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Der (Gründer-)Mut zum Scheitern: Interview mit Christian Cohrs von Business Punk

90 Prozent der Startups scheitern – trotzdem entscheiden sich immer mehr Uni-Absolventen für das Wagnis einer Gründung statt z. B. einer Beraterkarriere bei McKinsey. Woher dieser Mut und Wille kommt, sich etwas ganz Eigenes aufzubauen, darüber sprechen wir mit Christian Cohrs vom Business Punk Magazin.

Abbild und Foto von Christian Cohrs

Für die ersten Gründer in Deutschland muss es sich angefühlt haben, wie im Morgengrauen über eine schneebedeckte Wiese zu gehen: Es ist recht einfach, Eindruck zu hinterlassen, denn bisher hatte es ja niemand anderes versucht. Mittlerweile sind aber die meisten Wege schon beschritten, manche sogar abgetrampelt – da ist das grüne Gras unterm Schnee braunem Matsch gewichen. Andere Abschnitte vertragen das Verkehrsaufkommen besser: Dort wurden Schienen gebaut: für Züge, auf die man aufspringen kann.

Christian Cohrs hat diese Transformation der Startup-Szene journalistisch begleitet: Seit 2009 schreibt er bei Gruner + Jahr über Wirtschaftsthemen, 2016 übernahm er die Redaktionsleitung des Business Punk. Das Magazin will für alle sein, „die etwas bewegen wollen“ und interessiert sind am lauten, schnellen Leben, „das hinter dem Business tobt“. Es geht also um junge, unangepasste Menschen, die entweder in der Startup-Szene sind, da rein wollen oder am dort gepflegten Lifestyle interessiert sind.

Im Interview sprechen wir über Deutschlands Startup-Kultur, die Mentalität ihrer Protagonisten, den Weg Berlins zur Startup-Metropole und die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Wirtschaft.

Seit 2009 durchleuchtet die Business Punk das aufregende Leben der neuen Geschäftswelt. Wie würdest du die Startup-Kultur Deutschlands charakterisieren?

Die Startup-Kultur heute lässt sich nicht so einfach beschreiben. Anfang der 2000er war das noch anders: Die Dotcom-Blase war gerade geplatzt – da hatten die meisten eine ziemlich skeptische Einstellung gegenüber der New Economy. Und entsprechend herrschte eine generelle Skepsis gegenüber Neugründungen. Trotzdem waren da noch einige Einzelkämpfer, gewissermaßen Pioniere, die gegen alle Widerstände etwas Eigenes gründeten. Auch wenn da gerade in Berlin meist Ideen aus Nordamerika kopiert wurden. Dann kam Rocket Internet und hat das Modell zum großen Geschäft gemacht. Sie haben auch einen großen Anteil daran, dass Gründen heute nichts Exotisches mehr ist, sondern gängige Karriere-Option. Viele Absolventen verlassen Elite-Unis wie die WHU mit dem Ziel, Gründer zu werden. Aber auch McKinsey-Berater streben heute nicht mehr unbedingt danach, ins Unternehmen zu wechseln, das sie beraten und dort so weit wie möglich aufzusteigen – für viele ist die Gründung der nächste Karriereschritt.

Was glaubst du: Woher kommt dieser neue Gründergeist?

Das liegt zum einen am Erfolg, den eine Gründung inzwischen verspricht, wenn man die Sache professionell angeht und die Bedürfnisse der Kunden schneller erkannt hat als die etablierten Player. Etwa im FinTech-Sektor (Abkürzung für Finanztechnologie; Anm. d. Red.) gab es schon früh Versuche, Banking zu digitalisieren, weit über die begrenzten Möglichkeiten des klassischen Online-Bankings hinaus.

Im neuen Gründergeist spiegelt sich aber auch, dass die Konzernwelt ganz anders organisiert ist: Strukturen sind streng hierarchisch, dadurch sind Prozesse sehr langsam und der Umgang eher steif. Junge Leute, die Ideen umsetzen wollen, finden das abschreckend. Da sind Startups viel attraktiver. Dort ist, im Unterschied zur Konzernwelt, Scheitern okay. Da lässt sich auch eine kulturelle Veränderung feststellen: Es gibt heute eine größere Toleranz zum Scheitern. Das war früher nicht denkbar. Wer im Konzern scheiterte, der hatte versagt. In Startups darf man aus seinen Fehlern lernen.

Diese Stadt ist auch so wichtig geworden, weil die Startupper hier ihre Ideen so groß anpreisen.

Inzwischen gilt Berlin als Europas Start-Up Hub und längst nicht mehr als Silicon Valley Copycat. Den Trend dorthin erkannte deine Redaktion bereits im Februar letzten Jahres, als sie der Stadt eine ganze Ausgabe widmete: “Berlin – Deutschlands überschätzteste aufregendste selbstverliebteste ehrgeizigste Startup-Szene”. Gilt das heute auch noch?

(Lacht.) Das war damals natürlich auch ein Spiel mit Klischees über das Ökosystem in Berlin. In der Ausgabe sind wir spielerisch an diese Stadt herangegangen: Wirklich alles, bis ins kleinste Detail, war im Heft auf Berlin bezogen. Aber es stimmt schon, die Gründer in Berlin sind relativ ehrgeizig und auch selbstverliebt. Diese Stadt ist auch so wichtig geworden, weil die Startupper hier ihre Ideen so groß anpreisen. Da sind andere Orte ins Hintertreffen geraten, auch wenn dort vielleicht sogar solider gearbeitet wird. In München zum Beispiel arbeiten reichlich Startups an spektakulären und aussichtsreichen Projekten.

