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Heilende Blumen und Techno-Ikebana – Interview mit Azuma Makoto

Makoto Azuma ist ein japanischer Florist, der es geschafft hat, Weltruhm zu erlangen. Seine Kreationen scheinen nicht von dieser Welt zu sein, sondern eher Kunstwerke aus der Zukunft. Für Qiio öffnete er die Pforten seines Labors und sprach über die heilende Kraft der Blumen.

Ikebana ist eine ausschließlich in Japan entwickelte Kunst des Blumensteckens. Erste traditionelle Blumenarrangements gab es in dieser form schon im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, ursprünglich als Ritual zur Ehre von shintoistischen Gottheiten. Die Kunst, ein Blumenopfer zu stecken, wurde aber nicht nur von Mönchen und Priestern ausgeübt, sondern gehörte bald wie die Teezeremonie zur Ausbildung jedes Adligen und Samurais.

Diese ästhetische aber auch meditative Kunst wird noch heute im 21 Jh. gelehrt und wertgeschätzt. Der berühmteste Innovator und Zukunftsforscher unter den Ikebana-Künstlern ist Makoto Azuma, ein japanischer Florist, der in Tokio lebt und arbeitet. Seine Kreationen werden in Luxuskaufhäusern- und Boutiquen ausgestellt, als Kunstobjekte in den Weltraum geschossen und für Modenschauen angefertigt. Ob es ein Schaufenster für Colette in Paris ist oder als ein Teil einer Modenschau für Dries van Noten oder Fendi – Azuma verschiebt die bisher bekannten Grenzen der Blumenkunst wie wir sie kennen.

Wir haben ihn in seinem Studio in Tokio besucht, um mehr über seine Herangehensweise und Vision zu erfahren.

Herr Makoto, haben Sie ganz klassisch Ikebana gelernt und ausgeübt? Was hat Sie dazu bewegt, neue Formen und Zusammenstellungen zu kreieren, die die Grenzen der herkömmlichen Blumenkunst überschreiten?

Ich habe Ikebana nie studiert oder bei jemandem gelernt, sondern mich aus Interesse und Leidenschaft meinem heutigen Beruf nach und nach angenähert. Ich finde, dass jede Blume so einzigartig ist wie wir Menschen. Genauso würde man nie zwei Blumen finden, die sich absolut gleichen. Blumen verändern sich in jedem Augenblick – von ihrem Knospen und Blühen bis zu ihrem Tod.
Meine Intention ist es, immer wieder neue Aspekte und unbekannte Erscheinungsformen von Blumen in einer neuen Weise darzustellen. Deshalb ist es für mich auch wichtig zu experimentieren, um vielen Menschen den einzigartigen Charme der Blumen zugänglich zu machen.

Und inwiefern spielt die japanische Tradition in Ihren Werken eine Rolle?

Ich nehme es mir nie bewusst vor, Traditionelles in meine Arbeiten einfließen zu lassen. Dennoch werden vielleicht viele Leute den japanischen Einfluss in meinen Arbeiten bemerken. Schließlich habe ich bis jetzt mein ganzes Leben hier in Japan verbracht.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird Ikebana weltweit praktiziert. Die digitalen Medien haben es uns zudem noch einfacher gemacht, ländertypische Stile und Kunstrichtungen genauer anzuschauen und aufzugreifen. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Ich lasse mich immer von den Blumen und Pflanzen selbst inspirieren. Durch die Popularisierung von Social Networks haben wir heutzutage die Möglichkeit, viele verschiedene Inspirationen zu bekommen. Dennoch verbinde ich meine Arbeiten nicht mit Stilen anderer Länder oder Künstler. Die Ideen entstehen in mir durch die Wirkung der Blumen. Obwohl ich das traditionelle Ikebana autodidaktisch weiterentwickle, nehme ich es nicht direkt in meine Arbeiten auf. Ich versuche immer einen Ansatz oder eine Idee zu haben, welche komplett anders als jedes Ikebana bisher.

Es heißt, Blumen sind das Lächeln der Erde. Haben Blumen an sich eine ganz besondere Bedeutung für Sie?

Blumen haben natürlich eine ganz besondere Bedeutung für mich – allein schon, weil ich meinen Lebensunterhalt durch sie sichere. Ich glaube aber auch, dass Blumen Geschöpfe sind, welche die Grenzen von Herkunft, Religion, Sprache, Alter, Geschlecht usw. überschreiten und direkt unsere Herzen ansprechen.

Forscher haben bereits bestätigt, dass Blumen im Haus für mehr Ausgeglichenheit und Zufriedenheit sorgen. Haben Sie bei sich zu Hause immer frische Blumen stehen?

Ich arrangiere bei mir zu Hause keine Blumen, aber meine Familie schmückt die Wohnung oft damit.

