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Ramkesh Adivasi hält sich an Ulrike Reinhards Motorrad fest. Foto: Vicky Roy

Ramkesh Adivasi hält sich an Ulrike Reinhards Motorrad fest. Foto: Vicky Roy

Revolution auf Rollen

Ulrike kam nicht nach Janwaar, das Dorf kam vielmehr zu ihr. Eine Aneinanderreihung von Zufällen und Ereignissen brachte sie im Sommer 2014 in das kleine Dorf Janwaar. Im April 2015 eröffnete sie dort den damals größten Skatepark Indiens. Ihr Projekt Janwaar Castle löste im Norden von Madhya Pradesh, einem der ärmsten Bundesstaaten, einen beachtlichen Transformationsprozess aus.

Als Verlegerin, Autorin und Futuristin kann Ulrike eine erfolgreiche Karriere im Change- und Community-Management aufweisen: Seit vielen Jahren baut sie Online- und Offline-Netzwerke auf und setzt auf ergebnisoffene Prozesse. Sie hat Betriebswirtschaftslehre in Mannheim studiert und arbeitete im Marketing für Rundfunk, Fernsehen und der Filmbranche in Deutschland, Italien und den USA. Die freie Beraterin hat über 100 Länder bereist und tauscht sich mit Nobelpreisträgern, hochrangigen Politikern und internationalen Visionären ebenso aus wie mit Unternehmern, Feldforschern und der einheimischen Dorfbevölkerung.

Ulrike ist außerdem eine Internet-Pionierin: Ihren ersten E-Mail-Account richtete sie im Jahr 1987 bei The Well ein, ganze sieben Jahre vor dem ersten Bild im Internet. Seither hat sie über 50 Bücher zum Thema Internet und Neue Medien publiziert. Wir haben mit Ulrike über ihr erfolgreiches Skatepark-Modell Janwaar Castle, analoge und digitale Netzwerke gesprochen sowie den neu gegründeten Verein Rural Changemakers.

Liebe Ulrike, seit wann lebst Du in Indien und wie bist Du nach Janwaar gekommen?

Ich bin im Jahr 2013 mit dem Motorrad ein Jahr quer durch Indien gefahren und immer wieder zu diesem Fleck am Ken River zurückgekehrt. Dort stellte mir Shyamendra Singh, der Besitzer der Ken River Lodge, einen Geschäftsmann aus Panna vor, der sich bereit erklärte, uns sein Land für den Bau eines Skateparks zu überlassen. Die Entscheidung fiel innerhalb von fünf Minuten mit fantastischem Blick über den River Ken. Anschließend starteten wir eine Aktion, bei der Künstler aus aller Welt Skateboards in Kunstwerke verwandelten. Diese haben wir über den von Titus Dittmann initiierten Verein skate-aid auf eBay versteigert. Mit den Erlösen daraus haben wir uns dann im Dezember 2015 ans Werk gemacht. Als Open Space-Projekt ohne Erwartungen. Uns war klar, dass etwas passieren würde, wir wussten nur nicht, was.

Asha Gond, the “Queen of Janwaar“. Foto: Basumatary Tunu

Du fährst Motorrad, aber kein Skatebord. Warum ein Skatepark?

Ich habe 2009 Skateistan in Kabul in Afghanistan gesehen und das hat mich ziemlich inspiriert: Skateboard fahren ist eine Gegenkultur, die in geschlossenen Systemen mit sehr tradierten Werten wie in Afghanistan oder Indien einen fast surrealen disruptiven Faktor darstellt. Denn Skateboarding kennt weder Grenzen noch Krieg, Hautfarbe oder Hass, arm oder reich: Skateboarding verbindet und wirkt insbesondere in der Orientierungsphase bei Jugendlichen extrem sinn- und identitätsstiftend. Außerdem kann man beim Skaten lernen, nach dem Hinfallen wieder aufzustehen, muss Risiken eingehen und dabei die Balance halten.

Ihr habt gerade Euren Verein Rural Changemakers in Berlin vorgestellt – wie ist die Situation auf dem Land in Indien?

