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Foto: Lindsay Henwood

In-vitro-Fleisch – Moralisch korrektes Fleisch für alle?

In vielen Gesellschaften dient die Nahrungsaufnahme nicht ausschließlich der Befriedigung des Überlebensinstinktes, sondern sie ist auch Ausdruck von Kultur, Religion, des sozialen Status, der politischen Orientierung oder wird als Mittel zur persönlichen Selbstverwirklichung und zum Ausleben der Identität des Einzelnen genutzt. Der Konsum von tierischen Produkten, insbesondere von Fleisch hat dabei schon immer eine besondere Rolle gespielt. Im Jahr 2018 stehen wir vor einer neuen, marktreifen Technologie, die vielen Konflikten und Problemen ein Ende setzen könnte – Fleisch aus dem Labor.

In der Menschheitsgeschichte kann der Konsum tierischer Produkte bis zur Geburtsstunde des Homo Sapiens zurückdatiert werden. Das Verhältnis zwischen eben jener Spezies und Fleisch soll im Folgenden im Schnelldurchlauf anhand einiger Beispiele von fleischverzichtenden, aber auch fleischverherrlichenden Kulturen skizziert werden.

Fleischkonsum wird zunehmend zu einer gesellschaftlichen Debatte. Foto: Lukas Budimaier

Eine kurze Geschichte des Fleischkonsums und Fleischverzichts

Etwa 200.000 Jahre vor Christus war dank neuer Großwild-Jagdtechniken und der Fähigkeit, Feuer zu machen, die damalige Energiebilanz positiv. Dies war enorm wichtig für die weitere Entwicklung des menschlichen Gehirns. Bye bye, Mammut!

Um 600 Jahre vor Christus lebten im alten Griechenland die Orphiker, die ähnlich dem Buddhismus an Seelenwanderung nach dem Tod durch das gesamte Tierreich glaubten. Glaubensgemäß wurden tierische Produkte wie Fleisch und Eier vom Speiseplan gestrichen. Die Orphiker waren die ersten dokumentierten Vegetarier in Europa.

Der im 15. Jahrhundert in England regierende König Edward IV. zelebrierte den Fleischkonsum dagegen orgiastisch. Seinen Gästen wurden einfach angerichtete Speisen aus der Küche serviert. Edward jedoch, ließ sich beim Bankett von „servants of honour” am Kopfe der Tafel direkt das königliche Fleisch vom Tier schneiden um Männlichkeit und Überlegenheit zu demonstrieren. Zusätzlich wurde das geschnittene Fleisch mit dem angeblichen Horn eines Einhorns auf Genießbarkeit getestet (Und wir wissen alle, dass es nur in Nordkorea Einhörner gibt).

Bei den Orphikern diente der Fleischverzicht dazu, den Konflikt zwischen Leben und Tod zu beschwichtigen; heute dient der Verzicht eher dazu, einen inneren Konflikt mit sich selbst auszumachen, sich von der Gesellschaft zu lösen und um unzählig Problematiken, die mit dem Konsum einhergehen, zu vermeiden.

Mit dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der regelmäßige Fleisch- und Tierproduktkonsum in den Mittelschichtsfamilien in Amerika und Europa drastisch an. Was lange Zeit als Luxus galt wurde zur Alltagsware. Nur möglich dank Massentierhaltung und Industrialisierung der Nahrungsherstellung, die leider alles andere als würdige Bedingungen für Tiere schaffte.

Seit der Industrialisierung der Nahrungsindustrie können Kühe oft nur noch von der Weide träumen. Foto: Fleischatul Vinayak

Seither steigt der Fleischkonsum mit wachsendem Reichtum und Stabilität in der westlichen Welt weiter an – und zwar bis heute. Und doch zeigen Studien, dass der Konsum in Ländern, wie Frankreich, Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, aber auch Griechenland und Deutschland seit 2010 rückläufig ist. Die Gründe für den Rücklauf liegen auf der Hand: Aufklärung über häufig nicht tiergerechte Haltung, Misstrauen der Konsumenten gegenüber der Nutzung von Antibiotika in der Massentierhaltung, die Tatsache, dass Fleisch in der Gesellschaft nicht mehr länger mit Wohlstand gleichgesetzt wird, gesundheitliche Zweifel wie erhöhtes Krebsrisiko bei übermäßigem Konsum. Doch auch das immer breitere Angebot von vegetarischen und veganen Alternativen hilft dem Konsumenten sich gegen Fleisch als Hauptmahlzeit zu entscheiden.

