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Kult um Vinyl: Lieber lebendiges Knistern als tote Perfektion

Sie rauscht und knackt, ist unhandlich und teuer. Trotzdem steigen die Verkäufe von Schallplatten kontinuierlich an. Gründe für das unerwartete Wiederaufleben einer antiquierten Tontechnik.

Als Steve Jobs verkündete, man könne von nun an seine gesamte CD-Bibliothek in der Hosentasche tragen, wurden MP3-Player zur Sensation. Das war 2001. Dann wurde es Normalität. Fünf Jahre später kam Spotify und versprach, nicht nur die eigene Bibliothek, sondern quasi jeden Song verfügbar zu machen, immer und überall auf Abruf. Und auch daran haben sich die Nutzer gewöhnt. Wenige Sekunden dauert es heute, bis ich ein bestimmtes Album, einen Song oder eine Playlist meiner Wahl anhören kann.

Das Abspielen von Schallplatten ist dagegen richtig aufwendig. Man braucht ein Abspielgerät, ggf. einen Vorverstärker, zwingend aber einen Verstärker, Lautsprecher und Zeit. Zeit, um Platten auszusuchen, zu kaufen, nach Hause zu tragen, sie auszupacken. Und teuer sind sie auch noch. Dann muss der Verstärker eingeschaltet, die Platte aufgelegt, der Teller in Bewegung gebracht und die Nadel vorsichtig in die Rille gesetzt werden. Und dann? Das Erste, was man hört: ein leises Knacken und Knistern, egal wie neu die Platte ist, aber zunehmend mit zunehmendem Alter.

Schallplatte Renaissance

Foto: Priscilla Du Preez.

USA: Platten beliebter als Downloads

Trotzdem sind Schallplatten so beliebt wie seit 20 Jahren nicht mehr. Und der Verkauf steigt – ungebrochen. Jedes Jahr werden neue Rekorde für dieses Jahrtausend erzielt: 3,3 Millionen Stück waren es 2017. In den USA wurden im gleichen Jahr sogar erstmals mehr Platten als Downloads verkauft.

Doch wie kann das sein? Wie kann ein so zeit- und kostenintensiver physischer Tonträger ein Revival im total-digitalen Jahrtausend erleben?

In einem Seminar zum Thema Media Resistance an der Freien Universität Berlin Anfang des Jahres, bei dem es um das immer wiederkehrende Phänomen des Widerstands gegen Neue Medien ging, war auch Nico Carpentier zu Gast, Professor für Medien und Informatik an der schwedischen Universität Uppsala. Er bereicherte den Vortrag mit einer kurzen Anekdote: „Als CDs erschienen, weigerten sich einige DJs, die Platte aufzugeben. Sie hatten recht. Digitale Musik hat weniger Seele und der Sound von Vinyl bleibt unübertrefflich.”

DJs sind ja die Fachmänner für Tonträger, aber da Herr Carpentier ein Forscher ist, wollen wir dieser Anekdote wissenschaftlich auf den Grund gehen. Insbesondere gilt es, die Aussage zu prüfen, ob der Sound von Vinyl unübertrefflich ist. Demzufolge gibt es also minder- und höherwertigen Sound. Aber wie misst man so etwas?

DJ auflegen

Foto: Modesta Žemgulytė.

In der Tontechnik gibt es dafür eine Reihe von Variablen, etwa Dynamik, lineare Frequenzwiedergabe und Verzerrungen. Aussagen über Qualität werden im normierten Leistungskennwert High Fidelity (kurz: Hi-Fi) zusammengefasst, der schließlich über die Klangtreue Aufschluss gibt: also, wie nah die Tonaufnahme am Original ist. – Heute, wo immer mehr Musik schon in der Entstehung digital ist, werden solche Fragen zunehmend widersinnig, aber das ist eine andere Geschichte. 

