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Erholung im Zeitalter der Selfie-Manie: Interview mit Cyberpsychologin

Sonne, Strand und das Smartphone – immer dabei, um den Urlaub auf Instagram festzuhalten. Wie beeinflusst die Digitalisierung unser Erholen? Ein Interview mit Cyberpsychologin Dr. Catarina Katzer.

Dr. Catarina Katzer

Der Urlaub soll der Erholung dienen: abschalten, in fremde Welten eintauchen und besondere Momente erleben. Die Digitalisierung ermöglicht heute immer mehr Menschen immer weiter zu reisen. Doch das baut Druck auf: Das Smartphone erinnert auch im Urlaub an den Stress in der Heimat, die Fotos müssen instaworthy sein und die Reiseziele außergewöhnlich. Können wir uns überhaupt noch erholen?

Dr. Catarina Katzer ist Cyberpsychologin und beschäftigt sich mit dem Einfluss des Internets auf unser Empfinden und Erfahren. Wir sprachen mit ihr über das Erholen im Zeitalter von Instagram, Facebook und Co..

In Ihrem Buch Cyberpsychologie beschäftigen Sie sich mit den Auswirkungen des Internets auf den modernen Menschen und seine Gefühlswelt. Gerade in sozialen Medien wie Instagram, Facebook und Co. ist es einfach, sich selbst perfekt zu inszenieren und damit sogar Geld zu verdienen. Welche Auswirkung hat dieser Selbstdarstellungstrend auf unser Reiseverhalten?

Wir haben in den letzten zehn Jahren durch die Technologie ganz neue Möglichkeiten bekommen. Es ist heute so, dass jeder überall jederzeit hinkommt. Die Kosten wurden durch den Wettbewerb der Fluglinien reduziert. Für immer mehr Menschen werden immer mehr Ziele erreichbar. Das paart sich mit den digitalen Tools und Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen. Wenn wir uns Apps wie Instagram anschauen, kann man sagen, dass es eine Zeit der Selfie-Manie ist: Selbstdarstellung ist das Hauptmotiv auf diesem Portal. Das formale Urlaubserlebnis und die Reise treten in den Hintergrund. Es geht immer mehr um das besondere, attraktive und außergewöhnliche Urlaubserlebnis, das ich mit mir selber und meinem Selbstbild verbinde.

Wir leiden unter einem digitalen Aufmerksamkeitssyndrom.

Durch das viele Schöne, das wir jeden Tag sehen, stehen wir auch selber immer mehr unter einem Kommunikationsdruck. Wir müssen etwas von uns posten, weil die anderen es auch tun. Wenn ich nichts von mir teile, vor allem nichts Schönes, wird auch keiner auf mich aufmerksam, dann beachtet mich keiner.

Das favorisierte Motiv der Urlauber heute: Sie selbst.

Wir werden von der Selbstdarstellung und den Reaktionen der anderen abhängig. Ich poste ja etwas, um eine Reaktion von anderen zu bekommen. Es kann eine Art Sucht nach dieser Selbstdarstellung entstehen, da wir unser Selbstwertgefühl einfach sehr stark danach definieren, wie andere auf uns reagieren. Das ist zwar nicht neu, aber die Möglichkeiten, mit denen wir ein großes Publikum erreichen, das auf uns reagieren kann, sind andere. Wenn wir jetzt wieder auf die Urlaubserlebnisse zurückkommen, muss man sehen, dass wir uns immer mit anderen vergleichen. In der Psychologie nennt man das „soziale Vergleichsprozesse“. Wir tun Dinge eigentlich grundsätzlich immer, um uns selbst zu verorten, um herauszufinden, wer wir sind und wo wir stehen. Wenn ich mit immer mehr schönen, perfekten Urlaubserlebnissen konfrontiert werde, versuche ich natürlich auch diese zu toppen. Das bedeutet aber auch, dass wir in eine Spirale aus Selbstoptimierung und Selbstzentriertheit geraten.

Reise- und Urlaubsfotos sind beliebte Motive auf Instagram. Während wir früher noch vor den Dias unserer Eltern und Großeltern geflohen sind, folgt man heutzutage einer Vielzahl an Reisebloggern und Influencern. Wieso schauen wir uns so gerne an, wie jemand Urlaub macht?

Der Standard der Reisefotografie war damals niedriger und die Präsentation dieser über Dias, Fotoalben o.ä. insgesamt langweiliger. Heute geht es um wunderschön inszenierte Welten. Es hat einen starken Unterhaltungswert, der viel mit Kunst zu tun hat. Darüber hinaus spielen die Emotionen des Betrachters eine große Rolle: Man hat das Gefühl, man ist selbst Teil der Reise. Man kann es mitfühlen, man kann es sehen. Man ist nicht nur Außenstehender, sondern man wird mitgenommen. Dadurch werden im Betrachter Sehnsüchte geweckt: Vielleicht kommt man selber nicht dazu in die Ferne zu reisen, guckt sich aber an, wie es andere tun. Wir interessieren uns dafür, was Menschen machen und vergleichen uns mit ihnen. Wenn also alles gut und schön und wunderbar ist, kann uns das anregen und inspirieren. Je nachdem, in welcher emotionalen Situation ich selber bin, kann das Anschauen von schönen Erlebnisreisen und Fotos sich aber auch negativ auf mein Selbstwertgefühl auswirken.


