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Headercollage mit Fotos von Jonathan Takle, Tuce & Blake Campbell

Headercollage mit Fotos von Jonathan Takle, Tuce & Blake Campbell

Religion zum Downloaden: Der Glaube aus dem App-Store

Die Digitalisierung hat die Welt verändert, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Bibel, den Koran oder die Tora gibt es für alle digitalen Devices – sind religiöse Applikationen das logische Update des Gotteshauses?

Das Bild der Gottesdienste in Deutschland ist vom Alter gezeichnet, mit 50 Plus könnte man die frommen Kirchgänger pauschal beziffern. Und dieser Altersdurchschnitt wirft seit längerem die Frage auf: Stirbt die Kirche aus? Fast ein Drittel der Menschen in Deutschland gehört keiner Religion an, 29 Prozent sind katholisch, 28 Prozent evangelisch und etwa fünf Prozent gehören dem Islam an, andere Religionsgemeinschaften zusammen stellen knapp 1 % der Bevölkerung dar, so die Auswertung des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst, REMID. Die Konfession allein sagt allerdings noch lange nichts über die Re­li­gi­o­si­tät aus: Manch einer bleibt auf dem Papier Christ, um in der Familie nicht in Ungnade zu fallen; andere wiederum sehen die Kirchensteuer lediglich als eine Art Spende und betreten sonst kein Gotteshaus; einige sind aus der Kirche ausgetreten, aber leben ihre Religion ganz individuell dank Internet.

Kirche? Nein! Glaube? Ja!

Interessant ist tatsächlich, dass obwohl die Kirchen allesamt über sinkende Mitgliederzahlen klagen und die Reihen immer leerer werden, der Glaube nicht abnimmt: 16,75 Millionen Menschen in Deutschland gaben 2017 bei einer Statista-Umfrage an, dass sie Religion und feste Glaubensüberzeugung im Leben für besonders wichtig halten, die Tendenz steigt seit vier Jahren.

Religion und Glaube? Für die meisten Menschen zweierlei. Und so drücken gerade die Generationen der Digital Natives statt Kirchenbank lieber einen Download-Button. Das fühlt sich zeitgemäß an und das hat sogar der Vatikan verstanden und „Clerus-App“ herausgebracht. Die Anwendung kommt immer donnerstags mit Erklärung und Auslegung für das Evangelium des folgenden Sonntags. Predigten, Bibelverse und Gebete gibt es en Masse im App-Store: „Holy Bible – YouVersion“ bietet zum Beispiel neben der Bibel (auch offline) Tagesverse und Bibellesepläne, als Inspiration fürs christlich moderne Leben. Mit „My Holy Rosary“ kann man den Rosenkranz beten und mit „Confession. A Roman Catholic App“ ganz einfach online seine Beichte ablegen.

Bibelschule auf dem Smartphone Foto: Jenny Smith

Minder – Tindern für Muslime mit Religiositätsstufen

Muslime laden sich mit „Muslim Pro“ ein Gesamtpaket an Religionspflege: Neben dem gesamten Koran mit arabischen Skripten, Phonetik, Übersetzungen und Audio-Rezitationen, gibt’s hier auch kostenlos die Anzeige der Gebetsrichtung und islamischer Zeitrechnung, eine Karte mit Halal-Restaurants und Moscheen. 50 Millionen Muslime nutze laut Anbieter diese Anwendung. Spezifischer fungiert dagegen „Minder“. Das funktioniert eigentlich wie „Tinder“, nur dass man bei der Anmeldung die Stufen der Religiosität angibt und so die gläubige bessere Hälfte finden kann.

Einen Partner zu finden der den eigenen Glauben teilt ist für viele Menschen sehr wichtig.

Die Kosher-Scan App für Lebensmittel

Dank „Is it Kosher?“ behalten Juden im Supermarkt den Überblick: Einfach gewünschtes Lebensmittel in das Suchfeld eingeben und dann wissen, ob man koscher einkauft. Wer die genauen Zeitangaben fürs Lichteranzünden oder den Weg zum nächste Chabad-Haus sucht: „chabad.org“. Die App punktet auch mit kommentierten Toralesungen.

Jetzt aber mal ein Punkt. Man kann lang scrollen, bis die Liste an Applikationen endet – gerade bei Wissensfragen und Erläuterung von Jahrtausend alten Schriften gibt es hilfreiche Anwendungen. Auch Inspiration und Adressen lassen sich für jede Religion wunderbar finden. Aber: Bei konkreter Glaubensauslegung wird es dann schon oft kitschig oder aber teuer.

Ist es kosher? Mit der einer App einfach herauszufinden – Foto: Simon Goetz

Religion per App – Wer nutzt das eigentlich?

Über Religion lässt sich schon immer streiten – und das gilt auch für das digitale Zelebrieren von Glauben. Allein im Bekanntenkreis umgehört, spürt man Ambivalenz hinsichtlich des göttlichen App-Store-Angebots. „Auf dem Handy habe ich eine Traumdeutungsapp, die ich biblisch auswerte. Ich führe also eine Art Archiv über meine Träume, um zu schauen, welche Botschaften ich so im Leben erhalte. Ich bin russisch-orthodox und ich würde mich schon als religiös bezeichnen, in Gottesdienste gehe ich trotzdem nicht. Ich lebe meinen Glauben privat, meine Beziehung zu Gott ist intim”, erzählt Olga Grominski (32). Noch konkreter wird es bei Jacqueline Straub (28), sie hat Theologie studiert und findet die mobile Verbindung zu Gott zeitentsprechend: „Man kann traditionelle Elemente der Kirche modern umgestalten. Ich habe eine Rosenkranz-App und die Bibel auf meinem Handy”, sagt sie. Apropos Zeitgeist, kleine Randnotiz: Solange Frauen keine Priesterinnen in der römisch-katholischen Kirche werden dürfen, predigt sie bei Youtube.

Was aber keine App und kein Gottes-Onlinedienst wirklich auslösen kann, ist das tiefe Gefühl der Gemeinschaft, des Händereichens in der Messe, des anschließenden Austauschs über die Predigt – wer Religion auch der Gemeinde wegen lebt, der braucht kein Download auf dem Smartphone. So sagt Josua Brugger (30) in der Umfeld-Umfrage: „Ich habe letztes Jahr in der Kirche geheiratet, auch wenn ich sonst nur an Heiligabend dorthin gehe, war mir das wichtig. Die Stimmung im Gotteshaus ist ehrenvoll, die Atmosphäre heilig und das Teilen mit den Menschen gehört für mich dazu. Auch der Kontakt zu Alten ist schön. So ist die Kirche ein Bindeglied zwischen meiner Großmutter und mir.”

Religiöse Applikationen sind also nicht zwangsläufig das logische Update des Gotteshauses und so kann man auch das vermeintliche Aussterben der Kirche nicht auf die Digitalisierung schieben – aber ebenso wie einige ihre Sneaker oder das Müsli personalisieren, tun das andere nun via Internet mit ihrer Religion. Der Appstore kann gläubigen Menschen Alternativen aufzeigen, Gott sei Dank.

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