Die etablierte Fleischindustrie wird nichtsdestoweniger weiterhin genutzt werden, auch wenn der Konsum hierzulande rückläufig ist. Der Verzehr von tierischen Produkten in osteuropäischen Ländern steigt mit der Aufnahme der Staaten in die Europäische Union –und auch für den restlichen Globus ist die Tendenz im Rahmen der Globalisierung steigend. Weltweit hat sich der Fleischkonsum von 1961 bis 2011 vervierfacht. Alleine in China, wo im Jahr 2010 der Pro-Kopf-Verbrauch nur 2/3 des deutschen Fleischverbrauchs betrug, registriert stetig steigende Zahlen. Begründet wird dies mit der zunehmend reicher werdenden Mittelschicht.

Die Fleischindustrie erzeugt mehr Treibhausgase als die Ölindustrie

Die moderne Fleischindustrie weist jedoch ein breit gefächertes Spektrum an Problemen auf. Das wahrscheinlich prominenteste Beispiel sind die grauenhaften Zustände, die Tiere in der Massentierhaltung aushalten müssen. Die Belastung des Fleisches durch Antibiotika zeigt allerdings auch ein weiteres Dilemma auf: Durch die regelmäßige Zufütterung mit Antibiotika steigt das Risiko, dass sich neue bakterielle Resistenzen gegenüber den verwendeten Antibiotika entwickeln. Der Antibiotikaeinsatz ist jedoch notwendig, um den industriellen Maßstab zu erfüllen und krankheitsbedingte Massennotschlachtungen zu vermeiden.

Ein viel verheerenderes Problem ist allerdings die CO2-Emission, die durch die moderne Tierhaltung zusätzlich in die Höhe getrieben wird. Im Jahr 2016 stieß die deutsche Landwirtschaft eine Kohlenstoffdioxid-Menge von insgesamt 65,5 Mio. Tonnen aus, für knapp 40 % dieser Treibhausgase ist die Viehwirtschaft  verantwortlich. Angesichts des steigenden Fleischkonsums wird die Kohlenstoffdioxid-Emission in Zukunft proportional ansteigen. Wie sehr die Massentierhaltung die Erderwärmung beschleunigt, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) sowie der Umweltorganisation Grain. Ihr vernichtendes Fazit lautet: „Gemeinsam sind die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne bereits heute für mehr Treibhausgas-Emissionen pro Jahr verantwortlich als die Ölkonzerne Exxon-Mobil, Shell oder BP.”

“Der Verzehr von tierischen Produkten in osteuropäischen Ländern steigt mit der Aufnahme der Staaten in die Europäische Union (..)” Foto: Fleischzoltan Kovacs

Der Traum vom guten Fleisch

Als „grünere“ Alternative zu traditionell erzeugten Steaks, Burger Patties, Hühnerbrüsten, oder auch Kebab, rücken nun die in-vitro-Verfahren zur Fleischerzeugung immer näher in den Fokus.

Die Idee, tierische Produkte zum Verzehr im Labor heranzuzüchten, entstand 2005 in der Zellforschung und im Bereich des Tissue Engineering. Im Labor werden vermehrt menschliche Zellen kultiviert. Dies geschieht im Rahmen der Grundlagenforschung, aber auch, um Krankheiten zu erforschen, oder Gewebe für Transplantationszwecke heranzuzüchten. Der Traum von einer CO2 armen, antibiotikafreien, ethisch vertretbaren, weitgehend vegetarischen und gleichzeitig kostengünstigen Fleischproduktion wird langsam zu einer Realität. Ein globales Netzwerk von Biotech-Firmen arbeitet zurzeit an Verfahren, um Fleischsorten wie Huhn, Schwein, Rind, Lamm oder Ente aber auch moralisch umstrittene Tierprodukte wie Leder in der Petrischale zu erzeugen.

Der Urknall des In-vitro-Fleisches

Der als Urknall des In-vitro-Fleisches bezeichnete sogenannte Day Zero liegt bereits einige Jahre zurück. Am 5. August 2013 wurde während einer Pressekonferenz, wie wir sie eigentlich von Technologie-Konzernen wie Apple kennen, der erste Lab-Meat-Burger präsentiert, gebraten und den Journalisten zum Verzehr angeboten. Seitdem wächst der Markt des im Labor produzierten Fleisches rasant. Die Produktionskosten des ersten Burger Patties aus dem Jahre 2013 betrugen stolze 250.000 Euro, produziert an der Universität von Maastricht in den Niederlanden unter der Leitung von Professor Mark Poster. Die Idee der medienwirksamen inszenierten Lab-Meat-Verkostung stammte allerdings wahrscheinlich nicht von den Universitätsmitarbeitern, sondern eher vom heimlichen Geldgeber und Google-Mitgründer Sergey Brin. Inzwischen konnten die Kosten durch Upscale-Prozesse und dreidimensionale Zellkulturen auf 11,00 Euro pro Burger gesenkt werden.