Seit jeher verschenken wir Blumen als Symbol der Liebe und Wertschätzung, zu feierlichen Anlässen, als Entschuldigung, Dank oder Gastgeschenk. Können Blumen für Sie noch mehr? Können Sie sich in Zukunft neue Bereiche und Bedeutungen für Blumen und Blumenkunst vorstellen?

Die Schönheit jeder Blume ist endlich. Es ist wie bei uns Menschen. Blumen nehmen in den verschiedenen Phasen und Momenten unseres Lebens Rücksicht auf unsere Emotionen. Mithilfe von Blumen können wir unsere Leidenschaft, etwas, was Worte nicht beschreiben können, ausdrücken. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass ich auch als Mittler fungiere, der die verschiedenen Emotionen von Menschen durch Blumen zum Ausdruck bringt.

Sie bringen ihre Blumeninstallationen zu den extremsten Orten der Welt – in Minusgrade, weit auf den Ozean hinaus oder in die Stratosphäre – was bewegt Sie dazu, diese Plätze für Ihre Kunst zu wählen? Welche Orte werden Sie noch nutzen?

In der heutigen Zeit wird die Welt immer hektischer und beunruhigender. Ich vermute, dass das auch der Grund dafür ist, dass Menschen mehr denn je von der unverfälschten Schönheit der Blumen fasziniert sind.

Die oben beschriebenen Blumeninstallationen sind ein Teil meines experimentellen Projektes „In Bloom”. In diesen Installationen habe ich die Blumen in Umgebungen „lebendig“ (*Ikebana heißt wörtlich „Blumen lebendig machen”) gemacht, in denen sie normalerweise in der Natur nicht existieren. Und ich habe nachverfolgt, was uns diese Blumen in verschiedenen Naturphänomenen zeigen. Doch niemand kennt das Ergebnis. Bisher habe ich meine Installationen an verschiedenen Orten wie der Stratosphäre, auf dem Meer, in der Tiefsee und auf einem Schneefeld arrangiert. Auch zukünftig will ich es an weiteren Orten wie Salzseen oder Sandwüsten fortführen.

In einer immer künstlicher werdenden Welt – schätzen Sie es besonders mit etwas Natürlichem zu arbeiten und zu umgeben?

Bei meiner Arbeit schneide ich lebende Blumen von ihren Wurzeln ab. Allein schon aus diesem Grund fühle ich eine ständige Dankbarkeit und Ehrfurcht für das Leben der Blumen. Ohne solche Gedanken würden meine Werke nicht verwirklicht werden.
Ferner sind Pflanzen einfach unglaublich schön so wie sie sind. Wenn ich sie in meinen Werken umwandle, versuche ich deshalb immer auch die Seiten, die für uns Menschen nicht ästhetisch genug wirken, durch künstliche Gestaltung ausfindig zu machen und zu unterstreichen. Vor diesem Hintergrund würde ich sagen, dass Technologien, künstliche Materialien oder Ähnliches, für meine Werke unentbehrlich sind. Auch wenn die Kunstwerke mit unnatürlichen Materialien hergestellt wurden, ist es mir wichtig, darin Natur zu integrieren und ein insgesamt ästhetisches Gesamtbild zu kreieren.

Es gibt ständig neue Trends und neue Kollektionen. Wie findet man in einer Welt, in der es gefühlt schon alles gibt, seine künstlerische Nische?

Meine Begeisterung für Blumen wird nie aufhören. Blumen sind Lebewesen und genauso wie Menschen Individuen. In jedem Moment drückt sich eine Blume neu aus. Wir Menschen können unterschiedlichen Interessen haben und ständig und überall etwas Neues entdecken. Ich glaube, dass unsere Kreativität nie erschöpft sein wird.

In einer gigantischen Stadt wie Tokio wird einem bewusst, wie wertvoll Platz geworden ist. Blumen für den Verkauf und die Verarbeitung können hier nur durch Urban Farming angepflanzt oder eben von außerhalb importiert werden. Wie sehen Ihrer Meinung nach die Gärten der Zukunft aus? Werden Blumen noch mehr zum Luxusgut?

Selbst wenn wir in Zukunft nur begrenzten Raum zur Verfügung haben – der Sehnsuchtsort des „Gartens” wird sich in unseren Gedanken nie verlieren. Trotzdem werden die zukünftigen Gärten mit Sicherheit kleiner, weshalb wir sie wiederum umso mehr schätzen.
Heutzutage sind Welt und Menschen ständig im Wandel. In einer immer digitaler werdenden Gesellschaft, in der Technologien nicht nur Fortschritt, sondern auch psychische Belastung bedeuten, braucht es neue Erholungsräume. Pflanzen und Blumen können uns dabei unterstützen, unseren Geist zu beruhigen.

Das Interview wurde vom Japanischen ins Deutsche übersetzt von SHOXXX.

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