropologen Jack Goody). Sie interagieren mit unserem Verstand auf ähnliche Weise wie unser Verstand mit ihnen, um beispielsweise Informationen zu recherchieren, Ideen zu artikulieren, Messungen und Berechnungen durchzuführen, um die Kapazität unseres Gedächtnisses zu erweitern oder um Wissen zu teilen. Denk an einen Bleistift, ein Notizbuch oder einen Kalender. Sie sind unsere intimsten Werkzeuge, die wir immer noch zur Selbstdarstellung, zur Gestaltung der persönlichen und öffentlichen Identität und zur Pflege der Beziehungen zu anderen verwenden. 

Was die alten Geschichten über die Entstehung des Buches, der Karte oder die mechanische Uhr aufzeigen, ist die Förderung spezifischer kollektiver Organisationen rund um das Wissen. Die genannten Objekte beziehen sich auf die Geschichte der menschlichen Schrift, weil sie letztlich auch neue Leseweisen darstellen (besonders die Gestaltung von Zeit, Land, Ressourcen und Arbeit). Vor der Einführung und Verbreitung digitaler Computer prägte zum Beispiel die Schreibmaschine stark die Geschäftswelt. Dieses Gerät ermöglichte nicht nur ein effizienteres Kommunikationssystem für die Erstellung von Dokumenten, sondern öffnete auch die Bürowelt für Frauen. Die Arbeit als „Schreibkraft” war eine Flucht vor der Plackerei in den Fabriken, ermöglichte den Aufstieg in der der Klassenstruktur und war vor allem ein angenehmerer und besser bezahlter Job.

Ansicht Eyewriter 2.0 Open Source Software für Eye-tracking schreiben und zeichen. Bild: Instructables

Handschrift oder Digitalschrift?

In den letzten Jahrzehnten sind digitale Technologien zu einer radikalen neuen Form des Schreibens geworden. Ein Computer schreibt binäre Codes mit Hilfe optisch-elektronischer Verfahren. Information (Data) wird mit Lichtgeschwindigkeit angesteuert. Es fühlt sich etwas anachronistisch an, aber digitale Unternehmen erfinden analoge Uhren, Stifte, Karte, Bücher oder Brillen neu. Dieser Wandel ist also unsere heutige „intellektuelle Technologie“, die die Mensch-Maschine-Interaktion (HCI) bestimmt und uns dabei hilft, in der digitalen Welt zurechtzukommen.

Sprache, Zahlen und Code gehören aber nicht zum selben semiologischen Universum. Über das Verschwinden Handschrift, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, beschäftigen sich Wissenschaftler des Mercator Instituts in einer Studie. Das Ergebnis der Untersuchung: Das Schreiben per Hand ist immer noch aus wirtschaftlichen und kognitiven Gründen nützlich und sollte weiterhin in der Schule gelehrt werden. So sind zum Beispiel das Schreiben von Notizen und Texten sowie das Ausfüllen von Formularen per Hand jederzeit und ohne technische Hilfsmittel wie Wlan oder Elektrizität möglich. 

Auge-Hand Koordination in der letzten Phase der Lösung eines visuellen Problems. Bild aus Wikimedia
Stehbild aus einer Filmaufnahme (1970) von Hans-Werner Hunziker (1970). Der Schweizer Psychologe entwickelte Sprachlernprogrammen. Bild: Hans Werner (CC BY-SA 3.0).

Die Handschrift spielt auch besonders bei der Entwicklung feinmotorischer und kognitiver Fähigkeiten eine wichtige Rolle. Wenn Kinder mit der Hand schreiben, werden große Netzwerke im Gehirn aktiviert, die das Lernen fördern. Infolgedessen ist die Handschrift für den Erwerb von Schriftsprache nützlicher als das Tippen auf der Tastatur oder einem anderen digitalen Gerät. Eine Handschrift entwickelt sich über mehrere Jahre hinweg. Sie ist ein Ausdruck der Persönlichkeit, denn jede Schrift ist einzigartig. Kein Wunder also, dass die manuelle und analoge Unterschrift lange als einzig juristisch bindendes Erkennungszeichen in Schriftstücken galt. 

Schreiben als visuelle Handlung 

Als Medium der menschlichen Kommunikation besteht das Ziel des Schreibens darin, eine gesprochene Sprache mithilfe von Symbolen visuell darzustellen. Natürlich gibt es viele Systeme, die selbst keine menschlichen Sprachen sind. Jede Zeichnung, Kritzelei, Zahl oder komplexeres alphabetisches System ist eine Spur aus der  Vergangenheit. Betrachtet man das Schreiben nur als eine visuelle Handlung, setzt es den Klang der Worte im Kopf in eine sichtbare Form um. Wenn wir etwas aufschreiben, steht es ohne Ablenkung vor unseren Augen. Es bleibt greifbar. Das Schreiben ermöglicht es uns, Gedanken aus der Vorstellungskraft in die Realität umzusetzen.

