facebook-likehamburgerlupeoverview_iconoverviewplusslider-arrow-downslider-arrow-leftslider-arrow-righttwitter

Fotokunst, Selfie-Manifest und Zukunftsmusik – Interview mit Martin Liebscher

Jeden Tag scrollen wir in Social Media durch tausende Bilder. Wie wirkt sich diese visuelle Inflation auf den Kunstmarkt und unsere Wahrnehmung von Fotografie aus?

Mit dieser Fragestellung sind wir dem deutschen Künstler und Fotografen Martin Liebscher begegnet, der durch seine Bilder mit vervielfältigter Selbstdarstellung bekannt geworden ist. In seiner Wohnung in Friedrichshain, zwischen unermesslichen Kameraschätzen und Fotokisten, diskutierte er mit uns den Unterschied zwischen dem heutigen Selfie und einem künstlerischen Selbstportrait.

In deinen Arbeiten sehen wir dich als Protagonisten in verschiedenen Settings. Allerdings besucht nicht nur ein Martin Liebscher die Berliner Philharmonie oder die Vorstandsetage der Deutschen Bank, sondern es sind gleich eine ganze Gruppe an Kopien von dir in den Bildern. Sind es die verschiedenen Blickwinkel auf eine Szene, die du damit abbilden möchtest oder wie könnte man diese Vervielfältigung deiner selbst, dieses künstlerische Selfie, interpretieren?

Heutzutage ist das Selbstbild ja ein ganz anderes als noch vor 100 Jahren. Man bewegt sich eigentlich die ganze Zeit wie in einem Echoraum und fotografiert sich selber. Es gibt kaum noch den Blick nach außen, sondern nur nach innen und das Sich-bespiegeln. Das hat einerseits natürlich etwas mit meiner Arbeit zu tun, andererseits ist es ein künstlerisches Werk, wo das Selbstportrait ein Teil davon ist. Das Selbstportrait geht bis in die Renaissance zurück oder teilweise noch weiter. Dass in den Bildern immer ich zu sehen bin, ist für mich aber auch eine Materialfrage gewesen: Ich kann mich selbst wesentlich einfacher benutzen; ich weiß genau, was ich machen soll, wie ich mit mir interagiere, ich muss mit mir keinen Termin ausmachen, mich nicht bezahlen … und wenn ich einen Schauspieler „benutzen“ würde, was ich auch schon probiert habe, kommt eine Künstlichkeit ins Bild, die es zum inszenierten Theaterstück macht, was ich in den Arbeiten nicht mochte.

Wie kam es zu der Verbindung mit Opernhäusern oder mit der Architektur in deiner Fotografie? Was zeichnet deine Arbeiten besonders aus?

Ich habe auf jeden Fall ein Interesse an Konzerthäusern. Die Berliner Philharmonie war das erste Projekt, bei dem mein Interesse verbildlicht wurde, was zwischen dem Publikum und dem Betrachter passiert. Und in den Opernhäusern ist es oft umgekehrt: Als Betrachter schaut man auf ein Bild – und aus diesem Bild schauen 1.200 Leute. Somit ist die Frage nach der Wahrnehmung verschoben: Betrachte ich das Bild oder betrachtet das Bild mich?

Die Berliner Philharmonie war ein Wendepunkt in meiner Arbeit. Meine Bilder waren vorher noch nie so komplex. Ich konnte über mehrere Wochen mehr als 6.000 Fotos machen, aus denen ich dann dieses eine Bild generiert habe. Es war auch das letzte Bild, was ich alleine bewältigt habe. Danach habe ich mich gefragt, was wohl kommen mag und ob ich das überhaupt noch weiterentwickeln kann.

Nein, das ist keine Armada an Klonen. Martin Liebscher hat sehr, sehr viele Bilder von sich gemacht und diese dann überblendet. Ausschnitt aus “Philharmonie, Orchester” (2005) von Martin Liebscher

Auch Kunst wird von gesellschaftlichen Veränderungen und neuen Innovationen beeinflusst – nicht nur in der Hinsicht, was Kunst abbilden soll, sondern auch im Herstellungsprozess und dem Medium einer neuen Arbeit. Wie stellst du dir die Kunst der Zukunft vor?

