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LO-TEK: Wie wir von Indigenen lernen können, den Planeten zu retten

Das Verhalten westlicher Zivilisationen hat in erdgeschichtlich sehr kurzer Zeit zur Zerstörung weiter Teile des Planeten geführt. Heute steht die Erde vor dem Kollaps. Indigene Gesellschaften existieren seit Hunderttausenden von Jahren, ohne den Planeten zerstört zu haben. Können wir von ihnen lernen, der Erde nicht zu schaden? Und wenn ja – wie? 

Ein Blick über die heiligen Mahagiri-Reisterrassen, einem kleinen Teil des tausend Jahre alten Agrarsystems, das als Subak bekannt ist und nur auf der Insel Bali, Indonesien, anzutreffen ist. © David Lazar

Kay Sara gehört dem Volk der Turiano aus dem Amazonas an. Sie hätte in diesem Mai die Eröffnungsrede der Wiener Festwochen halten sollen. Die Schauspielerin und Aktivistin konnte aufgrund des Coronavirus’ nicht im Burgtheater auftreten und sprach in einer Videobotschaft aus ihrer Heimat im Norden Brasiliens zur Welt. Sie erzählt von der Zerstörung des Regenwaldes, von der Kolonisierung durch die Europäer, vom Genozid an den Indigenen, von der Unterjochung der Welt. Sie erzählt vom Brennen der Wälder, vom Austrocknen der Nebenflüsse des Amazonas‘ und davon, dass wir uns an dieses Wissen gewöhnt haben. „Wenn ihr in euch hineinhört, dann findet ihr nur euer schlechtes Gewissen.“ Kay Sara appelliert an uns. Sie erklärt, dass wir es sind, die die Indigenen brauchen, um von ihnen zu lernen. Um zu lernen, weder uns noch dem Planeten, auf dem wir leben und seinen Lebewesen zu schaden. Um zu lernen, dass alles vorhanden ist, was Leben ermöglicht, wenn wir das Teilen lernen und uns daran erinnern, dass wir selbst Natur sind.

„Ihr braucht uns, die Gefangenen eurer Welt, um euch selbst zu verstehen.“

Die von den Tofinu erbaute Stadt Ganvie, was so viel bedeutet wie „wir haben überlebt”, schwimmt auf dem Nokoué-See, umgeben von einem ausgedehnten Riffsystem aus zwölftausend Akadja-Fischgehegen. © Iwan Baa

In seinem Buch Indigenialität beschreibt Andreas Weber, was wir verloren haben, seit wir uns von der Natur entfremdet haben: Uns ist die Fähigkeit abhandengekommen, allem Belebten und Unbelebten seine eigenen Bedürfnisse zuzugestehen. In verschiedenen Weltanschauungen indigener Gesellschaften von Australien über Afrika, Süd- und Nordamerika verstehen sich die Menschen als Teil des Universums. Im fortschrittsgetriebenen westlichen Denken wurden die zu „Wilden” stilisierten Indigenen und ihre „primitiven” Lebensweisen lange als nicht ebenbürtig angesehen. Eine extreme Rationalität schloss es aus, dass wir „zivilisierte” Menschen uns als Teil des gesamten Kosmos verstehen. Die tief sitzende Trennung von Kultur und Natur steht uns dabei im Weg, uns selbst als Natur zu begreifen. Laut Weber gilt es (wieder) zu erlernen, unserem eigenen Fühlen zu vertrauen. Nicht, wie in der Romantik als ausschließlich subjektiv fühlende Wesen, die alles auf sich selbst beziehen, sondern indem wir allen Lebewesen ihre eigene Subjektivität zugestehen. Dafür müssen wir zunächst lernen, uns als Teil eines symbiotischen Ganzen zu verstehen.

Lo-TEK: survival of the most symbiotic

Über ein neues Verständnis von Symbiose spricht auch die Autorin Julia Watson. In ihrem vor Kurzem im Taschen Verlag veröffentlichten Buch Lo-TEK beschreibt sie, wie indigene Kulturen ihre Umwelt verstehen, welche Technologien sie nutzen, um sich zu ernähren, Trinkwasser zu erzeugen und Bauwerke zu errichten. „Lo-TEK” ist eine Design-Bewegung, die indigene Philosophie und Technologie verstehen und analysieren möchte. Der Begriff setzt sich zusammen aus „Low-Tech” (also low technology) und „Traditional Ecological Knowledge, kurz TEK” (traditionelles ökologisches Wissen). Watson sagt über das Projekt, es sei nicht ihr Anliegen, indigene Kulturen und deren Lebensweise zu romantisieren, sondern aus der Sicht einer Architektin die Technologien zu untersuchen, die es seit Jahrtausenden auf unserer Erde gibt. 

Technologie, so Watson, kann Natur als gestaltende Kraft nutzen und so Inspirationsquelle für unsere entfremdete Gesellschaft sein. Ihr Buch widmet sie den nächsten sieben Generationen, also den nächsten 150 Jahren. Diese Zeitdimension haben indigene Kulturen laut Watson hinsichtlich der Folgen ihres Handelns im Blick. Sie erinnert daran, dass unsere heutigen Entscheidungen Einfluss auf die Generationen nach uns haben werden. Die Vision dieses Buches ist es, indigene Philosophie zu verstehen und daraus die Entwicklung klimaverträglicher und nachhaltiger Handlungsmuster abzuleiten. Unser Überleben auf diesem Planeten hängt laut Watson davon ab, ob wir es schaffen, unser Denken zu ändern, von Darwins survival of the fittest zu einem survival of the most symbiotic

 

