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Kompendium

Kunstwerke sind profitable Geldanlagen, wenn man die Spielregeln des Kunstmarkts kennt und beherrscht. Sammelten die Menschen Kunst früher noch aus Prestigegründen, ist sie seit den 1970er-Jahren auch als Investment lukrativ. Mit dem Aufkommen von NFTs hat die Spekulation mit Kunst rasant zugenommen – doch was bleibt den Künstler:innen davon?

Kompendium: Art as Investment

Früher dienten Kunstwerke nicht der Geldvermehrung, sondern sicherten Macht und Status. Die zwei Auktionshäuser Christie's und Sotheby's in London haben diese Entwicklung zementiert.

Kompendium: Art as Investment

Durch Kunstmessen und Wirtschaftsbonzen etabliert sich die Kunst als Wertanlage. Die Spekulation mit zeitgenössischer Kunst entwickelt sich zum Trend. 

Kompendium: Art as Investment

Online-only-Auktionen und virtuelle Galerien haben der Kunstwelt in der Corona-Pandemie einen Digitalisierungsschub verpasst und den NFT-Hype ausgelöst.

Kompendium: Art as Investment

Eine neue Generation von Sammler:innen investiert in NFTs, aber auch in alte Meister. Der Kunsthandel wird zunehmend digital und transparent.

Kompendium: Art as Investment

London, 2063: Künstlerin Lola designt für Balenciaga, verkauft digitale Kunst aus ihrem Wallet und arbeitet für eine Werbeagentur. Lola ist ein lebendes Gesamtkunstwerk in einem nie endenden Stream.

Kompendium: Art as Investment

Zwei konkurrierende Auktionshäuser befeuern den Kunsthandel

Kompendium: Art as Investment

Zwei konkurrierende Auktionshäuser befeuern den Kunsthandel

Bild: CC0 1.0

Früher dienten Kunstwerke nicht der Geldvermehrung, sondern sicherten Macht und Status. Die zwei Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s in London haben diese Entwicklung zementiert.

Seit es Kunst gibt, wird damit gehandelt. Bereits im Alten Ägypten wurden Götterbilder an Gläubige verkauft; im antiken Rom geraubte Kunstwerke an wohlhabende Bürger. Gutbetuchte Römer hielten sich Kunst aus den gleichen Gründen wie heutige Kunstsammler:innen: Repräsentation und Prestige. So bildeten sich bereits im damaligen Rom erste Galerien, um dieser Nachfrage nachzukommen. Es existierte allerdings noch kein Sekundärmarkt, auf dem Kunstwerke wieder und wieder verkauft wurden. „Früher haben die Leute so gut wie nie etwas verkauft. Die Befassung mit Kunst war in der damaligen bekannten Welt über Status definiert“, bestätigt Kunstexperte Dirk Boll. Er ist Vorstand für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts beim Auktionshaus Christie’s in London und gilt als Koryphäe in seinem Gebiet.

Im antiken Rom galt der Besitz von Kunst vor allem der eigenen Repräsentation und Prestige. Es bildeten sich zwar bereits erste Galerien, um dieser Nachfrage nachzukommen. Allerdings existierte noch kein Sekundärmarkt, auf dem die Kunstwerke wieder und wieder verkauft wurden. Bild: Public Domain

Zwei Auktionshäuser messen ihre Kräfte

Das Auktionshaus Christie’s gehört heute zusammen mit Sotheby’s zu den dominierenden Auktionshäusern der Welt. 1776 durch James Christie gegründet, gilt Christie’s heute als das älteste Kunstauktionshaus der Welt. Christie versteigerte zunächst vor allem Gemälde und Möbel. Im Laufe der Zeit schaffte der findige Geschäftsmann allerdings den Wandel von der einfachen Versteigerung zum Happening.

Die Auktionen entwickelten sich zum Treffpunkt der Londoner Elite, zum „talk of the town“. Bei Christie’s konnte man erstmals öffentlich Kunst anschauen, da es zu dieser Zeit  noch keine Museen gab. Mit der Französischen Revolution 1789 nahm der Ansatz, Kunst als Vermögensanlage zu nutzen, bei den Adligen an Fahrt auf, da sie im Gegensatz zu Ländereien oder Immobilien eine bewegliche Wertanlage war, mit der man gut vor dem wütenden Mob fliehen konnte.

