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Foto: Karolina Jonderko

Kuscheltherapie mit Vinylbabys: Warum erwachsene Frauen Puppen adoptieren

Wenn erwachsene Menschen mit Puppen spielen, dann finden viele das unheimlich. Die polnische Fotografin Karolina Jonderko fotografiert seit sechs Jahren Frauen, die künstliche Babys aus Vinyl adoptieren. Dabei stellte sich heraus, dass die sogenannten Reborn-Babys für ihre Adoptivmütter viel mehr als nur Vinylpuppen sind.

Sie haben eine Geburtsurkunde, auf der Größe und Gewicht vermerkt sind, sie sehen aus wie echte Babys, sie riechen wie echte Babys, sie wiegen so viel wie echte Babys, ihr Kopf ist fragil, sodass man ihn wie bei einem echten Baby stützen muss, aber sie sind eben nicht echt. Äußerlich unterscheidet diese Babypuppen aus Kunststoff, die Reborn Dolls genannt werden, nicht viel von lebendigen Babys. Doch Frauen, die Reborn-Babys adoptieren, werden die Vinylpuppen niemals krabbeln, brabbeln, laufen oder den Schulabschluss machen sehen. Sie bleiben für immer so. Alterslos und unverletzbar.

„Die Menschen sind sehr voreingenommen. Sie urteilen schnell“, findet die polnische Fotografin Karolina Jonderko. 2015 begann sie Frauen zu fotografieren, die Reborn Dolls adoptiert haben. Bei einem Besuch in England bei ihrer Schwester sah sie zufällig die BBC-Dokumentation „My Fake Baby“ und war von den realistischen Puppen sofort fasziniert. „Es sind wirklich besondere Objekte. Sie sind einzigartig, jede ist handgemacht, jede basiert auf einem echten Baby. Deshalb nennt man sie ‚wiedergeboren‘“, erklärt sie.

Wüsste man es nicht, könnte man denken, sie seien echt: Sie sehen aus wie echte Babys, doch diese Puppen, Reborn Dolls genannt, sind aus Vinyl. Foto: Karolina Jonderko

Die Reborn Community wächst durch Social Media

Karolina sagt, der Reborn-Trend begann in den 1990ern in den USA, online findet man ähnliche Angaben. Die Reborn Community ist groß. Sie ist immer noch eine Nische, wie groß genau sie ist, ist schwer einzuschätzen, da es keine genauen Zahlen gibt. In Reborn-Dolls-Facebook-Gruppen tummeln sich bis zu 8000 Reborners, auf Instagram findet man unter dem Hashtag #reborncommunity über 400 000 Beiträge, unter #rebornbaby über 800 000. Manche Reborn-Künstler*innen haben 30 oder 40 000 Follower. Es gibt Reborn-Doll-Messen, Magazine, Festivals und Konferenzen auf der ganzen Welt.

Wer ein Reborn-Baby erwerben möchte, kauft es im Internet von einer*m Reborn-Künstler*in. Reborn-Babys gibt es online in allen Preisklassen, von ein paar Hundert bis hin zu mehreren Tausend Euros.

Das Internet ist voll von Reborn Content. Besonders auf Youtube kommt die Community in Scharen zusammen. Videos mit Reborn-Babys werden über zwei Millionen Mal angeklickt, größere Reborn Channels, wie Aloha Baby Dolls oder Aliyah’s Reborn World haben um die 300 000 Follower. Auf ihren Accounts finden sich zum Beispiel Videos, wie Reborners ihre Schützlinge waschen, ihnen den Schnuller in den Mund stecken, sie wickeln oder anziehen. „Baby Evelyn hat einen sehr akkurat geformten Intimbereich, deshalb lassen wir ihre Windel mal an“, erklärt eine Reborn-Künstlerin in einem Youtube Video, während sie darauf verzichtet, Evelyns Intimbereich vor laufender Kamera zu zeigen.

„In England haben sie sich über diese Frauen lustig gemacht.” Foto: Karolina Jonderko

Erst wollte Karolina Frauen in England fotografieren, wo es eine besonders große Reborn-Szene gibt. Doch sie traf dort vor allem auf Unverständnis. „In England haben sie sich über diese Frauen lustig gemacht. Je dramatischer die Überschrift in der Presse, desto mehr Klicks. Sie nutzen diese Frauen nur aus“, erklärt die Fotografin. „Keiner wollte wirklich mehr darüber herausfinden, wieso diese Frauen Reborn Dolls haben. Sie haben sie einfach als verrückt abgestempelt.“ Karolina wollte genau das herausfinden. Deshalb beschloss sie, in ihrer Heimat Polen nach Frauen für ihre Dokuserie zu suchen.

