facebook-likehamburgerlupeoverview_iconoverviewplusslider-arrow-downslider-arrow-leftslider-arrow-righttwitter
Foto: Bao Truong

Foto: Bao Truong

Tischkicker im Büro, ein Fetischobjekt?– Interview mit Philosoph Robert Smith

Was hat das Spiel auf der Arbeit mit Kreativität zu tun? Mit Philosoph Robert Rowland Smith sprechen wir über die schöne neue Arbeitswelt und roboterhafte Menschen.

Philosoph und School of Life-Gründer Robert Rowland Smith. Foto: FreundevonFreunden.com / FvF Productions

Für viele ist die Arbeit sinnstiftend, für manche der Beruf sogar Berufung. Ich arbeite, also bin ich. Aber bleibt Arbeit integraler Bestandteil zukünftigen Lebens? Und wenn ja, wie arbeitet man dann?

Ausgerechnet in Biesenthal, mitten in der brandenburgischen Provinz, wollen der Möbelhersteller USM und das Architekturbüro UNStudio auf diese Fragen Antworten finden. Dazu haben sie einen alten Landsitz in das “Workhouse” verwandelt, eine Denkfabrik inklusive Coworking- und Coliving-Space.

Der Empfang wird vor dem 1907 zur Villa umgebauten Verwaltungsgebäude der ehemaligen Wehrmühle abgehalten. Seine antike Fassade erinnert an alte Zeiten, von der Rückseite aber bemerkt man kaum mehr, dass die Ursprünge der Anlage bis ins tiefe Mittelalter zurückreichen. Selbst die alte Scheune, direkt neben den Überbleibseln der Mühle, wurde zu einem Eventspace umgebaut.

Dieser Ort, ein provinzielles Idyll im Freien mit sauber eingehegter, gebändigter Natur, der modern-minimalistische Stil, in dem die Rückseite des eben erwähnten Verwaltungsgebäudes gehalten ist und die damit bemühte Synthese aus Vergangenem und Prophezeiung, ist nicht zufällig gewählt. Zwar wird hier über künftige Arbeitsmodelle diskutiert. Doch alles an diesem unwirklichen “Workhouse” wirkt selbst schon wie ein Zukunftsangebot.

Während im alten Verwaltungsgebäude die Workshops stattfinden, werden in der ausgebauten Scheune Panels und Talks abgehalten. Dort haben wir den Philosophen und Mitgründer der School of Life Robert Rowland Smith getroffen, der in Oxford seinen Doktor machte und inzwischen Unternehmen berät. Mit ihm sprechen wir, wie dieser drastische Jobwechsel zustande kam, ob es Sinn macht, über die Zukunft der Arbeit zu sprechen und was ein Design des Vertrauten mit Büroräumen zu tun hat.

In Oxford warst du einer der besten Absolventen, mit 26 wurde dir der Doktor der Philosophie verliehen. Nur vier Jahre später erschien dein erstes Buch „Derrida and autobiography“. Und als Hochschullehrer hast du bereits regelmäßig Vorlesungen gehalten. Das liest sich wie der Beginn einer steilen akademischen Karriere. Warum bist du dennoch ins Feld der Unternehmensberatung gewechselt?

Nun, da gibt es eine Menge Gründe. Einer war, dass ich bereits 13 Jahre dort war, als ich Oxford verließ. Ein akademisches Leben liegt mir einfach nicht so sehr. Und als sich dann die Möglichkeit eröffnete, nach Los Angeles zu gehen, schien mir das einfach sehr aufregend.

Viele Unternehmen betonen ihre Geschäftsphilosophie. Doch gibt es wirklich so etwas wie eine Philosophie des Geschäfts?

