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Foto: Delia Baum

Was steckt hinter dem transfeindlichen TikTok-Phänomen „super straight”?

Phenix K. ist Model, Podcast Host, Influencerin und trans Aktivistin. Auf Instagram und TikTok engagiert sich die trans Frau für die Sichtbarkeit und Rechte der LGBTQIA+ Community. Qiio Chefredakteur Claudio Rimmele hat mit ihr über ein Phänomen gesprochen, das zurzeit auf TikTok kursiert. Dabei erzählt sie uns, um was es bei den „super straights” geht, ob Fetische gleich Vorlieben sind und was sie anderen trans Frauen rät, um ihre Dating-Erfahrung angenehmer zu gestalten.

Könntest du unseren Leser*innen kurz erklären, was das Phänomen „TikTok Straights” ist und worum es dabei geht?

Vor ein paar Wochen hat ein amerikanischer TikToker ein Video veröffentlicht, in dem er sich selbst als „super straight” identifiziert und betont, dass er somit ausschließlich auf Cis-Frauen steht und eben nicht auf trans Frauen. Prinzipiell dürfen natürlich alle ihre Vorlieben haben und diese äußern. Das Schwierige an dieser Bewegung ist allerdings, dass sie „super straight“ als eine Sexualität definiert. Das ist Quatsch, weil eine „Genitalvorliebe“ keine Sexualität sein kann. Und die Bewegung rutschte in eine rechte „Internet-Troll” Richtung. Diese Trolle haben dann unter dem Deckmantel des Trends gegen trans Frauen gehetzt.

“Eine ‘Genitalvorliebe’ ist eine Präferenz, aber keine Sexualität”, sagt Phenix K. über die “Super Straights” Bewegung. Foto: Delia Baum

Aus dem einen Video ist eine richtige Bewegung geworden. Haben andere Menschen sich dadurch auch angesprochen gefühlt und derartige Videos produziert?

Genau. Das Ursprungsvideo wurde mittlerweile gelöscht. Das Video bestätigt meinen anfänglichen Gedanken, dass diese Bewegung weder Hand noch Fuß hat. In meiner Internet-Bubble ist das Ganze schon wieder am Verschwinden. Dadurch, dass das keine fundierte Basis hatte, konnte man gut erkennen, dass diese Bewegung instrumentalisiert wurde, um Menschen auszuschließen und die LGBTQIA+ Community lächerlich zu machen. Denn phasenweise haben sie sogar selbst behauptet, sie seien auch Teil der LGBTQIA+ Community, was natürlich absoluter Humbug ist.

Geht das in die gleiche Richtung wie eine „Straight Pride”?

Genau. Das ist auf ganz verschiedenen Ebenen sehr schwierig.

Warum, glaubst du, ist es für diese Männer so wichtig, sich als „super straight” zu bezeichnen?

Wir können dabei sozusagen eine toxische Fragilität der Maskulinität beobachten. Ich habe nur Männer gesehen, die sich selbst als „super straight” bezeichnen und kein anderes Geschlecht. Das führe ich darauf zurück, dass da eine Fragilität besteht, was die eigene Identität angeht. Ich verstehe am Ende des Tages nicht, warum man eine Bewegung gründen muss, um der Welt mitzuteilen, worauf man nicht steht. Es wird trans Frauen abgesprochen, Frauen zu sein und natürlich auch trans Männern, Männer zu sein.

Es wurden Männer gefragt, dich sich als „super straight” bezeichnen, was denn mit trans Frauen ist, die komplett angeglichen sind. Doch auch diese Frauen würden für sie nicht als Frauen gelten. Es ergibt keinen Sinn, denn einer trans Frau, die angeglichen ist, sieht man nicht an, dass sie trans ist – sie hat ja auch eine Vulva. Nach deren Logik müssten sie auch auf trans Männer stehen, da ihnen das Genital so wahnsinnig wichtig ist, welches Menschen bei der Geburt hatten. So oder so besteht die Frage: Ist eine sexuelle Vorliebe gleich einer Sexualität? Ich würde behaupten, dass eine Vorliebe eine Präferenz ist, aber keine Sexualität.

Hattest du selber mit diesen Männern digitale Berührungspunkte?

Viele. Ich hatte auf Instagram ein Video dazu gemacht, was relativ viele Aufrufe bekommen hat. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Menschen, die sich dieser Bewegung zugehörig fühlen, angefangen haben, dies zu kommentieren. Je mehr Kommentare ein Video bekommt, desto öfter wird es vom Algorithmus ausgespielt. Dabei habe ich dann gemerkt, dass gefühlte 95% derer, die da kommentiert haben, provozieren und „trollen” wollen. Die meisten haben überhaupt keine Argumente. Es geht bei den Kommentaren nur darum, für Stress zu sorgen. Nur mal nebenbei: Sie kürzen sich auch als „SS” ab, das sagt schon alles.

“Ich verstehe nicht, warum man eine Bewegung gründen muss, um der Welt mitzuteilen, worauf man nicht steht.” Foto: Phenix

Glaubst du, dass diese Art von „super straight”- Männern irgendwie im inneren Widerspruch stehen zu dem Erlebnis, dass sie vielleicht eine trans Frau auch attraktiv und anziehend finden?

Das ist eine Vermutung, die ich nachvollziehen kann. In Bezug auf Homophobie ist das ja immer wieder eine Hypothese, die aufgestellt wird und durch Studien belegt wurde. Das ist also bestimmt auch ein Puzzleteil.

Du schilderst auf Instagram auch deine Dating-Abweisung und Ghosting-Erfahrung. Wie, glaubst du, kannst du dich selbst oder trans Frauen vor negativen Erfahrungen beim Dating schützen?

