facebook-likehamburgerlupeoverview_iconoverviewplusslider-arrow-downslider-arrow-leftslider-arrow-righttwitter

Wohnen in der Zukunft: Eine Gentrifizierungs-Dystopie

Immer mehr Menschen drängen in dichte, urbane Zentren. Bezahlbarer Wohnraum wird zur hart umkämpften Ware. Wie sieht das Leben aus, wenn uns der Platz zum Wohnen wirklich fehlt? Alltag im Berlin des Jahres 2119 – ein dystopisches Gedankenspiel.

Süd-Berlin. Zone C. 2119. 7:30 Uhr. Es herrschen bereits subtropische Temperaturen, als das Qiio-Team an diesem Julimorgen vor dem grauen Container-Komplex in Tempelhof-Oberstadt ankommt. Wie ein Jenga-Turm aus glänzendem Metall ragt das Apartmentgebäude der „NeDeWo“ (Neues Deutsches Wohnen GmbH) in den blauen Himmel der Berliner Vorstadt, dicht gedrängt an dutzende weitere 3D-Druck-Gebäude des Immobilien-Monopolisten. Auf der anderen Straßenseite wächst derzeit ein taubengrauer 200-Meter-Wohnturm in die Höhe. Die grelle Hologrammwerbung vor dem Bauzaun wechselt im Stakkato-Takt von den Worten „Kleiner Raum – unbegrenzte Möglichkeiten!“ zum sorglos lächelnden Gesicht einer Dame mit strahlend weißen Zähnen.

Functional Living: Leben im Schuhkarton

Wir treffen Timmy B. zum Interview. Der 24-jährige Robotertechniker aus Köln hatte im Vorhinein zugestimmt, dass wir ihn einen Tag lang begleiten dürfen. Um Nutzer*innen-Forschung durch umfassende Alltagsanalyse ginge es – so jedenfalls unsere Online-Anzeige. Dabei sind wir in Wirklichkeit aus der Vergangenheit angereist – per Zeitmaschine versteht sich –, um die Folgen unkontrollierter Gentrifizierung aufzudecken. Wenn Wohnungen in begehrten Innenstadtvierteln für „normale“ Berliner im Jahr 2019 schon kaum noch bezahlbar sind, wie und wo wohnen wir dann in 100 Jahren? 

„Tut mir leid, ich hab voll vergessen aufzuräumen“, stottert der hagere, hochgewachsene Mann mit braunen Wuschellocken, als sich die Metall-Schiebetür von Apartment NDW-600-3-14 öffnet.

Foto: Reinaldo Kevin

Mit einer schnellen Handbewegung wischt Timmy über den rechteckigen Bildschirm seiner Smartwatch am linken Handgelenk. Plötzlich springt das ungemachte Bett in die Wand zurück, das Waschbecken, inklusive herumliegenden Elektrogeräten und Spiegel mit Zahnpastaflecken, klappt nach oben, während ein spinnenartiger Roboterarm herumliegende T-Shirts vom Boden aufsammelt. Wo eben noch ein Bett war, fährt nun ein schlichtes, eckiges Sofa aus dem Boden, und Entspannungs-Musik schwingt aus in die Decke integrierten Lautsprechern. Timmy macht eine einladende Geste in Richtung Sofa.

Wohnen zum Basic Tarif – ohne Sonnenlicht

Wir setzen uns dankend hin und lassen den Blick durch den schmalen, niedrigen Raum wandern. Timmy fängt unseren Blick. „Den Container mit Fenster konnte ich mir leider nicht leisten“, sein Ton klingt missmutig, „aber ich hab Modul 5 mit integriertem Aquarium.“ Ein weiterer Wisch mit der Smartwatch und ein Aquarium in der hinteren Wand erleuchtet in pinkem Licht. Ein Dutzend Guppys schwimmen traurig im Kreis. Bei diesem tristen Anblick schaut Timmy dann doch eher verlegen: „Hm, ja, doch nicht so aufregend, sag ich mal.”

Bevor wir falsche Begeisterung aufbringen müssen, fängt das Sofa unter uns an zu vibrieren und ein elektronisches Surren schwirrt durch den Raum. Wir schauen Timmy verwirrt an. „Es ist Zeit für die Arbeit.“ Der junge Neuberliner strahlt vor Begeisterung. Wir können unsere Verwirrung nicht ganz verstecken.

Wir verlassen Timmys rechteckige Metallbox, die traurigen Guppys verschwinden hinter uns im Dunkeln.