Konzerne reden gerne darüber, dass sie Werte haben. Unglücklicherweise sind viele der Werte, die sie herausstellen, nicht die, die sie praktizieren. Demnach denke ich, ist es viel nützlicher herauszufinden, was das tatsächliche Verhalten eines Unternehmens ist und daraus Werte zu ermitteln, als Werte zu definieren und das Verhalten dem anzupassen. Anhand eines Beispiels wird das deutlich. Würdest du in eine Investmentbank gehen und dort das Verhalten beobachten, dann würdest du feststellen, dass das Verhalten aufs Geldverdienen zielt. Die Werte sind also ziemlich kommerziell. Natürlich ist das so, es ist eben eine Investmentbank. Würde die gleiche Bank nach außen eine kommunistische Philosophie vertreten, dann wärst du ja auch misstrauisch.

Auf deiner Website erwähnst du, dass du Familienaufstellungen praktizierst. Kannst du dieses Verfahren kurz erklären?

Bei der Familienaufstellung werden in Systemen unbewusste Dynamiken manifestiert, also sichtbar gemacht. Das können Familien-, Unternehmens-, und soziale Systeme sein. Durch die räumliche Aufstellung von Personen wird in gewisser Weise die Person vom Problem getrennt. Es wird also ausgelagert. Dadurch bekommt man einen objektiven Blick von dem, was in bestimmten Strukturen, intern und unbewusst, passiert.

Wie kann man sich das vorstellen? Hantierst du mit Figuren auf einem Spielbrett, welche symbolisch für die involvierten Personen stehen?

Nein, ich arbeite mit echten Menschen, nicht mit Figuren. Also ja, ich arbeite mit scharfer Munition. (Lacht.)

Benutzt du diese Technik auch, um Unternehmen zu beraten?

Ja, sehr viel sogar. Natürlich geht es im Unternehmenskontext nicht um Liebe, Sex oder den Tod. Die Sorgen in Konzernen sind strategischer, struktureller oder kommunikativer Natur. Der Fokus ist also verschieden, die Methode ist aber sehr ähnlich.

Bleiben wir im Unternehmenskontext: Seit wann ist es erstrebenswert, Arbeitsräume vertraut zu gestalten?

Früher, als immer mehr Menschen begannen, in Büros zu arbeiten statt in Fabriken, da gab es das Gefühl des Vertrauten höchstens im Sitzungssaal. Später sollte auch das Atrium, also der Empfangsbereich, dieses Gefühl vermitteln. Das Problem hierbei war, dass ständig Leute kamen und gingen – heimelig wird es so nicht. Ich glaube, das ist ein Grund, warum heute immer mehr Leute ihre Schreibtische einrichten, als wäre es ihr zu Hause. Dabei bin ich der Meinung, dass es das gar nicht sein kann. Und es bleibt auch die Frage, ob man es überhaupt versuchen sollte. Denken Sie an moderne Büroräume wie die von Google oder ähnliche. Dort sieht es aus wie im Wohnzimmer! Sie haben dort Tischkicker, Sofas und Fernseher. Entspannen sich die Leute dadurch zu sehr? Nein. Aber wozu sind sie denn da: um zu arbeiten oder um zu spielen? Derzeit wird in Arbeitsräumen das Spiel fetischisiert. Dahinter steht der Gedanke, dass das Spiel der Schlüssel zu Kreativität ist. Nach dem Motto: Während einer Runde Tischtennis kommt der brillante Gedanke. Ich denke einfach nicht, dass spielen ein Patentrezept für Kreativität ist.

Glaubst du nicht, dass diese entspannte und verspielte Arbeitsatmosphäre zum Beispiel bei Google die Mitarbeiter zusätzlich motiviert und dadurch zu einer höheren Produktivität führt?

Doch, das ist möglich. Aber Google stellt auch nur bestimmte Leute ein – und bezahlt sie gut. Ich bin mir einfach nicht so sicher, ob Tischkicker und hohe Produktivitätsraten automatisch korrelieren. (Lacht.)

Die Digitalisierung und fortschreitende Automatisierung sind gerade im Begriff, unsere Arbeitskultur zu revolutionieren. Wie glauben Sie wird Arbeit in Zukunft sein?

