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LGBTQ*-Kinderbücher helfen Kindern, ihren Horizont zu erweitern und zeigen ihnen, dass es nicht nur eine Weise gibt, wie man leben kann. Foto: Redaktion. Illustration: Community Editions / Bastei Lübbe

LGBTQ*-Kinderbücher helfen Kindern, ihren Horizont zu erweitern und zeigen ihnen, dass es nicht nur eine Weise gibt, wie man leben kann. Foto: Redaktion. Illustration: Community Editions / Bastei Lübbe

LGBTIQ*-Kinderbücher: Geschichten für eine diverse Zukunft

Die Vorstellungswelt von Kindern kennt keine Grenzen: Warum sollten wir ihnen dann Bücher vorlesen, die Grenzen ziehen, wenn es um Sexualität und Identität geht? Kinderbücher mit LGBTIQ*-Themen zeigen, wie vielfältig die Geschichten sein können, die sich entfalten, wenn die ganze Bandbreite des Regenbogens erzählt wird. 

Frühkindliche Bildungsarbeit bietet Chancen einer offeneren Gesellschaft

Wie viel Sexualität und Rollenverständnis gehören in den Kindergarten? Pädagog*innen debattieren diese Fragen ganz offen. Medizinisch wird das Geschlecht direkt nach der Geburt festgelegt. Bis heute wird Intersexuellen eine Vereindeutigung aufgezwungen, noch bevor diese eine mündige Entscheidung treffen können. Im medizinischen Diskurs haben damit nur eindeutige Zuweisungen Raum. Die Realität der Kinder ist eine ganz andere: Geschlechterzugehörigkeiten sind im frühkindlichen Alter noch fluid. Kinder wachsen in sehr individuellen Lebensverhältnissen auf. Für die einen wird die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht bereits früh zu einem Identitätsmarker, andere dagegen lehnen das ab oder identifizieren sich phasenweise mit einem Geschlecht, dass ihnen so biologisch nicht zugeschrieben wurde. 

Es entspricht also durchaus der Realität der Kinder, wenn eine komplexe und offene Definition von Geschlecht und Sexualität in den Geschichten vorkommt, die ihnen begegnen. So wird Kindern gespiegelt, dass die Welt, in der sie aufwachsen, divers ist. Sie machen Raum für ihre eigene innere Diversität und verorten sich in einem offenen Spektrum. Dieser Freiraum ist mehr denn je für eine stabile Persönlichkeitsentwicklung wichtig. Wenn dagegen bereits in Kinderbüchern ein binäres System vertreten wird, das von den Kindern so selbst nicht erlebt wird, kann es in späteren Lebensjahren zu mehr inneren Widerstand kommen. Wenn Kinder in normative Vorstellungen gepresst werden, leiden sie später umso mehr, wenn sie aus diesen wieder ausbrechen wollen.  Zahlen belegen, dass beispielsweise unter Trans*-Menschen die Rate der Suizidversuche erschreckend hoch ist. Bis zu 50 % haben von Suizidversuchen berichtet. Grundsätzlich leiden queere Bevölkerungsgruppen an höhere Risiken für ihre geistige und seelische Gesundheit.

Cover:© Ellermann Verlag.

Vielleicht hat nicht jedes Kind zwei Väter oder „Zwei Mamas für Oscar“. In der schönen Geschichte fragt die kleine Tilly, warum Oscar zwei Mamas hat. Ihre große Schwester erklärt ihr, dass Tillys Vater den Mamas von Oscar Samen spendete und sie so schwanger werden konnten. Das Buch zeigt, dass Rollenangebote aus Kinderbüchern ein wichtiger Beitrag für das Aufwachsen in einer Welt sind, in der Geschlecht, Identität und Familienkonzepte ein Spektrum sind. So schaffen die Geschichten und die daraus entstehenden Gespräche eine Selbstverständlichkeit von körperlicher, kultureller und geschlechtlicher Vielfalt. Unbedarft, was die Rollenvorstellungen der erwachsenen Welt angeht, sind Kinder durchaus offen für verschiedene Lebensmodelle. Solange wir sie ihnen als selbstverständlich vorleben. 

Welche Geschichten wir erzählen, bestimmt die Realität von morgen

Cover:© edition tingeltangel.

Kinderbücher, vor allem für kleine Kinder, haben keinen Raum für komplexe Geschichten. Umso mehr zeigen sie uns, wie einfach sich Diversität erzählen lässt. Nehmen wir die Erzählung „Joscha und Mischa”: Die beiden Bären leben in Kukuschkan, sind aber die einzigen beiden strohblonden Bären. Während Joscha bei den lokalen Bärinnen beliebt ist, hat er schon bald nur noch Augen für Mischa. Und, zum Glück, der für ihn. Zwei verliebte Bären – mehr braucht die Geschichte nicht. Müssen schwule Bären unbedingt eine andere Fellfarbe haben? Das mag als narratives Element funktionieren, aber kann auch als eine Festschreibung von Sexualität in Äußerlichkeiten gelesen werden. Letztlich sind die beiden Bären damit anders als alle anderen. 

