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Foto: Delia Baum.

Alltag von Transmenschen: Und wie heißt du wirklich?

Podcastmoderatorin und Aktivistin Phenix ist trans. Sie hat sich selbst ihren Namen gegeben, erlebt aber regelmäßig, wie dieser nicht einfach so akzeptiert wird. Für Qiio schreibt sie ein Plädoyer für einen anderen Umgang mit Vornamen. 

„Luca oder Kim! Oder Maria? Der Schauspieler heißt doch auch Christoph Maria!“ So oder so ähnlich standen mein bester Freund und ich, beide ca. 10 Jahre alt, im Garten meiner Eltern. Wir hatten einen Frosch an einem Bach gefunden und bauten ein Terrarium aus allem, was der der Garten so hergab. Wichtig war für unser neues Haustier nun natürlich ein Name. Und klar, der Name sollte zum Geschlecht passen. Aber wie findet man das Geschlecht eines Frosches heraus? Google, geschweige denn ein Smartphone, hatten wir nicht. Also musste der Name geschlechtsneutral sein. Wir zählten alle Namen auf, die in unseren Augen damals sowohl für Männer als auch Frauen passen konnten. Die Wahl fiel schnell auf Luca. Ein Kind in unserer Grundschule hieß so. Als er in unsere Klasse kam, wurde viel gekichert und ich war damals froh, einen Namen „für Jungs“ zu haben. Durch meine Kinderaugen musste das auch so sein. So wurde es mir vorgelebt. Denn ich bin ja auch ein Junge, oder? Spoiler Alert: Nein, bin ich nicht. 

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Neuer Name, neues Leben?  

15 Jahre nachdem wir Luca den Frosch aufgenommen haben (ich habe gegoogelt: Mit viel Glück könnte Luca laut der durchschnittlichen Lebenserwartung von Fröschen noch irgendwo da draußen sein) lebe ich mein Leben offen als Frau. Als Phenix wie Phoenix, nur ohne „o“ als phonetische Hommage an den Namen, den mir meine Eltern gaben. Denn ich will mein Leben vorher nicht vergessen oder verdrängen. Aber heute lebe ich anders: freier, offener, souveräner, selbstbewusster. 

Als ich mir vor einigen Jahren eingestanden habe, dass ich mich in diesem Körper, in dem ich geboren wurde, und in der Rolle, die Männern* von der Gesellschaft aufgezwungen wird, nicht wohlfühle, habe ich Schritt für Schritt diese Erkenntnis auch nach außen gezeigt. Ich habe meine Haare wachsen lassen, meine Fingernägel lackiert, Make-up und High Heels getragen.  

Wichtig ist an dieser Stelle: Diese Dinge werden von der Gesellschaft zwar Frauen zugeschrieben, aber genau diese Vorstellungen sollten dringend hinterfragt und aufgehoben werden. Keineswegs ist jede Person, die High Heels trägt, eine „Frau“. Viele dieser Zuordnungen sind vollkommen beliebig und absurd. Über die letzten Jahrhunderte hat sich auch schon mehrfach komplett gedreht was „männlich“ und was „weiblich“ ist. Crop Tops beispielsweise, also besonders kurze Oberteile, werden heute Frauen zugeordnet. Ursprünglich wurden sie  aber von Bodybuildern getragen, die in Fitnessstudios nicht oberkörperfrei trainieren durften, aber ihre Muskeln zur Schau stellen wollten. Also die „männlichsten“ der „Männlichen“. Ähnlich verhält es sich mit Make-up, Röcken und sogar der Highheel war eine Erfindung von Männern für Männer: Einst standen sie für Macht und Männlichkeit. 

