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Wenn dem Gehirn der lange Atem fehlt

Menschen sind Jäger und Sammler, nicht Dichter und Denker. Unsere evolutionäre Software stellt uns in Sachen Klimawandel und COVID-19-Pandemie vor zusätzliche Herausforderungen, die wir mit koordiniertem, planvollem Handeln erwidern müssen. 

Das schweizer Radio spielt „Losing My Religion“ von R.E.M. aus dem Jahr 1991. Ob ich mich für Fußball interessiere, möchte der Mann im Bett vor mir wissen. Er ist Fußballtrainer und nutzt, soeben vom Tubus befreit, seine wiedergewonnene Stimme, um die Resultate seines Vereins zu erfragen. Nach mehrwöchiger Narkose und Beatmung aufgrund eines Lungenversagens im Rahmen einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus sind das seine drängendsten Fragen. Er versteht nicht, wieso die Spiele nie stattgefunden haben, wieso er in einem anderen Krankenhaus, in einem anderen Land aufwacht. „C’est à cause du virus?”, fragt er mich immer wieder. Ihm die Ereignisse des Frühjahrs 2020 zu dem Gesang von Michael Stipe zu erklären ist surreal. Das Leben vor dem Virus wirkt in diesem Moment weit entfernt und fremd.

Wir können geistig nicht erfassen, dass täglich tausende Menschen positiv getestet werden und mit ihrer gesamten Familie in Quarantäne geschickt werden. Foto: United Nations COVID-19 Response.

Das Problem mit der Angst vor dem Säbelzahntiger 

Die kognitive Erfassung und Bewertung von Zeiträumen ist für den präfrontalen Cortex schwierig. Die Evolution trimmte uns konsequent auf schnelle Entscheidungen im Umgang mit Gefahren. Im Angesicht eines Säbelzahntigers dachte wohl kaum einer unserer Vorfahren über die Bedeutung von Fleischfressern für die Biodiversität nach. Die Kausalzusammenhänge waren simpel. Die beeinflussbaren Faktoren lagen unmittelbar auf der Hand. Eine schnelle, impulsive Entscheidung wurde mit dem Überleben belohnt. Dieser Ansatz sicherte für lange Zeit unser Überleben.

Heute müssen wir mit einem auf kurzfristiges Überleben trainierten Gehirn komplexe, langfristige Herausforderungen wie den Klimawandel, Epidemien und die digitale Revolution verstehen, bewerten und meistern. Der Säbelzahntiger ist Geschichte.

Abstrakte Gefahren vergessen wir schneller 

Den Klimawandel erleben wir punktuell, trockene Bäume, ausgetrocknete Flüsse und Hitze unmittelbar. Jedoch scheint dieses Erlebnis im Herbst schon wieder fern. Ein Gletscher, der im letzten Jahrhundert massiv geschrumpft ist, scheint als Ereignis zu abstrakt, um es mit den für uns erfassbaren Zeiträumen abzugleichen.

Das punktuelle Erleben der abstrakten Gefahr überfordert uns. Wieso sollten wir auf ein belohnendes Erlebnis wie einen Urlaub oder eine komfortable Flugreise verzichten? Die direkte Verbindung zwischen unserem kollektiven Handeln und dem punktuellen Erleben gelingt uns intuitiv nicht, da das Gehirn keine Gefahr für unser persönliches Überleben wittert. 

Fallzahlen und Tote sinken und steigen wie DAX-Kurse

Das Erleben während der SARS-CoV-2-Pandemie ist ähnlich abstrakt: Die aktuellen Fallzahlen werden ein tagtägliches Ritual wie die Präsentation der DAX-Kurse. Das Risiko der Ansteckung scheint in der individuellen Abwägung geringer als die vermeintlichen Entbehrungen, die der Verzicht auf kollektive Erlebnisse wie Fußballspiele oder Konzerte und soziale Kontakte mit sich bringt. Die Vorstellung einer Erkrankung entzieht sich unserem persönlichen Erleben. Die Gefahr bleibt abstrakt. Eine Pandemie kognitiv zu erfassen, ist ein langsamer, mitunter mühsamer, durchaus unbefriedigender Prozess. 

Wir können geistig nicht erfassen, dass täglich tausende Menschen positiv getestet werden und mit ihrer gesamten Familie in Quarantäne geschickt werden. Unser Gehirn ist auf soziale Kontakte zwischen 150 bis 200 Personen optimiert. Zudem kann uns das Gehirn kein Gefühl für exponentielles Wachstum vermitteln. Vollends überfordert uns schließlich die Projektion der Fallzahlen in die Zukunft. Dann manifestieren sich die Zahlen physisch auf den Isolations- und Intensivstationen und bringen das Getriebe des Gesundheitssystems gefährlich zum stocken. Persönlich kennt man kaum jemanden, der im Krankenhaus behandelt werden musste oder verstorben ist. Die Zahl der Verstorbenen ist nur eine weitere abstrakte Zahl, die uns Kopfzerbrechen bereitet. Mit der Vergänglichkeit beschäftigt sich unser präfrontaler Cortex nur widerwillig. 

Wenn sich mehr Ärzte, Pflegende oder Laboranten mit Covid anstecken, würde die Patientenversorgung oder die Probenbearbeitung noch länger dauern und wäre irgendwann nicht mehr gewährleistet. Foto: United Nations COVID-19 Response.

