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Wie ist es mit Greta Thunberg auf die zu Straße gehen?

Am Freitag war Greta Thunberg zu Gast auf der bislang größten Fridays for Future Demonstration in Berlin. Mit dabei war unser Autor und hat vor Ort Schüler interviewt. Dabei hat sich seine Sicht auf die Schülerbewegung drastisch verändert.

Freitagmorgen 8.30 Uhr, grauer Himmel und ungewöhnlich viel Gewusel in Berlin. Normalerweise bahne ich mir um diese Uhrzeit verschlafen den Weg zur Arbeit, aber heute nähere ich mich dem Invalidenpark. Denn dort sind gerade tausende Schülerinnen und Schüler statt in die Schule zu gehen, auf dem Weg zu der Fridays for Future Demonstration für mehr nachhaltige Klimapolitik.

Schulschwänzer, Blaumacher, die lieber die „Profis“ machen lassen sollten. Sie „streiken“ heute wieder und eine Prominente streikt heute mit.

Greta Thunberg, die Initiatorin der Bewegung, für den Friedensnobelpreis nominiert, mit der goldenen Kamera ausgezeichnet, ist mit dem Zug aus Dänemark angereist. Deshalb wird diese Demo groß, deshalb bin auch ich hier.

Einige Gesichter erkenne ich. Luisa Neubauer, die Fridays for Future Demonstrationen in Deutschland organisiert, gibt noch schnell ein paar Interviews, bis sie mit Jakob Basel, der in Kiel das Gesicht der Bewegung ist, die Bühne betritt.

„Dies ist kein Langzeitprojekt, das ist eine Notlösung“, ruft sie. „Wir streiken so lange, bis die Politik reagiert.“

Mir wird klar; hier sind keine Schulschwänzer: Fast jeder hält ein Schild hoch, viele Schulklassen sind gemeinsam mit den Lehrern gekommen, Eltern haben ihre Kinder auf den Schultern. Die Überzeugung, dass sich etwas ändern muss und dass die Fridays for Future Demonstration daran etwas ändern können, scheint groß.

Politische Forderungen? – Nicht konkret zu sein, kann man keinem hier vorwerfen.

Immer wieder wird den Schülerinnen und Schülern vorgehalten, dass ihnen das Wissen fehlt, dass sie keine konkreten Forderungen stellen. Die Thematik zu komplex sei.

„Wir müssen das 1,5 Grad Ziel der Pariser Abkommen einhalten, um noch länger auf diesem Planeten existieren zu können“, sagt mir Franziska, 14, eine der Mitorganisatorinnen der Demos in Berlin. Aber wie?

„Das zu beantworten, ist nicht unsere Aufgabe. Die liegt bei den Regierenden. Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass uns die Zukunft gehört und wir länger hier leben müssen.“

Die Kinder und Jugendlichen berufen sich auf Wissenschaftler. Mittlerweile sind das 12.000 bei den Scientists for Future, die die Schülerinnen und Schüler in ihren Anliegen unterstützen.

Und Desinteresse kann man hier niemandem vorwerfen. Wenn sich schon Grundschüler mit der Zukunft des Planeten auseinandersetzen, dann ist das eine Wucht.

So wie Max, graue Jacke, großer Schulranzen. Er ist gemeinsam mit seiner ganzen Klasse hier. „Wenn weiterhin Flugzeuge und Autos in so einem Maß unterwegs sind und der Kohleausstieg nicht kommt, dann ist das schlecht. Es muss sich etwas an der Herangehensweise ändern“, sagt er.  Zu jung um etwas zu bewegen? „Nein, das finde ich nicht. Wer versteht, worum es geht, ist nie zu jung dafür.“

Wann habe ich das letzte mal solch ein Selbstbewusstsein erfahren im Gespräch mit einem 11-Jährigen? Ich weiß es nicht und freue mich. Den bisher habe ich mit dieser Generation doch vor allem Snapchat und Candy Crush verbunden.

Dann beginnt der Marsch und mir wird nun erst das Ausmaß der #FridaysforFuture-Demos bewusst. Die Veranstalter sprechen später von 25.000 Menschen.

Was banal klingt, aber auffällt: Niemand trinkt oder raucht, niemand schmeisst Müll auf die Straßen, keiner pöbelt die Polizei an. Dafür sieht man: Bunte Schilder, hochgehaltene Lauchzwiebeln und eine Horde Pinguine. Keine Frage: Kinder sind die besseren Menschen.

Greta Thunberg - Fridays for Future - Berlin

Fridays for Future scheint die perfekte Demonstration zu sein.

Die Kinder und Jugendlichen sind keine Systemgegner. Sie wollen demonstrieren für Klimaschutz und möchten gehört werden. Und wenn jeden Freitag solch eine Masse in ganz Europa auf die Straße geht, konstruktiv und friedlich die Politik kritisiert, dann ist das der richtige Ansatz. Denn niemand kann etwas gegen Schülerinnen und Schülern haben, die für etwas Grundgutes einstehen.

Ein fast endloser Zug zieht durch Berlins Mitte, vorbei am Bundestag und Kanzleramt. Es dauert zwei Stunden, bis alle am Brandenburger Tor angekommen sind, wo nun Jugendliche aus ganz Europa sprechen.

Für mich auch Zeit, einige Schilder in Ruhe zu betrachten und mit den Demonstranten ins Gespräch zu kommen. Die Gedanken drehen sich vor allem um den Anstieg des Meeresspiegels, die Erderwärmung, die Häufigkeit von Naturkatastrophen. Einen schnelleren Kohleausstieg, vegane Ernährung und die Vermeidung von Plastikmüll können helfen.

Die Sprüche bewegen sich zwischen pragmatisch: „Ein Auto reicht.“ und witzig: „Lieber schwänzen, statt schmelzen!“ Andere wollen wachrütteln: „Auf dieser Titanic fehlt die Panik!“

Greta macht klar, dass nun es Zeit ist, endlich aktiv zu werden

Um 14 Uhr kommt der Star der Bewegung auf die Bühne. Greta Thunberg sieht eher schüchtern aus im Angesicht der vielen Menschen. Sie hält das Mikrofon mit beiden Händen, beginnt dann aber sehr deutlich zu sprechen.

„Wir sollten uns Sorgen machen. Wir sollten in Panik geraten. Wir müssen aus unserer Komfortzone raus. In einer Krise ändert man sein Verhalten.“ Nach zwei Minuten ist sie fertig. Unter „Greta, Greta“ rufen verlässt sie die Bühne.

 Die Komfortzone verlassen. Das haben am Freitag wieder zigtausende Schüler in Berlin gemacht.

Auf dem Nachhauseweg wird mir bewusst: Die wenigsten haben ernsthaft Lust, seit 15 Wochen jeden Freitag auf Bildung zu verzichten. Wenn es sein muss, wird das aber noch lange so gehen.

Neben mir in der Bahn unterhalten sich zwei Rentnerinnen, die auch von der Demo kommen:

„Die müssen jetzt was tun. Ich glaube keiner von den Politikern hat damit gerechnet, dass das so groß wird. Das ist so mutig von den Kindern“, sagt eine der beiden. Ja, es bleibt die Hoffnung, dass die Politik ebenfalls ihre Komfortzone verlässt und konstruktiv auf die Forderungen eingeht.

„Warum lernen wir für die Zukunft, wenn es keine Zukunft gibt?“, fragt ein Mädchen auf ihrem Schild. Wir sollten uns überlegen, wie wir den Schülerinnen und Schülern wieder einen Grund zum Lernen geben.

Headerfoto: Leonhard Lenz – CC0

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