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Foto: Karsten Winegeart

Haustiere als Kinderersatz & Petfluencer: Einfach nur süß oder gefährlich?

Hunde sind keine Menschen. Doch innerhalb der letzten Jahre hat sich das Verhältnis von Menschen zu ihren Haustieren vor allem in Städten extrem gewandelt. Die Vierbeiner sind längst keine Beschützer mehr, die ohne Leine durch Felder und Wälder rennen oder in der Sonne faulenzen. Vielmehr verniedlichen sie jetzt täglich unseren Instagram-Feed, schmücken Kampagnen großer Konzerne, essen vegetarisch und schlafen bei ihren Haltern im Bett. Wieso vermenschlichen Menschen ihre Haustiere?

Shulman ist Sternzeichen Fische. Deshalb ist sie wahrscheinlich auch so emotional. Zumindest, wenn man ihrem Besitzer, dem Grafikdesigner Yossi Kaminsky Glauben schenkt. Yossi mag die Idee und den Begriff des „Besitzers“ nicht. Für ihn ist die Hündin ein Familienmitglied. Shulman ist eine sehr unabhängige Hündin, sie darf alleine rausgehen und kommt alleine wieder nach Hause, sie hat Meinungen und Präferenzen.

Wenn ihr das Futter nicht schmeckt, isst sie es nicht. Yossi redet mit ihr, bittet sie höflich, den Platz auf der Couch für einen Menschen freizumachen oder erklärt ihr, was auf sie zukommt, wenn er drei Wochen lang in den Urlaub fährt. Wenn Yossi Recht hat, hört sie ihm auch zu und versteht ihn. Shulman geht nicht mit jedem Gassi, nur mit Menschen, die sie mag, und eigentlich mag sie keinen außer Yossi. Ich habe mit Yossi und Shulman drei Jahre lang zusammengelebt und Shulman als eine sehr „menschliche” Hündin miterlebt. Für Yossi ist Shulman weder nur Mensch, noch nur Hund. Sie ist ein Lebewesen mit einer komplexen Gefühlswelt, das mal eher menschlich, mal eher tierisch ist.

Mehr Hund oder mehr Mensch? Hündin Shulman darf alleine Gassi gehen, trägt vielfältige Outfits und ist im Freundeskreis längst zur Kultfigur aufgestiegen. Foto: Yosef Kaminsky

Haustiere und Halter haben eine starke soziale Bindung

Verhaltensbiologe Prof. Kurt Kotrschal mag den Begriff „Haustier“ nicht. Denn Haustiere, so Kotrschal, zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie sich im Haus befinden, sondern dadurch, dass Halter zu ihnen eine soziale Beziehung aufbauen. Wenn sich die soziale Beziehung zum tierischen Gefährten vertieft, wird das Tier häufig wie ein Mensch oder ein Kind behandelt. Viele Tierhalter sprechen mit ihren Haustieren, feiern ihre Geburtstage, kennen ihre Sternzeichen, kochen Essen für sie oder bringen sie zur Zahnreinigung, damit sie auf dem nächsten Instagram Post mit strahlendem Lächeln glänzen können.

Die Beziehung zwischen Mensch und Tier kann genauso intensiv sein, wie die zwischen Mensch und Mensch. Dass viele Tiere sehr intelligent sind und unsere Bedürfnisse und Emotionen sehr gut lesen können, ist nichts Neues. Hinzu kommt, dass die Liebe zum Tier oft weniger kompliziert ist, als die zum Menschen: Dem Hund oder der Katze ist es egal, wie ein Mensch aussieht oder wie erfolgreich er oder sie im Leben ist. Deshalb empfinden viele Halter die Liebe, die sie von ihren Haustieren bekommen, als bedingungslos. 

In Deutschland leben ungefähr 34,9 Millionen (registrierte) Haustiere. Davon sind 15,7 Millionen Katzen und 10,7 Millionen Hunde. Da in der Coronapandemie soziale Kontakte für viele Menschen zu kurz kamen, war während der Lockdowns der Ansturm auf Züchter größer denn je. Wurden im Jahr 2019 laut Verband für Deutsche Hundewesen (VDH) etwa 31.400 Hunde neu registriert, waren es 2020 39.000, also 25% mehr als im Vorjahr. Besonders die Nachfrage nach Welpen explodierte während der Pandemie, während sich die Tierheime immer mehr füllten. „Unsere Züchter können die Vielzahl der Anfragen nicht mehr bewältigen. Darunter befinden sich auch viele Menschen, die dem Wunsch nach Gesellschaft oder dem Drängen der Kinder unüberlegt nachgeben“, sagt Udo Kopernik, Pressesprecher des VDH.