Christie’s und Sotheby’s waren dabei von Anfang an Konkurrenten. Als die Weltwirtschaft am „Schwarzen Montag“ 1929 zusammenbrach, kam zwar bei beiden Londoner Auktionshäusern der Gedanke auf, sich zusammenzuschließen. Allerdings lösten die Häuser die Misere anders: Sie schauten sich außerhalb von Großbritannien um und Sotheby’s begann nun auch Nachlässe anzukaufen und zu versteigern. Dadurch konnte das Haus genauso viel Umsatz und Gewinn erwirtschaften wie Christie’s.

Die beiden Häuser lieferten sich fortan ein Wettrennen: 1936 startete Christie’s eine Kampagne, dass Kunstsammler ihre Werke nun direkt ins Auktionshaus bringen sollten, um die Kunsthändler zu umgehen. Das führte allerdings zu einem Boykott des Auktionshauses. Vom Wirtschaftsboom in den Nachkriegsjahren konnten zwar beide Häuser profitieren, Christie’s ließ den Konkurrenten Sotheby’s aber auch hier wieder hinter sich.

Christie’s versteigerte zunächst vor allem Gemälde und Möbel. Im Laufe der Zeit entwickelten sich die Versteigerungen im Auktionshaus zum wahren Happening. Ein Highlight zur damaligen Zeit, denn plötzlich konnte man öffentlich Kunst anschauen. Bild: Public Domain

Der Kunstmarkt war in den letzten Jahrhunderten wesentlich vom Aufstieg und Fall von Nationen bestimmt: Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen die USA zur Weltmacht auf. Diese Umwälzung führte dazu, dass die USA und Großbritannien heute noch zu den wichtigsten Kunstmärkten gehören, – gefolgt von China, welches aber erst in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Kunstmarkt aufstieg. Die Amerikaner deckten sich mit Kunst ein, Künstler aus den USA etablierten sich und bestimmten den weltweiten Kunstkanon und Markt. Mit der Entstehung von neuen Kunstzentren wechselten die Geschmacksrichtungen der Sammler:innen. Während der Nachkriegszeit waren vor allem Impressionisten beliebt, angetrieben von den Amerikanern als Käufer.

Als entscheidendes Ereignis in diesem Konkurrenzkampf galt die Versteigerung der Sammlung Weinberg durch Sotheby’s in London 1957. Der Holländer Wilhelm Weinberg versteigerte seine Sammlung, die er vor dem Nazi-Regime gerettet hatte. Sie präsentierte unter anderem zehn Werke von Vincent van Gogh. Die Versteigerung der Sammlung war so bedeutend, dass selbst die Queen daran teilnahm.

Der Lauf der Wirtschaft

In den 1980er-Jahren klopften auch immer mehr japanische Sammler:innen bei Christie’s und Sotheby’s an. So wies man die Preise an Auktionen fortan auch in Yen aus.

Sowohl Christie’s als auch Sotheby’s hatten seit der Wirtschaftskrise 1929 nicht nur gegeneinander, sondern immer wieder auch mit der Wirtschaftslage allgemein zu kämpfen. Beide begannen als Reaktion darauf schon bald auch mit zeitgenössischer Kunst zu handeln. Bild: CC0 1.0

Ende der 80er-Jahre ging der Konkurrenzkampf weiter: Im November 1989 veröffentlichte Sotheby’s erstmals eine Auflistung aller Auktionszuschläge. Dies schuf eine neue Ausgangslage hinsichtlich der Transparenz der gezahlten Preise. Wenige Monate später, im Mai 1990, ersteigerte der Japaner Ryoei Saito bei Christie’s dann das „Portrait des Dr. Gachet” von Vincent van Gogh für 82,5 Millionen Dollar. Dieser Zuschlag war bis dahin ein absoluter Rekord. Und wie so oft, wenn sich die Preise überschlagen, stürzte die Wirtschaft bereits 1997/98 erneut in eine Krise: die Asienkrise.

