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3D Avatare: Hat jeder bald einen virtuellen Doppelgänger?

Das Prinzip eines virtuellen Alter Egos ist eigentlich gar nicht so neu. Schon in den frühen 2000ern gab es die Möglichkeit, sich mit Spielen wie Die Sims oder Second Life ein virtuelles Abbild zu erschaffen, das in digitalen Welten eine Art Parallelleben führt. Die aktuelle Art der Selbstdarstellung auf Plattformen wie Instagram sind in Ansätzen sehr ähnlich: Durch den richtigen Blickwinkel, das richtige Licht, digitale Nachbearbeitung und Facefilter erschaffen die Nutzer idealisierte Versionen von sich, die mit dem realen Leben nur noch wenig gemein haben.

 

3D Avatare, die perfekten digitalen Nachbildungen unseres Selbst, sind der nächste logische Schritt in dieser Entwicklung. Doch was sind die Vorteile, Anwendungsgebiete und Gefahren dieser virtuellen Kopien? Dazu haben wir uns mit der Künstlerin und Modedesignerin Hermione Flynn in ihrem lichtdurchfluteten Studio zusammengesetzt, welches sich in einem ehemaligen Krematorium in Berlin-Wedding befindet. Neben ihrer Tätigkeit als Designerin ist Flynn außerdem Gründerin der 3D Design Agenturen mimic productions und synthetic studio in Berlin und Mitglied von digi-gxl, ein 3D Künstlerkollektiv für Frauen*, Trans-, Inter*- und nicht-binäre Personen.

Mode als Kommunikationsmedium

In Zeiten von Augmented Reality-Filtern ist ein physikalisches Vorhandensein von Kleidung keine Notwendigkeit mehr für einen Designer. So hat Hermione Flynn ihr gleichnamiges Modelabel im vergangenen Jahr in ein 3D Performance Art-Projekt verwandelt. Ohnehin entstand ihr Label aus ihrem Schaffen als Performance Künstlerin, die ihre eigenen Outfits für die Performances schneiderte. Die Rückkehr zur Kunst schließt gewissermaßen einen Kreis. Die Mode spielt jedoch weiterhin eine große Rolle für Flynn, erklärt sie uns im Interview: „Für mich ist der Zweck von Kunst in einer Gemeinschaft der Anstoß zu Diskussionen von aktuell wichtigen Themen. Mode oder vielmehr Kleidung, ist dabei ein sehr mächtiges Kommunikationsmedium. Wir haben alle gelernt, Kleidung zu lesen. Sie ist eine Form der visuellen Verständigung, an der wir alle teilnehmen.“

 

Die Entwicklung ihres eigenen digitalen Abbildes, welches sie „Em” taufte, war ein zentraler Schritt der Transformation und bildet nun den Ausgangspunkt ihres kreativen Schaffens. Flynns Avatar dient jedoch nicht allein dem künstlerischen Ausdruck – ihr Avatar ist auch eine Brücke zu mimic productions und synthetic studio, die sie beide mit ihrem Ehemann David Bennett gegründet hat und über die sie verschiedene Dienstleistungen im Bereich 3D Modellierung, Motion Capturing und Character Design anbieten. Eine ihrer prominentesten Kundinnen, von der uns Flynn erzählt, kommt ebenfalls aus der Performance Kunst und ist darin sogar eine Ikone: Für ihre eigenen Ausflüge in den digitalen Raum ließ Marina Abramovich von Flynn ihr digitales Abbild erschaffen. Die Zusammenarbeit führte sogar dazu, dass Abramovichs Avatar jetzt auch die Designs von Flynns Modelabel trägt. Ein weiterer Kreis hat sich hier geschlossen.

3D Avatare erobern die Welt

Die Anwendungsbereiche von 3D Avataren gehen natürlich weit über Performance Kunst hinaus. Flynn berichtet hier von Industriesimulationen, Schönheitschirurgie, Künstlicher Intelligenz und Kundenservice. Das wohl breiteste Spektrum an Avataren kommt in der Unterhaltungsindustrie zum Einsatz, zum Beispiel in Filmen und in der Welt der Videospiele.