Die Beziehung zwischen Mensch und Tier kann genauso intensiv sein, wie die zwischen Mensch und Mensch. Deshalb empfinden viele Halter die Liebe von ihren Haustieren als bedingungslos. Foto: Kevin Quezada

Kinder nein, Haustiere ja

Vor allem Millennials setzen sich aufgrund von Leistungsdruck und gesellschaftlichen Erwartungshaltungen immer später mit dem Gedanken der Familiengründung auseinander. Bei Stress, Einsamkeit oder finanzieller Instabilität kommt ein Hund oder eine Katze schnell als sozialer Gefährte infrage, um diese Lücke füllen. 77% der amerikanischen Hunde- und Katzenbesitzer geben an, ihre Vierbeiner als Teil der Familie zu sehen und 32% lassen sie in ihrem Bett nächtigen.

Die Soziologin Andréa Barbosa Osório schreibt in ihrer wissenschaftlichen Arbeit über Humanisierung von Haustieren, dass „Haustiere sich heute, weder ganz Tier, noch ganz Mensch, in einer separaten Kategorie befinden, erst anthropomorphisiert, dann (re)animalisiert.“ Barbosa argumentiert, dass die Infantilisierung eine Folge des Status von Haustieren als Familienmitgliedern sei. Haustiere werden wie unschuldige Kinder, die zur bedingungslosen Liebe fähig sind, behandelt, was mit der Anschaffung einer Reihe von „kindlichen“ Produkten wie Spielzeug oder „Süßigkeiten“ einhergehe.

 Immer mehr Hundehalter geben mehr Geld für qualitativ hochwertiges Futter für ihre Vierbeiner aus. Im Jahr 2020 stieg der Umsatz der Heimtierbranche in Deutschland um fünf Prozent auf rund 5,5 Milliarden Euro. Die meisten Haustierhalter in Deutschland geben für ihre Haustiere im Schnitt monatlich zwischen 25 und 100 Euro aus. Viele kochen sogar für ihre Haustiere oder ernähren diese vegetarisch. Der amerikanische Heimtierhändler Petco eröffnete 2019 gemeinsam mit der JustFoodForDogs Initiative die erste Health- und Wellness-Küche für Hunde in New York, in der professionelle Köche Essen frisch für Hunde vorbereiten.

Der Petfluencer Markt boomt

Doch ein Haustier kann auch zur Einnahmequelle für Halter werden. Hinter der Infantilisierung und Vermenschlichung von Haustieren steckt ein millionenschwerer Markt. Auf Instagram haben einige berühmte Petfluencer mehr Follower und verdienen mehr Geld, als ihre menschlichen Gefährten. Mittlerweile gibt es sogar zahlreiche Marketing Agenturen, die sich auf das Social Media Geschäft mit den Vierbeinern spezialisieren.

Der Shiba Inu Bodhi, besser bekannt als mensweardog oder auch als „the most stylish dog in the world“ ist vor allem durch seine Humanisierung zum Promistatus aufgestiegen. In coolen Hipster-Outfits, mit Sonnenbrillen oder Hüten posiert Bodhi mal vor dem Kamin, mal mit einem Fernglas um den Hals hängend, mal in einem Nike Shirt in Kollaboration mit der weltberühmten Sportmarke. 

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Auch Promi-Haustiere sind in der Petfluencer Welt vertreten: Lena Meyer-Landruts Hund Kiwi folgen auf Instagram über 27 Tausend Follower. Laut der von der Sängerin verfassten Caption ist er (für sie) „ein Kuscheltier“. An Kiwis Geburtstag entschuldigt sich die Sängerin für den verspäteten Geburtstagspost: „Verspäteter Geburtstagspost für das süßeste Schweinchen auf Erden. Unglaublich wie man so viel liebe für ein Tier empfinden kann ♥️“. Doch Kiwis 27 Tausend Follower sind nichts im Vergleich zu den 228 Tausend Followern von Lady Gagas Bulldogge Miss Asia, den 242 Tausend Followern von Choupette, der Katze des verstorbenen Modedesigners Karl Lagerfeld, oder den Windhündinnen Norman und Bambi von Kylie Jenner, die ganze 364 Tausend Follower zählen. 

Sogar Marken nutzen den Petfluencer Hype zu ihren Gunsten aus. Unter dem Hashtag #OpelGoesGrumpy beschäftigte der Autohersteller Opel die schlecht gelaunte „Grumpy Cat“, die auf Instagram mit 2.4 Millionen Followern ihre Promi-Kollegen in den Schatten stellt, als Markenbotschafterin und setzte die Katze an der Seite von Topmodel Georgia May Jagger in Szene. Die Petfluencer-Katze Nala verdient angeblich durch Kooperationen mit Google, Persil oder Katzenfutterherstellern bis zu 8000 Dollar pro Instagram-Beitrag.