Cover: © Alibri Verlag.

Nicht viel subtiler, aber humorvoll, geht es beim Buch „Pink Pinguin” zu: Patrick, der Pinguin, wacht eines Morgens auf und ist pink. Als Junge? Geht gar nicht, also schließt er sich den Flamingos in Afrika an. Weil er da aber auch nicht so recht dazu gehören will, kehrt er zurück… und merkt, dass Anderssein gar nicht so schlimm ist. So schnell werden die Kodierung von Farben und Geschlechterdiskursen zum Gegenstand einer Debatte, die zugleich eine Lösung findet. Dürfen Jungs pinke Federn haben? Ja klar, Patrick macht es vor. 

Cover: Michael Neugebauer Edition.

Die Geschichte von „Der Junge im Rock” zeigt, wie Geschlechts*Identitäten spielerisch verhandelt werden können. Felix mag weite Röcke und Kleider, warum sollte er sie dann nicht auch in der Kita tragen? Das sehen seine Freunde anders. Doch sein Vater hilft ihm dabei, eine geschickte Lösung zu finden. Auch hier stellt sich die Frage: Hätten Kinder wirklich den Raum, sich so auszutesten und stärken Eltern ihren Kindern wirklich so den Rücken? Zwar geht es in den Kinderbüchern nicht um die Realität, aber zugleich malen sie ein sehr optimistisches Bild einer offenen, toleranten Gesellschaft. Toll für Kinder, die mit so einem Weltbild aufwachsen dürfen.

Um Anderssein und Toleranz geht es auch im kürzlich erschienenen Buch des LGBT-Aktivisten und Influencers Riccardo Simonetti. Auch bei „Raffi und sein pinkes Tutu” geht es darum, dass Kinder frei entscheiden dürfen, was sie gerne tragen möchten. Das Buch ist aber nicht nur für Kinder. Auch Eltern lernen hier, wie sie ihr Kind bei ihrer Identitätsentwicklung unterstützen und vor Mobbing schützen können. Die Einnahmen von „Raffi und sein pinkes Tutu” werden übrigens fast vollständig an die „Tribute to Bambi-Stiftung” gespendet, die sich für gemeinnützige Projekte für Kinder einsetzt. 

Raffi liebt sein pinkes Tutu und will es gerne zur Schule anziehen, aber seine Schwester hat Bedenken. Foto: Foto: © Community Editions /Lübbe .

Auch scheinbar schwierige Themen wie Intersexualität lassen sich kindgerecht aufbereiten. Das Buch „Jill ist anders“ erzählt die Geschichte von Jill, einem Kind mit beiden Geschlechtsmerkmalen, dessen Eltern sich nicht für eine Vereindeutigung entschieden haben. Jills Mama sagt im Buch ganz klar: „Wir wissen noch nicht, was Jill ist.“ Obwohl die Kinder versuchen wollen es herauszufinden, lernen sie den Umgang mit der Uneindeutigkeit von Geschlecht. Während der Titel Jill von vornherein als anders deklariert und damit ausgrenzt, liegt die Pointe in der Geschichte darin, dass eigentlich alle anders sind. Das Buch bringt zugleich in einem Download-Bereich Material für Lehrkräfte mit und will so den Umgang mit dem Thema erleichtern. 

Die Geschichten sind da, sie wollen erzählt werden

Viele der LGBTIQ*-freundlichen Kinderbücher sind in den letzten 15 Jahren veröffentlicht worden. Das zeigt, wie sehr Kinderbücher auch gesamtgesellschaftliche Diskurse abbilden. Zwar sind sie noch nicht regalfüllend verfügbar, aber wer sich im deutschsprachigen Raum nach Diversität in Kinderbüchern umsieht, wird schnell fündig. Zweifelsohne hat das Thema sexuelle Vielfalt einen Platz in Kinderbüchern bekommen. In Zukunft werden sich die Narrative, die wir in Kinderbüchern finden, immer weiter auffächern. Damit wird Kindern die Möglichkeit gegeben, sich als vielfältiges, multidimensionales Wesen wahrzunehmen, anstatt sich in bestimmte Genderrollen zu pressen. Sie entfalten sich auf Grundlage diverser Rollenangebote, die ihnen spielerisch vermittelt werden. Die Zukunft gehört den Geschichten, die die komplexe Lebensrealität einer kindlichen Erfahrung abdecken. 

Eltern wie Pädagog*innen haben also die Möglichkeit, Themen an Kinder heranzutragen, die ihrer Lebensrealität entsprechen. Zugleich haben sie die Chance, den Grundstein für eine offenere und tolerantere Gesellschaft zu legen. Von Büchern mit lesbischen Müttern, über schwule Pinguin-Väter bis hin zu Trans*-Identitäten und Intersex-Kindern erzählen die Geschichten vor allem eins: Es ist okay so zu sein, wie du bist.

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