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Multiple Karrieren – der Lebenslauf der Zukunft

Immer mehr Menschen betätigen sich in mehreren Jobs. Die multiple Karriere scheint Arbeitsmodell der Zukunft zu sein. Müssen wir deswegen bald mit mehreren Karrieren jonglieren?

  Immer mehr Menschen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. De facto steigt die Zahl der Selbstständigen in Deutschland jedes Jahr weiter an. Sie lag im Jahr 2017 bei knapp 1,4 Millionen Menschen und ist damit um 25% höher als noch vor zehn Jahren. Wenn man schon den Schritt in die Selbstständigkeit gemacht hat, dann ist der Weg in die multiple Karriere nicht mehr weit. Warum sich mit einer Sache zufriedengeben, wenn es so viel zu tun gibt?

Die multiple Karriere bezeichnet eine Form der Erwerbsarbeit, bei der eine Person mehreren Tätigkeiten aus freien Stücken nachgeht. Dagegen abzugrenzen sind Phänomene wie Multi-Jobbing, bei denen Menschen mehrere Jobs gleichzeitig bedienen, um über die Runden zu kommen. Die multiple Karriere grenzt sich dadurch ab, dass jede Tätigkeit ihr eigenes Karriereziel hat, das über die reine finanzielle Notwendigkeit hinausgeht.

Nehmen wir ein paar Beispiele: Die Grafikdesignerin, die nebenbei Yoga unterrichtet, ist ein Fall von multipler Karriere. Dagegen abzugrenzen sind allerdings rein ehrenamtliche Tätigkeiten: der Kindergärtner, der am Wochenende nebenbei in der Bio-Kooperative um die Ecke aushilft oder jemand, der in seiner Freizeit Flüchtlingen Deutsch beibringt.

Die Generation Slash – immer an der Grenze

Die Debatte um multiple Karrieren ist in Deutschland noch sehr frisch. Dabei ist es, wie so oft bei Trends, eigentlich kein neues Phänomen. Plakativ lassen sich die Universalgelehrten der frühen Moderne nennen: ein Goethe, der sich auf der einen Seite mit der Farbenlehre beschäftigte und auf der anderen Seite literarisch unterwegs war.

Einer von Vielen: Der Job als Yogalehrer.

Jetzt sind wir aber nicht mehr am Anfang der Moderne. Durch neue Arbeitsbedingungen haben immer mehr Menschen die Möglichkeit, sich auf mehreren Feldern zu betätigen. Aus der Diskussion im anglo-amerikanischen Raum ist der Begriff „Slasher“ entstanden. So spricht der Guardian bereits 2011 von “The rise of the slasher”, dem Aufstieg der Slasher. Das Wort leitet sich aus dem Schrägstrich, dem Slash “/” ab, der die Karrieremodelle von multiplen Karrieren beschreibt. Yogalehrer / Kindergärtner, Lehrer / Maler oder Krankenschwester / Tangolehrerin – die Möglichkeiten so vielfältig, wie die Menschen, die ihre Karrieren durch Schrägstriche voneinander abgrenzen.

Die New York Times ging sogar so weit, die Millennials gleich als „Generation Slasher“ auszurufen. Durch die Entwicklung der digitalisierten Arbeitswelt fühlen sich immer mehr Menschen zu einer multiplen Karriere „eingeladen“. Wer einen Blog betreibt und Bilder sowie Texte erstellt, beschreibt sich gerne mal als “writer / photographer”. Dazu kommt, dass viele Blogger auch als Berater tätig sind – noch ein Attribut für nach dem Slash. Die Realität der Karriere und die sprachlichen Mittel, die wir haben, kommen im behelfsmäßigen Slash zum Ausdruck. Eine andere Beschreibung ist sprachlich schlichtweg noch nicht üblich.

Können sich Millennials einfach nicht festlegen?

Wieso braucht jemand mehrere Karrieren? Die Gründe dafür sind vielfältig. Schauen wir uns eine Beispiel-Biografie an: Juan H. aus Berlin produziert elektronische Musik. Er betreibt zwei Labels, hat einen kleinen Online-Shop für elektronische Musik und legt auf. Durch Services wie Bandcamp kann er seine Musik online vertreiben. Die Website gibt Bands und Produzenten die Möglichkeit, ihre Songs digital streamen zu lassen, sie online und physische Kopien über einen Shop zu verkaufen. Daneben unterrichtet er an einer deutsch-spanischen Grundschule Programmieren.

Eine Karriere als Musiker birgt fehlende finanzielle Sicherheit. Ein multiples Arbeitsmodell macht beides möglich.