Kunst ist das Rückgrat unserer Gesellschaft. Ohne Kunst wäre unsere Welt eine andere. Deswegen glaube ich auch, dass Kunst weiterhin gesellschaftliche Entwicklungen begleiten oder auch anstoßen wird. Ich sehe aber eine Tendenz, dass Kunst vereinfacht wird und verflacht. Sie wird Wellness und soll eine Katharsis ermöglichen, sodass man sich wohler und besser fühlt.

Dem Kunstmarkt wird immer wieder vorgeworfen, dass er zu kommerziell und spekulativ geworden sei und es sich eher um gutes Management, gute Werbung und die richtigen Connections handle, als um die eigentliche Kunst. Dadurch wird Kunst zu mehr als nur einem Liebhaberobjekt und zum Spekulationsgegenstand von Investoren. Wie sieht deine Meinung dazu aus? Sollte man lieber in Kunst oder Aktien investieren?

Schwimmbad, 2010 Esslingen, Merkelsches Bad – Martin Liebscher

Keine Frage, natürlich soll man Kunst kaufen. Nicht aus spekulativen Gründen – das hat der Kunst in den letzten Jahrzehnten immer sehr schlecht getan. Kunst kann eine Bereicherung des Lebens sein. Man hat etwas an der Wand hängen, was einen vielleicht das ganze Leben begleitet, auf das man jeden Tag schaut und das etwas bedeutet, was inspiriert. Wie ein Freund, der einen durch das Leben begleitet – und das können Aktien eben nicht.

Fast täglich hören wir mittlerweile von neuen Trends, die uns oder unseren Alltag und Lebensstil verändern sollen. Was bedeutet das Wort Trend für dich? Beeinflusst Technik die Kunst beispielsweise negativ?

Trend ist ein schwieriger Begriff für die Kunst. Es gibt natürlich Kunstströmungen und Entwicklungen, die man beobachten kann, die man vielleicht aber auch erst später sieht. Sicherlich ist die Fotografie auch ein wichtiges Ausdrucksmedium. Sie kann sehr schnell und direkt sein. Und auch Videokunst wird viel stärker, da sich die Technik so schnell weiterentwickelt und immer zugänglicher wird. Es gibt auch Entwicklungen, die in solchen Ideen wie Google Earth stecken. Dass man die ganze Welt fotografieren kann und im Rechner an Orte „reisen“ kann, wo man sonst nie hinkäme: Das basiert auf Eugène Atget, der angefangen hat, ganz Paris zu fotografieren – jede Straße, von einem bis zum anderen Ende. Diese Ideen gibt es also schon wesentlich länger. Auch das Problem des Selfies oder der Masse der Fotografie sind Herausforderungen, die es schon von Anfang an gab.

Es gibt, glaube ich, immer innovative Technik, die in die Kunst eindringt und sie weiterbringt. Aber das macht die Kunst nicht unbedingt besser.

Heutzutage macht jeder täglich eine Vielzahl an Bildern mit seinem Smartphone und könnte diese Fotos praktisch auch als Kunst bezeichnen. Ist diese Bildermasse für die Fotografie eine besondere Herausforderung?

Wir stecken ja bis zum Hals in der digitalen Revolution und haben täglich Fotografie um uns. Das Problem ist, dass diese ganzen Handyfotos obsolet werden. Wer schaut sich denn noch die ganzen Bilder an? Das mache ich ja selber noch nicht mal. Da gibt es also eine Verschiebung in solchen Massen von visuellen Aussagen.

Man kann es, denke ich, mit Sprache vergleichen: Man benutzt Worte, um Dinge zu sagen, die auch keine Rolle spielen. Niemand will aufzeichnen, was man den ganzen Tag so brabbelt. Aber es gibt eben Literatur oder Verträge, wo Worte eine ganz andere Rolle spielen.

Wenn man die digitale Revolution so begreift, ist sie gar kein Problem mehr. Die Fotografie ist dann einfach wie ein sozialer Handschlag. In dieser Hinsicht ist die Fotografie mehr zu einer Geste geworden.

Mein Kommentar