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Das Paar aus der Doku „A Secret Love” auf Netflix.

Queer im Alter: Am Ende des Regenbogens

Queere Kultur stellt oft junge Menschen in den Vordergrund, doch es gibt einen Umbruch. Queerness zeigt sich immer mehr in ihrer Komplexität. Neue kulturelle Narrative stellen so wichtigen Frage wie: Wie lebt man als queere Person im Alter? Wir haben uns umgeschaut und zugehört.

Trendwende: Neue Narrative über queeres Altern

Die typische queere Geschichte erzählt die Geschichte einer jungen Liebe, die zunächst unmöglich scheint, aber dann, allen Widerständen mutig trotzend, darf das Paar sich lieben. The End. Viele Narrative, egal ob in Büchern oder in Filmen, sind eine Variante dieses Topos. Doch was ist mit queerer Lebensrealität außerhalb des Beginns einer stürmischen Liebe? In ihrem Roman „Kintsugi” hat Miku Sophie Kümmel sich dazu entschieden, einen anderen Weg zu gehen: Sie begleitet ein schwules Paar in seinen Vierzigern und erzählt die Geschichte eines Wochenendes, das den Zerfall der Beziehung und schließlich ihren Zusammenbruch einleitet. Zwar erzählt sie in Rückblenden auch von den jüngeren Jahren der Beziehung, ist hier nicht immer ganz frei von Klischees, aber in seiner Gänze geht der Roman auf einen selten erzählten Lebensabschnitt ein. Die Doku „A Secret Love” erzählt ebenfalls eine Liebesgeschichte zweier Frauen, die einen selten erzählten Lebensabschnitt betrifft und gerade dadurch berührt. Sie überbrückt eine große Zeitspanne, beginnend mit den 1940ern, als Pat Henschel und Terry Donahue sich 1947 kennenlernen. Damals ist ihre Liebe noch illegal. Jetzt, 65 Jahre später, sind die beiden immer noch zusammen und werden in der Verfilmung ihrer Leben zu Heldinnen, die sie so in ihrer Jugend nie sein durften. Was Roman und Doku gemeinsam haben? Sie zeigen eine Zeit im Leben queerer Menschen, über die wir selten sprechen. Doch das ändert sich langsam – queeres Alter wird immer sichtbarer. Doch wie sieht das Leben queerer Senioren fernab von Netflix-Dokus aus? 

Queere Senior*innen haben besondere Bedürfnisse

Mit dem Lebensort Vielfalt gibt es in Berlin Charlottenburg ein bundesweit einzigartiges Projekt: Das von der Schwulenberatung getragene Mehrgenerationenhaus bringt queere Senior*innen, Pflegebedürftige und junge Menschen zusammen. Ein weiteres Haus ist derzeit in Planung und entsteht am Südkreuz. Der Lebensort Vielfalt zeigt, wie wichtig es ist, dass queere Menschen einen Ort haben, an dem sie in Würde altern dürfen. Was Würde hier bedeutet? „Queere Senior*innen sind auch Diskriminierung ausgesetzt”, erzählt Dr. Marco Pulver, der unter anderem auch die Fachstelle „LSBTI*, Altern und Pflege” beim Land Berlin mitverantwortet. Was, wenn ich mich in einem Pflegeheim neu outen muss und was, wenn ich dann nicht akzeptiert werde? Das ist eine wichtige Frage, die queere Senior*innen sich oft kaum beantworten können. Letztlich müssen sie von Diskriminierung ausgehen, wenn der Ort nicht explizit queer-freundlich ist. Queeres Altern wird komplexer, denn es gibt nicht die „eine Art“ zu altern, alles ist biographisch und persönlich bedingt. Pulver berichtet von älteren Männern, die sich erst mit über 70 outen und anderen, die sich selbst niemals als „schwul” bezeichnen würden. Für ihn zeigt sich hier, wie unterschiedlich die Selbstwahrnehmungen ausgeprägt sind, wenn wir uns mit älteren queeren Menschen unterhalten. Und sie alle haben ihre Berechtigung. 

“Es ist wichtig, queeren Senior*innen einen Ort zu geben, an dem sie in Würde, und das heißt diskriminierungsfrei, altern können. In einem klassischen Altersheim kann der Prozess von Outing, Verstecken oder auch Anfeindung komplett von Neuem beginnen.” Foto: Jason Jarrach.