Spracherkennungssoftware (VRS) wie Siri von Apple oder Alexa von Amazon fördern heute eine direkte Interaktion mit unseren Geräten ohne eine Tastatur oder einen Bildschirm berühren zu müssen. Der logische nächste Schritt die Technik und des Marktes besteht darin, den Weg für neue, komplexere visuelle Kommunikationskanäle wie Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR) weiter zu ebnen. In nur wenigen Jahren werden wir vielleicht unsere Augen zum Schreiben benutzen. Kann man sich eine Vielzahl von Sprachen, Skripten und Bildern vorstellen, die in einer neu integrierten Matrix umgesetzt werden? Kann sich Schreiben und Lesen radikal in eine neue Art immersiver Erfahrung wandeln?

TEMPT1, a Graffiti-Künstler und Aktivist aus Los Angeles, wurde 2003 Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert, und die Krankheit ließ ihn bis auf seine Augen bald vollständig gelähmt. Das EyeWriter-Forschungsprojekt (2009) war eine Zusammenarbeit zwischen TEMPT1, den Mitgliedern des Free Art & Technology (FAT) -Labors, der openFrameworks-Community und dem Graffiti Research Lab (GRL) mit Unterstützung der Produktionsfirma der Ebeling Group, der Not Impossible Foundation und der Design- und Technologieprogramm bei Parsons The New School for Design, New York. Weitere Informationen über das Projekt und und Open Source Software findet ihr hier.

Eye-Writing und smarte Brille

Wissenschaftler versuchen das komplexe Rätsel des Gehirns zu verstehen, um viele Krankheiten oder Verletzungen zu heilen. Die komplexe Anatomie unserer Augen bietet hier ein Fenster zum Gehirn. So können zum Beispiel Menschen mit einer Lähmung wie ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) mit Hilfe eines Eye-Trackers und dazu passender Software tippen, klicken und sogar sprechen, ohne ihre Hände oder ihre Stimme benutzen zu müssen. Andere Studien entschlüsseln unsere Aufmerksamkeit durch die Messung der Pupillengröße. Diese Technologien eröffnen auch neue Wege der (un)sichtbare Kommunikation ohne jegliche Art von Sound und Bewegung (Link:The Mind-Writing Pupil)

Das Experiment präsentierte eine neue Mensch-Computer-Interaktion, basiert auf Dekodierung der Aufmerksamkeit durch Pupillometrie: die Größe deine Pupillen ändert sich je nach Aufmerksamkeit und Lichtverhältnissen. Der Experimente zeigt, die möglichkeit nur durch “Kontrast” Zeichen und Steuersymbolen auszuwählen. Der langsame Prozess trifft in mehrere Schritte eine endgültige Auswahl getroffen wird (hier ‘a’)’). Bild © 2016 Mathôt et al.

Dies ist bereits seit einiger Zeit möglich, aber die Forschung im Bereich der Mensch-Computer-Interaktion befasst sich heute nicht nur mit Fragen der Wahrnehmung und Kognition, sondern auch mit der Integration von Sehen und Handeln. Diese Kombination erklärt einige Muster visueller und kognitiver Phänomene in unserem Gehirn, die unsere Augen zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit in einen komplexen Mechanismus (Input/Output) verwandeln könnten. 

Tobii Pro Glasses 2 eye-tracking system und EEG-Kappe interagiert mit seinem Handy. Bild von ©Tobii

Eye-Writing wird bisher nur dann verwendet, wenn der Benutzer keinen alternativen Zugang finden kann. Inwiefern kann diese Technologie eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Textverarbeitung werden? Wenn wir die Entwicklung von mündlichen zu schriftlichen Gesellschaften in den letzten Jahrhunderten betrachten, könnte dann ein verbessertes Sehvermögen zu einer neuen Schreibfähigkeit werden? Bildung, Politik und Wirtschaft stehen vor der Entwicklung neuer analoger und digitaler Wertesysteme, die sich rasend schnell verändern. Kannst du dir eine Form des Schreibens vorstellen, die sich wie Sehen anfühlt? Es wird Zeit, sich an smarte Brillen zu gewöhnen. Die Technologie entwickelt sich schnell und wird in den nächsten Jahren zu einer Massentechnologie werden, die unser aller Leben verändern könnte.

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