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Wie die Kreislaufwirtschaft dich gesund machen kann

Das Cradle to Cradle-Prinzip verändert, wie du über Müll nachdenkst – denn es soll gar keinen mehr geben. Doch wie funktioniert eine durchgängige Kreislaufwirtschaft? Ein Interview mit der Circular Economy-Expertin Katja Hansen.

Katja Hansen ist studierte Bioingenieurin mit Schwerpunkt Umwelttechnik. Sie arbeitet seit vielen Jahren daran, Design und Entwicklungsprozesse positiv für Menschen, Umwelt und Wirtschaft auszurichten. Das macht sie als freiberufliche Cradle to Cradle- und Circular Economy-Expertin, Beirätin des Cradle to Cradle e.V. und Senior Researcher an der Technischen Universität München. Katja Hansen hat mit Qiio darüber gesprochen, was eine kontinuierliche Kreislaufwirtschaft wirklich ausmacht und warum ein positiver Fußabdruck viel wichtiger ist als die Verringerung eines negativen, von dem alle sprechen.

Liebe Frau Hansen, das Cradle to Cradle-Prinzip wurde Ende der 80er Jahre vom deutschen Chemiker Michael Braungart vorgestellt. Es geht hier um eine durchgängig konsequente Kreislaufwirtschaft. Was ist das Besondere daran?

Das ist Katja Hansen, studierte Bioingenieurin mit Schwerpunkt Umwelttechnik. Foto: Katja Hansen 

 Cradle to Cradle (kurz: C2C) bedeutet im Deutschen „Von der Wiege zur Wiege“. Die Herstellung von Produkten, ihre Nutzung und Entsorgung werden neu gedacht, nämlich mit positiven Auswirkungen auf Mensch, Umwelt und Wirtschaft und in kontinuierlichen Kreisläufen. Das lineare Konzept Abfall, das es in der Natur gar nicht gibt, wurde vom Menschen geschaffen und hat viele Nachteile, die wir unter dem Begriff ‚Umweltbelastung’ zusammenfassen

 Die C2C Denkschule setzt einen positiven Fußabdruck um und arbeitet mit drei Prinzipien. Erstens: Alles ist eine Ressource für etwas Neues – Nährstoff bleibt Nährstoff. Somit entsteht kein Abfall. Zweitens: Die Nutzung erneuerbarer Energien. Damit ist beispielsweise nicht nur die direkte Sonnenenergie, sondern auch die abgeleitete gemeint. Der letzte Punkt ist vielleicht etwas abstrakter: Die Unterstützung von Diversität. Dazu zählt die biologische Vielfalt, aber auch der soziale und kulturelle Kontext, um Innovation und neue Denkanstöße zu fördern.

Das klingt spannend, doch ehrlich gesagt hört sich für mich nicht nur der letzte Punkt etwas abstrakt an. Können Sie anhand eines Beispiels zeigen, wie C2C in der Praxis funktionieren kann?

 Gerne. Anfang der 1990er haben wir uns in den Favelas Brasiliens mit der Tatsache  beschäftigt, dass im kommunalen Haushaltsabwasser viele wertvolle Stoffe enthalten sind: Stickstoff, Phosphor etc., allesamt wichtig für den Landbau. Auf der anderen Seite überdüngen diese Stoffe die Gewässer, wenn sie nicht entsprechend entsorgt werden, und es wird problematisch, wenn Menschen mit verschmutztem Abwasser in Kontakt kommen.

Wir haben uns gefragt, wie man Produkte herstellen kann, die nicht nur recycling-freundlicher sind, sondern einen positiven Fußabdruck hinterlassen. Foto: Joakim Borén, Baufritz

Unsere Mission war es, zu zeigen, dass es bei unserem Projekt nicht nur um die Reinigung von Abwasser geht, sondern, dass genau dieses eine wertvolle Ressource ist. Also haben wir Anlagen gebaut, in denen Abwasser mithilfe natürlicher Prozesse in Humus, Dünger für Obst und Gemüse, und Biogas verwandelt werden. In künstlich angelegten Teichen haben wir integrierte Aquakultur betrieben, also Fische herangezogen und auf den Wasseroberflächen Pflanzen wachsen lassen, die weiter genutzt werden konnten. Außerdem haben wir uns einer alten chinesischen Methode bedient, nämlich dem Teich-Deich-System: Das nährstoffreiche Wasser in den Teichen bewässert die Deiche und auf diesen werden wiederum verschiedene Obst- und Gemüsesorten angebaut.

 Und so wurde eine Abwasserreinigungsanlage zu einer landwirtschaftlichen Produktionsstätte?

 Genau. Labortests haben außerdem gezeigt, dass die Produkte von der Anlage hygienischer waren als die Produkte, die auf den lokalen Märkten verkauft wurden, denn diese werden häufig mit kontaminiertem Wasser bewässert. Durch den Verkauf der Produkte, die zum Teil auch noch weiterverarbeitet wurden, zum Beispiel zu Marmelade, konnte eine Familie finanziell versorgt werden. Das Projekt besteht noch immer und wurde auch beispielsweise nach Haiti transferiert.

 C2C bezeichnet zwei Kreisläufe, einmal den biologischen und einmal den technischen. Sie sind kontinuierlich und produzieren somit keinen Abfall. Haben wir in Deutschland nicht ein Kreislaufwirtschaftsgesetz, das funktionieren sollte?