Mit dem Ende der Nachfrage nach impressionistischer Kunst begannen die beiden Auktionshäuser vermehrt mit zeitgenössischer Kunst zu handeln. Das löste einen Strategiewechsel bei den Sammler:innen aus: Alte Werke gingen nun in den Verkauf, um neue zu erwerben oder umgekehrt. „Der Kunstmarkt möchte, dass die Preise steigen“, sagt Kunstexperte und Christie’s-Stratege Dirk Boll. Die Verlockung der steigenden Preise rief dann vor rund 50 Jahren neue Player auf den Plan: die Kunstmessen.

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Kompendium: Art as Investment

70er-Jahre Steueroase: Die Schweiz als Drehkreuz des Kunstmarktes

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70er-Jahre Steueroase: Die Schweiz als Drehkreuz des Kunstmarktes

Bild: Giovanni Sighele, (CC BY 2.0)

Durch Kunstmessen und Wirtschaftsbonzen etabliert sich die Kunst als Wertanlage. Die Spekulation mit zeitgenössischer Kunst entwickelt sich zum Trend. 

Neben Galerien und Auktionshäusern drängen sich in den Nachkriegsjahren neue Player auf den Markt: die Kunstmessen. 1970 fand erstmals die Art Basel statt; es folgten die FIAC in Paris und ab 1989 die Art Cologne in Köln. Die Kunstmessen präsentierten zeitgenössische Kunst auf hohem Niveau und dienten den dort vertretenen Galerien als Handelsplattform. Allen voran die Art Basel, deren erste Ausgabe bereits ein Riesenerfolg war. Die Basler Galeristen und Gründer Ernst Beyeler, Trudl Bruckner und Balz Hilt konnten mehr als 16.000 Besucher mit 90 Galerien anlocken. Darunter auch viele Sammler:innen, die direkt vor Ort Werke kauften.

Die Grundsteine für die erfolgreiche Messe sieht Dirk Boll vom Auktionshaus Christie’s bereits einige Zeit zuvor gelegt: „Der Niederschlag der Ökonomie ist verbunden mit dem Kunstwerk als Wertspeicher. Kunst zu kaufen, sich eine Zeit lang daran zu erfreuen, dann wieder zu verkaufen, entstand in den 1960er-Jahren.“ Die Art Basel befriedigte das Bedürfnis, eine Kunstsammlung einerseits als Wertanlage, andererseits auch für die Expertise zu besitzen. Die Sammler:innen konnten sich mit der Wertsteigerung zudem als Kunstkenner:innen brüsten.

In den Nachkriegsjahren entwickelte sich Basel zum neuen Player in der Kunstwelt. 1970 fand dort erstmals die Art Basel statt, deren erste Ausgabe bereits ein Riesenerfolg war. Die Basler Galeristen und Gründer Ernst Beyeler, Trudl Bruckner und Balz Hilt konnten mehr als 16.000 Besucher mit 90 Galerien anlocken. Bild: View of Basel and the Rhine von Ernst Ludwig Kirchner, Saint Louis Art Museum, gemeinfrei.

Seit über 50 Jahren ist die Schweizer Stadt Basel nun das Zentrum der internationalen Kunstwelt. Kunstfans, Sammler:innen und Künstler:innen aus aller Welt, – darunter auch Leonardo DiCaprio oder Brad Pitt – strömen jeden Juni in die 50.000-Einwohner-Stadt am Rhein. Sie schauen sich die Kunst nicht nur an, sondern kaufen auch, um mit der Auseinandersetzung mit den Werken junger Künstler:innen ihre Intellektualität und ihr Kunstwissen zu zeigen. Dafür scheuen sie keinen Aufwand und investieren Milliarden in Kunst, die teilweise wie Kollektionen in der Luxusmodebranche in großen Ateliers von mehrköpfigen Teams produziert wird.

Vor genau zwanzig Jahren eröffnete die Art Basel ihren Ableger in Miami und 2013 in Hongkong. Seit diesem Jahr veranstaltet Art Basel auch die Messe Paris+ in der französischen Hauptstadt. Bereits in den ersten Stunden der Art Basel werden heute laut Medienberichten jeweils Gemälde, Skulpturen und neuerdings auch NFTs in zweistelliger Millionenhöhe verkauft.