Misst man die optimale Wiedergabequalität einer Platte und einer CD und orientiert sich dabei am Hi-Fi-Maßstab, lässt sich der Sound vergleichen. Das Ergebnis: Die Dynamik (der Unterschied zwischen dem leisesten und lautesten Geräusch) ist bei Schallplatten nur etwa halb so groß, auch die originalgetreue Wiedergabe aller hörbaren Frequenzen ist auf Vinyl eher dürftig. Hinzu kommen dann noch die bereits beschriebenen Störgeräusche, die bei digitalen Tonträgern komplett wegfallen. (Bei Blogrebellen gibt es dazu eine detaillierte Analyse.) Damit deklassiert die CD die Schallplatte in allen messbaren Bereichen. Es ist, als wollte man mit einem Porsche 911er (natürlich Baujahr 63) bei der Formel 1 gegen Lewis Hamilton antreten. Unter ästhetischen Gesichtspunkten läge man sicherlich weit vorne, aber mit hübschem Aussehen gewinnt man keine Rennen.

Zurück zur Musik. Was brachte die erwähnten DJs damals dazu, ihrem Vinyl treu zu bleiben? Warum glauben bis heute so viele, Platten klingen besser und haben, im Gegensatz zu digitaler Musik, eine Seele?

Es sind paradoxerweise gerade die Unzulänglichkeiten, die uns Plattenliebhabern ans Herz gewachsen sind. Denn die Produktion von Schallplatten birgt gewisse Imperfektionen, die sie einzigartig machen; das unregelmäßige Rauschen, das warme Knistern. Zum Vergleich, das viel kleinere silbrig-glänzende digitale Äquivalent, mit ihrer Hochglanzoberfläche und den bunt-konzentrischen Kreisen, die einem nur so entgegenschreien: Ich bin eine Kopie einer Kopie einer Kopie. Die CD scheint die Antithese zur Schallplatte geworden zu sein, eine chromfarbene Verheißung einer Zukunft, dessen Vision für den Film erfunden wurde. Das Missverständnis war, sie von der zelluloidenen Dimension in die Realität zu zerren – da gehörte sie nämlich nie hin. Und Streaming setzt da noch einen drauf, macht alles virtuell. Mit ihm ging die Körperlichkeit von Musik komplett verloren.

Foto: Florencia Viadana

Vinyl erzwingt Entschleunigung und lullt in schöne Illusionen ein

Schallplatten zu hören vermittelt dagegen die Illusion, zu verstehen, wie Musik entsteht. Man sieht die Rillen, begreift, wie jeder Song voneinander getrennt ist, verfolgt, wie der diamantene Tonabnehmer sich langsam durch die klitzekleinen Erhebungen zur Mitte hinbewegt. Man ist gezwungen, sich mit der Musik zu beschäftigen, sie bewusster wahrzunehmen, sich dem Tempo anzupassen.

Auch ein Blick auf die Vinyl-Bestsellerliste gibt Aufschluss darüber, wie und warum Schallplatten gehört werden. Es gibt zum einen die Klassiker, fünf der zehn meist gekauften Alben fallen in diese Kategorie, darunter Nevermind von Nirvana, Pink Floyds The Dark Side of the Moon und A Night at the Opera von Queen. Dann gibt es nostalgiegeladene Compilations und Neuauflagen, etwa Awesome Mix Vol. 1 aus dem Marvel-Film The Guardians of the Galaxy. Und es gibt Neuerscheinungen, die auch tatsächlich neue Musik beinhalten. Allerdings von Künstlern, die auf die eine oder andere Art und Weise selbst Vinyl verkörpern: Zum Beispiel Dendemann, der seit dem letzten Release acht Jahre hat vergehen lassen und allein damit dem Turbo-Produktionszyklus des Streamingzeitalters etwas entgegensetzt. Oder AnnenMayKantereit, die mit ihrer bewusst authentischen Pose gut zum Medium passen.

Daher mögen die von Nico Carpentier geschilderten DJs aus tontechnisch-messbarer Sicht falsch liegen, aber seine Beschreibung vom Seelenhaften bringt ziemlich treffend zum Ausdruck, weshalb immer mehr Menschen heute Vinyl hören.

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