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Mental Health Day – Wird bald psychische Gesundheit im Job offen diskutiert?

Eines der letzten gesundheitlichen Tabus wackelt: Das Thema psychische Gesundheit kommt im Beruf immer öfter auf den Tisch. Wie geht es mit dem Thema weiter? Ein Blick in die Köpfe von Kreativen lohnt.

Einstellungen können krank machen

Krank sein? Das heißt für viele Arbeitnehmer mindestens 38° Fieber. Auch mit triefender Nase und schmerzenden Gliedern sitzen sie im Bürostuhl. Abgesehen von den Risiken für die eigene Gesundheit, riskiert ein solches Verhalten auch die Gesundheit der Kollegen. Das Phänomen heißt Präsentismus. Eine Studie des DGB geht davon aus, dass bis zu 50% der Deutschen sich mindestens einmal pro Jahr krank zur Arbeit schleppen. Aber nicht nur bei Fieber gehören wir auf die Couch. Wer seine mentale Gesundheit außer Acht lässt, läuft Gefahr, sich zu überarbeiten und schafft so einen fruchtbaren Boden für Depressionen, Angstzustände und andere Folgen psychischer Strapazen. Arbeit ist Stress, keine Frage: Gerade bei Kreativen, wo lange Arbeitszeiten die Regel sind. Dabei ist es kein Zeichen von Schwäche, das zuzugeben. Es ist der erste Schritt in eine Richtung, die dabei hilft, mentale Stärke aufzubauen, damit es gar nicht erst zu Erschöpfungserscheinungen wie einem Burn-out kommt.

Arbeiten bis zur völligen Erschöpfung. Menschen mit Burnout-Syndrom brauchen oft Hilfe, ihre psychische Gesundheit wiederherzustellen.

Pssst, ich bin doch nicht verrückt

Probleme mit der Psyche zu haben, ist im Berufsleben ein Tabu. Wer Probleme mit seiner mentalen Gesundheit hat, so das Vorurteil, gilt in seiner Arbeitsumgebung als weniger leistungsfähig. Die Angst ist: Wenn ich mich verletzlich zeige, werde ich nicht mehr gebraucht. Das Blog anxietyempire.com nimmt sich genau dieses Themas an. Es hat sich auf die Fahne geschrieben, eine Debatte über die psychische Verfassung von Kreativen in der Werbung zu starten. Zoe, die hinter dem Projekt steht, beschreibt ihre Erfahrung so: „Erst seit Kurzem gehe ich offen mit meiner psychischen Gesundheit bei der Arbeit um. Ich habe Depressionen und eine soziale Phobie. Deswegen fällt es mir schwer, vor größeren Gruppen meine Ergebnisse zu präsentieren oder beim Bier nach der Arbeit dabei zu sein. Es kann sogar eine Herausforderung für mich sein, das Büro zu verlassen, wenn vor der Tür eine große Gruppe von Leuten steht. Ich bekomme dann Panikattacken.“

Gerade mit einer Sozialphobie ist es schwierig, sich Kollegen und Kolleginnen zu öffnen.

Zeit, das Tabu zu brechen

Präsentationen vor großen Gruppen meidet sie, stattdessen spricht sie lieber direkt mit den Verantwortlichen. Drinks nach der Arbeit lässt sie ausfallen, aber bemüht sich um direkte Beziehungen zu den Menschen, mit denen sie arbeitet. Zoe hat ihren eigenen Weg gefunden mit ihren Ängsten umzugehen, ohne sie zu nähren. „Solange ich den Auftrag für meine Kunden gut erledige, ist es ihnen egal, dass ich in mancherlei Hinsicht anders arbeite.“ Wenn sie mit Interviewpartnern spricht, macht sie häufig die Erfahrung, dass diese sich lieber anonym über den Zustand ihrer psychischen Gesundheit äußern wollen. Sie haben Angst, ihre Reputation zu verlieren und nicht mehr ernst genommen zu werden. Während niemand sich scheut, über ein gebrochenes Bein zu sprechen, sitzt der Makel einer psychischen Erkrankung tief. Aber auch wenn nicht alle die Interviews mit ihrem Namen unterschreiben, so tragen sie endlich zu einer Diskussionskultur bei. Und die ist bitter nötig.