Von Basel direkt nach Genf

Diese Entwicklung hat auch einem anderen Business zum Aufstieg verholfen, dessen Spuren ebenfalls in die Schweiz führen: Die Lagerung von Kunstwerken in sogenannten Zollfreilagern. Diese dienten ursprünglich der temporären Lagerung von Waren, sind mittlerweile aber transformiert in gigantische Bunker – klimatisiert, stark bewacht und natürlich steuerfrei. Denn Kunstgegenstände gelten als Gebrauchsgegenstände und werden in der Schweiz deshalb anders besteuert als andere Wertanlagen. In den rund zehn Zollfreilagern in der Schweiz stehen Güter im Wert von rund 100 Milliarden Euro. Das bekannteste Zollfreilager befindet sich in Genf und wird von der Kunstwelt gerne als das größte Museum der Welt bezeichnet, das aber natürlich nicht öffentlich ist. Denn viele Werke sind darin gelagert und wem sie gehören, ist streng geheim. Man munkelt jedoch, dass sich dort allein 300 Werke von Picasso befinden.

In den rund zehn Zollfreilagern in der Schweiz stehen Güter im Wert von rund 100 Milliarden Euro. Das bekannteste Zollfreilager befindet ist das Ports Francs in Genf und wird von der Kunstwelt gerne als das größte Museum der Welt bezeichnet, das aber natürlich nicht öffentlich ist. Bild: Guilhem Vellut, (CC BY 2.0).

Diese steuerliche Grauzone ist für den Kunstmarkt von entscheidender Bedeutung, macht sie doch die physische Präsenz von Bildern beim Investment nicht mehr unbedingt notwendig. Das bedeutet: Kunstwerke können den Besitzer wechseln, ohne dass sie jemals aus diesem Zollfreilager herausgenommen werden müssen. Genau deshalb ist der Bedarf nach einer sicheren Lagerung, am besten in einer Steueroase wie der Schweiz, groß. Die Verbindung der Art Basel und der Zollfreilager liegt auf der Hand: Das Wachstum des Kunstmarktes ist nicht nur auf neue Möglichkeiten, mit Kunst zu spekulieren, zurückzuführen, sondern auch auf die zunehmende Präsenz von Kunstmessen und Auktionen. Neue, reiche Kunstsammler:innen aus Asien drängen zudem in den Markt. Für viele Sammler:innen reicht der Besitz eines Werks aus – im Wohnzimmer muss es nicht mehr hängen. Das kommt den Superreichen in Zeiten von Sanktionen und Steuerfahndung sicherlich entgegen.

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Kompendium: Art as Investment

Tokenisierung: Ein Prozent eines Picassos für jeden

Kompendium: Art as Investment

Tokenisierung: Ein Prozent eines Picassos für jeden

Bild: CC BY 2.0

Online-only-Auktionen und virtuelle Galerien haben der Kunstwelt in der Corona-Pandemie einen Digitalisierungsschub verpasst und den NFT-Hype ausgelöst.

Kunst wird nicht nur erdacht, gemacht und ausgestellt – sondern auch gerne gekauft. „Warum Menschen Kunst kaufen, ist ähnlich schwer zu beantworten wie die Frage, weshalb Menschen heiraten. Es geht um eine Verbindung der Sammler:innen zu der Weltauffassung der Künstler:innen. Sie möchten mit dem Besitz von Kunst ausdrücken, wie sie sich und die Welt sehen. Kunst ist wie eine Lupe, durch die Gefühle, Visionen und Erfahrungen erfasst werden können. Sammler:innen kreieren sich durch Kunst ihre eigene Welt“, sagt Marc Glimcher, der Chef der größten Galerie der Welt, der Pace Gallery aus New York in der Arte-Doku „Was ist Kunst?“.

