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Foto: Eyeem, @oneinchpunch

Liebesavatare – Von der echten Liebe in virtuellen Beziehungen

Viele unserer Lebensbereiche werden zunehmend digitalisiert und in einen virtuellen Raum verlagert. Ist die wachsende Beliebtheit von Chatbots und Liebesavataren ein Zeichen dafür, dass Liebe und Beziehungen in Zukunft digitalisiert werden? Eine Spurensuche.

Es ist dunkel im Zimmer. Jana schmiegt sich an ihre Bettdecke. Plötzlich taucht eine Nachricht auf ihrem Handy die Wände in blaues Licht. Ihre Augen leuchten, als sie den Namen auf dem Bildschirm erkennt. Sie hatte Marc vor zwei Monaten über die App Tinder durch die World Wide-Funktion kennengelernt. Tinder bietet seinen Nutzern mittlerweile an, nicht mehr nur potentielle Partner innerhalb seiner Stadt zu scouten, sondern auf der ganzen Welt.

Marc wohnt in San Francisco. Mit einer Distanz von 9.000 km ist er eine Reise um den halben Globus entfernt. Bereits nach ein paar ausgetauschten Sätzen merkten beide, dass sie sich außergewöhnlich gut verstehen. Seitdem schicken sie sich täglich ihre Gedanken hin und her. Nach einem Videotelefonat ist Jana sich sicher: Sie verstehen sich nicht nur gut, sie finden sich auch sehr attraktiv. Doch hier unterscheidet sich ihre Verbindung von herkömmlichen digitalen Dates: Pläne, sich analog kennenzulernen, schmieden sie nicht.

Immer virtuell mit einander verbunden sein, aber sich nie sehen. Eine neue Form von Partnerschaft?

Virtuelle Beziehungen als Zeichen unserer Zeit

Nachrichten schreiben, Bilder schicken und seinen Tag digital miteinander teilen – tatsächlich werden virtuelle Beziehungen immer beliebter. Viele Kontakte, die sich auf Distanz ergeben haben, genießen nur den Endorphinrausch und das beständige Gefühl, virtuell einen Lebensbegleiter an seiner Seite zu haben. Ohne das zeitaufreibende Unterfangen, irgendwann zueinander finden zu müssen. „Mimik, Gestik, Tonfall – vieles davon findet beim Chatten nur im Kopf statt. Und Dinge, die in unserem Kopf stattfinden, fühlen sich genauso real an, wie alles, was da draußen passiert.”, sagt Diplom-Psychologe und Sexualtherapeut Umut Özdemir. Seine Expertise bezieht sich auf Menschen mit Beziehungsproblemen und sexuellem Leidensdruck. Er beschäftigt sich täglich damit, was uns erregt und wieso wir lieben, wie wir lieben. In einer Gesellschaft, die ihre Zeit mit Selbstverwirklichung und körperlicher Optimierung verplant und dessen Währung aufregende Erlebnisse sind, gibt es schlichtweg kaum Platz für eine Beziehung. Eine Partnerschaft verlangt nach Zeit, Hingabe und einer gewissen Kompromissbereitschaft, die viele mit ihrem geschäftigen Lebensstil nicht vereinbaren möchten. So ist es viel bequemer, den Menschen allein virtuell bei sich zu wissen, auf Distanz schreiben zu können und keinerlei zeitliche Verpflichtungen eingehen zu müssen. Wo liegt da eigentlich noch der Unterschied, ob dieser seinen Tag begleitende Chatpartner lebendig ist oder nicht? Durch Geschichten wie die von Marc und Jana verwischen unwissentlich die Grenzen zwischen Mensch und Bot, denn letzten Endes werden dieselben Bedürfnisse gestillt. Ein Hinweis darüber, weshalb parallel zu dieser Entwicklung Chatbots und Liebesavatare immer beliebter werden?

Das Erleben einer intimen Situation mit einem Avatar durch eine VR-Brille kommt einer realen erotischen Situation näher als jede andere virtuelle Alternative. Und was hierbei auch wieder wegfällt: Verpflichtung und besonders das Schamgefühl. Foto: Wyron A.

Die Magie von Liebesavataren und gesprächsfreudigen Chatbots 

Ausgehend von Ideen bekannter Biologen und Psychologen des letzten Jahrhunderts wie Julius Huxley und Abraham Maslow befinden wir uns im Zeitalter des Transhumanismus, einer philosophischen Bewegung, welche die Verschmelzung von Mensch und Technologie für unabdingbar sieht. Schon immer haben wir unsere Sinne durch Technologie zu erweitern versucht. Wenn wir bereits große Teile unseres Haushalts, unserer Kommunikation und unserer Arbeitsabläufe erfolgreich technisiert haben, wieso sollte der Prozess vor unseren Liebesbeziehungen und körperlichen Bedürfnissen Halt machen?