Der Fußballtrainer konnte nicht verstehen, was ihm den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Er ist dabei in guter Gesellschaft. Das Virus ist leider nicht eine einfache Erkältung: Die Erkrankung beginnt langsamer, dauert länger und die Erholung kann sich über Monate ziehen. Trotz diverser neuer und alter Scores zur Risikoabschätzung lässt sich der individuelle Verlauf einer Infektion nicht seriös vorhersagen. Es gibt Gene auf Chromosom 3, die mit einer deutlich erhöhten Wahrscheinlichkeit zu einem Lungenversagen mit Aufenthalt auf der Intensivstation führen (Zeberg und Pääbo, Nature 2020), aber diese Ergebnisse ändern kaum etwas am praktischen Vorgehen. Eine Infektion bleibt ein unkalkulierbares Risiko.  

Impulsgesteuertes, kurzfristiges Handeln und Denken, einfache Antworten oder gar Verleumdung scheinen naheliegend, entsprechen sie doch unserer evolutionären Software. Doch zur Problemlösung tragen kurzfristige Ansätze nur wenig bei. Trotz der Einsicht unserer Schwächen bezüglich des holistischen Verstehens scheint es, als würden die Schwächen unseres präfrontalen Cortex uns auch in Zukunft vor Herausforderungen stellen. Wir brauchen einen langen Atem und die Einsicht, dass komplexe Herausforderungen Antworten erfordern, die über den ersten Impuls und das eigene Bauchgefühl hinausgehen. Vielschichtige internationale epidemiologische, infektiologische, virologische und pharmakologische Forschungsergebnisse ermöglichen uns die Einsicht, auf welche Weise wir auf dieses neue soziale Virus reagieren können und müssen. Die Förderung und angemessene Würdigung der Arbeit an der Laborbank und am Patienten muss auch über die aktuelle Situation hinaus überdacht und verbessert werden. Die im Alltag unsichtbare, oft kleingliedrige Grundlagen- und Spitzenforschung wird uns auch in der Zukunft vor unserem blauäugigen Bauchgefühl bewahren. 

„Dass eine Laboranalyse bis zu 48 Stunden auf sich warten lassen kann, wird genauso wenig verstanden wie die Pandemie an sich. “

Es ist früher Nachmittag. Nach der Betreuung der restlichen Patienten verspüre ich Hunger und Durst. Beim Essen treffe ich einen Kollegen aus dem Labor. Ich setze mich am offenen Fenster an die entgegengesetzte Kopfseite des Tisches. Normalerweise würden hier sechs bis acht Personen Platz finden, jetzt trennen uns zwei Meter Tisch und es ist kühl. Zum ersten Mal an diesem Tag ziehen wir die Maske ab. Es ist ungewohnt seine Kollegen ohne Mundschutz zu sehen. Frustriert berichtet mein Kollege von der großen Diskrepanz, die er tagtäglich erlebt: Umso länger die Pandemie andauert, desto müder werden die Menschen die Maßnahmen einzuhalten. Der Besuch mit den Kindern bei den Großeltern, das Abendessen bei Freunden oder die Geburtstagsfeier finden trotz Wissen um das Ansteckungsrisiko statt. Immer mehr Menschen müssen zum Nasopharyngealabstrich, dem COVID-19-Test. Die Proben im Labor stapeln sich, tausende Röhrchen warten auf ihre Bearbeitung. 

Heute müssen wir mit einem auf kurzfristiges Überleben trainierten Gehirn komplexe, langfristige Herausforderungen wie den Klimawandel, Epidemien und die digitale Revolution verstehen, bewerten und meistern. Foto: United Nations COVID-19 Response.

Die Proben müssen im Laborbereich der Sicherheitsstufe 2 in Schutzausrüstung unter einer Biosicherheitswerkbank stundenlang vorbereitet werden. Anschließend sind die Proben bereit für die Vermehrung der viralen RNA per Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Alleine die Analyse dauert bis zu drei Stunden.

Die große Unsicherheit, die die Patienten verspüren, wenn sie auf ihr Ergebnis warten, schlägt sich in unzähligen Telefonaten am Telefon des Laboranten nieder. Dass eine Laboranalyse bis zu 48 Stunden auf sich warten lassen kann, wird genauso wenig verstanden wie die langatmige Pandemie an sich. Am Telefon klatscht niemand.

Die Menschen, die täglich dem Virus am nächsten sind, müssen permanent aufpassen sich nicht anzustecken. Wenn sich mehr Ärzte, Pflegende oder Laboranten mit Covid anstecken, würde die Patientenversorgung oder die Probenbearbeitung noch länger dauern und wäre irgendwann nicht mehr gewährleistet. Unsere individuellen Entscheidungen beeinflussen das Kollektiv, sowohl beruflich als auch privat. Wir müssen uns tagtäglich zusammennehmen und unser kurzfristiges, potentiell weitreichendes Handeln zu hinterfragen, um die Pandemien langfristig in die richtige Richtung zu steuern.

Lob der Reflektion

Der Mensch besitzt die Fähigkeit zur Reflektion. Ohne diese wären wir unseren evolutionären Kurzschlussinstinkten schutzlos ausgeliefert. Um Probleme gemeinsam zu lösen, können wir die aktuellen Herausforderungen verstehen, analysieren und unserem Gegenüber verständlich machen. Ein evolutionärer Sidetrack, der uns zu einem fortschritts- und anpassungsfähigen Wesen macht.

Die rasche Entwicklung eines Impfstoffs ist ein Beispiel für ein koordiniertes, planvolles Handeln. Auch wenn das SARS-CoV-2-Virus weiter saisonal zirkulieren könnte, verliert es durch eine Impfung seinen Schrecken für die breite Masse. In der Zukunft werden uns die Monate mit dem Virus und den einschneidenden Maßnahmen wie ein kurzer grauer, unangenehmer Augenblick vorkommen. „C’était à cause du virus?”. Der unzureichenden, oder vielleicht doch auch vorteilhaften, zeitlichen Einordnungsfähigkeit unseres Cortex sei Dank.

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