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Tötet die unendliche Beschleunigung unsere Menschlichkeit? – Interview mit Prof. Dr. Hartmut Rosa

Grenzenloses Wachstum, kollektiver Burnout und die Beschleunigung der Kommunikation schreiten voran. Aber kann dieser sogenannte Fortschritt wirklich unendlich weiter gesteigert werden?

Wir alle haben uns sicherlich schon mal die Frage gestellt, wie es möglich ist, in Zeiten der ständigen Erreichbarkeit, unser Leben zu entschleunigen. Eine Antwort auf jene Frage ist gar nicht so leicht. Aus diesem Grund habe ich den Soziologen Hartmut Rosa kontaktiert, um Antworten zu finden. Das Interview wurde via E-Mail geführt.

Prof. Dr. Hartmut Rosa. Foto: Anne Günther/FSU

Wenn wir von Technologie sprechen, ist im gleichen Atemzug oft die Rede von Fortschritt. Nun könnte man meinen, dass dieser technische Fortschritt unser Leben „entspannter“ macht. Wieso klagen dennoch so viele Menschen über Zeitdruck bzw. fehlende Zeit?

Tatsächlich dient so gut wie jede technische Erfindung dem Einsparen von Zeitressourcen – vom Haartrockner über das Kopiergerät, die Mikrowelle und das Auto bis hin zum Flugzeug. Und wir sparen mit ihrer Hilfe auch wirklich riesige Mengen an Zeit. Die Frage lautet also, wo diese eingesparte Zeit bleibt, warum wir sie nicht „haben“. Wieso geht uns trotzdem die Zeit aus? Die Antwort ist einfach und kompliziert zugleich: Weil die Steigerungsraten über den Beschleunigungsraten liegen. Mit dem Auto kann ich mich sehr viel schneller fortbewege wie zu Fuß oder mit dem Pferd. Wenn sich aber im Zuge der Automobilisierung die durchschnittlich zurückgelegten Wegstrecken versechsfachen, brauche ich viel mehr Zeit für Reisen als vorher. Eine E-Mail wird i.d.R. schneller verfasst und übermittelt als ein Brief. Wenn ich aber die Menge der zu lesenden und zu schreibenden Emails vervierfache, brauche ich trotzdem doppelt so lange für die Kommunikation wie vorher – ganz abgesehen davon, dass ich nun über viermal so viele Vorgänge nachdenken muss. Wir können also das Zeitproblem der Moderne nur verstehen, wenn wir begreifen, dass diese Gesellschaftsformation einem eisernen quantitativen Steigerungszwang unterliegt.

Politik, Wirtschaft und unsere Gesellschaft streben grundsätzlich nach grenzenlosem Wachstum. Wer darüber nachdenkt, wird jedoch schnell der Meinung sein, dass das einfach nicht gut gehen kann. Was denken Sie wird auf uns zukommen, wenn wir stur an jener Steigerungslogik festhalten?

Ich glaube, wir müssen begreifen, dass das Problem nicht einfach der „Wachstumswahn“ ist oder ein „Streben“ nach mehr. Der Steigerungsdruck ist institutionell in unserer Gesellschaft so fest verankert, dass er zu einem strukturellen Zwang geworden ist: Wir können das, was wir haben, den institutionellen Status quo nur erhalten, wenn wir uns steigern, das heißt, wenn wir stetig wachsen, beschleunigen und erneuern Schaffen wir das nicht, verlieren wir Arbeitsplätze, dann schließen Firmen, dann gerät der Haushalt ins Ungleichgewicht und der Sozialstaat lässt sich nicht erhalten, die Gestaltungsräume schrumpfen. Wir müssen wachsen, um nicht in den Abgrund zu stürzen: Das ist das Dilemma. Wenn wir uns nicht neu erfinden, werden wir früher oder später in einem apokalyptischen Szenario enden: Öko- und Klimakatastrophen, nukleare Endzeit, sich schnell ausbreitende Viren, soziale und ökonomische Zusammenbrüche. Wir können uns viele Katastrophenszenarien ausmalen. Vielleicht besteht die Katastrophe darin, dass es einfach immer so weitergeht. Dann werden wir unsere menschlichen Begrenzungen „transhuman“ überwinden müssen, indem wir unsere körperlichen und psychischen Geschwindigkeiten mit Hilfe einer Fusion von Gen- und Computertechnologien und digitaler Vernetzung steigern. Jeder muss selbst beurteilen, ob das eine Variante der Apokalypse oder eine neue Verheißung ist.

Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit, aus dem immer schneller werdenden Karusell auszusteigen? Haben Sie eine Idee, wie man sein eigenes Leben entschleunigen könnte, um nicht irgendwann zusammenzubrechen?

Man kann ein strukturelles und institutionelles Problem nicht durch eine Änderung der individuellen Handlungsstrategie oder der inneren Einstellung lösen. Die besten Zeitmanagementtechniken oder die größten Gelassenheitsgurus vermögen nichts gegen die institutionellen Steigerungszwänge auszurichten. Allerdings können wir „Coping-Strategien“ finden, die es uns erlauben, etwas besser mit den eisernen Steigerungsimperativen zurechtzukommen.

„Das Problem ist nicht das Tempo, sondern der Beschleunigungszwang”

Das ist wie bei einer Krankheit – z. B. Diabetes: Man kann sie nicht heilen, aber man kann lernen, damit umzugehen. Das machen ja auch viele Menschen, indem sie versuchen, sich kleine „Entschleunigungsinseln“ zu schaffen: Eine Viertelstunde Yoga am Abend, ein dreiwöchiger Aufenthalt im Kloster, eine Pilgerung auf dem Jakobsweg usw. Es hilft auch, wenn wir aufhören, uns einzureden, dass wir „schon nichts Wichtiges verpassen werden“, wenn wir mal langsam machen. Doch, wir werden etwas Wichtiges verpassen, aber solches Verpassen ist heutzutage lebenswichtig. Wir sind nicht in einem bedenklichen Zustand, wenn das E-Mail-Konto nie abgearbeitet und die Schreibtischplatte nie leer ist, sondern eher umgekehrt: Wenn wir mehr Zeit haben, als wir „eigentlich bräuchten“, sollten wir uns erst Sorgen machen. Dass wichtige Dinge liegen bleiben, ist dagegen unvermeidbar. Die Soziologie kann hier vielleicht die Rolle der Beichte übernehmen. Wir sind alle gefangene Subjekte, weil wir die To-do-Liste nie ganz abgearbeitet haben, aber wir sind entlastet: Es liegt an den Strukturen…

Und was können wir gemeinsam dafür tun, damit es nicht zu einem kollektiven Burnout kommt?

Ich finde, das Wichtigste ist erst einmal zwei Dinge anzuerkennen: Erstens gibt es ein fundamentales und kollektives Problem, das in diesen unsinnigen Steigerungszwängen liegt. Es ärgert mich gewaltig, wenn Politiker und Ökonomen immer noch und immer wieder so tun, als lägen Wachstum und Steigerung einfach in der Natur der Welt und in der Natur des Menschen. Wir müssen erkennen, dass wir ein soziales Problem haben. Zweitens müssen wir erkennen, dass Wachstum nicht eine Ideologie, sondern ein struktureller Zwang ist. Den können wir in der Tat nur kollektiv lösen: Auf einer naheliegenden Ebene können und müssen wir versuchen, kollektive Entschleunigungsräume zu schaffen, etwa arbeitsfreie Sonn- und Feiertage, E-Mail-freie Werktage, ein Sabbatical als Grundrecht usw. Drittens müssen wir uns aber etwas ausdenken, das die systemischen Steigerungsimperative außer Kraft setzt. Dazu bedarf es grundlegender und weitreichender Reformen. Ich denke hier an die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens auf der einen und an die Verstaatlichung der Finanzmärkte auf der anderen Seite, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Sie schreiben in ihrer aktuellen Arbeit „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“: „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung.” Was meinen Sie damit konkret?

Weil ich Beschleunigung kritisiert habe, wurde ich lange Zeit als „Entschleunigungsguru“ missverstanden: „Rosa plädiert für Entschleunigung“. Dabei habe ich das nie getan, aus mehreren Gründen: Erstens ist es nicht möglich, alles so zu lassen wie es ist und nur ein bisschen langsamer zu werden: Slow Food etc. Das „Langsame“ bildet dabei stets nur eine folkloristische Ausnahme, so lange die Steigerungsimperative in Kraft sind. Zweitens aber kann Langsamkeit kein Selbstzweck sein: Von einer langsamen Achterbahn, einem langsamen Notarzt oder einer langsamen Internetverbindung gewinnt niemand etwas. Ich habe mich also gefragt: Wann wird Beschleunigung zum Problem? Meine Antwort lautet: Erst dort, wo sie Entfremdung produziert, wo sie verhindert, dass wir mit den Menschen, mit denen wir zu tun haben oder mit den Orten, an denen wir uns aufhalten oder den Werkzeugen, mit denen wir arbeiten in eine echte Beziehung zu treten.

 „Entfremdung ist fehlende Anverwandlung von Welt.”