Das sei auch am derzeit rasch wachsenden Markt für Außenskulpturen zu beobachten. Diesen heizen insbesondere reiche Sammler:innen an, die über immer größere Grundstücke verfügen, um darauf ihre Kunst zur Schau zu stellen. Auf der Welt gibt es heute so viele Milliardäre wie nie zuvor. China hat sich neben den USA und Großbritannien zum wichtigsten Kunstmarkt der Welt entwickelt. Diese drei Länder machen 80 Prozent des Kunstmarktes aus, der bei rund 60 Milliarden Dollar jährlich liegt.

Spätestens seit den Corona-Lockdowns verändert Technologie den Kunstmarkt radikal. „Wenn Technologie auf Kunst trifft, dann wird die bildende Kunst die gleiche Revolution wie Film und Musik erleben“, ist Pace-Chef Glimcher überzeugt. Die Käuferschaft eines:r Kunstschaffenden ist durch Social Media nun direkt erreichbar und schafft damit ein riesiges Netzwerk. „Man hat als Künstler:in 20.000 Follower, aber die Galerie hat nur 600 Kunden.“ Diese Ausgangslage stellt die Rolle der Intermediäre, also der Galerien und Auktionshäuser in Frage. Der/Die Künstler:in kann seine Werke über Instagram oder seinen eigenen Webshop absetzen, wenn er ohne die Kontakte einer Galerie genügend potentielle Käufer erreichen kann.

Die Corona-Pandemie hat auch den Kunstmarkt verändert: Statt über Galerien zu verkaufen, nutzen heute immer mehr Künstler:innen ihren eigenen Webshop oder ihre Social Media Kanäle, um ihre Kunst zu vermarkten. Bild: Public Domain

Dazu stellte ein Buzzword die Kunstwelt auf den Kopf: Kryptokunst oder auch NFT. Diese Non-fungible Tokens sind eine Art Echtheitszertifikat für digitale Assets. Die Tokens machen Kryptokunst erst zur Kryptokunst, denn sie regeln den Besitz des Kunstwerks direkt und fälschungssicher über die Blockchain. 2018 wurde Nifty Gateway gegründet, welches auch heute noch zu den führenden Marktplätzen für NFTs gilt. Die Ethereum-Blockchain machte es möglich, dass Künstler:innen NFTs prägen konnten.

Im Februar 2021 erzielte die Künstlerin Grimes bei einer Versteigerung von zehn NFTs auf Nifty Gateway sechs Millionen Dollar. Das Medienecho war gewaltig. Die Auktionen von Christie’s und Sotheby’s lockten wegen der hohen Verkaufspreise auch konservative Sammler:innen an. 2021 stiegen die Preise für NFTs ins Absurde.

Das Gute an diesem ersten Hype: Er weckte die Kunstwelt aus dem Dornröschenschlaf. So reagierte die Kunstwelt in der Corona-Krise überraschend schnell auf geschlossene Galerien und Auktionshäuser. Viewings-Rooms, Webshops oder Online-only-Auktionen etablierten sich als neue Modelle, Kunst an die Menschen zu bringen. Die Auktionshäuser bespielten ihre Online-Auktionen mit VR-Technik und Social Shopping. Seither findet die Kunstwelt, die bis dahin meist durch zutrittsbeschränkte Messen und verschlossene Galerien-Türen auffiel, digital statt. Und diese Digitalisierung ist das Eintrittstor für Millennials und die Gen Z. So hat der Online-Umsatz in dieser Zielgruppe allein im ersten Halbjahr 2020 um 500 Prozent zugelegt.

Kryptokunst oder auch NFT stellen die Kunstwelt auf den Kopf: Die Non-fungible Tokens sind eine Art Echtheitszertifikat für digitale Assets. Auktionen von Christie’s und Sotheby’s locken wegen der hohen Verkaufspreise der Tokens auch konservative Sammler:innen an. Bild: Christie’s

Der Erfolg ist jedoch vorerst nur von kurzer Dauer: Aktuell sind die NFTs nämlich auf Talfahrt. Der Einbruch von Kryptowährungen zieht auch ernsthafte Konsequenzen für den NFT-Markt nach sich, der stark damit verbunden ist. Das NFT des ersten Tweets von Twitter-Gründer Jack Dorsey kostete im März 2021 drei Millionen Dollar.  Dasselbe NFT erreichte knapp über ein Jahr später nur noch Gebote von gerade einmal 280 Dollar. Das passiert mit einem Picasso wohl nicht so schnell. Aber auch für analoge Kunstwerke spielt die Blockchain eine Rolle.