Der Petfluencer Markt ist vielen Tierschützern jedoch ein Dorn im Auge, da die Tiere oft wie Kuscheltiere benutzt und ihrer Natur entfremdet werden. Da sie nicht für sich sprechen können, sprechen und schreiben ihre Halter für sie und entfremden sie für kommerzielle Zwecke, wie ein Kind, das von Casting zu Casting geschleppt wird und Popstar werden muss, weil Mama es nicht geschafft hat.

„Wir lieben unsere Haustiere zu Tode“

Der Berliner Tierpathologe Prof. Dr. Achim Gruber sieht in der Vermenschlichung der Haustiere die Abgründe des Mensch-Tier-Verhältnisses, wie er in seinem Buch „Das Kuscheltierdrama“ beschreibt. Er rät Tierhaltern von experimentellen Fütterungspraktiken wie vegetarischer oder veganer Ernährung von Tieren ab: „Aus Menschensicht ist das gut gemeint, aus Sicht der Natur völlig falsch bis tödlich.“ Wenn Tiere, und das passiere heute vor allem in Großstädten, in den Stand eines Sozialpartners erhoben werden, so Gruber, werden sie oft nicht mehr artgerecht gehalten. „Ausgerechnet unsere Haustiere – unsere besten Freunde – lieben wir krank und zu Tode, weil wir sie züchten und halten, wie es uns gefällt und nicht, wie es gut für sie wäre“, sagt der Tierpathologe im Interview mit Idowa. Durch seine Arbeit hat Gruber in zahllosen Obduktionen den Tod von Haustieren als Folge von nicht artgerechter Haltung feststellen müssen. „Wir machen unsere Haustiere zu Opfern. Sie werden so vermenschlicht, dass wir ihnen ihre Natur nehmen“, sagte Gruber dem Magazin Focus.

„Jedes Mal, wenn die Hündin beißt, werde ich daran erinnert, dass sie ein Tier ist” 

Mit Sicherheit ist Hündin Shulman auch eine Art Kinderersatz, gibt Hundehalter Yossi zu. „Wenn Kinder sich daneben benehmen, sagen Eltern: Du meine Güte, schau, was das Kind gemacht hat. So ist das auch bei Shulman und mir.“ Shulman ist nicht nur wählerisch beim Gassi gehen. Sie lässt sich auch nicht von jedem anfassen. Jedes Mal, wenn Shulman Yossi oder jemand anderen beißt, wird er daran erinnert, dass sie eben doch kein Mensch ist, sondern ein Tier mit Instinkten. Kommt ihr jemand gegen ihren Willen zu nahe, schnappt sie zu. 

Jedes Mal, wenn Hündin Shulman beißt, wird Yossi daran erinnert, dass sie eben doch kein Mensch ist: Die Tatsache, dass Shulman mich bereits zwei Mal ins Gesicht gebissen hat, ist ein gutes Beispiel für die Gefahren der Vermenschlichung von Haustieren.“ Foto: Yosef Kaminsky

„So drückt sie aus, wie sie sich fühlt, sie setzt ihre Grenzen“, erklärt Yossi. Dazu ergänzt er: „Die Tatsache, dass Shulman mich bereits zwei Mal ins Gesicht gebissen hat, ist ein gutes Beispiel für die Gefahren der Vermenschlichung von Haustieren. In dem Moment, als es passiert ist, habe ich unterbewusst vergessen, dass sie ein Tier ist, Instinkte hat und beißen kann, weil ich mich ihr so nah fühle und denke, sowas würde sie niemals mit mir tun. Dabei weiß ich, dass sie es immer wieder tun würde. Wenn das Tier in ihr rauskommt, zeigt sie, dass ‘Familie’ für sie kein Wert ist, so wie für uns. Was mich dazu bringt, sie zu vermenschlichen, ist die Tatsache, dass sie dazu in der Lage ist, Liebe zu zeigen. Das ist das Verwirrende.“

Ist es also vielleicht das Gefühl von Liebe, das uns unsere Haustiere als Familienmitglieder sehen lässt? Eins ist klar: An der Humanisierung von Haustieren verdienen viele Konzerne, Agenturen und Marken unglaublich viel Geld. Dabei gehen die Vierbeiner zwar nicht „leer“ aus, werden sie doch von ihren Haltern mit teurem Futter, Klamotten und Spielzeug wie Kinder verwöhnt. Doch ob ihnen das wirklich mehr gefällt und gut tut, als frei von Leinen und Kameras im Freien herumzustreunern, werden sie uns wohl nie selbst sagen können.

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