Im Vergleich zum Februar letzten Jahres hat sich da in Berlin nicht so wahnsinnig viel verändert, so schnelllebig ist die Szene dann doch nicht. Es ist aber professioneller geworden. Startups, die von Beginn an dabei waren, finanzieren heute die Neugründungen. Was Berlin so attraktiv macht, ist, dass es sich hier immer noch gut und relativ günstig leben lässt. Außerdem gibt es einen hohen Prozentsatz internationaler Leute. Das passt auch zur Startup-Kultur, denn dort wird meist Englisch gesprochen. Andere Städte können da eher mit ihrer Wirtschaftskraft punkten.

Zirka 90 Prozent der Startups müssen früher oder später dicht machen. Woher kommt also dieser Mut zum Scheitern? Ist es die Reaktion einer Generation, die aufgrund von globaler Vernetzung und digitalem Wandel nicht mehr an sichere Arbeitsverhältnisse glaubt? Sie auch gar nicht mehr will? Oder gibt es andere Gründe?

100 Prozent der Gründer glauben an ihre Idee. Das ist meiner Meinung an sich eine positive Entwicklung: Die Leute haben eine Vision für ihr Business, sind davon begeistert und können andere mit dieser Begeisterung anstecken. Wenn es dann nicht klappt, dann ist das schade, aber auch okay. Für viele ist Scheitern auch Ansporn, etwas Neues zu probieren – vielleicht eine Nummer kleiner. Das heißt aber auch, dass es riskant sein kann, bei Startups zu arbeiten. Ein Freund von mir hat bei einem Startup gearbeitet. Der fand das super, er hatte sehr viel Spaß. Doch von einem auf den anderen Tag war es dann plötzlich vorbei. Aber das ist der Reiz: Einfach mal etwas auszuprobieren. Es gibt jetzt diese Bereitschaft, seinen Lebenslauf flexibler zu planen. Das spiegelt sich auch im Jobhopping wider.

Heute werden Gründer über verschiedene Programme gefördert, von Beratungsleistungen über finanzielle Starthilfen. Wie rechnet sich das für die Förderer, wenn die allermeisten Startups scheitern?

Diese Förderprogramme sind insgesamt so vielfältig, dass man das pauschal überhaupt nicht sagen kann. Es gibt sehr unterschiedliche Förderer und Investoren: Gründerzentren mit Beratungsleistungen und Coworking-Spaces, private Finanzierungsmodelle und die öffentliche Teilfinanzierung. Da kann ich also schwer sagen, was sich da im Einzelnen für die Förderer rechnet. Die grundsätzliche Logik dahinter ist aber: Auch wenn 90 Prozent der Gründungen früher oder später scheitern, so wird das eine Startup größer als zehn zusammen.

Durch Startups hat sich ein neues Ideal von Arbeit herauskristallisiert. Foto: Zalando

Eine gesund wachsende Wirtschaft ist auf Innovationen angewiesen. Doch was bedeuten die vielen Startup-Gründungen konkret für die Old-Economy und den Mittelstand in Deutschland?

Die Bedeutung von Startups für die Old-Economy und den Mittelstand lässt sich grob in drei Phasen einteilen: In der ersten Phase war es den großen Unternehmen egal. Die dachten sich: “Was können uns die drei Leute schon anhaben, die da mit ihrem Computer im St. Oberholz rumsitzen?” In der zweiten Phase haben sie dann gemerkt: „Ok, die Leute reißen was.“ Dass ein kleines Startup bestehend aus ein paar Leuten, eher traditionellen Unternehmen gefährlich werden kann, hat für Verunsicherung bis Panik gesorgt. Jetzt sind wir in der dritten Phase: Kompetenzen werden abgesaugt, Startups aufgekauft und es gibt eine Flut startup-artiger Spin-offs: Jeder mittelständische Heizungsbauer gönnt sich heute sein eigenes Innovationslab in Berlin.

Die Haltung zu Startups hat sich also auch in den Unternehmen geändert. Die gucken inzwischen, wie sie die innovative Umgebung von Startups in ihre Unternehmen integrieren können. Denn was die Startup-Szene letztlich erreicht hat, ist ein Ideal von Arbeit aufzuzeigen: neueste Methoden, offene Kommunikation, flache Hierarchien, schnelle Umsetzung von Ideen. Da sind Startups ein Vorbild für die großen Unternehmen. Was dagegen natürlich oft nicht ganz so vorbildhaft ist, ist die Bezahlung.

Kann die Old-Economy dieses in der Startup-Szene aufgezeigte Ideal der Arbeit denn überhaupt umsetzen?

Das ist schwierig, denn alle Komponenten, die das Arbeitsumfeld in einem Startup ideal machen, hängen direkt mit seiner Größe zusammen. Das sehen wir auch in erfolgreichen Startups, die wachsen und wachsen – irgendwann bilden sich dann genau die hierarchischen Strukturen aus, die vorher bemängelt wurden.

Vielen Dank für das Gespräch!


Headerbild: Christoph Neumann

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