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Foto: Andrea Piacquadio.

Junge Paare – Familienplanung aufgeschoben auf nie

Das (gewollt) kinderlose Paar ist in Deutschland im Gegensatz zu Ländern wie Italien oder Spanien kein allzu neuer Trend mehr. Seit der Babyboomergeneration in den 50er bis 60er Jahren ist die Geburtenrate drastisch gesunken. Woran liegt das und sind wirklich nur die Frauen das „Problem”?

Ich will keine Kinder. Ich habe mich gegen Mutterschaft in meinem Leben entschieden. Das ist für mich persönlich eine völlig gerechtfertigte und adäquate Antwort auf die wohl persönlichste und gleichzeitig in höchstem Maße sozialpolitische Frage im Leben junger Menschen: Kinder oder keine Kinder? Meine Antwort an sich ist schon eines der ultimativen Tabus unserer Gesellschaft: Eine Frau, die keine Kinder will, hat in den Augen unserer Politik eine der Kernaufgaben ihres Lebens nicht erfüllt. Denn Kinder sind in unserem umlagefinanzierten Rentensystem nicht nur meine Altersvorsorge, sondern auch die meiner Mitmenschen. Wenn ich und andere Frauen sich dazu entscheiden, keine Kinder zu bekommen, dann wird dieses System bedroht und im Zweifel irgendwann nicht mehr funktionieren. 

Bisher stehe ich in meinem sozialen Umfeld mit meiner Entscheidung alleine da. Aber auch wenn meine Freunde und Bekannten, weiblich wie männlich, später alle einmal Kinder haben möchten, fällt allein schon in diesem Halbsatz das Wörtchen „später” ins Gewicht. (Heterosexuelle) Paare entscheiden sich immer häufiger gegen die Familiengründung oder verlegen sie drastisch nach hinten. Woran liegt das?

Doing the math: „Immer weniger Frauen wollen ein Kind…”

Fangen wir mit ein paar Zahlen an: In den letzten 40 Jahren ist die Geburtenrate laut dem Statistischen Bundesamt in Deutschland von etwa durchschnittlich 2,2 Kindern pro Familie,  oder Frau im gebärfähigen Alter, auf 1,53 gesunken. Und während es 1996 noch etwa 13,2 Mio. Familien bestehend aus Mutter, Vater und Kind(ern) in Deutschland gab, brach dieser Wert im Jahr 2019 um 12 % auf 11,6 Mio. Familien ein. 2020 wurden etwa 6155 beziehungsweise rund 1 % weniger Kinder geboren als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Und schlussendlich: Die Quote der kinderlosen Frauen ist etwa doppelt so hoch wie in den 80er Jahren. 

Doch während in den Statistiken immer wieder von kinderlosen Frauen die Rede ist, wird dabei anscheinend außer Acht gelassen, dass sich auch immer mehr Männer oder Paare als Sozialgefüge gegen Kinder entscheiden.

Die Gründe dafür sind so vielfältig wie verständlich: Eine ganz banale Begründung ist wie bei mir kein Kinderwunsch. Aber auch andere gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen unserer Zeit tragen zu dieser Entscheidung bei. 

Foto: Juan Pablo Serrano Arenas

Heiratsmarkt? Datingmarkt!

Zunächst einmal funktionieren zeitgenössische Beziehungen und Beziehungsfindung ganz anders als noch Mitte des letzten Jahrhunderts. Keine:r meiner Bekannten und Freund:innen hatten in ihrem Leben bisher nur eine:n Partner:in. Wir sind wählerischer geworden, aber auch experimentierfreudiger. Der Single des 21. Jahrhunderts hat die Möglichkeit sich auf serielle Monogamie, traditionelle Monogamie, Polyamorie, offene Beziehungen, bi- oder hetero- bzw. homosexuelle Beziehungen festzulegen oder zwischen diversen Beziehungsmodellen und sexuellen Orientierung zu wechseln. Er kann aber auch einfach alleine bleiben und auch das ist vollwertig und gut. Die Einführung von Verhütungsmitteln jedweder Couleur und die damit sexuell weitestgehende, wenn auch leider noch nicht durchgehende, Selbstbestimmung nicht nur der Frau, sondern unser gesamten Generation, machen es möglich, den vormaligen Heiratsmarkt in einen bunten und vielfältigen Datingmarkt umzuwandeln. Mehr Selbstbestimmung und Freiheit, weniger Zwang und Tradition. 

Working 9 to 5 – What a way to make a living

Was natürlich neben der sexuellen Revolution eine Rolle spielt, sind ökonomische Gründe. Gerade junge Menschen mit Studienabschlüssen entscheiden sich sehr häufig, die Familienplanung aufzuschieben oder ganz vom Tisch fallen zu lassen: Eine Ausbildung durch ein Studium dauert etwa doppelt so lange wie eine Lehre (immerhin durchschnittlich sieben Jahre) und verspätet den Start in ein Berufsleben um ca. vier Jahre. Und mit dem Eintritt in den Arbeitsmarkt wird die Frage nach Kindern oder keinen Kindern modifiziert, zumindest für diejenigen, die sich ursprünglich Kinder gewünscht hätten. Jetzt lautet sie nämlich: Kinder  oder doch lieber Karriere?

