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Kann Banking weiblich sein? – Interview mit Karolina Decker von FinMarie

Karolina Decker arbeitet seit Jahren in der Finanzbranche und bereitet gerade den Marktstart von FinMarie vor – der ersten Online-Vermögensverwaltungs-Plattform von Frauen für Frauen. FinMarie funktioniert wie eine persönliche Anlageberaterin und hilft Frauen dabei, ihr Vermögen – je nach Lebenslage und Ziel – kurzfristig oder langfristig zu vermehren.

Mit FinMarie sollen Frauen – unabhängig von ihrem Alter und ihrer Lebens- und Berufssituation – lernen, selbstbewusst mit ihren Finanzen umzugehen, um die richtigen Entscheidungen für ihren Vermögensaufbau treffen zu können. Dabei haben sie jederzeit einen Überblick über ihre persönliche finanzielle Situation sowie ihre zukünftigen Möglichkeiten, und entscheiden immer selbst über alle Schritte ihres Vermögensaufbaus. In den letzten Monaten haben Karolina Decker und ihre Mitgründerinnen Kamila Danilowicz-Gösele und Katharina Beuck ihr FinTec-Start-up bei etlichen Pitches präsentiert und stoßen auf großes Interesse bei Partnern und Investoren. Wir sprachen mit ihr über die Gründung, die Chancen der Digitalisierung und die Zukunft weiblichen Bankings.

Karolina, Du kommst selbst aus der Finanzbranche – wie und wann ist die Idee zur Gründung von FinMarie entstanden?

Ich war lange Zeit Vertriebsmanagerin im Bereich Immobilien und in den letzten Jahren bei der Deutschen Bank Berlin im Compliance-Bereich tätig. Dabei habe ich gemerkt, dass weibliche Kundinnen andere Fragen stellen als Männer und auch eine andere Herangehensweise beim Vermögensaufbau haben. Also begann ich im August 2017 mit einer Kollegin Mind the Gap zu organisieren, eine regelmäßige Veranstaltungsreihe für Frauen zum Thema Finanzen, die wir mittlerweile bundesweit durchführen. Hierbei handelt es sich um ein monatlich wiederkehrendes Meetup- und Seminarformat zum Thema Women & Wealth. Die Mind the Gap-Community umfasst inzwischen mehr als 800 Frauen und wächst kontinuierlich. Wir haben an dem großen bestehenden Interesse und in vielen Gesprächen gemerkt, dass es Frauen ein starkes Bedürfnis ist, sich mit ihrer finanziellen Unabhängigkeit und der Absicherung ihrer Kinder und Familien zu beschäftigen. So kamen wir ziemlich schnell auf die Idee, FinMarie zu gründen.

Was hat Frauen Deiner Erfahrung nach bislang davon abgehalten, sich mit ihrer finanziellen Absicherung zu beschäftigen, und wie wollt Ihr das ändern?
Dafür gibt es sicherlich viele Gründe. Frauen, die klar und offen über Finanzen sprechen oder ihr Gehalt gut verhandeln, sind immer noch in der Minderheit. Viele sind unsicher oder haben den Umgang mit Geld lange Zeit ihren Männern überlassen, und dann erst im Fall einer Scheidung oder bei der Rente festgestellt, wie schlecht es für sie aussieht. Der Gender Pay Gap beträgt in Deutschland 21 Prozent, der Gender Pension Gap liegt sogar bei sehr hohen 53 Prozent. Diese Zahlen über Beratung, Kongresse und Workshops ins Bewusstsein zu rücken und im Sinne der Gleichstellung und Unabhängigkeit von Frauen zu ändern, gehört mit zu unserer Mission.

Warum haltet Ihr eine Beratung von Frauen für Frauen im Finanzbereich für notwendig, und was macht Ihr anders als Eure männlichen Kollegen?
Wir sehen uns die Lebenssituation von Frauen an und gehen auf ihre ganz individuellen Bedürfnisse ein, die sich zuweilen schnell und stark ändern. In der Regel sind es immer noch überwiegend Frauen, die sich um die Kinder kümmern, zeitweise halbtags arbeiten oder später Eltern und Schwiegereltern pflegen. Wir analysieren zusammen in einem kostenlosen zweistündigen One-To-One-Coaching ihre Situation und entwickeln gemeinsam Strategiedepots. Hierfür haben wir verschiedenste Modelle, die wir immer an den Bedarfen unserer Kundinnen ausrichten. Dazu gehört auch ein regelmäßiger Austausch und stetiger Dialog – wir sind also eher eine gut vernetzte Community, die sich gegenseitig unterstützt, als eine klassische Finanzplattform.

 

“Frauen präferieren Portfolios mit Wirkung. Ihnen sind zum Beispiel Themen wie Nachhaltigkeit und ökologischer Fußabdruck wichtig.”