 Ja, Ende der 1980er Jahre hat es das Abfallgesetz abgelöst. Deutschland hat sich aber eher über Sammelsysteme Gedanken gemacht und Recyclingverfahren optimiert. Das ist jedoch eher Downcycling, was bedeutet, dass die Materialqualität nicht auf dem gleichen Niveau bleibt, sondern verschlechtert wird. Übrigens zeigt ein wissenschaftlicher Bericht, dass es weltweit mehr als 114 verschiedene Definitionen gibt, was eine Circular Economy eigentlich ist. Aus meiner Perspektive ist sie in Deutschland eher abfallorientiert. 

 Mit der Abwasserreinigungsanlage haben Sie bereits den biologischen Kreislauf geschildert. Können Sie noch ein Beispiel aus der Technosphäre aufzeigen?

Wir haben uns gefragt, wie man Produkte herstellen kann, die nicht nur recycling-freundlicher sind, sondern einen positiven Fußabdruck hinterlassen. Was liegt den Füßen näher als Bodenbeläge? Also haben wir angefangen, mit einem Teppichhersteller einen Teppich zu entwickeln, der durch bestimmte mechanische Eigenschaften der Fasern die Innenraumluft reinigt. Da diese in den meisten Gebäuden schlechter ist als die Außenluft in Großstädten, leistet er einen immens positiven Beitrag.

 Warum ist die Innenraumluft schlechter als die in unseren Großstädten?

 Die meisten Produkte, die wir im Innenraum nutzen, sind dafür gar nicht gemacht. Was neu riecht, sind flüchtige, organische Verbindungsstoffe, die ausgasen und das wiederum führt zu einer ungesunden Innenraumluft. Man weiß auch, dass Laserdrucker immens zur Feinstaubbelastung im Innenraum beitragen. Wer einen im Schlafzimmer stehen hat, sollte ihn unbedingt entfernen.

 

Natürlich kann man aus Holz auch Energie ziehen, aber zunächst ist es ein Wert- und Werkstoff. Foto: Joakim Borén, Baufritz

Bei meiner Recherche bin ich darauf gestoßen, dass bei der Herstellung von Beton mehr CO2 freigesetzt wird als bei allen Flügen weltweit. Stimmt das?

 Das ist richtig. Zementbeton ist die größte  CO²-Quelle. Eine spannende Alternative ist zum Beispiel die vulkanische Asche als Bindemittel. Die Natur hat sie uns bereits vorgebrannt und aktiviert. Andere neue Ansätze wie Carboncure bauen aktiv recyceltes CO² in den Beton ein. Aber die Bauindustrie ist konservativ und kritisch, was ich teilweise verstehen kann, denn wenn eine Brücke einstürzt, sind Menschenleben betroffen. Dann ist Innovation allerdings so definiert, dass wir sie zwar möchten, gleichzeitig aber sicher gehen wollen, dass etwas bereits 20 Jahre funktioniert hat.

 Ein direkter Widerspruch.

Genau.

 Wenn ich etwas über die Klimakrise lese, ist das Bauwesen fast nie mit inbegriffen, obwohl gerade der Zementbeton so eine schlechte Umweltbilanz hat. Warum ist das so?

Da haben Sie Recht. Den ökologischen Holzbau mit ökologischen Farbstoffen und Bauprodukten gibt es seit einigen Jahrzehnten auf dem Markt. Die Firma Baufritz ist da ein tolles Beispiel. In unseren Großstädten im Apartmentbaubereich, in Bürogebäuden und Industrieanlagen ist es weniger ein Thema gewesen, aber das scheint sich zu ändern, wenn man zum Beispiel die steigende Mitgliedschaft in der DGNB („Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen“) betrachtet. Dennoch wird in der Öffentlichkeit dem Hausbau nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wie beispielsweise dem Mikroplastik im Ozean.

 Ist ein ökologischer Hausbau teurer als ein gängiger?

Bei Privatgebäuden ist das wohl noch so, weil Angebot und Nachfrage noch nicht richtig austariert sind. Doch wenn man die Unterhaltsphase mit einrechnet, also wie viel in die Wartung und Pflege investiert werden muss, dann rentiert es sich sehr, den Hausbau nach C2C umzusetzen.

 

Ist ein ökologischer Hausbau teurer als ein gängiger? Foto: Joakim Borén, Baufritz

Und mit welchen Materialien baut man nun nachhaltig sinnvoll?

Wichtig ist immer, den Kontext zu betrachten. Es ist eine blöde Idee, ein Holzhaus in der Wüste zu bauen. Dort gibt es kein Holz und es entspricht nicht den klimatischen Bedingungen. Den Kontext mit zu definieren, ist in der C2C-Betrachtung ein wichtiger Punkt. Hier in Bayern ist Holz ein toller Baustoff. Natürlich kann man aus Holz auch Energie ziehen, aber zunächst ist es ein Wert- und Werkstoff. Wenn wir Wälder abholzen für Pellets, gehen uns ganze Nutzungszyklen verloren, um die Holzressourcen regenerieren zu können. 

 Was muss Ihrer Meinung nach aus C2C-Sicht auf politischer Ebene passieren?

Die Herausforderung ist, integrierter und holistischer zu handeln: Zu sehen, dass wir uns in komplexen Systemen bewegen und dass ein Verständnis in bestimmten Fachbereichen wichtig ist, aber im breiteren Kontext gesehen werden sollte. Die Umsetzung langfristiger Ziele passt nicht so recht in den politischen Ablauf, wo Mandate eher auf wenige Jahre ausgerichtet sind. Für eine wirklich nachhaltige Entwicklung muss sich hier etwas ändern.

Mehr zu dem Thema lest ihr in unserem Kompendium zur Kreislaufwirtschaft.

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