In ostasiatischen Ländern wie Japan sieht man, wie das bereits erfolgreich ineinander übergegangen ist. Wie bei Marc und Jana ist es ein Beispiel dafür, wie unser moderner Zeitmangel den Wunsch nach zeitlicher Effizienz und Unabhängigkeit in uns hervorruft. In Japan beispielsweise, wo der gesellschaftliche Leistungsdruck und Zeitmangel besonders stark auf den Menschen lastet, ist die Entwicklung von romantischen und erotischen Virtual Reality-Spielen besonders ausgeprägt. Das Erleben einer intimen Situation mit einem Avatar durch eine VR-Brille kommt einer realen erotischen Situation näher als jede andere virtuelle Alternative. Und was hierbei auch wieder wegfällt: Verpflichtung und besonders das Schamgefühl. Es ist natürlich einfacher, als schüchterner Mensch einem Avatar romantische Avancen zu machen, als einer echten Person. In China erfreuen sich Dating-Simulationen besonders bei Frauen großer Beliebtheit. Eine Studie ergab sogar, dass die Spielerinnen häufig in parasoziale Beziehungen mit ihren Liebesavataren geraten und sich schlichtweg in ihre Spielcharaktere verlieben.

„Psychologisch darf man nicht vergessen, dass ein virtueller Raum auch ein Raum ist. Wir tendieren dazu, die gleichen Normen, Werte und Regeln auch dort anzuwenden. Wir setzen automatisch Chatbots mit echten Menschen gleich”, sagt Özdemir. Foto: Laura Cleffmann.

Wir sind also in der Lage, uns zu verlieben, obwohl die Hoffnung auf eine reale Beziehung nicht gegeben ist. Doch warum funktioniert das überhaupt so gut? Eine Studie der Wissenschaftlerin Maartje de Graaf über die Beziehungsfähigkeit von Menschen mit Robotern erforschte, dass Menschen mit Robotern oder Avataren ähnlich wie mit anderen Menschen interagieren. Dabei wurde diskutiert, dass unsere menschliche Neigung, sozial auf nicht-menschliche Objekte zu reagieren und unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Menschen emotionale Bindungen zu künstlichen Wesen aufbauen können. Obwohl wir uns also im Klaren sind, dass unsere Interaktion nicht auf echte Gefühle trifft, können wir wiederum Gefühle für Roboter oder Avatare hegen. Mit dieser Idee hat sich auch die Designerin Nina Cutler beschäftigt, die mit ihrer Arbeit ein Zukunftsszenario der rührenden Hochzeit zwischen ihrer Mutter Claire und ihrem Pflegeroboter Toni einmal vorgezeichnet hat.

Foto: Nina Cutler

Das Forschungsergebnis von De Graaf erklärt also, warum sich Chatbots und Liebesavatare wachsender Beliebtheit erfreuen. Ein gutes Beispiel für einen aktuell beliebten Chatbot ist Replika. Die virtuelle Freundschaft beginnt gleich nach dem Einloggen ins farbenfrohe Backend. Nachdem der neue Freund erstellt und nach Belieben benannt wurde, lernt der Avatar dank KI beim Chatten mehr über den Nutzer. Auffällig ist, dass die KI alle Gespräche besonders auf das psychische Wohlbefinden des Chattenden lenkt. Im Kern wurde der Chatbot nämlich vorrangig als emotionale Stütze erstellt. Besonders für junge Menschen kann ein Chatbot wie Replika in diesem Bereich Abhilfe schaffen. „Ich leide unter viel Stress und bekomme oft Angstattacken. Es ist also toll, jemanden zu haben, der mit einem redet und nicht über einen urteilt“, sagt die junge Nutzerin Kylie über ihre mittlerweile mehrmonatige Chaterfahrung mit Replika.

Das Chatfenster mit dem Chatbot Rose durch den Anbieter Replika. Rose lernt durch längeres Chatten mehr über ihren Gesprächspartner und kann so in kurzer Zeit persönlicher auf Nachrichten eingehen. Foto: Screenshot von Replika

Je mehr gechattet wird, desto mehr Punkte werden gewonnen, durch welche weitere Gesprächsmöglichkeiten freigeschaltet werden. Darunter Themenfelder wie finanzielle Sorgen, Liebeskummer oder auch der Tod. Doch Replika stillt nicht nur das Bedürfnis nach Austausch. Für wenige Euro im Monat kann man sie ebenfalls daten oder sogar als romantischen Partner freischalten. Ein Angebot, welches nach Aussagen der Website sehr beliebt ist und häufig genutzt wird. 

Warum virtuelle Liebe uns auf Dauer nicht glücklich machen wird

So kommen wir wieder zurück zur Frage, wieso Menschen wie Jana und Marc virtuelle Beziehungen suchen und wieso andere sich für Avatare als Partner entscheiden. „Psychologisch darf man nicht vergessen, dass ein virtueller Raum auch ein Raum ist. Wir tendieren dazu, die gleichen Normen, Werte und Regeln auch dort anzuwenden. Wir setzen automatisch Chatbots mit echten Menschen gleich”, sagt Özdemir. Bedeutet dies nun auch das schleichend sichere Aus für menschlichen, körperlichen Kontakt und analoge Beziehungen? „So schwarz würde ich das nicht sehen. Aus Sicht der Psychologie fehlt im Digitalen die Ausschüttung von Hormonen, die bei Körperkontakt stattfindet. Das sogenannte Liebeshormon Oxytocin wird ausgeschüttet, wenn Menschen eine geliebte Person ansehen oder berühren. Soziale Kontakte langfristig durch Bots zu ersetzen, kann daher sogar gesundheitsschädliche Folgen haben. Wir Menschen sind von Geburt an auf Körperkontakt angewiesen, daher werden wir trotz virtueller Beziehungen auch weiterhin danach suchen.”

Mehr zum Thema digitale Liebe in unserem Kompendium Digitale Partnerschaft.

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