„DU BIST TEIL EINER GANZEN COMMUNITY“, schreien uns die aufdringlich großen Buchstaben der Infotafel im ansonsten asketisch-grauen Gang förmlich an. Ein Pfeil zeigt Richtung „Co-Living-Space“, ein anderer Richtung „Natural Roof“. „Im Co-Living Space ist eh nie jemand – die Putzfrau kommt seit zwei Monaten nicht mehr…“, antwortet Timmy, als wir ihn fragen, ob er diese „Services“ der NeDeWo nutzt.

„Der Dachgarten ist die Aufzugfahrt nicht wert. Schöne Begrünung gibt es eh nur auf den Dächern der Zone A.“

_________________________

BERLIN 2119

Sprache: Deutsch/Englisch

Bundesstaat: Nordostdeutschland

Staatsform: Parlamentarischer deutscher Städtebund

Fläche: 2.376,6 km2 

Einwohner: 10.613.145 (Stand Dezember 2118)

Gliederung in drei Zonen: A, B, C

Davon Einwohner in 

Zone A: 522.157

Zone B: 3.234.867

Zone C: 6.847.121

Ausländeranteil: 38,7 %

Arbeitslosenquote: 13,7 % 

Bevölkerungsdichte: 13.576,6 Einwohner pro km2

_________________________

Radikale Verdichtung: Platzmangel macht höhenwahnsinnig

Wir begleiten Timmy auf seinem Weg zur Arbeit. Mit der S-Bahn fahren wir durch die Berliner Unterstadt. Aufgrund des immer größer werdenden Platzmangels hatten Städtebauer*innen ab den 2060er Jahren – zuerst in Berlin Mitte – angefangen Stadtviertel in Etagen zu bauen. „Infach abreßen jeht ja wohl nich’!“, war die Antwort des recht wortkargen Verantwortlichen des Berliner Bauamtes auf unser Nachfragen am Telefon. „Dit macht der deutsche Denkmalschutz ja nich’ mit.“

Wir passieren „Neukölln-Unterstadt“. Durch große, verdreckte Acrylglasplatten schimmert spärliches Sonnenlicht aus der Oberstadt der Zone B. „Wer will hier bitte noch wohnen?“, murmelt Timmy gedankenverloren und starrt aus dem S-Bahn-Fenster in die schummrigen Straßenzüge der Karl-Marx-Straße.

Foto: Wes Hicks

Bahnhof Hackescher-Markt-Unterstadt. Zone A. 9:15 Uhr. Die Decke aus meterdickem Glas ist glänzend sauber und lässt gleißendes Licht in das historische Zentrum Berlins fallen. Der Lichtschein unten tanzt im Schatten der Füße tausender Menschen, die auf dem transparenten Boden der Oberstadt über uns ihren morgendlichen Beschäftigungen nacheilen.

„Experience living 100 years ago!“, ruft ein Stadtführer mit durchdringender Stimme und führt eine Touristengruppe in ein schlichtes Berliner Altbaugebäude. „Mama, warum hatten damals denn alle Kinder ihr eigenes Zimmer und ich nicht?!“ Ein kleines, braunhaariges Mädchen zieht eine Schnute und bleibt energisch stehen. „Bibi, wir haben uns extra für dich beim Wohnungs-Sharing angemeldet, damit du ganz viele verschiedene Zimmer ausprobieren kannst.“ Bibis Mama versucht ihr Bestes, die Kleine zu motivieren und mit der Gruppe mitzuziehen. „Ja, und warum müssen dann immer noch so viele andere Kinder in den Zimmern wohnen? Voll unfair!“

Modern Working: Wenn die Arbeit dein Zuhause wird

Timmy lässt die Reisegruppe links liegen und führt uns zu den riesigen Glas-Aufzügen, die in Sekundenschnelle in die Oberstadt hochschießen. Die Klaustrophobie auslösende Glasbox katapultiert uns 300 Meter in die Höhe, während neben uns die gigantischen Wolkenkratzer der Zone A wie ein Urwald in die Höhe ranken – imposante Meisterwerke der Baubionik der 2080er Jahre. Als wir Timmy fragen, ob er gerne nach Zone A umziehen würde, schnaubt er nur auf: „Das kann sich doch keiner leisten! Da gibt es doch nur noch Luxuslofts für die Oberschicht. Seitdem die Immobilienmafia den Wohnungsmarkt kontrolliert, ändern sich die Zustände ja einfach nicht mehr. Ich glaub, nur mein Chef wohnt in Zone A, und sogar der hat nur zwei Zimmer.“

