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Bild: Fer nando

Tiere als Frühwarnsystem für Umweltkatastrophen?

Als 2004 ein Erdbeben den Indischen Ozean erschütterte und mehrere Tsunamis entlang der südasiatischen Küste auslöste, wunderten sich die Menschen, wo die Tiere waren. Später wurde klar: Sie hatten sich frühzeitig in Sicherheit gebracht. Doch die empirische Lage zu dieser Beobachtung ist nach wie vor dünn. Nun versucht ein französisches Forschungsprojekt, das zu ändern. 

An jenem Weihnachtsmorgen des 26. Dezembers war es ungewöhnlich still an der Küste des Indischen Ozeans. Kein Vogelzwitschern, kein Bellen – Stille. Affen, Elefanten, Wasserbüffel und Vögel waren plötzlich ins Landesinnere verschwunden. Doch was das in dem Moment bedeutete, wurde erst im Nachhinein klar. Das Erdbeben im Indischen Ozean 2004 forderte etwa 230.000 Menschenopfer und machte über 1,7 Millionen Menschen obdachlos, während viele Tiere weitestgehend verschont blieben.

Haben Tiere einen „sechsten Sinn“?

Bisher konnten Wissenschaftler nicht genau sagen, wie das Frühwarnsystem von Tiere funktioniert. Die Annahme, dass viele Tiere sich vor einem Erdbeben in Sicherheit bringen, wurde durch Anekdoten von Augenzeugen bestätigt. Warum genau sie das tun, ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Nun versucht das Forschungsprogramm Kivi Kuaka in Kooperation mit der ICARUS Initiative für globale Wanderbewegungen von Tieren herauszufinden, was es mit dem „sechsten Sinn“ der Tiere auf sich hat und wie Menschen ihn für sich nutzen können.

Den „sechsten Sinn“ von Tieren zu belegen, ist wissenschaftlich aufwendig, da Tiere einzeln mit Bewegungssensoren ausgestattet werden müssen. Einzelne Studien  haben dies jedoch bereits getan und kamen zu dem Entschluss, dass die Bewegungsmuster der Tiere, je näher sie sich an einem Epizentrum eines bevorstehenden Bebens befanden, auffälliger waren.

Auch Ornithologe Frédéric Jiguet hat für das Kivi Kuaka Programm des französischen Museums für natürliche Geschichte (MNHN) einzelne Tiere mit Bewegungssensoren ausgestattet. Mit seinem Team brachte er Sensoren an 56 Zugvögeln im Pazifischen Ozean an, die die Standorte der Vögel an die Internationale Raumstation (ISS) senden.

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Bewegungsmuster von Zugvögeln können wertvolle Daten liefern

Von den Bewegungsmustern erhoffen sich die Forscher*innen, Aufschluss über das Frühwarnsystem von Tieren zu bekommen. Dabei stützen sie sich auf die Annahme, dass Zugvögel, wie auch viele andere Tiere, besonders empfindlich für Infraschall sind. Nun warten die Wissenschaftler*innen auf den nächsten Sturm, der stark genug ist, um Infraschall zu produzieren. Dann können sie prüfen, ob die Vögel tatsächlich Umwege fliegen werden, um gefährliche Stürme zu umgehen. Bestätigt sich ihre These, würde das bedeuten, dass uns Zugvögel womöglich vor zukünftigen Umweltkatastrophen warnen können. 

Infraschall ist für Menschen meist nicht hörbar, seine Frequenz liegt unter der menschlichen Hörfläche von 16 bis 20 Hertz. Doch er kommt überall in der natürlichen und sogar in der künstlichen Umgebung vor: Gewitter, Winde, Lawinen, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Polarlichter, Meteoritenfälle oder eben auch Tsunamis werden von Infraschall begleitet und können sich über die Luft und das Wasser über mehrere tausend Kilometer ausbreiten. Auch Waschmaschinen, Verkehr, Windkraftanlagen oder Explosionen erzeugen Infraschall. Im Wasser verbreiten sich Infraschallwellen um etwa das Vierfache schneller aus, als in der Luft, weshalb beispielsweise Wale, die Meister des Infraschalls, den Schall wahrscheinlich auch zur Kommunikation nutzen. 

Viele Vögel, so wie diese Pfuhlschnepfe, sind für Infraschall besonders empfindlich. Deshalb hoffen die Wissenschaftler*innen darauf, dass deren Bewegungsmuster wertvolle Daten liefern können. Bild: Aidanos

Die Forschung geht davon aus, dass viele Tiere wie Elefanten, Wale, Nilpferde, Tauben, Giraffen oder Vögel Infraschall wahrnehmen und erzeugen können. Wenn die Wissenschaftler*innen Recht haben, könnten die Kivi Kuaka Vögel wertvolle Daten generieren und die empirische Lage zum Frühwarnsystem von Tieren verfestigen. Wenn die Vögel, wie durch Augenzeugen bestätigt, bereits Stunden vor einem Tsunami die Region verlassen, würde das bedeuten, dass sie den Infraschall des Tsunamis aus mehreren hundert Kilometern Entfernung wahrnehmen können. 

Obwohl das Ohr das primäre Organ für die Wahrnehmung von niedrigen Frequenzen ist, können Menschen Infraschall in höheren Frequenzen nicht über das Gehör, sondern nur über Vibrationen im Körper wahrnehmen. Infraschallwellen sind sozusagen der Lärm, den wir spüren können. Unser Gehör nimmt diese niedrigen Frequenzen zwar wahr, aber “sagt” es unserem Gehirn nicht, damit wir ungestört schlafen oder lesen können, ohne einen Tinnitus, Schwindel, Schlafstörungen oder Kopfschmerzen zu bekommen. Es hat also einen Grund, warum wir nicht so gut wie Tiere hören können. Umso wertvoller könnten deshalb die Erkenntnisse zur Infraschall-Wahrnehmung von Vögeln sein: Sie könnten in Zukunft für uns “mithören” und nebenbei Leben retten. 

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