 

Von ihrem rein praktischen Nutzen abgesehen, kommen Avatare für Flynn mit vielen unerwarteten Vorteilen, die sie jetzt durch ihren digitalen Doppelgänger „Em“ und ihre Experimente mit ihr nach und nach entdeckt. „Sie sind ein Fenster der Kreativität, was sich gerade geöffnet hat. Irgendwann werde ich als 80-jährige Künstlerin in der Lage sein, Dinge als mein 30-jähriges Selbst zu tun.” Diese Vorstellung scheint Flynn sichtlich zu begeistern. „Ich kann jegliche Performances auf einen digitalen Charakter übertragen. Ich kann zum Beispiel mit Motion Capture einen Balletttänzer aufzeichnen und die Bewegungen auf meinen Avatar projizieren. So kann ich auf einmal Ballett tanzen, rappen oder eine neue Sprache sprechen.“

 

Der Fortschritt dieser Technologie hat natürlich auch seine Schattenseiten. „Die Vorstellung von zukünftiger technischer Entwicklung und wohin sie überall führen könnte, ist für viele auch angsteinflößend. Das betrifft zum Beispiel die Möglichkeiten mit Fake News, oder dass man zum Beispiel das Gesicht eines prominenten Politikers oder Schauspielers auf einen anderen Körper retuschieren kann, der dann Verbrechen begeht oder in Pornos mitspielt. Das ist für Menschen recht unberechenbar und bedrohend, denn man weiß genau, dass da ein Missbrauch stattfinden wird,“ erklärt Flynn. „Was ist zum Beispiel, wenn jemand Besitz von meinem digitalen Ebenbild erlangt und es für Zwecke einsetzt, denen ich nicht zustimme?“ 

Eine Frage der Ethik

Während manch einer die Übertragung unseres Handelns und Erlebens auf virtuelle Avatare als eine Art Identitätskrise empfinden könnte, sieht Flynn diese Entwicklung eher als Befreiung an. „Auf die gleiche Weise wie Beauty-Filter, führen Avatare unweigerlich dazu, dass immer mehr Menschen gleich aussehen. Denn, wer würde sich nicht dafür entscheiden, schöner, jünger und fitter auszusehen? Aber auf der anderen Seite war meine persönliche Erfahrung damit unheimlich befreiend. Ich denke, auf natürliche Art und Weise werden sich hier digitale Subkulturen entwickeln, deren kreatives Schaffen wir uns im Moment noch gar nicht vorstellen können.“

 

Auf die positiven Aspekte von Avataren ist Flynn bei ihrer Arbeit mit „Em“ sehr bedacht: „Ich bin regelrecht besessen von der Idee, dass mein digitales Double eine wirklich gute Person ist,“ erzählt sie. Für ihr jüngstes Projekt „Grapefruit“ lässt sie ihren Avatar Gedichte aus dem gleichnamigen Buch von Yoko Ono rezitieren, die sich alle um Mitgefühl für andere Menschen, die Umwelt und sich selbst drehen.

Avatare als Teil der Gesellschaft

 Doch so wie sie mit ihrem Avatar auf die Menschen zugeht, versucht sie im Gegenzug eine Art positive Einstellung und Akzeptanz von Avataren durch Menschen zu erzeugen, die auch einen Spielraum der Imperfektion ermöglichen. „Lasst uns lernen, diese 3D Menschen zu akzeptieren. Ja, sie haben ein paar seltsame Eigenschaften. Manchmal sieht es so aus, als würden sie Wörter nicht richtig aussprechen, oder es gibt ungewollte Artefakte. Wenn sie blinzeln, dann nicken sie leicht. Das sieht komisch aus, aber ich will es nicht verurteilen. Ich möchte diese neue Form des menschlich-technologischen Ausdrucks mit all seinen Makeln annehmen – wie eine Art der Inklusion.“

 

Dass Avatare als Teil der Gesellschaft anerkannt werden, ist für die 3D Künstlerin ein wichtiger Punkt. Als Beispiel führt sie das jüngste Video der Avatar Influencerin Little Miquela an, in dem sie das Model Bella Hadid küsst. Man weiß, dass es nicht echt ist, aber man akzeptiert es einfach.

Die ewige Jugend im digitalen Raum

 Digitale Doppelgänger und Avatare werden nach Flynns Prognose in Zukunft immer wichtiger, da die Zeit, in der wir in digitalen Räumen leben und interagieren, immer mehr wird. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendwann alle unsere eigenen Avatare haben, ist sehr hoch. Wenn ich von meiner eigenen Erfahrung ausgehe, wie befreiend das für mich war, dann kann ich mir fast nicht vorstellen, wie befreiend das für andere Menschen sein könnte, zum Beispiel für all diejenigen, die sich in irgendeiner Form durch ihr Äußeres bisher sehr beschränkt gefühlt haben. Meiner Meinung nach wird ein Großteil von uns in etwa 20 Jahren seinen eigenen Avatar haben und somit sein eigenes physikalisches Leben erweitern,“ sagt Flynn voraus.

 

Abgesehen von Selbsterfüllung und ewiger virtueller Jugend könnte das Leben im digitalen Raum à la Matrix auch noch einen weiteren positiven Nebeneffekt haben, der den Klimawandel betrifft. „Die digitale Existenz, ohne physikalische Ressourcen nutzen zu müssen, könnte unseren persönlichen CO2 Verbrauch drastisch reduzieren.“ 

Mehr zum Thema Virtualisierung in unserem Kompendium Reality 4.0.

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