Bruchteile an einem Picasso

Neben NFT bringt die Blockchain-Technologie aber auch andere Innovationen mit sich: Der sogenannte „Fractional Ownership”. Um sich das an einem Beispiel mal vorzustellen: Ein teures Werk, beispielsweise von Picasso, wird tokenisiert. Das bedeutet, der Besitz am Werk wird unter mehreren Personen oder Gesellschaften aufgeteilt. Das Investment in einen Blue-Chip-Künstler – also Künstler wie Picasso oder Monet, die über einen hohen Bekanntheitsgrad verfügen, in renommierten Museen ausgestellt werden und deren Kunstwerke regelmäßig Rekordpreise erzielen – ist damit für mehrere Investoren gleichzeitig möglich.

Die Schweizer Digitalbank Sygnum hat 2021 das Gemälde „Fillette au béret“ von Picasso tokenisiert. Kunden konnten als Investoren „Anteile“ in Form von Art Security Tokens erwerben. Das Gemälde wird mit vier Millionen Schweizer Franken bewertet, die Tokens benötigten eine Mindestzeichnung von 5.000 Franken. Damit können „Klein-Investoren“ die finanziellen Markteintrittsbarrieren für ein solches Werk umgehen und es entsteht ein neues Spektrum für Sammler:innen. Das Verfahren demokratisiert den Multimilliardenmarkt der Kunst: Picasso ist schlagartig für alle. Neben Aktien oder Bitcoin wird es künftig auch möglich sein, einen winzigen Anteil von einem Altmeister in seinem digitalen Wallet zu besitzen. Dank Smart Contracts erhält der Tokenhalter dadurch automatisch seinen Anteil, falls das Werk verkauft werden sollte.

Sygnum, eine Schweizer Digitalbank, hat 2021 einen Picasso tokenisiert. Kunden konnten als Investoren „Anteile“ an dem Gemälde „Fillette au béret“ in Form von Art Security Tokens erwerben. Bild: Screenshot Youtube: Sygnum Bank and Artemundi tokenize a Picasso on the blockchain

Handtaschen, Kunst, Weine – alles vermischt sich

Obwohl Kunst als Investitionsobjekt gehandelt wird, gibt es einen Unterschied zu anderen finanziellen Instrumenten sowie Kritik an der Blockchain-Technologie. Trotz der Ansätze, Kunstwerke zu tokenisieren, ist ein Bruchteilseigentum eines Picassos oder Monets im Mindset von gewissen Sammler:innen nämlich schwierig zu verankern. „Wenn man dem Wirtschaftskreislauf der Kunst komplett beitreten und als Meinungsführer:in gelten möchte, will man die Kunst vollständig besitzen und als Eigentum ausstellen, zeigen und teilen können“, gibt Kunstexperte Dirk Boll von Christie’s zu bedenken. Deshalb funktioniere die „Blüte der Kunst als Assetklasse“ noch nicht.

Der Sekundärmarkt im Allgemeinen ist heute viel wichtiger geworden, weil der Preisanstieg hoch ist. Diese Entwicklung hängt laut Dirk Boll von verschiedenen Faktoren ab. Einer davon ist, dass sich die Phase, in der Künstler:innen erfolgreich am Markt sind, beschleunigt hat. Die Galerien verzeichnen eine hohe Nachfrage und die Auktionshäuser können Werke, die in eine Versteigerung kommen, zuteilen. „Die Auktionshäuser kriegen heute schneller Werke von Künstler:innen, während die Nachfrage hoch bleibt“, sagt Boll. Damit verdient Christie’s auch an den Verkaufsprovisionen. Kunst und Luxus rücken vor allem bei neuen Kunstsammler:innen aus der Generation Y näher zusammen. Sie betrachten die Luxusbranche mehr denn je als Gemischtwarenladen: Alte Meister, Kunst, Handtaschen, Weine, Oldtimer oder auch Turnschuhe können in der gleichen Auktion versteigert werden. Damit verändert sich nicht nur der Kunstkanon einer Sammlung, sondern auch der Akt des Kaufens wird immer mehr zum Erlebnis.