Immer mehr von dem, was wir sehen und erleben, wird durch eine Linse betrachtet. Der Screen ist so etwas wie eine digitale Mauer. Man guckt nicht direkt in den Wald oder in den Sonnenuntergang, sondern das Smartphone ist immer dazwischen. Das heißt, dass dieses tiefe emotionale Erleben des Moments zum Teil auf der Strecke bleibt. Erlebe ich zum Beispiel einen traumhaften Sonnenuntergang, muss ich den sofort einfangen und in sozialen Medien teilen. Und wenn das vorbei ist, begebe ich mich direkt auf die Suche nach dem nächsten teilbaren Moment.

Grundsätzlich ist es so, dass das Internet unser Erleben bestimmt.

Den Erholungsfaktor sieht man auf den Reisefotos immer weniger. Es geht vermehrt um Spannung und um das perfekte Erlebnis. Unser Erleben wird dadurch ökonomisiert. Ich mache die Reise nicht primär, um zu entspannen, sondern auch, um Fotos zu machen und im Endeffekt andere zu beeindrucken. Man strebt danach, sein bestes Selbst darzustellen. In der Psychologie spricht man vom Admiration Seeking – der Suche nach Bewunderung.

Früher waren größere Reisen mit Herausforderungen verbunden und dienten der Selbstfindung und Entwicklung. Inwiefern hat sich die Reise als Selbstfindungstrip durch moderne Technologie verändert?

Nicht die Reise steht mehr im Vordergrund, sondern wie andere Leute meine Reise bewerten. Das Reisen wird zum Mittel, eine gewisse Außenwirkung zu erzielen oder ein Image zu kreieren. Die Selbstfindung findet eher im Nachhinein statt, wenn Leute im Internet meine Urlaubsfotos bewerten. Wenn die Wirkung meiner Erlebnisse nach außen dringt – das ist der moderne Selbstfindungstrip. Bei positiven Reaktionen fühle ich mich besser, denn es hat einen immensen Push für mein Selbstwertgefühl. Die Außenwirkung hat die Reise als Mittel zur Selbstfindung abgelöst.

Welchen Ausblick auf unser zukünftiges Reise- und Erholungsverhalten können Sie anhand der derzeitigen Entwicklungen im digitalen Raum geben? Blicken Sie der Zukunft skeptisch entgegen?

Wenn ich Richtung Zukunft sehe, kann ich genau zwei Trends erkennen: Zum einen eine Spirale der schönsten Urlaubserlebnisse, also ein Zurücktreten der Erholung vor der Außenwirkung. Zum zweiten gibt es dem Trend des Digital Detox, Ferien vor Smartphone – eine bewusste Enthaltsamkeit. Das können Klöster, Bauernhöfe oder Reisen in die Berge sein. Der Gegensatz zum digitalen Leben spielt wieder vermehrt eine Rolle. Der digitale Stress nimmt zu, daher wird versucht, ein Ausgleich zu finden, um wieder in die Balance zu kommen.

Den Moment erleben, ohne ihn für später festzuhalten oder sich durch Technik abzulenken – „Digital Detox“ wird immer beliebter.

Die digitale Entwicklung hat auch positive Aspekte. Man hat einerseits die Möglichkeit, Erlebnisse, die man anderen mitteilen will, auszuwählen. Es gibt keine 150 Fotos im Reisealbum, die alle durchgeguckt werden müssen, sondern ich schicke eine bewusst inszenierte Auswahl. Das hat einen positiven Effekt: Ich kann selbst bestimmen, wie andere mich sehen und das kann sich positiv auf mein Selbstbewusstsein auswirken. Jedoch tritt andererseits das Besondere an einer Reise zurück, wenn wir über Instagram diese exotischen Reiseziele immer häufiger einfach in unser Wohnzimmer laden können. Dadurch werden Ansprüche geweckt, die teilweise gar nicht mehr zu toppen sind. Durch die inszenierten und geschönten Bilder können teilweise falsche Sehnsüchte geweckt werden und dadurch auch überzogene Ansprüche an sich selbst. Der Betrachter vergleicht sich, kann sich das aber vielleicht nicht leisten oder aus anderen Gründen niemals erleben. Das ist deprimierend.

Unterhaltung steht immer mehr im Mittelpunkt.

Dieses kurze Erleben von vielen Orten wie auf einer Kreuzfahrt – ein wieder aufkeimender Trend – ist etwas, was die Menschen zunehmend wollen. Sie wollen immer mehr in immer kürzerer Zeit konsumieren und erleben. Die Digitalisierung und der Internetrhythmus spielen dabei eine große Rolle. Das Genießen steht hinten an, heute jagt ein Höhepunkt den nächsten und alles muss dokumentiert werden. Wo bleibt da noch das Erleben? Man kann gar nicht mehr alles erfassen und verarbeiten. Ich denke das ist ein großer Nachteil.

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