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Über Travel-Burnout und Verantwortung beim Reisebloggen

Um die Welt reisen und dabei Geld verdienen? Für viele ein absoluter Lebenstraum. Wir haben durch Reiseblogger Michael André Ankermüller einen Blick hinter die Kulissen eines solchen Traums werfen dürfen.

Kennenlernen durfte ich Michael André Ankermüller vor ein paar Wochen auf der future.challenge. Dort hielt Michael einen Vortrag über die Freuden und Herausforderungen seiner Arbeit. Ich schaute beim Vortrag auf die Gesichter der jungen Zuhörer, die einen Einblick in das Leben eines Weltenbummlers bekommen wollten.

Ich selbst muss mir eingestehen, dass ich romantische Vorstellungen von diesem Beruf habe. Doch der Vortrag von Michael war konkret und pragmatisch. Statt Bilderwelten voller Sehnsucht präsentierte er klar und deutlich die Herausforderungen, die auf dem Weg zur finanziellen Unabhängigkeit zu bewältigen sind. Ernüchternd? Tatsächlich fühlte ich mich danach ermutigt mehr über die Risiken und Chancen meines Berufslebens nachzudenken. Meine Ziele festzuhalten und daraus konkrete Handlungen abzuleiten.

Anschließend durfte ich mit ihm noch einmal allein sprechen, da ich noch einige Fragen hatte.  

Michael, seit ca. fünf Jahren gibt es jetzt Blog Bohème, was dir unter anderem ermöglicht Reisen und Arbeit miteinander zu verbinden. Hast du dir für das Jahr 2019 schon ein besonderes Reiseziel gesteckt?

Dieses Jahr werde ich im September nach Taiwan reisen. Und vermutlich Ende des Jahres nach Indien. Das ist allerdings noch nicht fest, da es projektabhängig ist. Jetzt bin ich im März in Marokko und im Mai privat in Portugal. Alles, was so beruflich an Reisen passiert, erfahre ich teilweise wenige Wochen im Voraus. Außer die Fernreisen, die sind dann schon ein bisschen weiter vorausgeplant.

Der Begriff „Digitaler Nomade” und das damit verbundene ortsunabhängige Arbeiten ist zu einem Traumberuf geworden. Würdest du dich als ein solcher Nomade bezeichnen?

Nein, da ich mittlerweile einen festen Wohnsitz habe, den ich sehr schätze. An den Ort kann ich zurückkommen und habe die Möglichkeit, die Reisen in Ruhe zu verarbeiten. Ich habe festgestellt, dass genau dieser Verarbeitungsprozess beim dauerhaften Reisen viel zu kurz kommt. Das klingt jetzt blöd, aber teilweise fragt man sich dann: Wo bin ich jetzt gerade nochmal?

Vor zwei Jahren war ich in Portugal. Von dort ausmusste ich auf eine Konferenz nach Frankfurt fliegen und von Frankfurt gleich wieder nach Lissabon. Da fiel es mir doch schwer dem Ganzen hinterherzukommen und mich selbst zu „orten“. Ich würde sagen „Digitaler Nomade“ ist eben ein Begriff, der sich etabliert hat. Aber ich weiß auch von vielen befreundeten digitalen Nomaden, dass sie mittlerweile alle ihre Basis haben und gar nicht mehr so dauerhaft reisen wollen. Das ist das Phänomen des sogenannten Travel-Burnouts.

Travel-Burnout scheint ein neues Phänomen in Reiseblogger-Kreisen zu sein, doch auch langzeitreisende Backpacker berichten privat davon. Wodurch denkst du entsteht es?

Vom übermäßigen Reisen, ganz klar. Es sammeln sich viel zu viele Eindrücke und Impulse von außen an, und man hat nicht mehr die Möglichkeit alles zu verarbeiten. Ich glaube, das ist ein Generationsproblem. Denn viele Reiseblogger, die davon leben, sind alle etwas älter im Gegensatz zu den jungen Influencern. Und die Blogger Mitte 30 wünschen sich dann eben eher fest an einem Ort zu bleiben.

Wie verhinderst du bei all deinen Reisen und Vorhaben, dass Du selbst ein Travel-Burnout erleidest?

Durch meinen festen Wohnsitz in Berlin. Früher habe ich hier und da ein Zimmer gemietet, und jetzt habe ich eine Wohnung, die Geld kostet. Es ist auch endlich eine Wohnung, die mir gefällt und kein kleines WG-Zimmer mehr. Da bleibt man automatisch auch mal gerne zu Hause.

Ich finde es sehr schwer auf Reisen bei all den Eindrücken Zeit zu finden, um zu arbeiten. Wie schaffst du es deine Arbeit auf der Reise zu strukturieren?

Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Wenn ich reise, dann reise ich. Und wenn ich arbeite, arbeite ich. Ich vermische beides nicht miteinander. Klar habe ich auf Reisen Termine und treffe dort Menschen für Interviews, das ist natürlich Arbeit. Aber grundsätzlich findet die Arbeit erst wieder statt, wenn ich zurückkomme. Meine Struktur zeigt sich vielleicht insofern, da ich vormittags arbeite und nachmittags reise. Dafür lege ich dann auch mein Handy weg. Ich erlebe das oft, dass andere Travel-Blogger ihre Eindrücke und Inhalte erst nach der Reise hochladen, sonst erlebst du deine Reise ja gar nicht.

Wie unterscheidet sich der Alltag eines freischaffenden Bloggers vom Alltag eines Festangestellten?