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Kunst ist nur noch der Moment des Kaufs

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Kunst ist nur noch der Moment des Kaufs

Bild: Sotheby's

Eine neue Generation von Sammler:innen investiert in NFTs, aber auch in alte Meister. Der Kunsthandel wird zunehmend digital und transparent.

Die Generation Y mag zeitgenössische Kunst. Spitzenreiter darin ist vor allem digitale Kunst, zumal aber auch Gemälde und Skulpturen ihren Kaufreiz nicht verlieren. Die Generation befasst sich digital und analog mit Kunst, schaut sich diese also online und offline an und will alte Gemälde genauso wie NFTs in ihrem Portfolio vereinen.

Genauso macht es der 32-jährige Justin Sun. Als Sammler glaubt er stark an die Tokenisierung von Kunst. Vor rund einem Jahr hatte er es beinahe geschafft, das sagenhafte NFT-Werk „Everydays: The First 5000 Days“ des Digitalkünstlers Beeple zu kaufen, wurde jedoch mit 69 Millionen Dollar von einem Käufer aus Indien überboten. Die Versteigerung des Auktionshauses Christie’s sorgte in der Kunstwelt für Aufruhr. „Wie viel ist der Moment wert, in dem ich 69 Millionen Dollar für eine JPEG-Datei ausgebe?“, fragt sich Kunstkritiker Kolja Reichert in der Doku „Was ist Kunst?“ von Arte. Seine Antwort bringt ein neues Kunstverständnis auf den Punkt: „69 Millionen Dollar“. Beim Sammeln von Kunst in einer digitalen Welt geht es künftig nicht mehr nur um den Besitz, sondern ebenso sehr um das Kauf-Ereignis an sich.

https://www.instagram.com/p/ClgIvaop_QY/?hl=de

Justin Sun ist Chef des amerikanischen Tech-Konzerns Rainberry und Gründer der Dating-App Peiwo, die rund 50 Millionen Nutzer hat. Mit seinen Unternehmen hat der Chinese ein erhebliches Vermögen gemacht, welches er nun in Kunst investiert. Als Entwickler befasste er sich schon früh mit der Blockchain-Technologie und hat selbst Kryptowährungen entwickelt. Er mag NFT-Kunst und vergleicht sie mit der Briefmarkensammlung seiner Eltern. Seine Biographie und seine Sammeltätigkeit spiegeln dabei die aktuellen Trends wider: Das Switchen zwischen digitaler und physischer Kunst, alter und zeitgenössischer Kunst sowie die Tatsache, dass Sun aus dem Land mit dem drittgrößten Kunstmarkt der Welt stammt: China. Bald wird Asien die meisten Kunstkäufer:innen weltweit hervorbringen. Demographische Daten stützen diese These: Nur noch 16 Prozent der amerikanischen Sammler:innen sind unter 50 Jahre alt, in Singapur hingegen sind 42 Prozent aller Kunstsammler:innen nach 1980 geboren.

Nina Roehrs, Gründerin der Galerie Roehrs & Boetsch in Zürich und Beraterin von Museen und Institutionen zu den Themen Digitalisierung und NFTs sieht zwischen den zunehmend jüngeren Kunstkäufer:innen und der steigenden Beliebtheit digitaler Kunst einen Zusammenhang. „Für eine neue Generation von Sammler:innen wird es selbstverständlich sein, dass wertvolle Dinge auch einfach im Smartphone oder anderen Digital Devices zu sehen sind und nicht an der Wand hängen. Diese Generation zelebriert ihre Vorlieben und gesammelten Werke in den sozialen Medien. Damit gewinnt digitale Kunst an Bedeutung. Sie kann viel mehr Menschen erreichen. Kunst hat visuelle, dekorative Zwecke, aber oftmals verfolgt sie auch das Ziel, etwas in der Gesellschaft zu bewirken. Und hier hat insbesondere die digitale Kunst durch ihre unbegrenzte Reichweite und die Tatsache, dass sie die Sprache der heutigen digitalen Zeit spricht, viel mehr Potenzial.“

