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Foto: ALEX APT

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Tanz im Zeitalter der technologischen Revolution – ein Interview mit Shamel Pitts

Shamel Pitts ist Tänzer, Choreograf und Ex-Mitglied des israelischen Tanzensembles Batsheva. Für Qiio spricht er über die verbindende Kraft von Tanz und ob wir eines Tages mit Robotern tanzen werden.

Der in Brooklyn geborene Shamel Pitts ist Afro-Futurist und Gaga-Botschafter. In seinen Arbeiten geht er zwischenmenschlichen Differenzen nach und beschwört zugleich die Kraft jene Differenzen zu überwinden. Nachdem er das Batsheva-Ensemble 2016 verlassen hatte, entwickelte er eine Trilogie aufeinanderfolgender Werke. Das erste Werk, Black Box, ist ein Solo; erstmals aufgeführt am Abend seines 30. Geburtstages vor insgesamt 30 Freunden, Dauer: exakt 30 Minuten. Shamel Pitts drahtig-definierte Gestalt bewegt sich darin zum Soundtrack eines selbstverfassten Textes. Black Velvet, der zweite Teil, ist ein Duett mit der brasilianischen Tänzerin Mirelle Martins. Das Stück zeigt eine aufgewühlte Suche, ein Zusammenkommen und Sich-Trennen zwei nackter Körper im Dunkel. Momentan arbeitet Pitts an Black Hole, dem Abschluss der Trilogie, wo er schwarzen Löchern und kosmischen Mysterien nachgeht. Für Qiio habe ich mit Shamel Pitts ein Skype-Gespräch zwischen Berlin und Montreal geführt.

Foto: ALEX APT

Herr Pitts, Batsheva ist eines der bekanntesten Tanzensembles der Welt. Spätestens seit der Dokumentation „Mr. Gaga” sind Ohad Naharins Stil und seine Arbeiten weit über den israelischen Kontext hinaus bekannt. Wieso haben Sie das Ensemble verlassen?

Ich war sieben Jahre lang ein fester Bestandteil des Ensembles. Es lief alles wunderbar. Batsheva war zu meinem Zuhause und meiner Basis geworden. Aber es war auch an der Zeit zu gehen. Batsheva nahm schlicht zu viel Raum in meinem Leben ein. Ich wollte meinen eigenen Interessen mehr Platz einräumen.

Die da wären?

Ich liebe zum Beispiel Aliens, also, was sie symbolisieren: das Doppeldeutige, das Fremde. In meinen Arbeiten spüre ich Differenzen nach, ich feiere sie, will aber auch zeigen, dass wir Menschen uns letztendlich viel ähnlicher sind, als dass wir uns voneinander unterscheiden.

Dienen Differenzen im politischen Klima dieser Tage nicht eher dazu, Menschen gegeneinander aufzuwiegeln anstatt sie einander anzunähern?

Genau! Das entspricht dem, was ich selbst beobachte und auch erfahre. Aber es entspricht nicht meiner inneren oder meiner künstlerischen Haltung. Mich interessieren extreme Gegensätze. Etwa die Frage, was im Kosmos vor sich geht, im Kontrast zum Leben auf der Erde. Mein aktuellstes Stück Black Hole spielt mit der Hypothese, dass schwarzen Löchern, als größtmöglicher Gravitationskraft, nichts entkommen kann. Oder mit der Frage: Was befindet sich dahinter, was kommt nach dem schwarzen Loch? Das beflügelt meine Vorstellungskraft. Meine Hoffnung ist, dass eine solche Außenperspektive uns erlaubt einen anderen Blick auf uns selbst zu entwickeln und dabei eine gewisse Harmonie zu erkennen. Etwas, dass sich zwischen den Menschen befindet und uns letztlich miteinander verbindet.

Foto: REBECCA STELLA

Wie sieht für Sie der Tanz der Zukunft aus?

Für mich persönlich ist das Tanzen eine Bestimmung. Ich entscheide mich zu tanzen so, wie ich mich auch dazu entscheide zu atmen. Und Tanz erlaubt mir, Dinge auf eine Art und Weise auszudrücken, die ich in Worten nicht wiedergeben kann. Deshalb glaube ich, dass der Tanz auch ein Mittel sein kann, um (scheinbar) bestehende Gewissheiten zu hinterfragen. Im Tanz wird die Fluidität der Welt sichtbar, Farben und Melodien, die zwischen Wörtern liegen, abseits vom Schwarz-Weiß-Denken. Wir leben heute im Zeitalter einer technischen Revolution. Information sind immer verfügbar, aber so geraten auch wichtige Fragen in den Hintergrund. Ich hoffe, dass Tanz in der Zukunft hilft, diesen hinterfragenden Grundton noch zuzuspitzen.