 

 

investieren Frauen anders als Männer, und wenn ja, was sind die Unterschiede?
Ja, Frauen präferieren Portfolios mit Wirkung. Ihnen sind zum Beispiel Themen wie Nachhaltigkeit und ökologischer Fußabdruck wichtig. Außerdem denken Frauen meist langfristiger. Viele entscheiden sich eher für Sicherheit statt schneller Rendite – insbesondere, wenn es um ihre Kinder oder Familien geht. Auch eine hohe Liquidität ist vielen Frauen wichtig, denn falls sich eine Lebenssituation spontan ändert, wollen sie handlungsfähig bleiben. Dabei kann ich das gängige Vorurteil, dass Frauen risikoavers seien, nicht bestätigen. Aber sie sind trotzdem sehr „risiko-aware“, wollen also das Risiko kennen, auf das sie sich einlassen.

Wie viel Geld pro Monat sollte frau zur Verfügung haben, um mit dem Vermögensaufbau via FinMarie anzufangen, und auf welche Anlageformen setzt Ihr dabei?
Wir haben keinen Mindestbeitrag. Sinn macht eine Geldanlage schon ab rund 50 Euro pro Monat, die regelmäßig via Sparplan angelegt werden. Viele Frauen, die zu uns kommen, haben bereits eine feste Summe zurückgelegt. Wir helfen ihnen dann bei der Entscheidungsfindung und setzen immer auf individuelle Lösungen.

Wo liegen die Chancen und Vorteile einer digitalen Online-Investment-Plattform?
Zielgruppe sind bislang Ü30-Frauen, die sehr digital unterwegs sind und sich zunächst transparent online informieren wollen. Danach nehmen sie in der Regel Kontakt auf und wollen einen Eindruck davon erhalten, wer hinter FinMarie steckt. Diese Frauen kennen sich oft schon recht gut mit Aktien aus und wollen ihre Depots selbst verwalten. Wenn nicht, dann übernehmen wir das gerne für sie, und die FinMarie-Plattform hilft uns dabei. Außerdem können Frauen sich digital um ihre Finanzen kümmern, wann sie wollen – FinMarie ist 24/7 aus der ganzen Welt erreichbar.

Bei FinMarie arbeitet Ihr mit einem Robo-Advisor. Wie funktioniert ein Robo-Advisor, und welche Aspekte der Digitalisierung unterstützen dabei dieses moderne Banking-Modell?
Die Bezeichnung Robo-Advisor setzt sich aus den englischen Wörtern für Roboter (robot) und Berater (advisor) zusammen. Unsere FinMarie-Plattform nutzt einen systematischen, größtenteils automatisierten Prozess, um Frauen den Zugang zu einer professionellen Vermögensverwaltung zu ermöglichen. Dabei übernimmt ein Algorithmus die Erstellung sowie die laufende Überwachung und Anpassung der Portfolios. Durch die Automatisierung und Digitalisierung vieler Prozesse werden Gebühren gesenkt, Effizienzen gesteigert und die digitale Benutzeroberfläche verbessert. Dies führt auch zu einer hohen Transparenz bei der Geldanlage. Jede Frau kann also zu jedem Zeitpunkt sehen, wo sie steht, und bei Nichtgefallen jederzeit kündigen.

Wie schätzt Du die Zukunft für weibliche Banking-Modelle ein?
Ich glaube tendenziell, dass sich mehr und mehr Frauen in die Finanzwelt begeben werden. Nicht nur Akademikerinnen, die im Durchschnitt bessere Abschlüsse als Männer haben, wollen finanziell unabhängig sein und ihr eigenes Geld verwalten. Früher hat man oft jahrzehntelang im gleichen Job gearbeitet – heute wechselt man diesen öfter und muss sich um Altersvorsorge und Vermögensverwaltung selbst kümmern. Auch viele große Unternehmen wie etwa die Allianz, Bayer oder UBS haben das Thema auf der Agenda – letzte Woche waren wir zum Beispiel bei Vattenfall und haben dort Workshops gegeben, um zu vermitteln, dass die Finanzwelt zwar komplex ist, aber nicht kompliziert. Davon überzeugen wir mehr und mehr Frauen.

Was sind bislang Eure größten Herausforderungen bei der Gründung?
Wir haben in den letzten Monaten mit vielen großen Finanzdienstleistern gesprochen. Die größte Herausforderung war, einen verlässlichen Partner zu finden. Das haben wir aber jetzt geschafft. Auch die Prozedur mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin) ist ein langer und bürokratischer Weg, der noch nicht digitalisiert ist. Im Vergleich dazu haben wir unsere ersten Kundinnen viel einfacher gefunden.

Auf was dürfen wir uns als nächstes freuen?
Am Samstag, den 15. September, findet von 9–19 Uhr im Ahoy Berlin unser erster The Bridge: Women & Wealth Summit für über 200 Frauen mit 12 Speakerinnen und Speakern statt, darunter Katja Eckardt, die Gründerin von finanzdiva.de, die Buchautorin und Handelsblatt Finanzexpertin Jessica Schwarzer und Natascha Wegelin aka Madame Moneypenny. Wir starten um 10 Uhr mit Yoga und Kaffee, und es gibt jede Menge spannender Workshops. Außerdem zeichnen wir die Financial Justice Champions aus.

Danke für das Gespräch.

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