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Rechtfertigung kostet Kraft

Zurück zu mir: Mit jedem Schritt, den ich gegangen bin, habe ich mich wohler gefühlt. Ich habe mich langsam angenähert, mich selbst entdeckt und zu mir selbst gefunden. Auf diesem Weg stolperte ich dann immer öfter über meinen Namen und mein Pronomen, was damals noch „er“ war. In mir entstand ein Konflikt: Ich glaube nicht daran, dass Namen „männlich“ oder „weiblich“ sind. Alle sollten jeden Namen haben können. Um mich diesem Konzept nicht hinzugeben, sollte ich ja eigentlich bei meinem Geburtsnamen bleiben. Aber ich merkte immer mehr, wie dies für mich keine Option war. Ich möchte gern eine Vorreiterrolle übernehmen. Aber in der Gesellschaft, in der wir aktuell leben, traue ich mir nicht zu, einen gesellschaftlich „männlichen“ Namen als Frau zu tragen. Selbst nicht in der Berliner-Bubble der Aufgeklärten. Vor allem, weil ich trans bin. Kein Fakt, den ich dauerhaft zu verstecken versuche, aber es gibt viele Situationen, in denen es für mein Wohl sicherer ist, nicht klar als trans wahrgenommen zu werden. Beispielsweise wenn ich mich ausweisen muss, um ein Paket abzuholen. Wenn auf diesem Dokument ein „männlicher” Name steht, könnte ich in schwierige Situationen geraten, da ich als weiblich wahrgenommen werde. Ständig wiederkehrende Outing-Szenarien kosten Kraft. Hinzu kommt, dass mein Pronomen „sie“ ist. Würde ich bei einem „männlichen“ Namen bleiben, wären meine unaufgeklärten Mitmenschen wohl noch verwirrter und diskriminierender in ihren Umgangsformen.

Es ist nicht meine Aufgabe das Leben meiner Mitmenschen so einfach wie möglich zu gestalten, doch mein persönliches Glück und Wohlsein stehen an erster Stelle. Ich merke, wie kräftezehrend das Leben als Transfrau an sich schon sein kann. Sich ständig überall erklären zu müssen. Täglich Menschen, die denken, sie könnten mir ja mal eine Frage stellen, die ihnen bezüglich Trans*personen schon lange auf der Seele liegt. Das Ganze dann auch noch mit einem Namen, der gesellschaftlich klar Männern zugewiesen wird? Die Kraft habe ich nicht.

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 Brauchen Namen ein Geschlecht? 

Erst im Mai nannten die Musikerin Grimes und ihr Mann Elon Musk ihr damals frisch geborenes Kind „X Æ A-12“. Ist das ein Name der Zukunft? Niemand kann aus diesem Namen Herkunft oder Geschlecht lesen, was ich absolut erstrebenswert finde. Würde ich wiederum mein Kind so nennen? Vermutlich nicht. Ich persönlich halte es für zu umständlich und zu unpersönlich, einen Namen zu haben, der von einer mathematischen Formel nicht zu unterscheiden ist. Vielleicht sieht das in 20 Jahren anders aus und ich feiere mit meinen Kindern C3PO und a² + b² Weihnachten. Wer weiß… 

Und wie würde ich mein Kind nennen? 

Wie sähe eine Welt wohl aus, in der Eltern ihren Kindern nicht final einen Namen zuordnen, sondern alle den Weg gehen, den ich gehe? Im Laufe des Lebens sich seines Geschlechts selbst bewusst werden, auch gegen die Vorgaben der Gesellschaft und sich selbst einen Namen aussuchen. Wenn der Name, den die Eltern aussuchen, nur ein Vorschlag ist? Ich glaube viele würden bei genau diesem bleiben. Eltern machen das meist intuitiv schon ganz gut. Gesellschaftliche und gesetzliche Freiheit diesbezüglich würde mir wiederum das Leben einfacher machen. Keine langen Verfahren und Gutachten, ob ich irre, weil ich meinen Namen ändern lassen möchte. Und selbst wenn, ist Irren nicht menschlich? 

Ich glaube nicht, dass sich Vornamen verändern müssen, um zukunftsfähig zu sein. Unser Umgang mit ihnen muss sich jedoch verändern. Keineswegs möchte ich einfordern, dass von heute auf morgen jedes Mädchen Sven heißen soll, aber wir müssen uns öffnen. Ein Schritt wäre, auf einen außergewöhnlichen Namen nicht mit „und wie heißt du wirklich?” zu reagieren. Wie schön wäre es, wenn eine Trans*person während der Transition nicht den Geburtsnamen ablegen muss, weil die Gesellschaft so offen ist, dass alle mit allen Namen akzeptiert und respektiert werden? Wir sollten uns dafür öffnen, dass Mädchen nicht rosa tragen und Blumen lieben müssen, Jungs nicht nur blau tragen und nicht zwingend Fußball spielen wollen. Ein Baustein dieser freien Entfaltung müssen auch die Namen sein.

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