Video: BLACK BOX by AVIV MAARAVI

Ließen sich die technischen Entwicklungen von heute oder morgen – Stichwort: Virtual Reality, Künstliche Intelligenz etc. – in Tanz-Choreografien integrieren?

Ha, ja, das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen! Meine derzeitige Inspirationsquelle Nr. 1: Janelle Monáes Android-Pop-Musik. Sie ist meine Cousine. In ihrer Musik geht es viel um Roboter, synthetische Organismen, und intelligente Lebensformen abseits des Menschen. Ich denke, dass wir solchen Zukunftsvisionen heute schon viel näher sind als wir denken. Und ja, wenn künstliche Intelligenz oder künstliche Körper unser Leben bestimmen, dann werden sie auch das Tanzen bestimmen. Gleichzeitig sorge ich mich auch ein wenig, dass sich die Menschen durch technologische Innovationen noch weiter voneinander entfernen als sie es ohnehin schon tun.

Der gemeinsame Nenner Ihrer Trilogie ist die Farbe Schwarz. Als schwarze Identität? Wo liegt der Ursprung Ihrer Arbeiten?

Die Trilogie ist ein Spiegel meiner Erfahrung – nicht mehr und nicht weniger. Sie war ursprünglich eine Art Reisebericht, damals tourte ich mit Ohads Werken. Ich habe mich in der Zeit viel mit der Frage beschäftigt woher ich komme, welche Werte ich vertrete, und wo wir heute stehen als Rasse – also als menschliche Rasse.

Foto: ALEX APT

 

In Black Box ist die Rede von „Sprichwörtern, die mich erinnern, Dich zu erinnern / was es bedeutet jung, begabt und schwarz zu sein” – eine Hommage an Nina Simone?

Sie ist ein Einfluss unter vielen. Und sicher, meine Stücke haben auch mit Schwarzsein zu tun. Gleichzeitig glaube ich aber, dass wir Begriffen wie Race, Gender oder sexueller Orientierung zu viel Bedeutung beimessen. All das kommt in meinen Werken zwar vor, es sind die Grundzutaten aus denen meine Arbeit gemacht ist, aber keine meiner Werke handelt im engeren Sinne davon.

Inwiefern prägte Sie das Arbeiten vor Ort in Tel Aviv?

Generell glaube ich, dass die Erfahrung, an einem Ort zu leben, der nicht der ist aus dem man stammt, einen mehr mit dem eigenen Selbst konfrontiert. Man wirft existenzielle Fragen in Bezug auf die eigene Identität auf. In Tel Aviv war ich der einzige Afro-Amerikaner weit und breit. Klar gucken die Menschen einen da anders an. Ich würde das nicht unbedingt als Rassismus bezeichnen. Eher als positiven Rassismus. Aber letztlich ist das auch negativ. Ich fühlte mich verstärkt als ein Außenseiter. Einmal sagte eine Frau in einer Tanzshow zu mir: „Oh, der Alien ist gelandet!” Sie meinte das gar nicht böse, aber mich als einen Alien zu bezeichnen, das war, ja, befremdlich. Solche Dinge passierten mir dort öfter.

Video: BLACK VELVET by IDO COHEN

 

Sie unterrichten Gaga, die Tanzform, die Ohad Naharin einst als lustbetontes Kontra zur Strenge des klassischen Balletts entwickelte. Nebenbei inszenieren Sie auch Naharins Arbeiten. In welchem Umfang tragen diese Arbeiten auch Ihre persönliche Handschrift in sich?  

Seit ich das Ensemble verlassen habe, reise ich an Orte wie z. B. Rio de Janeiro, New York, Berlin, Singapur. Dort unterrichte ich Gaga und inszeniere Werke von Ohad. Die Schönheit von Gaga liegt in der Art und Weise wie sie das Individuelle zur Geltung bringen. Gaga fordert die Verbindung mit dem Individuum förmlich ein. Gaga hat auch mir eine Sprache an die Hand gegeben, die mir geholfen hat, meine eigene Stimme zu finden.

Wo ist Ihre nächste Station?

Momentan arbeite ich in Montreal, aber im August und September komme ich mit meinem gesamten künstlerischen Team nach Berlin, um die Arbeit an Black Hole abzuschließen.

Herr Pitts, vielen Dank für das Gespräch.

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