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Foto: Laura Kriefman

Foto: Laura Kriefman

Wearables – Innovative Mode oder Spielerei der Tech-Branche?

Sie sind futuristisch anzusehen und blinken, aber sind sie auch praktisch? Wann ziehen Wearables, Fashiontech und neue Materialien in unseren Alltag ein?

Ein Fitband oder eine Apple Watch – klar, eins dieser Gadgets tragen viele. Wann aber kommt die so vielbeschworene Revolution durch Wearables, Fashiontech und neue Textilien, die uns neue Erfahrungen bieten oder unseren Alltag erleichtern? Kleidung, die über die nützlichen Funktionen einer GoreTex-Windjacke hinausgeht oder blinkende Kleider, die dem Träger weiterhelfen. Wirtschaftsinstitute sprechen zwar gern von einem steigenden Volumen für Wearables, so sagt etwa die Beratungsagentur Gartner, Inc. bis 2021 ein Absatzwachstum von 62,6 Prozent voraus. Darunter versteht sie neben den Fit-Trackern vor allem Bluetooth-Headsets und VR-Brillen.

Also muss es irgendwo in der Produktionskette, zum Beispiel bei der User Experience, noch haken. Oder sind unsere Nutzer-Erwartungen einfach zu hochgeschraubt, als dass wir die futuristischen Helfer am und um den Körper als solche gar nicht wahrnehmen? Thomas Gnahm, Gründer des Wear It Festivals und gleichzeitiger Wearable-Tech-Entwicklungsagentur in Berlin, und Lisa Lang, Gründerin und CEO der Berliner Fashiontech- und Wearable-Agenturen ThePowerhouse und ElektroCouture, erklären Hintergründe und sprechen mit mir über die Zukunft des Wearable-Marktes.

Beim Wear It Festival können wir heute schon die techisierte Mode von Morgen bestaunen. Foto: Wear It Festival

Der Scan-Handschuh – spart 4.000 Minuten pro Tag

Ein Problem fängt schon bei der Begrifflichkeit an, findet Lisa Lang: „Die Sache mit Wearable Tech und Fashiontech ist ja, dass es noch keine richtige Beschreibung gibt. Sind eine Uhr, die alles trackt und ein Schmuckstück, das leuchtet und interaktiv auf seine Umgebung reagiert, in der gleichen Kategorie?“ Während Definitionen noch nicht beim User angekommen sind, sind die Wearables, so Thomas Gnahm schon lange woanders angekommen, nämlich im Bereich der effizienten Arbeitsbekleidung. Er erklärt: „Da geht es jetzt richtig los mit speziellen Anwendungen, die echte Probleme lösen. Es werden Konzepte erprobt, die es später mal in unseren Alltag schaffen.“ Als Beispiel nennt er das Münchner Start-up ProGlove. Dessen Arbeitshandschuh mit integriertem Infrarot-Scanner kann Produkte schnell und einfach scannen, ohne dass ein Scanner in die Hand genommen werden muss und ist bereits in der Logistik bei BMW, Porsche oder Penny im Einsatz. Und er spart pro Vorgang vier Sekunden, am Tag 4.000 Minuten – das sind relevante Ergebnisse für die Industrie.

Der ProGlove ist bereits in großen Unternehmen im Einsatz und zeigt, wie Wearables die Arbeit erleichtern. Foto: ProGlove

Probleme lösen und dabei gut aussehen

Lisa Lang sieht das auch für die Endkonsumenten ähnlich: „Wirklich gutes Fashiontech löst Probleme, ohne dass der Träger aussieht wie ein Clown. Coco Chanel hatte das damals schon gemacht, indem sie den Frauen Taschen an die Jacken genäht und aus dem bequemen Material Jersey, Kleider gemacht hat. Das war eine Revolution! Und genau das müssen wir heute auch wieder hinkriegen: digitale Kleidung, die sich mir anpasst und mir hilft. Wo das ‚offline’ und ‚online’ so einfach ist, wie eine Kapuze auf- oder absetzen.“ Auf dem Weg dahin gibt es noch einige Herausforderungen, allen voran die Tatsache, dass hier zwei sehr unterschiedliche Bereiche aufeinandertreffen: Mode und Technologie.