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Neue Formen der Begegnung schaffen

Doch wie können wir queeren Senior*innen und ihren Geschichten mehr Gehör verschaffen? Dieter Schmidt, der bei der Schwulenberatung queere Senior*innen mitbetreut, sagt dazu: „Die Älteren wünschen sich die Begegnung, aber es gibt wenig Räume dafür.” Doch wie diese Räume schaffen? Es gibt mobile Besuchsdienste, bei denen Freiwillige mit Älteren gematcht werden und so eine Beziehung eingehen können. Die queere Aktivismusgruppe „Voices4Berlin” arbeitet zudem gerade mit der Schwulenberatung an einem Begegnungskonzept. „Aktuell sind wir durch Corona stark eingeschränkt, aber wir planen bereits für die Zeit danach und wollen gemeinsame Gesprächsrunden oder kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen angehen”, berichtet ein Mitglied der Gruppe. „Wir wünschen uns den Austausch mit queeren Senior*innen, weil sie für uns so sind wie Großeltern. Wir können viel von ihnen und ihren Erfahrungen lernen.” Und um diesen Erfahrungsaustausch zu gestalten, braucht es die entsprechenden Räume und Menschen, die sie tragen. Bewegende Geschichten können der Anstoß sein, diese Räume zu realisieren. 

„Letztlich geht es darum, den Menschen im Alter in den Mittelpunkt zu stellen, mit all seinen Bedürfnissen”, merkt Marco Pulver im Gespräch an. Dass diese Bedürfnisse bei queeren Menschen anders gelagert sind, muss sich auch in den zur Verfügung stehenden Institutionen wie Seniorenheimen oder Pflegeinrichtungen ausdrücken. Derzeit wird ein vom Verein „queerAltern” gestütztes Projekt für ein queeres Seniorenzentrum in Zürich realisiert. Auch in den USA gibt es Organisationen wie „SAGE USA”, die sich um die Sichtbarkeit queerer Menschen im Alter bemühen. Wir sind aber lange nicht in einer flächendeckenden Versorgung angekommen. Dennoch beginnt alles mit Sichtbarkeit und hier bekommen queere Senior*innen endlich ein wenig mehr Gehör.

Viele Narrative rund um Queerness drehen sich um Identität und Erfahrungen im jungen Lebensalter. Aber was ist mit queeren Menschen im Alter? Und wie altert es sich als queere Person? So können neue Formen der Vorsorge entstehen. 

Erfahrungen von Queerness gehen durch alle Altersstufen

Die politische Artikulation und die Forderungen queerer Menschen drehen sich um die Bedürfnisse von Personen, die sich mit ihrer Identität auseinandersetzen und gesellschaftliche Anerkennung und eine diskriminierungsfreiere Umgebung einfordern – und zumeist jung sind. Auch Comingouts rücken in der Regel junge Menschen in den Vordergrund, selten sprechen wir von Comingouts im Alter. Doch auch queere Menschen altern und haben bestimmte Bedürfnisse, die aus ihrer biographischen Erfahrung heraus entstehen. Viele haben in ihrem Leben Diskriminierung oder sogar Strafverfolgung erlebt. Zugleich greifen die klassischen Care-Strukturen, wie die Kernfamilie oder Kinder, hier nicht. Eine Chance also neue Formen der gegenseitigen Fürsorge zu schaffen und neue Modelle der Care- und Pflegearbeit auszutesten. 

Nicht alle Menschen im Alter wollen sich als schwul oder lesbisch bezeichnen, haben diesen Begriff nie für sich gesehen. Foto: Sharon McCutcheon.

Queere Geschichte, gelebte Lebensrealität

Eine Person, die heute sagen wir um die 60 ist, hat in ihrer Lebenszeit verschiedene Gesetzeslagen und gesamtgesellschaftliche Situationen erlebt. Von der Kriminalisierung sexueller Handlungen zwischen Männern, die der §175 StGB noch aus der Zeit der Kaiserzeit regelte, bis hin zur Ermöglichung von Lebenspartnerschaften zwischen homosexuellen Paaren: Diese historisch veränderlichen Erfahrungen haben eine Auswirkung auf das Selbstbild vieler Menschen. Nicht alle Menschen im Alter wollen sich als schwul oder lesbisch bezeichnen, haben diesen Begriff nie für sich gesehen. Hinzu kommt, dass viele queere Menschen sich ein Leben in Unabhängigkeit aufgebaut haben, das sie vor Diskriminierungserfahrungen schützen soll – im Alter kann jedoch genau diese Lebensstruktur zur Vereinsamung führen. Wenn Paare ihr Leben lang füreinander Bezugspunkt waren und eine*r der beide*n Partner*innen verstirbt, muss eine ältere queere Person sich neu orientieren. Wohin mit mir? Was kann ich noch alleine? In den härtesten Fällen kann die Unabhängigkeit aufbrechen, etwa durch eine gesetzliche Vormundschaft, denn mit dem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit in eine Situation zu gelangen, die es nicht mehr erlaubt, die eigenen Angelegenheiten selbstbestimmt zu regeln. Die Gefahr dann durch einen familienfremden Betreuer erneut Diskriminierungserfahrungen zu erleben, ist groß. Spezielle Schulungen für die gerichtliche abgestellte Betreuung von queeren Personen gibt es nicht und so scheint Queerness im Alter auch in anderen Bereichen ein Thema, das erst langsam Gehör findet. 