Gerade für Frauen ist diese Frage maßgeblich bestimmend. Denn es sind nach wie vor häufiger Frauen, die trotz meist gleichwertiger Ausbildung und Qualifikation schlechter bezahlt sind und durch das Gender Pay Gap und das sogenannte Ehegattensplitting aus dem Berufsleben ausscheiden, wenn sie sich für eine Familie entscheiden. Erst seit 1977 dürfen Frauen einen eigenständigen Beruf unabhängig von ihren ehelichen Pflichten ausüben und ein eigenes Bankkonto führen. Sie brauchen somit eigentlich keine Familie oder einen Ehemann als Altersvorsorge mehr. 

Noch immer werden jedoch Frauen alleine aufgrund ihrer Gebärfähigkeit in Deutschland beruflich benachteiligt, während sie gleichzeitig gnadenlos für die Biopolitik unseres Landes eingespannt werden. Es ist demnach völlig verständlich, dass junge Menschen und gerade Frauen die Entscheidung für eine Familie immer seltener treffen.

Ein traditionelles Familienportrait aus den 60 Jahren. Zu der Zeit durften Frauen weder einen eigenständigen Beruf ausführen, noch ein Bankkonto eröffnen. Foto: Loneaxiom (CC BY-SA 4.0).

Mutterschaft: Steht das für Mutter schafft, was Vater alleine nicht kann?

Somit hat Deutschland es in den letzten 60 Jahren versäumt, die Rolle der modernen Frau in der Gesellschaft diesen Möglichkeiten auch anzupassen. Das ist insofern problematisch, als dass die Gründung einer Familie hier nach wie vor gern gesehen wird, es allerdings  in den meisten Fällen kaum ausreicht, eine Familie mit nur einem vollen Gehalt zu finanzieren. 

Frauen indes, die Kinder und Karriere unter einen Hut bringen wollen ohne die Kindererziehung an andere Care-Arbeiter:innen auszulagern und damit ihr Problem zu dem einer anderen Person zu machen, bleibt oft nur die Arbeit in Teilzeit. Und das sind meist eher niedrig bezahlte Jobs im Care- oder Bildungssektor – immerhin: systemrelevant, wenn auch schlechter vergütet. Eine CEO-Position in einem im Dax notierten Unternehmen lässt sich halt nicht mit einer 25-Stunden-Woche vereinbaren. 

Elternschaft: Ein Störfall in unserer Arbeitswelt

Die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim beschreibt Mutterschaft daher sehr treffend als einen „Störfall in der modernen Arbeitswelt”, denn die habe für Frauen mit Kinderwunsch selten oder gar keinen Platz. „Karriere erfordert die maximale zeitliche, geistige und körperliche Verfügbarkeit. So wird aus der selbstbestimmten Entscheidung, Familie auf später aufzuschieben, ein ‚Aufschieben-Müssen‘, weil es der Job erfordert”, sagt die Soziologin in der Zeit. 

Doch auch Männer mit Kinderwunsch leiden unter der Unvereinbarkeit von Familie und Karriere. Denn auch von Ihnen verlangt ein Vollzeitberuf ein hohes Maß an Flexibilität. Gerade dann, wenn die Bereitschaft zu häufigen Reisen oder einen regelmäßigen Wechsel des Wohnsitzes erforderlich ist, um beruflich aufzusteigen. 

Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht – oder doch?

Wer in unserem Land also Karriere machen will, tut dies meist auf Kosten eines eventuell bestehenden Kinderwunsches. Und wer Kindern den Vorrang gibt, trifft im Zweifel eine teure Lebensentscheidung, die ihn/sie seine, meist aber ihre, berufliche Zukunft kosten könnte.

Die Lösung für dieses Problem klingt so einfach, wenngleich sie vielleicht utopisch ist: Wer Kinder möchte, sollte dafür nicht teuer bezahlen müssen und im Rentenloch landen. Denn auch, wenn ich mich persönlich gegen Mutterschaft und Kinder entschieden habe, bin ich der Meinung, dass Kindererziehung Arbeit ist: Care-Arbeit. Und normalerweise verdient erbrachte Arbeit einen Lohn, von dem ein Mensch leben können sollte. Besonders die aktuelle Zeit macht deutlich, dass Kindererziehung, Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege Berufe sind, die im Gegensatz zu Vorstandspositionen in großen börsennotierten Unternehmen tatsächlich essentiell sind für die Zukunft unserer Gesellschaft. Und wenn diese Arbeit entsprechend vergütet würde, könnte Deutschland sich mit Sicherheit wieder auf das eine oder andere Kind mehr in der künftigen Statistik freuen.

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