Sind Puppen nur etwas für Kinder?

Wenn Kinder mit Puppen spielen, ist das normal und altersgerecht. Wenn Erwachsene das tun, ist es entweder pervers oder verrückt. Dabei gibt es viele Gründe, warum erwachsene Frauen Puppen adoptieren. Viele verarbeiten Verluste, andere wünschen sich, Mutter zu einem beliebigen Zeitpunkt oder erneut Mutter zu werden, für andere ist es ein Hobby. „Jede hat einen anderen Grund“, sagt Karolina. „Eine meiner Protagonistinnen versuchte lange, schwanger zu werden. Nach vielen Jahren klappte es endlich, doch ihr Sohn überlebte nur 18 Tage. Sie sagte zu mir: ‚Ich bin mit leeren Händen aus dem Krankenhaus gekommen und diese Hände taten höllisch weh.‘ Kurz danach erfuhr sie von den Reborn-Babys. Man braucht etwas, um den Verlust zu verarbeiten. Sie benutzte die Puppe ein Jahr lang. Vor ein paar Monaten schrieb sie mir, dass sie ihre Puppe verkaufen möchte und mit ihrem Partner versucht, ein echtes Kind zu adoptieren.“

Viele Reborn Mamas haben bereits eine Familie mit echten Kindern. Foto: Karolina Jonderko

Andere Reborn-Mamas haben bereits eine Familie mit echten Kindern. Karolina bemerkte, dass Kinder die Puppen ohne Vorurteile in die Familie integrieren. Sie sind frei von Vorurteilen, die bei erwachsenen Menschen viel tiefer verankert zu sein scheinen. „Kinder sind toleranter und emphatischer als Erwachsene“, sagt Karolina.

Eine ihrer Protagonistinnen erzählte ihr, dass ihr Sohn es liebte, mit dem Reborn-Baby im Kinderwagen zu spazieren. Doch die Reaktionen von Passanten schockierten sie: „Wenn mein Sohn die Puppe hält, sagen die Leute, er wird schwul. Aber wenn ein Junge mit einer Pistole durch die Gegend rennt und auf Leute schießt, dann ist er eben einfach ein Junge. Das ist einfach unglaublich!“ Als Karolina sich an diese Anekdote erinnert, echauffiert sie sich. Das Projekt hat ihr auch offenbart, wie viele Vorurteile Menschen haben und wie verzerrt die Wahrnehmungen von richtig und falsch sind.

Puppen statt Pillen

Während ihren Begegnungen hat Karolina beobachtet, dass für viele Frauen ein Reborn-Baby ein temporäres therapeutisches Hilfsmittel ist. Sie kleiden sie ein, kämmen ihnen das sanfte Haar, ölen sie ein oder kaufen ihnen neue Kleidung. Solche Routinen können eine beruhigende Wirkung haben. Tatsächlich fand eine australische Studie heraus, dass lebensechte Puppen zwar nicht unbedingt Effekte auf Angststörungen oder Aggressionen haben, dafür aber andere positive Effekte haben können. So gaben TeilnehmerInnen an, mehr Vergnügen und ein Gefühl von Bestimmung zu verspüren und sich mit den Puppen entspannen zu können.

„So ein künstlicher Mensch kann eine Lösung für viele Probleme sein“, findet Fotografin Karolina. Foto: Karolina Jonderko

„So ein künstlicher Mensch kann eine Lösung für viele Probleme sein“, findet Karolina. „Eine Puppe kann Gesellschaft leisten, wenn man sich alleine fühlt. Mit einem Baby zu kuscheln, das setzt Endorphine frei. Es reduziert Stress. Manche nehmen Pillen, andere kuscheln eben mit einem Fake-Baby. Ich denke, es ist gut, eine Puppe statt Pillen zu haben. Ich habe lange damit gekämpft, Menschen zu erklären, dass jeder seine eigene Art hat, Trauma zu verarbeiten. Eine Puppe zu haben tut keinem weh“.

Viel mehr als nur eine Puppe

Im Gespräch wirkt es, als fände Karolina es komisch, dass Pillen auf breite gesellschaftliche Akzeptanz stoßen, während Puppen etwas „Verrücktes” sind. Karolina sieht in diesen Frauen mit ihren Puppen keine Verrückten, sondern Menschen, die ihre Probleme mithilfe dieser Objekte verarbeiten. Schließlich sind beides Objekte – die Puppen und die Pillen.