 Ein junger Fischer geht unter einer lebenden Wurzelbrücke im Dorf Mawlynnong, Indien. In der unerbittlichen Feuchtigkeit des Dschungels von Meghalaya nutzen die Khasi seit Jahrhunderten die widerstandsfähigen Wurzeln von Gummibäumen, um Jingkieng Dieng Jri (lebende Wurzelbrücken) über die Flüsse wachsen zu lassen. © Amos Chapple

Lebendige Wurzelbrücken und schwimmende Dörfer

Die in Watsons Buch vorgestellten Beispiele aus dem Leben mit der Wüste, mit dem Wald, mit den Bergen und mit dem Wasser zeigen, wie Mensch und Natur in Harmonie zusammenleben können. Die auf dem Wasser errichtete Stadt Ganvie der Tofinu in Benin ist ein Beispiel hoch entwickelter und nachhaltiger Fischzucht, durch welche die Biodiversität gesteigert wird. Zumindest war dies in der Vergangenheit der Fall. Die Beziehung zwischen der wachsenden Stadt und dem See sei jedoch aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums heute nicht mehr gesund, sagt der Leiter der Benin Environment and Education Society (BEES) Maxim K. Djondo. Für das Fischzucht-System werden langsam wachsende Mangroven-Bestände abgeholzt und nicht ausreichend aufgeforstet, hinzu kommt die Verschmutzung des Wassers. Hier zeigt sich, dass auch traditionelle indigene Technologien von der Industrialisierung gefährdet sind.

Die lebenden Wurzelbrücken in Indien sind ein Beispiel behutsamer menschlicher Einflussnahme auf gewachsene Strukturen. An einem Ort, an dem von Menschenhand errichtete Bauwerke aufgrund starker Regenfälle und Erdrutsche nicht bestehen, stellen die lebenden Wurzelbrücken der Khasi in Indien faszinierende Verbindungswege für Menschen und Tiere dar, die den Wassermassen während des Monsuns widerstehen. Nur mit sehr viel Zeit und menschlichem Einfluss können die einzigartigen Verbindungswege entstehen, die dauerhaft in dieser Gegend Bestand haben. 

Ein weiteres Lo-TEK-Beispiel sind die hoch entwickelten Reisterrassen der Subak auf Bali, die das, so Watson, produktivste Agrarsystem mit der höchsten Biodiversität sind. Es ernährt die Menschen und richtet sich nach den natürlichen Gegebenheiten, nutzt das Gefälle der Berghänge, die Regenfälle und natürliche Nährstoffquellen. Jedoch ist das Jahrtausende alte System der Bergbauern durch den Einsatz von Pestiziden und durch die steigende Umweltverschmutzung in Gefahr. Hier, ähnlich wie im Fischzucht-System in Benin, zeigt sich, dass auch bewährte Systeme der Indigenen angesichts der Umweltbeeinflussung durch den Menschen nicht auf Dauer fortbestehen können, wenn wir unser Verhalten nicht ändern. Das Buch richtet den Blick ebenfalls auf Techniken der Ifuga (Philippinen), Inca und Uros (Peru), Maya (Mexiko), Chagga (Tansania), Malayali und Bengalen (Indien), Enawenê-nawê  und Kayapó (Brasilien), Zuni (New Mexico), Maasai und Ngisonyaka Turkana (Kenia), Perser (Iran), Ma’dan (Irak) und der Javaner (Indonesien). Die Darstellung der traditionsreichsten vom Menschen gemachten Systeme ohne schädliche Umweltauswirkungen sind inspirierend und machen Mut, denn sie zeugen vom unverzichtbaren Wissen der Indigenen. 

Lo-TEK kann Impulse geben, aber das reicht nicht aus

Die Designkonzepte aus dem Lo-TEK können Impulse geben und als Inspirationsquelle dienen. Architekten, Ingenieure und Designer können sich indigene Techniken aneignen und in ihre Gestaltungsvorhaben einfließen lassen. Doch das würde zu kurz greifen. Lo-TEK kann nicht die Lösung sein, wie wir in der westlichen Welt tief greifende Veränderungen herbeiführen. Wir müssen unser Denken öffnen und denen Gehör schenken, die ein symbiotisches Dasein mit dem Planeten pflegen. Dafür müssen Indigene in unseren Bildungsinstitutionen und in der Politik präsent sein. Wir müssen uns fragen, wie wir das Wissen und die Denkweise von Indigenen vermitteln und greifbar verbreiten können. Es gilt jetzt, mehr denn jemals zuvor, ihr Wissen und ihre Traditionen vor der Zerstörung zu bewahren. Wenn uns das gelingt, erscheint die Kluft zwischen unserer Lebensrealität und der der Indigenen nicht mehr unüberwindbar. 

Angesichts des desolaten Zustands der Erde wäre es naheliegend, die Hoffnung aufzugeben, dass nachhaltige Veränderungen unseres Verhaltens möglich sind. Doch noch können wir um Hilfe bitten – und wir sind auf Hilfe angewiesen. Wir können uns glücklich schätzen, wenn Indigene ihr unschätzbar wertvolles Wissen mit uns teilen. Sehen wir uns die Erdgeschichte an, ist unschwer zu erkennen, welche Verhaltensweisen – unsere oder die der Indigenen – dem Leben auf dem Planeten weniger geschadet haben. Es gilt, die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns durch die Welt bewegen, zu hinterfragen und unseren Wissens- und Bildungskosmos zu öffnen. Was wir also ganz konkret tun können, ist, indigenen Stimmen Gehör schenken und von ihnen lernen, mit der Natur zu leben. 

Und das erscheint ganz und gar nicht unmöglich. 

Julia Watson. Lo-TEK, Design by Radical Indigenism, erschienen im Taschen Verlag, 2020

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