Unterschiedliche Entwicklungszyklen der Mode und Tech-Industrie

Thomas Gnahm sieht ein Problem bei den unterschiedlichen Zyklen von Lifestyle-Branche und Tech-Business: „Die Mode hat mittlerweile zehn Kollektionen im Jahr, in der Technologie gibt es Entwicklungssprünge jedoch nur alle paar Jahre. Beide Branchen haben ein ganz unterschiedliches Verständnis von Innovation und Fortschritt. Damit nun beide zusammenkommen, muss sich ein Bereich verlangsamen. Die Project Jacquard-Jacke kaufe ich mir auch nicht jedes Jahr aufs Neue.“ Er spielt damit auf die smarte Jeans-Jacke an, die von Levi’s und Google für Lkw-Fahrer und Pendler entwickelt wurde. In den Denim-Stoff wurden leitende Fäden am Ärmel eingewebt. Durch Streichen, Antippen oder die Hand drüber halten kann der Nutzer einfache Befehle an sein Smartphone weitergeben. Zum Beispiel: Spiel den nächsten Musik-Track oder wo muss ich laut Google Maps hin?

Weg vom Einmalprodukt und hin zum Smart Object

So eine smarte Jacke kauft man zurzeit nur einmal. An ihr zeigt sich aber auch das Potenzial. Thomas Gnahm erklärt: „Der Wert liegt nicht darin, dem Nutzer zehnmal im Jahr etwas Neues zu verkaufen, sondern das Wearable schafft einen digitalen Kanal zum Nutzer, wie bei der leitenden Jacke auf eine Smartphone-App. So bleibt der Hersteller mit dem Nutzer auf dieser Plattform in Kontakt, etwa durch Updates. Davon könnte die Modeindustrie lernen und ein Verständnis dafür entwickeln. Andersherum gilt das auch für die Tech-Branche, die ein Verständnis dafür entwickeln sollte, warum man ein Produkt gern benutzt und sich darin verliebt. Das ist wie bei der Frauenhandtasche: Was macht eine gute aus? Das ist bei jeder Frau anders.“ Firmen wie Apple oder Tesla machen das bereits erfolgreich vor, sagt Lisa Lang: „Gutes Design kann abstrakte Technik greifbar, nutzbar und emotional machen.“

Die Berlin Kollektion von ThePowerhouse Foto: Sandra Elbert

Mit der gehackten Strickmaschine

Als Beispiel für durchdachte Fashion-Technologie stellt Lisa Lang den aktuellen Berlin Coat von ElektroCouture vor: Das Muster für den unisex Merino-Wollmantel wurde auf einer Strickmaschine gefertigt, deren Code gehackt wurde. Darin integrierte LEDs sind waschbar und leuchten durch den Strickstoff hindurch. Das Umzusetzen ist gar nicht so leicht, erklärt Lisa Lang: „Der Fakt, dass man eine Ready-to-wear Fashiontech-Kollektion Made in Germany überhaupt kaufen kann, ist eine Revolution in Europa.“ Thomas Gnahm sieht eine Zukunft von Wearables bei individuellen Geräten, die im Lifestyle-Umfeld entstanden sind und nicht aus der Technologie-Ecke kommen. Sein Lieblingsbeispiel ist das Produkt vom LynQ, einem New Yorker Start-up. LynQ ist ein Gerät eigens konzipiert für Snowboarder, Wanderer oder auch Festivalbesucher, mit dem sich alle Mitglieder in einer Gruppe ganz ohne GSM-Verbindung gegenseitig orten können. Jeder Tracker ist im Umkreis von fünf Kilometern Sender und Empfänger.

Ob es nun ein Gadget ist, das sich aus einer Industrieanwendung ableitet, oder einfach nur ein gut geschnittener Mantel, der mehr kann: die größte Herausforderung liegt offensichtlich an der Schnittstelle von Mode und Technik. Es ist ja auch ein schönes Experiment wie leicht – oder eben doch nicht so leicht – interdisziplinäre und branchenübergreifende Innovation stattfinden könnte. Es scheint bei allen Beteiligten angekommen zu sein, dass der Spaß am Erfinden nicht am Nutzer und seinen Bedürfnissen vorbeigehen darf.

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