Der Mangel an Bildungs- und Karrieremöglichkeiten führt im ländlichen Indien dazu, dass viele junge Menschen die Dörfer verlassen. In den übervölkerten städtischen Zentren finden sie jedoch selten eine bessere Lebensqualität. Und die Dörfer, die sie zurücklassen, sterben langsam aus. Mädchen werden hier oft schon nach der Geburt getötet, ab Geschlechtsreife ins Haus verbannt, das heißt, sie dürfen das Haus nur noch mit einem männlichen Begleiter verlassen und obwohl Kinderheirat seit 2006 verboten ist, wird vor allem in ländlichen Gebieten noch immer ein Viertel aller Mädchen minderjährig verheiratet.

Was kann ein Skatepark an dieser Situation ändern?

Ein Beispiel: Asha ist Adivasi, also Kastenlose, und ambitionierte Skaterin. Heute ist sie 19 Jahre alt, damals luden wir sie ins Sommercamp 2016 ein. Dort lernte sie fleißig Englisch. Wir hatten einen sogenannten Teach-for-India-Fellow, der während unseres Camps die Kinder in Englisch unterrichtete. Am Ende des Camps erhielt jeder Teilnehmer, so auch Asha, ein Zertifikat. Ich war damals erst seit kurzem in Indien und habe sie in meiner damaligen Naivität gefragt, ob ich ihr einen Englischkurs in Oxford organisieren soll und sie war ganz begeistert. Wir baten ihre Eltern um Erlaubnis und die formulierten ein ganz klares Nein. Weder Asha noch ich wollten das allerdings akzeptieren. Nach intensiven Gesprächen über gut acht Monate hinweg, hatten wir die Eltern dann so weit, dass Asha fünf Wochen nach England durfte – unter der Voraussetzung, danach die anderen Kinder im Englischunterricht zu unterstützen. Sprich: einen Job erhält, der auch ihre Stellung im Dorf aufwertet. Sie war die erste in ihrer Gemeinde, die einen Reisepass erhielt und über die in allen nationalen Medien berichtet wurde. Sie wurde ein richtiger Star und hatte damit nach ihrer Rückkehr auch ganz schön zu kämpfen. Ihr Bruder und ihre Mutter stehen allerdings voll und ganz hinter Asha. Bis heute wurde sie nicht verheiratet. Zuletzt hat sie Indien bei den Skate World Championships in Nanjing, China vertreten – Skateboard wird seine olympische Premiere in Tokio 2020 haben.

Skateboarding in Leicester. Foto: Ulrike Reinhard

Welche Regeln gelten in Eueren Projekten?

Die zwei wichtigsten Regeln in Janwaar Castle lauten: Girls First und No School, no Skateboarding. Konkret bedeutet das: Wenn Mädchen zum Beispiel ein Skateboard haben möchten, erhalten sie es. Wer aber nicht in die Schule geht, bekommt keines. Frei nach der Procter & Gamble-Regel: Keep it stupid, keep it simple. Das Selbstbewusstsein der Mädchen und Frauen wird dadurch mit der Zeit gestärkt. Ein Drittel der Kinder geht freiwillig in die Schule, da sie an den Skate-Kursen und anderen Bildungsangeboten teilnehmen wollen. Janwaar steht hierbei stellvertretend für eines von rund 700.000 indischen Dörfern, in denen bisher überwiegend Armut, Bildungsmangel und Stadtflucht herrschen.

Wie schwer war es, die Regel Girls First durchzusetzen und was ist Deine Rolle dabei? 