„Ich weiß, dass es nichts für jede*n ist. Natürlich kann man nicht einfach jemandem eine Puppe verschreiben, der ein Kind verloren hat und dann ist alles wieder gut. Für manche könnte es das Trauma womöglich sogar noch verstärken. Ich glaube, das ist sehr individuell. Aber wenn eine Frau spürt, dass es ihr helfen kann, warum nicht?“

Auch Karolina leidet unter einem Trauma, auch sie hat Verluste erlebt. Innerhalb weniger Jahre verlor die junge Fotografin mehrere Familienmitglieder, auch ihre Mutter. 2012 fotografierte sie sich in den Kleidern ihrer Mutter und fand darin Trost. „Mir wurde klar, dass viele Menschen unter Verlusten leiden und jede*r anders damit umgeht. Durch Fotografie verarbeite ich Verluste und finde heraus, wie Menschen damit umgehen.“

Uncanny Valley – zu lebensecht macht Angst

Karolina sagt, dass Reborn-Babys so umstritten sind, weil sie so echt aussehen. „Es gibt da diesen Begriff“, wirft sie ein, „Uncanny Valley. Viele Menschen finden Puppen gruselig, weil sie aussehen wie Menschen.“ Der Begriff Uncanny Valley oder Akzeptanzlücke geht auf den japanischen Robotiker Masahiro Mori zurück. Er beschreibt das unbehagliche Gefühl, was viele Menschen verspüren, wenn sie menschenähnliche Figuren, wie zum Beispiel Clowns, Roboter oder Puppen sehen. Je menschlicher Figuren, die keine Menschen sind, aussehen, desto gruseliger, so die Theorie.

Aber nicht alle finden die Puppen gruselig, wie Karolina erzählt. Wenn sie mit ihren Protagonistinnen und den Reborn-Puppen draußen unterwegs war, bekamen sie viel Aufmerksamkeit. Viele Passanten merken nicht, dass sich im Kinderwagen kein echtes Baby befindet. Doch die, die es merken, sind fasziniert, wollen Fotos machen. „Ich erinnere mich an eine ältere Dame, die das Reborn-Baby hochheben wollte. Sie sagte zu der Reborn-Künstlerin Basha: ‚Was für ein wunderschönes Baby Sie haben!‘ Und als Basha ihr sagte, dass es nicht echt ist, fing sie an zu weinen und antwortete: ‚wenigstens wird es niemals sterben.‘ Die Emotionen, die diese Objekte erzeugen, sind unglaublich vielfältig“, sagt Karolina.

Die Fotografin Karolina fand die Reborn Puppen nie unheimlich, im Gegenteil: Für sie haben die Puppen einen beruhigenden Effekt. Foto: Karolina Jonderko

Sie selbst fand die Puppen nie unheimlich. Im Gegenteil: Obwohl sie keine Kinder möchte und sich selbst nicht als „Mamatyp“ sieht, machte es etwas mit ihr, als sie zum ersten Mal ein Reborn-Baby in den Armen hielt. „Man beruhigt sich automatisch, wenn man ein schlafendes Baby in den Händen hält. Man kann das Reborn-Baby nicht einfach in eine Ecke schleudern. Selbst Menschen, die Angst empfinden, würden das künstliche Baby nicht einfach so hinwerfen, sondern es vorsichtig ablegen. Deshalb ist es ein so kraftvolles Objekt.“

Wenn die Wahl zwischen Puppe und Pille fällt, ist dann vielleicht die Puppe das bessere Hilfsmittel? Es ist durchaus skurril, dass Puppen in unserer Gesellschaft so ambivalente Reaktionen abhängig von Geschlecht und Altersgruppe der Besitzer*innen auslösen. Spielen Mädchen mit Puppen, dann ist das ganz normal. Spielen Jungs mit Puppen, sind sie schwul. Männer, die mit Puppen spielen, sind pervers und Frauen bemitleidenswert. Vielleicht ist es an der Zeit, diese Stereotypen zu überwinden. Mit ihrer Fotoserie zeigt Karolina eine andere Seite des Umgangs mit Puppen und sensibilisiert Betrachter für das therapeutische Potenzial, das die Mensch-Puppe-Beziehung mit sich bringen kann, ob als Ersatz für einen unerfüllten Kinderwunsch oder um über Verluste hinwegzuhelfen.

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