Also habe ich mich zweitens gefragt: Was ist das Gegenteil von Entfremdung? Von was träumen wir wirklich, wenn wir uns nach Entschleunigung sehnen? Und meine Antwort lautet: Das Gegenteil von Entfremdung und damit die Grundform des gelingenden Lebens finden wir dort, wo wir mit den Menschen, den Dingen, der Landschaft und mit uns selbst in Resonanz treten. Wenn Entfremdung eine Beziehung der Beziehungslosigkeit ist, ist Resonanz die gelingende Beziehung. Sie besteht aus vier Elementen: Erstens, wir werden von der Außenwelt wirklich berührt, bewegt oder ergriffen. Zweitens, wir vermögen es auch selbst, mit der Welt in aktiven Kontakt zu treten, wir erfahren uns als selbstwirksam. In dieser wechselseitigen Beziehung von Erreichen und Erreichtwerden verwandeln wir uns: Wir bleiben in der Begegnung mit den Menschen, den Dingen, den Orten usw. nicht dieselben. Das ist das dritte Element. Viertens aber: Ob sich Resonanz einstellt oder nicht, und was das Ergebnis der Verwandlung sein wird, lässt sich nicht vorhersagen, nicht planen und nicht optimieren. Das sind die vier Elemente einer Resonanzbeziehung: Berührung, Selbstwirksamkeit, Verwandlung, Unverfügbarkeit. Insbesondere die Unverfügbarkeit widersetzt sich der Steigerungslogik essentiell. Deshalb glaube ich: Die Resonanzorientierung kann uns einen Maßstab dafür liefern und die Richtung dafür angeben, wie wir uns kollektiv aus dem Steigerungsregime befreien.

Bisher haben wir nur darüber gesprochen, wie es ist, wenn man keine Zeit hat. Wenn wir jedoch mal ausreichend Zeit für uns haben, packen wir unsere Tage von oben bis unten voll.  Kann es sein, dass die Mehrheit von uns vielleicht die Muße und den Müßiggang verlernt hat? Und woran könnte das liegen? 

Ja, ich denke, wir haben tatsächlich die „Muße“ verlernt, denn Muße stellt sich nicht einfach dann ein, wenn wir „nichts tun“, sondern erst dann, wenn wir das Gefühl haben, frei von Zeitdruck zu sein: Wenn die To-do-Liste abgearbeitet ist. Für uns spätmoderne Menschen ist das aber nie der Fall: Es gibt immer Dinge, die wir tun müssen oder glauben tun zu müssen oder unbedingt tun wollen. Das liegt allerdings auch an einem Gefühl der Panik: Wir haben Angst davor, der Zeit und der Existenz oder dem Leben „nackt“ ausgesetzt zu sein. Wir haben Angst davor, dass die Entfremdung auch dann bleibt, wenn wir die Chance hätten, in Resonanz zur Welt zu treten.

Was machen Sie persönlich, um der Beschleunigung der Welt zu entkommen?

Ich schreibe Bücher über Entfremdung.

Und abschließend: Werden die Menschen in 50 Jahren immer noch unter dieser Beschleunigung leiden? Oder gewöhnen wir uns daran, wie wir uns an die Geschwindigkeit der Lokomotive oder an das Automobil gewöhnt haben?

Das scheint mir geradezu ein Denkfehler zu sein: Natürlich können wir uns immer wieder an höhere Geschwindigkeiten gewöhnen. Wir sind sehr anpassungsfähig und „plastisch“. Aber es ist ja nicht so, dass die Geschwindigkeiten stabil bleiben, wenn sie sich erst einmal auf einem neuen Niveau eingependelt und wir uns daran angepasst haben: Beschleunigung bedeutet, dass wir in immer kürzeren Zeitabständen noch schneller werden müssen. Deshalb ist es unsinnig zu sagen: Die neue Generation der „digital natives“ habe kein Problem mehr mit dem neuen Tempo. Das Problem ist nicht das Tempo, sondern der Beschleunigungszwang und der bleibt bestehen und verschärft sich und wenn es so weiterläuft, wird es in 50 Jahren die Hölle sein – oder der „alte“ Mensch wird überwunden sein.

Hartmut Rosa gehört zu den bekanntesten Soziologen und Politikwissenschaftlern in Deutschland. Er forscht zu den Themen Zeitdiagnose und Moderne-Analyse, Normative und empirische Grundlagen der Gesellschaftskritik, Subjekt- und Identitätstheorien, Zeitsoziologie und Beschleunigungstheorie sowie einer Soziologie der Weltbeziehung.

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