Am Anfang haben sich nicht alle darangehalten, das brauchte seine Zeit. Die Kinder spielen eine wichtige Rolle: Sie tragen die Regeln in die Familien und die Dorfgemeinschaft. Dadurch werden Diskussionen, auch über den Umgang mit den Adivasi oder Alkohol trinkende Väter bewirkt. Mir war es wichtig, dass wir auf bestimmte Themen aufmerksam machen, ohne dass wir uns in die Religion oder Genderdiskussionen einmischen Dabei setzen wir auf die positive Kraft von Kindern – bei einem 20-Jährigen änderst Du in der Regel nicht mehr viel an seinen Ansichten. Ich übernehme dabei nur eine Beobachterrolle: Ich helfe nur da, wo meine Erfahrung nachgefragt wird. Und es ist schön zu sehen, wie es fruchtet: Nach drei Jahren hat sich viel Aggression abgebaut, ein Vater mit Alkoholproblemen ist trocken, der Umgang mit den Adivasi wird selbstverständlicher und manche Jungs helfen den Mädchen sogar schon mit den schweren Wasserkrügen.

Was macht ihr anders als klassische Nichtregierungsorganisationen, von denen es in Indien ja sehr viele gibt?

Wir verfolgen einen ganz anderen Ansatz. Die meisten NGOs haben fest definierte Programme – und kümmern sich oft nur um Adivasi, Bildung oder Mädchen. Und das meist ohne die Menschen überhaupt zu fragen: Wollt ihr das? Ich bin ein Internet-Mensch und setze in meinen Projekten immer auf dezentrale Strukturen. Wenn wir über Veränderungsprozesse reden, wollen wir einen kulturverändernden Prozess in Gang setzen und der braucht Zeit. Es ist auch vermessen anzunehmen, dass Du alle mitnehmen kannst – es beteiligt sich immer nur ein geringer Teil und nur der stetige Dialog und Aufmerksamkeit bewirken Veränderungen. Nur eine Strategie, die selbst gewollt ist, ist auch nachhaltig.

Arun Kumar Janwaar und Asha Gond im Indien-Trikot auf dem Weg nach China. Foto: Ulrike Reinhard

Stichwort Netzwerk: In all Deinen Unternehmungen geht es um Netzwerke. Was gibst Du in Dein Netzwerk und was kannst Du daraus ziehen?

Eine wichtige Voraussetzung ist, dass Du Dich ohne Erwartungen für ein Netzwerk engagierst und etwas hineinsteckst. Dann kommt es darauf an, wie die Resonanz auf das Netzwerk ist. Wenn es keine Resonanz erzeugt, hast Du den falschen Ansatz, die falsche Initiative gewählt. Ich setze dabei immer auf Pull statt Push und finde es hochspannend, wen die Projekte aus welchen Gründen erreichen und anziehen. Jeder kann an uns herantreten, der ein Projekt mitbringt. Derzeit haben wir fünf bis zehn Initiativen in der Pipeline, die alle etwas für die Kinder machen wollen. Wir werden sehen, welches Projekt davon sie annehmen und was daraus entsteht.

Woher hast Du Deinen Unternehmerinnengeist und brauchen wir mehr Frauen in Unternehmen?

Weiß ich gar nicht – ich denke, alles hängt von engagierten Personen ab, unabhängig von ihrem Geschlecht. Ich selbst stamme aus einer deutschen Mittelklasse-Familie, meine Eltern haben beide am Finanzamt gearbeitet, und ich habe als Erste in meiner Familie studiert. Gleich nach dem Abitur war ich acht Jahre in den USA und habe dort viele inspirierende Menschen aus aller Welt getroffen. Dort habe ich mich mit der Online-Community vernetzt, bin mittlerweile in mehr als über 100 Länder gereist und habe mir Projekte vor Ort und ohne Filter angeschaut. Soft Skills wie sie Frauen oft mitbringen, werden wichtiger, auch der kulturelle Wert von Unternehmen wird in Zukunft deutlich zunehmen und jede Unternehmenskultur ist letztendlich das, was wir gemeinsam definieren.

Was machst Du als Erstes, wenn Du nach Indien zurückfliegst?

Ich setze mich auf mein Motorrad, besuche die Tiger im Nationalpark und den Baby-Elefant. Danach bringe ich mein Zimmer im Baumhaus wieder auf Vordermann. Während der ganzen Zeit geht es weiter mit dem Projekt: Derzeit wollen vier weitere Dörfer unser Modell übernehmen, zum Jahresende wird der nächste Skatepark fertig.

Vielen Dank für das Gespräch.

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