Wo Generationen aufeinander treffen

Doch queeres Altern bekommt in einigen Pilotprojekten besondere Aufmerksamkeit: Mit dem Lebensort Vielfalt in Berlin Charlottenburg wurde ein Ort geschaffen, der in dieser Form einzigartig ist. Als Haus mit eigenständigen Wohnungen (und einer speziellen Wohngemeinschaft für Menschen, die Pflege in Anspruch nehmen) bietet der Lebensort einen Raum der Gemeinschaft, der zugleich auch ein Leben in Selbstständigkeit ermöglicht. Die Vielfalt kommt auch im Altersspektrum zum Tragen: Ein bestimmter Anteil der Bewohner soll stets immer jüngeren Alters sein, damit eine Durchmischung der Generationen besteht. So entsteht ein Mehrgenerationenhaus für queere Menschen, ein Ort der Begegnung zwischen Menschen, wie er sonst nur selten möglich ist. Ein ähnliches Projekt für queere Senior*innen wird gerade in Zürich gebaut, wo der Verein „QueerAltern” den Anstoß gab und neben dem Haus auch mit Öffentlichkeitsarbeit die Bedürfnisse queerer Menschen, auch im Alter diskriminierungsfrei zu leben, artikuliert. 

“Mit dem Lebensort Vielfalt gibt es in Berlin Charlottenburg ein bundesweit einzigartiges Projekt: Das von der Schwulenberatung getragene Mehrgenerationenhaus bringt queere Senior*innen, Pflegebedürftige und junge Menschen zusammen.” Foto: Ggryffyn m.

Es ist wichtig, queeren Senior*innen einen Ort zu geben, an dem sie in Würde, und das heißt diskriminierungsfrei, altern können. In einem klassischen Altersheim kann der Prozess von Outing, Verstecken oder auch Anfeindung komplett von Neuem beginnen. Doch queere Fürsorge kann noch weiter gehen: Es gibt derzeit wenig Berührungspunkte zwischen den Generationen queerer Menschen, denn gemeinsame Räume gibt es kaum, dreht sich doch ein Großteil queerer Aktivitäten rund um die Ausgehkultur. Hinzu kommen Vorurteile zwischen den Generationen, denn das Erleben von queerer Lebensrealität ist kulturellen Schwankungen unterworfen. Um ein Beispiel zu nennen: Die größere Sichtbarkeit von non-binären Menschen lässt sich nicht ohne soziale Medien denken. Doch was, wenn Menschen kein Instagram nutzen? Natürlich kann non-binäre Queerness auch ohne Social Media bestehen, es gab sie vor den sozialen Medien und es wird sie auch danach geben. Aber dennoch entstehen durch mediale Strukturen und Nutzungsverhalten verschiedene Erfahrungsspektren. Zugleich gibt es viel über queere Geschichte zu lernen, wenn wir mit den Menschen in Kontakt treten, die sie erlebt heben. Um mehr über queere Männlichkeit in der BRD der 70er-Jahre zu erfahren, mag ein Rosa von Praunheim Film hilfreich sein, aber was ist mit direkten Erzählungen? Wie hat es sich als lesbische Transfrau in der DDR gelebt? All das sind Fragen, die sich junge queere Menschen oft über kulturelle Artefakte aneignen, obwohl auch ein Dialog möglich wäre. Queere Solidarität darf Altersgrenzen überschreiten, sollte das sogar, denn der Austausch geht in beide Richtungen. 

Neue Formen der Vorsorge schaffen

Der Austausch wirft dann auch neue Fragen bei jüngeren Menschen auf: Wie will ich selbst altern und welche Strukturen muss ich mir schaffen, damit ich in Würde altern kann? Das kann bedeuten, dass bestimmte Care-Strukturen in Freundschaften oder Beziehungen verankert werden, oder aber auch, dass bestimmte Einrichtungen herausgesucht werden, die ein queer-freundliches Altern ermöglichen. Auch finanzielle Formen der Altersvorsorge sind wichtig, Über das Queere hinaus stellt sich eine Frage, die auch Menschen betrifft, die sich nicht im queeren Spektrum verorten: Wie können wir die Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellen? Wie können wir als Menschen in Würde altern? Ein wichtiger Schritt ist der Dialog zwischen den Generationen, denn wir können viel von unseren queeren Vorkämpfer*innen lernen.

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