Mein Job ist auf jeden Fall flexibler. Freier würde ich gar nicht unbedingt sagen, natürlich muss ich ja auch Geld verdienen. Ein Angestellter hat vielleicht den Druck von oben, ich habe den Druck von Kunden und Auftraggebern. Die setzen mir Deadlines, die eingehalten werden müssen. Meine Flexibilität macht den Unterschied. Wenn ich jetzt einen Anruf bekommen würde, ob ich Sonntag eine Reise starten kann, dann könnte ich das. Das ist eben ein Riesenvorteil, der für mich so überwiegt, dass ich tatsächlich in keiner Anstellung arbeiten möchte.

Wie du es auf Blog Bohème beschrieben hast, gibt es ja bereits unüberschaubar viele Blogs. Glaubst du, dass der Markt ab einem bestimmten Punkt übersättigt sein wird?

Ne, ich glaube, wenn jemand einen guten Blog aufbaut, der inhaltlich überzeugt und sich von der Masse abhebt, dass man darin dann durchaus auch noch Erfolg haben kann. Es ist vielleicht ein bisschen schwieriger geworden, da Social Media-Kanäle wie Facebook es erschweren, Inhalte zu verbreiten,  häufig muss man heutzutage mehr Geld in die Hand nehmen als früher, um zu wachsen. Wenn jemand allerdings etwas Gutes macht, dann kann es auch Erfolg haben. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Michael bei seinem Vortrag vor den Teilnehmern der future.challenge.

Du schreibst ja viel über nachhaltig Wirtschaften und sozial engagiertes Handeln. Wie übersetzt du das in deine Arbeit? Wie gehst du mit der Verantwortung um, dass deine Bilder eventuell den Tourismus an einem bestimmten Ort negativ verstärken können?

Ich bin sicher, dass Social Media den Tourismus beeinflusst. Das beste Beispiel ist der schöne Pragser Wildsee in Südtirol. Ich war vor vielen Jahren einmal dort, da war er noch unbekannt. Jetzt ist es ein Instagram-Hotspot und die Leute stehen Schlange, um dort Fotos zu machen. Der hat aus Sicht der Tourismusbranche unheimlich profitiert, da jetzt damit viel Geld verdient wird. Ökologisch betrachtet, ist die Entwicklung natürlich eine Katastrophe.

Es ist schwierig beim Bloggen aufzupassen, dass überstrapazierte Reiseorte nicht noch mehr beworben werden. Es ist auch mein Geschäftsmodell, ich teile letztlich natürlich die Orte, die ich bereise. Das sehen meine Abonnenten und denken sich: „Geil, da möchte ich auch hin!” Aber, ich sehe es immer eher als Empfehlung. Und ich hoffe, dass die Menschen, die letztlich dorthin reisen, ein wenig Gespür dafür haben respektvoll mit der Umgebung umzugehen. Ich glaube am Ende sind die Reisenden in der Verantwortung und nicht Instagram.

Influencer-Marketing hat sich in den letzten Jahren stark etabliert. Hast du dabei eine Veränderung in deiner Arbeit gemerkt?

Es ist schwerer geworden. Es gab eine Zeit, da stand man als Blogger nicht mehr so hoch im Kurs, da man von Instagrammern, deren Reichweite natürlich enorm ist, überholt wurde. Die Marketingabteilungen der Unternehmen gingen plötzlich auf diesen kurzfristigen, schnellen Impact ab – Instagram, viele Likes, viele Follower. Dadurch habe ich auch eine kurze Phase durchlebt, in der die Kunden auch in Form von Budgets etwas zurückhaltender waren.

Mittlerweile hat sich das Blatt wieder gewendet und ich kann sagen, dass es für Blogs wieder ganz gut läuft. Nur Instagram ist mittlerweile für viele zu wenig, die Kombination ergänzt sich wunderbar – gerade im Bereich Reisen. Wenn mich jetzt jemand fragen würde: Soll ich einen Instagram-Kanal machen, oder einen Blog? Dem würde ich sagen, dass er sich die Zeit nehmen und einen starken Blog machen soll. Da kannst du dich auch viel mehr darauf ausdrücken. Ohne meinen Blog wäre vielleicht niemand auf die Idee gekommen mich hierher einzuladen, um bei einem Vortrag über diese Themen zu sprechen.

Du hast in deinem Vortrag Tipps für die eigene Selbstständigkeit gegeben, unter anderem „nicht zu verzweifeln”. Was glaubst du sind die größten Hürden der Selbstständigkeit?

Ich glaube, es ist schwer sich am Anfang alles selbst zu finanzieren. Ich hatte auch bisschen Glück, da ich während des Studiums damit begonnen habe und bereits versichert war, außerdem hatte ich ein winziges WG-Zimmer. Dadurch waren meine Kosten relativ gering. Am schwierigsten zu bewältigen sind allerdings die Selbstzweifel: Soll ich das machen? Kann ich mich das trauen? Was kann da alles passieren und was denkt mein Umfeld? Und natürlich die Frage: Was will ich überhaupt machen? Viele Ideen führen dann oft dazu, dass man gar nicht damit anfängt. Es hilft, mit vielen Leuten zu reden, dich auch selbstständig sind.

Blogs per se gibt es bereits seit über 20 Jahren. In welche Richtung glaubst du wird sich die Blog-Kultur in den nächsten 10 Jahren orientieren?

Ich glaube, dass aus etablierten Blogs richtige Medienunternehmen und Agenturen entstehen. Es passiert gerade auch eine viel stärkere Professionalisierung: Blogger arbeiten auch als Coaches, Berater und Content-Ersteller.

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Fotos von Alicia Kassebohm.

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