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Foto: Nina Cutler

Foto: Nina Cutler

Hilfe, meine Mutti heiratet ihren Pflegeroboter

In einer älter werdenden Gesellschaft stellt sich eine junge Designerin die Frage nach der Liebe in Zeiten von Pflegemaschinen und Künstlicher Intelligenz. Müssen wir uns bald um unser Erbe sorgen?

Eine Liebe aus Plastik – das sang schon 1996 die italienische Liedermacherin Carmen Consoli. Damals war es ein Hit in Italien– heute, 22 Jahre später, ertönt es im Radio des Cafés in Mailand, wo ich auf der Design Week nach Innovationen suche. Im Ausstellungsareal „Ventura Future” werden mitten in der Stadt zukunftsträchtige Ideen von Universitäten und Forschungseinrichtungen aus aller Welt präsentiert/vorgestellt.

So auch das Projekt der Designerin Nina Cutler aus London. Für ihren Master-Abschluss an der Central Saint Martin in London, hat sie sich eine ungewöhnlichen Frage gestellt: Ist die Liebe zu einem Roboter echt? Mit einer Zukunftsfantasie versucht sie diese zu beantworten.

Foto: Nina Cutler

Die Geschichte dreht sich um Claire (ich vermute in dieser Fantasie die Mutter der Designerin), die im Jahre 2045 als Witwe alleine lebt und von Tonii, einem Pflegeroboter, umsorgt wird. Doch die beiden entwickeln Gefühle füreinander. Erst zaghafte Zuneigung, dann entfesseltes Glück, welches schließlich in einer gemeinsamen Hochzeit mündet. Kurz darauf stirbt Claire.

Das Unternehmen, das Tonii gebaut hat, hängt die Geschichte an die große Glocke und erzählt von der Trauer Toniis um Claire. Er vermisst sie und sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben. Er möchte auch niemand anders mehr pflegen. Was passiert nun mit ihm? Und wer erbt Claires Besitz? Die Tochter, Tonii oder gar das Unternehmen, das Tonii erschaffen hat?

Sind Pflegeroboter die perfekte Lösung für pensionierte Singles?

Cutler hat für ihre Abschlussarbeit zwei Exponate erstellt: Toniis Kopf, der hilflos traurig zuckt und die Hochzeitsfotos von ihm und Claire. Letztere scheinen auch ein Versuch zu sein, die Frage nach der „Echtheit” ihrer Liebe zu beantworten. Claire strahlt, als wäre es der schönste Tag ihres Lebens. Wie es bei einer echten Hochzeit eben sein sollte. Und ist das nicht das, was am Ende zählt?

Foto: Nina Cutler

Laut Prognosen wird 2049 ein Viertel der Bevölkerung im Vereinigten Königreich über 65 Jahre alt sein. Die Zahl derer, die alleine Leben, steigt ebenfalls in den kommenden Jahrzehnten. Sind Roboterpartner die perfekte Lösung für eine pensionierte Single-Gesellschaft? Werden sie ermöglichen, dass Senioren trotz Altersschwäche und Demenz fern von Pflegeheimen ein selbstbestimmtes Leben führen?

Gehören die Erbdramen von heute bald der Vergangenheit an?

Spannend finde ich persönlich die Frage nach dem Erbe von Claire. Wer hat Anrecht auf ihre Hinterlassenschaft? Gehören die Erbdramen von heute, wenn Omi oder Opi die rumänische Pflegekraft heiratet, bald der Vergangenheit an? Oder beginnt das Drama auf einer ganz anderen Ebene? Ist es ethisch korrekt/zumutbar, einen Pflegeroboter mit einer KI temporär zum Lebenspartner zu erwecken? Und was macht es mit den KIs, wenn der menschliche Partner stirbt? Fragen, die dystopisch scheinen, aber tatsächlich bald Teil unseres gesellschaftlichen Diskurses sein müssen.

Mit einer Plastikliebe meint die Liedermacherin Consoli übrigens eine unehrliche Liebe. Eine Liebe, die, ähnlich wie das Material, sich schnell abnutzt und nur (emotionalen) Müll hinterlässt. Das können wir Menschen bisher ganz gut. Die neue Zuneigung einer KI oder eines Pflegeroboters könnte dann ehrlich sein. Nicht aus Fleisch und Blut, aber auch nicht aus Plastik.

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