Aber wie funktioniert die Erzeugung tierischer Produkte im Labor?

Um Fleisch zu züchten, wird einem Ursprungstier, sozusagen einem Spender, Gewebe entnommen. Aus diesem werden Stammzellen isoliert und innerhalb einer Kultur (im Labor) vermehrt. Bisher benötigten Forscher zur Kultivierung der Stammzellen Serum aus ungeborenen Kälbern. Die Entnahme führte zum Tod der Kälber. Durch jahrzehntelange Forschungsarbeit wurden die im fetalen Kälberserum enthaltenen Wachstumsfaktoren inzwischen allerdings identifiziert und können nun künstlich erzeugt werden.

Fleisch aus der Petrischale. Foto: Drew Hays

Durch Zugabe von speziellen Differenzierungsfaktoren, können Stammzellen zu Muskelzellen differenziert werden. Um geschmacklich traditionellem Fleisch näher zu kommen, wird ein prozentualer Anteil der Stammzellen zu Fettzellen umgewandelt, die das Fleisch durchziehen. Die neu gewonnenen Muskel- und Fettzellen stellen grob im Prinzip schon das Endprodukt dar.

Die Vorteile von In-vitro-Fleisch

Dieses Verfahren bringt alle erwünschten Vorteile: Kein Tier muss leiden oder erhält Antibiotika, der CO2-Austoß wird ebenfalls minimiert. Darüber hinaus lässt sich enorm viel Platz einsparen im Vergleich zur heutigen Fleischindustrie, Ställe und Käfige für unzählige Tiere sind passé. Neben den ökologischen, ethischen und gesundheitlichen Aspekten werden in Zukunft auch die Kosten für das In-vitro-Fleisch eine große Rolle spielen: Durch moderne Verfahren im Bereich der Züchtung von Zellkulturen, wie zum Beispiel Suspensionskulturen in Reaktoren, welche einige Kubikmeter fassen, werden die Kosten weiter sinken. Es ist zu erwarten, dass der Preis für herkömmliches Fleisch durch die hohe CO2-Bilanz tendenziell steigen wird. Somit ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch der Kostenfaktor für den Erfolg des Lab-Meat entscheidend sein wird.

In-vitro-Fleisch hat bisher auch aus den religiösen Lagern dieser Welt noch keinen Gegenwind erhalten. Imame sind sich einig, dass In-vitro-Fleisch, gezüchtet aus halal gehaltenen Tieren noch immer als halal deklariert werden kann, auf jüdischer Seite verhält es sich mit koscher gehaltenen Tieren gleich.

Fazit: Lab-Meat = Clean Meat?

In Bezug auf die Energiebilanz, ist das Lab-Meat eine ernsthafte Alternative zur traditionellen Fleischproduktion und klar im Vorteil, jedoch noch immer weit abgeschlagen von pflanzlichen Produkten.

Auch sollte das antibiotikafreie Lab-Meat mit Vorsicht genossen werden. Rotes Fleisch birgt ein erhöhtes Krebsrisiko, das durch das In-vitro-Verfahren nicht reduziert wird. Lab-Meat gibt der Völlerei demnach keinen Freifahrtschein.

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Aus meiner persönlichen Sicht als Wissenschaftler kann In-vitro-Fleisch dem traditionell gezüchteten Fleisch in Zukunft nicht nur das Wasser reichen, sondern wird den global stetig steigenden Appetit auf Fleisch auf eine innovative und grüne Art befriedigen. Ein gänzlich moralischer Freifahrtschein ist Lab-Meat allerdings wie gesagt nicht. Zuvor müssen für die Haltung der Spendertiere neue Regelungen getroffen werden, so auch für die Frequenz und die Umstände der entnommenen Biopsien. Hochrechnungen zeigen, dass aus einem Dutzend entnommener Stammzellen in nur zwei Monaten bis zu 50.000 Tonnen Fleisch gezüchtet werden könnten – natürlich nach Idealisierung der Kulturparameter. Diese Daten zeigen, dass die Biopsie, für die Spendertiere herhalten müssten, weder hoch invasiv noch überfrequentiert wäre, wenn man alle Parameter zum Wohle des Tieres und der Kultivierung gleichermaßen ausrichtet.

Jetzt steht zwischen dem Lab-Meat und dem Supermarkt nur noch eine Frage: Wird es eine weitere Sparte in der Veggie-Ecke, oder kann das In-vitro-Fleisch durch geschicktes Marketing die breite Masse erreichen? Auf den Markt kommen wird es so oder so.

Mehr zu der Zukunft des Essens kann man in unserem Kompendium Essthetik lesen.

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