Foto: Jeff Hendricks

Timmys Arbeitsplatz, eine Privatversicherung mit dem wohlklingenden Namen „Alpha – die Beste. Für die Besten“, befindet sich im 100. Stockwerk eines Wolkenkratzers nicht unweit des alten Berliner Fernsehturms. Als „KI-Manager“ ist Timmy für die Kontrolle von KI-Fehlern im Kundenservice zuständig, direkten Kundenkontakt gibt es bei „Alpha“ nur in absoluten KI-Störfällen. Timmy hatte sich auch auf anspruchsvollere Positionen in der Robotik-Abteilung beworben, erzählt er uns, doch dafür reichte sein Abschluss mit der Note 1,7 leider nicht. 

Wir betreten Timmys Büro durch große, automatische Flügeltüren aus Mahagoni. Die lichtdurchfluteten, geschmackvoll eingerichteten Büroräume haben wahrscheinlich die Größe von 50 Containern des „Moduls 5 mit integriertem Aquarium“. „Es mag vielleicht langweilig klingen, aber ich liebe meine Arbeit“, erzählt uns Timmy mit überraschend ernsthafter Miene, streicht sich dabei die Locken aus dem Gesicht und nimmt auf einem Co-Working-Sofa Platz. „Bei ‚Alpha‘ wird Modern Working wirklich gelebt. Das Büro fühlt sich an wie mein Zuhause und meine Kollegen sind wie meine Familie.“

Foto: Michel Paz

„Ich hab die letzte Woche sogar hier geschlafen!“, unterbricht uns schnell eine kleine Frau mit Virtual-Reality-Screen auf der Nase, die uns Timmy als seine HR-Kollegin Susi vorstellt. „Warum sollte ich auch zurück in meine kleine Wohnung gehen? Hier gibt’s gemütlichere Betten und free Virtual-Reality-Gaming nach 18 Uhr. Hier will man quasi nie aufhören zu arbeiten!“ Susi schien noch weiter lautstark elaborieren zu wollen, doch wird sie von einer Flut E-Mails unterbrochen, die auf dem Hologramm-Bildschirm auf ihrer dünnen Nasenspitze aufleuchten. Timmy schmunzelt: „Naja ok, so sehr ist die Arbeit dann auch wieder nicht mein Zuhause. Ich brauch auch meine Ruhe. Mein Zuhause ist nur so eng.”

Die Stadtplanung der Zukunft: Aufgeteilt nach Gehaltsklasse?

Wir lassen Timmy etwas Zeit, um sich seiner Arbeit zu widmen, und treffen ihn wieder in seiner Mittagspause. Heute gibt es nur regionale Produkte der brandenburgischen Roboter-Farmen, aufgrund der saisonalen Sommerstürme in der südlichen Hemisphäre.

Ob er je darüber nachgedacht habe aufs Land zu ziehen, fragen wir unwissentlich naiv. „Wie? Raus aus der Zivilisation, meint ihr?”, Timmy schaut verwirrt. „Da wohnen doch seit 40 Jahren keine Menschen mehr, nur noch Roboter und ein paar Wartungs-Angestellte – obwohl, ich hab von einem ‚Dorf der Aussteiger‘ gehört, irgendwo zwischen Berlin und Leipzig. Aber das ist mir zu radikal.” 

Foto: Victor Garcia

Wir wandern gedankenverloren durch den wildwachsenden botanischen Dachgarten der 227 Stockwerke hohen Stahlkonstruktion, die von weitem wie ein umgekehrter Kegel aussieht. Zu unserer Rechten schauen wir hinab auf die winzig wirkende Kugel des renovierungsbedürftigen Berliner Fernsehturms.

Timmy macht auf einmal halt. „Um ehrlich zu sein, hab ich ziemlich aufregende Neuigkeiten.“ Er scheint freudig verlegen: „Ich bekomme sehr wahrscheinlich eine Beförderung zum ‚Executive-KI-Manager‘!“ Wir gratulieren ihm herzlich und versuchen ungelenk den 1,96-m-Hünen zu umarmen. Timmy grinst über beide Backen: „Als Executive kann ich mir endlich eine Wohnung in Zone B leisten. Zone B – das sind 12 Quadratmeter pro Wohnung. Genug Platz für ein ganzes Bett!“

Immer auf dem Laufenden bleiben?

Abonniere jetzt den Qiio-Newsletter

Mein Kommentar

+ 76 = 80