Auf gewisse Weise liegt in der Zukunft der Arbeit ein Widerspruch. Denn das Konzept der Arbeit ist immer während. Gibt es eine Zeit, in der Menschen nicht gearbeitet haben? Ich glaube nicht. Arbeit gab es immer. Momentan definieren wir Arbeit so: Ich stelle meine Arbeitskraft im Austausch gegen Geld zur Verfügung. Auch das wird glaube ich immer so bleiben.

Wenn wir aber über die Zukunft von Arbeitspraktiken sprechen, dann ist es sehr schwierig, nicht einfach von der Gegenwart abzuleiten. Nehmen wir zum Beispiel die vielen Coworking-Spaces. Da würde man annehmen; das ist die Zukunft! Tatsächlich ist es nur die Gegenwart. Wir wissen einfach nicht, wie es zukünftig sein wird.

Aber glauben Sie nicht, dass gerade die flexiblen Arbeitsmodelle zunehmen werden?

Coworking-Spaces sind für eine bestimmte Elite gut ausgebildeter Freelancer, die im Medien- oder Kommunikationsbereich arbeiten. Doch nicht alle Berufe lassen sich dort ausüben, nicht alle Berufe können flexibilisiert und ausgelagert werden. Es wird also bei einem Mix an Arbeitsmodellen bleiben.

Ich möchte nochmal auf Automatisierung zurückkommen. Glaubst du, dass wir, in Anbetracht neuerer Entwicklungen im maschinellen Lernen, schon bald so etwas wie Gesetze implementieren müssen?

Das naheliegende Beispiel ist hier das fahrerlose Auto. Nun passieren die ersten Unfälle und wir müssen Gesetze erlassen, die klären, wer verantwortlich ist. Ob es der Softwareentwickler, die Automarke oder wer auch immer ist. Da besteht also schon heute die dringende Notwendigkeit, von gesetzgeberischer Seite zu handeln.

Meine Frage zielte eher auf Gesetze ab, die den selbstlernenden Maschinen selbst innewohnen. Das Potenzial in den sogenannten Künstlichen Intelligenzen liegt ja in der Möglichkeit, neue Informationen zu verarbeiten und auf Basis dessen Entscheidungen zu treffen. Braucht es da grundsätzliche Prinzipien, also nicht verlernbare Gesetze, wie etwa, dass Menschen kein Schaden zugefügt werden darf?

Ja, da könnte man zum Beispiel den Hippokratischen Eid nehmen, so dass sie Menschen vor Schaden bewahren müssen. Was mich in der Debatte um Menschen und Roboter stört, ist, dass es immer scheint, als wäre da so ein gewaltiger Unterschied zwischen beiden Parteien. Wohingegen das Verhalten vieler Menschen bereits ziemlich roboterhaft ist. Wir sind repetitive Kreaturen, wir machen vieles auf immer gleiche Weise. Gerade kam eine Studie in Großbritannien heraus, die besagt, dass etwa 80 Prozent der Büroangestellten jeden Tag genau das gleiche Mittagessen zu sich nehmen. Sie wissen schon, das gleiche Käsesandwich oder was auch immer das sein mag. Ich finde, das ist ein ziemlich unbewusstes Verhalten. Genauso bei den vielen Pendlern. Sie stehen täglich zur selben Zeit auf, nehmen dann immer den gleichen Zug, hören die gleiche Musik usw. usf. Wir sind ziemlich mechanisch in unserem Verhalten. Und das ist menschlich! Wir sind darauf ausgelegt, unsere Energien wo nur möglich zu sparen, deshalb flüchten wir uns in Routinen.

Dieses Verhalten mag Energie sparen. Doch geht dabei nicht die Kreativität verloren?

Genau so ist es. Für Kreativität sind wir auf neue Eindrücke angewiesen. Anstatt uns also wie Roboter zu verhalten, sollten wir uns unserer Kreativität bedienen. Die haben wir den Maschinen nämlich (noch) voraus.

Vielen Dank für das Gespräch!


Fotos: FreundevonFreunden.com / FvF Productions

Mein Kommentar