Keine weißen, heterosexuellen Cis-Männer daten (lacht). Ich versuche, einfach immer von vorneherein klarzustellen, dass ich trans bin. Natürlich stößt das teilweise auf Ablehnung. Leute sollen ihre Präferenzen haben, aber sie sollen mich nicht beleidigen. Dann gibt es auch ein paar Menschen, die im Laufe der Zeit merken, dass das doch nicht das ist, was sie wollen. Das finde ich auch okay, solange sie es vernünftig kommunizieren. Ich glaube, die bekommen manchmal Angst, was beispielsweise Freund*innen sagen, wenn sie mich denen vorstellen würden. Ich bin tatsächlich an einem Punkt angekommen, wo ich selbst präferiere, Personen zu daten, die entweder selbst Teil der queeren Community sind oder mir schon beim ersten Kennenlernen deutlich machen, dass sie offen und aufgeklärt sind. Ich habe für mich verstanden, dass ich im privaten und im Dating-Kontext keinen Bock mehr darauf habe, Leute aufzuklären. Mich hat es lange fasziniert, eine Beziehung mit einem heterosexuellen, der „Norm“ entsprechenden Cis-Mann zu führen, aber die Zeiten sind vorbei. Ich habe verstanden, dass das nicht mein Leben ist.

“Mich hat es lange fasziniert, eine Beziehung mit einem heterosexuellen, der „Norm“ entsprechenden Cis-Mann zu führen, aber die Zeiten sind vorbei”, sagt Influencerin Phenix K. über Dating. Foto: Phenix

Machst du auch manchmal die gegenteilige Erfahrung, dass jemand dich als trans Frau als Fetisch empfindet?

Natürlich. Aber sobald ich das Gefühl habe, ein Fetisch zu sein und keine Vorliebe, bin ich raus. Es passiert mir wirklich oft, dass ich fetischisiert werde.

Wie genau äußert sich dieser Unterschied zwischen Vorliebe und Fetisch?

Das ist eine persönliche Empfindung. Es kommt darauf an, wie ich mich dabei fühle und wie der Mensch mit mir umgeht. Fühle ich mich wertgeschätzt oder fühle ich mich fetischisiert. Ich glaube, eine Vorliebe äußert sich gar nicht so direkt. Eine Vorliebe ist etwas, das man für sich behält und gar nicht so nach außen trägt. Und fetischisiert fühle ich mich, wenn mich Menschen nur nachts im dunklen Kämmerlein heimlich treffen und dort sonst was für sexuelle Dinge mit mir anstellen wollen.

Vielleicht nochmal generell zum Thema Dating: Fühlt sich Dating allgemein für dich sicher an? Oder musst du als trans Frau andere Vorkehrungen treffen?

Ich fühle mich sicher, aber das liegt daran, dass ich Vorkehrungen treffe. Wenn jemand zum Beispiel übergriffig ist und primitive Fragen stellt, verliere ich gleich die Lust, die Person zu daten. Ich bin vorsichtig und würde niemals jemanden direkt zu mir nach Hause einladen. Das kann ich auch niemandem empfehlen – egal welches Geschlecht. Damit habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Also prinzipiell: Ja, ich treffe wahrscheinlich mehr Vorkehrungen als eine Cis-Frau. Aber auch Cis-Frauen müssen aufpassen.

“Menschen, die privilegiert sind, dürfen nicht die Augen davor verschließen, wie andere Lebensrealitäten aussehen”, findet trans Model Phenix K. Foto: Phenix

Wie transfeindlich oder transfreundlich erlebst du denn TikTok?

Man hat bei TikTok wenig Kontrolle, was das Ausspielen der Videos angeht. Wenn dann mal ein Video ein paar 100.000 Aufrufe hat, kommen Menschen mit „exotischen” Meinungen, die sehr transfeindlich kommentieren. Ich glaube, ich habe auf keiner Plattform jemals so viele transfeindliche Kommentare bekommen wie auf TikTok. Ich würde behaupten, dass die Beschaffenheit der App auf der einen Seite zu sehr viel Community-Gefühl führt. Auf der anderen Seite sorgt der Algorithmus aber dafür, dass virale Videos Menschen erreichen, die nicht erreicht werden sollen. Solange man in seiner Bubble bleibt, ist es allerdings sehr transfreundlich und unterstützend.

Da wünscht man sich ja fast, dass Videos nicht viral gehen!

Ja, das ist der große Zwiespalt.

Du bist ja auch auf Instagram als Aktivistin für trans-Awareness unterwegs. Was, würdest du sagen, muss sich in Zukunft ändern, sodass trans Menschen sich sicher fühlen, besser daten können und als Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden?

Menschen, die privilegiert sind, dürfen nicht die Augen davor verschließen, wie andere Lebensrealitäten aussehen. Wir leben im Jahr 2021! Es ist wahnsinnig wichtig, dass trans Menschen und andere marginalisierte Gruppen von unserer Gesellschaft gesehen und Privilegien von anderen Personengruppen hinterfragt werden. Privilegien sind für viele Menschen ein Thema, dem sie sich automatisch verschließen. Dabei ist das überhaupt kein persönlicher Angriff, auch nicht, wenn man eine Person auf ihre Privilegien hinweist. Das sind einfach Strukturen, in denen wir in unserer Gesellschaft leben. Am Ende des Weges wünsche ich mir einfach Normalität für mich und für queere Menschen. Damit man sich nicht wie ein Alien in einer Gruppe „Menschen” fühlt.

Mehr von Phenix findet ihr auf Instagram

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