Heute brauche ich einen Mental Health Day

Die Debatte nimmt an Fahrt auf: Eine amerikanische Programmiererin mailte ihrem Chef, um sich zum Ende der Woche einen Mental Health Day zu nehmen. Der Chef begrüßte ihre Antwort enthusiastisch und dankte ihr für die Offenheit. Interessanter als die Reaktion des Chefs, sind die Reaktionen auf den Tweet: Er ging sofort viral. Weltweit diskutierten Menschen über die Möglichkeit, einen Mental Health Day einzulegen. Während eine Erkältung, Präsentismus bei Seite, ohne Frage bei jedem auf Verständnis für eine Ruhepause einholt, sind die Berührungsängste mit einem Krankheitstag wegen der psychischen Gesundheit weiterhin sehr groß. Geht ein Arbeitnehmer allerdings zum Arzt, wird er ohne Schwierigkeiten eine Krankschreibung für einen Mental Health Day bekommen. Rein statistisch gesehen, geht die Anzahl psychisch bedingter Krankheitstage in Deutschland nach oben.

Die Öffentlichkeit der sozialen Medien ist schon weiter

Gerade soziale Medien, mehr noch als klassische Medien, nehmen sich des Themas psychische Gesundheit von einer persönlichen Perspektive aus an. Die Debatte hat hier nicht den Filter eines Journalisten, sondern wird auf Augenhöhe geführt. So führt Zoe von anxietyempire.com auch einen Instagram-Account, auf dem sie Memes, Zitate und Illustrationen zum Thema mentale Gesundheit und Arbeitsbedingungen zeigt. Der Erfolg des Accounts zeigt, wie wichtig es ist, über psychische Gesundheit zu sprechen. Die Mischung aus Zitaten und gegenwärtiger Internet-Ästhetik kommt gut an. Die Debatte um die Psyche muss nicht immer trocken sein. Sie kann auch über Humor und gutes Design funktionieren. Und genau da setzt ein Trend an: Die Debatte um psychische Gesundheit bekommt einen neuen Anstrich.

Prominente gegen das Stigma psychischer Krankheiten

Die Erfolgsserie “GIRLS” packte das Thema OCD, eine Zwangsstörung, bereits in ihrer zweiten Staffel im Jahr 2013 auf den Tisch. Hauptfigur Hannah stellt ihre Störung offen zur Schau und der Therapieprozess wird zum Teil der Handlung. Da die Serie die Handschrift und biographische Versatzstücke ihrer Autorin Lena Dunham enthält, liegt es nahe, dass auch sie über diese Themen spricht. Ein paar Jahre nach der zweiten Staffel geht Lena Dunham mit ihren eigenen Erfahrungen über Angstzustände, Zwangsstörungen und Depressionen an die Öffentlichkeit, um dem Stigma etwas entgegenzusetzen.

Auch die Autorin Ada Blitzkrieg, die mit ihrem Twitter-Account bangpowwww bekannt wurde, geht offen mit ihrer Diagnose um: Sie hat ADHS und nimmt zu diesem Thema kein Blatt vor den Mund. Sie widerspricht den gängigen Klischees, die die Aufmerksamkeitsdefizitstörung begleiten und zeigt Einblicke in ihr Leben.

Zwei erfolgreiche Frauen, die verschiedene psychische Störungen öffentlich machen. Beiden Positionen ist gemein: Stigmas helfen nicht, sie hindern Menschen nur daran, zu sich zu finden. Man muss keinen Blick in den Katalog der Weltgesundheitsorganisation werfen, um zu merken, dass es noch mehr Störungen gibt. Nur haben die noch keinen prominenten Vertreter gefunden. Wohl gibt es aber in den Medien Berichte über das Leben von Menschen mit Schizophrenie oder Asperger. Diese Berichte sensibilisieren das Bewusstsein für die Anfälligkeit psychischer Störungen. Es müssen aber nicht immer gleich die schweren Störungen sein, die jemanden aus der Bahn werfen. Schließlich kommt jeder vierte Mensch in seinem Leben mal mit psychischen Leiden in Kontakt. Wir können dennoch festhalten, dass das Outing von Medienfiguren dabei hilft, eines zu verstehen: Eine psychische Störung macht einen Menschen nicht zum psychisch Kranken.

Wer offen mit psychischen Schwächen umgeht, setzt ein Zeichen, dass mentale Probleme und deren Heilungsprozess zu unserer Gesellschaft gehören.

Achtsamkeit statt Powerplay

Diese Beispiele zeigen, wie sich die Einstellung gegenüber mentaler Gesundheit langsam in der Gesamtgesellschaft und in der Arbeitswelt verändert. Auch außerhalb der Kreativindustrie werden sich in verschiedenen Branchen mehr Bewusstsein für die Notwendigkeit eines offenen Umgangs mit psychischen Problemen ergeben. Dabei sind es die Beispiele aus der Medien- und Kulturlandschaft, die neue Impulse setzen. Wir lernen durch diese Vorbilder mit uns selbst umzugehen. Und hoffentlich bald wird uns das Tabu von heute gestrig und blind vorkommen.

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