Auf die Frage, warum er nicht komplett von der Musik lebt, gibt er eine klare Antwort: „Sobald ich meine ganze Energie in die kreative Arbeit stecke und finanziell von ihr abhängig bin, muss ich dort auch Kompromisse machen.” Der Job als Lehrer erlaubt ihm aber, die volle Kontrolle über seinen kreativen Output zu behalten. Wenn eine Platte nicht gut läuft, ist das vollkommen ok. Seine Ausgaben sind durch das Unterrichten gedeckt. Zudem macht ihm der Job als Lehrer großen Spaß; er findet Erfüllung in der Arbeit mit Kindern. Mit dieser Aufteilung kommt er seinen Interessen entgegen. „Eine andere Form der Arbeit kann ich mir gar nicht mehr vorstellen”, sagt er

Post-Moderne Wanderarbeiter in der Gig-Economy

Auch wenn die multiple Karriere verspricht, mehr Spaß und Erfüllung zu bringen – sie kommt auch mit einer besonderen Verantwortung. Verwaltung und Akquise von Kunden von Kunden liegen nicht jedem. Wer nicht gleich alles auf eine Karte setzen will, der wählt den Weg in die nebenberufliche Selbständigkeit. Laut Gründungsmonitor der KfW waren im Jahr 2016 über 60% aller Neugründungen nebenberufliche Gewerbe. Dadurch behalten die Gründer ihre Festanstellung und können zugleich im Nebengewerbe einer anderen Tätigkeit nachgehen.

Das Nebengewerbe wurde in der Gig-Economy zum Geschäft gemacht. Das Modell hat seinen Ursprung in den USA, wo in den Jahren der Finanzkrise Plattformen entstanden, die Aufträge zentral verwalteten und an kleine Auftragnehmer abgaben. So funktioniert ein Service wie UBER. Das Unternehmen stellt die technische Infrastruktur und die Kunden; die Fahrer nehmen die Aufträge an. UBER verdient durch eine Provision und die Fahrer haben die Möglichkeit, an Kunden zu kommen, die sie alleine niemals akquirieren könnten. Die post-modernen Wanderarbeiter müssen so zwar nicht mehr tatsächlich wandern, aber sie hangeln sich von Auftrag zu Auftrag – von Gig zu Gig.

Keine Ausrede für Unterbezahlung, aber ein kreativer Ansporn

Eine multiple Karriere erzeugt große Freiheit – aber bringt auch viel Verantwortung mit sich.

Die Flexibilisierung von Arbeitsmodellen hat auch ihre Gefahren. Arbeitgeber können sich von der Pflicht entbunden fühlen, für ihre Arbeitnehmer zu sorgen. So besteht die Möglichkeit, dass ein schlecht bezahlter oder unterbezahlter Job durch einen zweiten Job ausgeglichen werden muss. Die Plattformen der Gig-Economy können zudem regulierte Märkte untergraben und Preise zerstören. So musste Uber sein Geschäftsmodell in Deutschland anpassen, weil der Taxibetrieb gesetzlich geregelt ist.

Neben diesen Ausnahmen hat eine multiple Karriere für Selbstständige klare Vorteile. Die Fähigkeiten, die eine Karriere ausmachen, können auch einer anderen zugutekommen. Wer nebenbei Yoga unterrichtet, wird mit Sicherheit auch mehr Ruhe in seine anderen Karrieren bringen. Wer sich kreativ als Romanautor austobt, kann ganz anders an langwierige Projekte herangehen. Zudem lastet niemals die komplette finanzielle Verantwortung auf nur einem Standbein. Alles in allem steht ein Lebensmodell mit multipler Karriere finanziell stabiler da.

Multiple Karriere für alle?

Die multiple Karriere mag vielleicht im Trend liegen. Doch sie wird kurzfristig nur für einen Teil der Erwerbstätigen eine Rolle spielen. Die Debatte um die Slasher weist darauf hin, dass unser Verständnis von Arbeit durch die digitalen Arbeitsbedingungen auf den Kopf gestellt wird und gerade die Kreativbranche neue Arbeitsmodelle entwickelt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass diese Modelle nicht so neu sind und Slasher schon immer da waren, wo es Grenzen zu überschreiten galt. So auch in der Gig-Economy, die keine Erfindung der 00er Jahre ist, sondern ein historisch gewachsener Trend.

Für einen Weg entscheiden? Auch in der Zukunft können wir (beruflich) viele Richtungen gleichzeitig einschlagen.

Langfristig tritt neben der Digitalisierung auch die Automatisierung auf den Plan: Während alte Jobs durch die Automatisierung wegfallen, entstehen gleichzeitig auch neue Arten der Arbeit. Die Spezialisierung einzelner Berufe bricht so vielleicht auf. Wir sind dann nicht mehr nur Mono-Spezialisten, sondern können mehrere Sachen richtig gut. Die Schlagzeile der Zukunft könnte dann lauten: “Fachkräftemangel in Deutschland: Multipel Qualifizierte finden sofort einen Job”. Je diverser wir als Gesellschaft aufgestellt sind, desto größeren Raum können wir Menschen geben, sich selbst zu verwirklichen. Dabei sollte die multiple Karriere aus den individuellen Bedürfnissen entstehen, nicht aus ökonomischen Zwängen. Nur so können wir für faire Arbeitsbedingungen sorgen.

Mein Kommentar

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