“Kunst hat visuelle, dekorative Zwecke, aber oftmals verfolgt sie auch das Ziel, etwas in der Gesellschaft zu bewirken. Und hier hat insbesondere die digitale Kunst durch ihre unbegrenzte Reichweite und die Tatsache, dass sie die Sprache der heutigen digitalen Zeit spricht, viel mehr Potenzial”, sagt Nina Roehrs. Bild: Nina Roehrs

Justin Sun, der hunderttausende Follower in den sozialen Netzwerken hat, vergleicht den Kauf von Kunstwerken außerdem mit dem klassischen Shopping: Kunst wird zum Social Marketplace, bei dem der/die Künstler:in genauso eine wichtige Rolle spielt wie das Werk selbst. Kunstschaffende, die sich selbst zu einer Marke etablieren, können dadurch den Wert ihrer Kunst steigern. Künstler:innen werden zu neuen Popstars, Messen wie die Art Basel zu ihren Bühnen.

Picasso meets Beeple

Und auch die Rezeption von Kunst wird künftig nur noch digital stattfinden, meint Sun. Galerien und Messen würden als Aufbewahrungsort von Werken dienen, aber auch den digitalen Konsum der Werke fördern. Er widerspricht Skeptikern, die behaupten, Kunst könne nur wirklich erfasst werden, indem sie als Original betrachtet wird. Sun winkt ab: Die digitale Ausgabe der New York Times sei ja auch nicht schlechter als die physische Zeitung. Er möchte selbst ein digitales Museum für all seine Werke einrichten, da er viel NFT-Kunst besitzt.

Trotz seines fast grenzenlosen Enthusiasmus sammelt Sun aber auch Klassiker. Etwa einen Picasso für 20 Millionen Dollar. „Bei mir dreht sich alles um die künstlerische Qualität, egal in welchem Format. Das wollte ich mit dem Picasso-Kauf zeigen.“ Gekauft und bezahlt hat er seine physischen Werke in der Sammlung, seien es der Picasso oder Arbeiten von Andy Warhol, natürlich online, über die Website eines Auktionshauses. Das Werk selbst hat er dabei erst Wochen später im Original gesehen. Die Aufregung über den derzeitigen Wandel der Kunstwelt versteht Sun nicht: Es sei doch bei Musik und Filmen dasselbe geschehen. Man hört ein Lied und der Algorithmus schlägt den nächsten passenden Titel vor. Sun wünscht sich – ähnlich wie Spotify – eine Datenbank mit allen Kunstwerken der Welt.

Durch die Digitalisierung von Kunst ist der Handel mit Kunst einfacher und transparenter geworden. Auf NFT online-Märkten können Künstler:innen ihre digitalen Werke zum Verkauf anbieten. Bild: Screenshot Foundation

Ein neuer Vertrieb von Kunst

„Der Handel mit Kunst ist einfacher geworden. Zumindest für die, die diese neuen Technologien meistern“, sagt Nina Roehrs. Ein Asset verlangt einen liquiden Markt, man müsse es schnell kaufen und verkaufen können. Wie auf einem Aktienmarkt. „Das gab es bisher im Kunstmarkt mit physischer Kunst nur begrenzt, wird aber durch die Tokenisierung nun stark beflügelt. Es ist einfach geworden, Kunst, vor allem digitale Kunst, in ein leicht handelbares Gut zu verwandeln, in dem man sie tokenisiert“, sagt Roehrs.

Damit wird die Kunstinvestition transparent. Intermediäre wie Galerien oder Auktionshäuser müssen nicht mehr den Nachweis einer Transaktion hervorbringen. Der Kunstmarkt übernimmt im Bereich des Investments Technologien von anderen Märkten wie Kryptowährungen und adaptiert diese auf den Kunstkanon. Mit einem Unterschied: Kunst ist keine Handelsware, die sich unendlich vervielfachen lässt. Deshalb werden NFT-Werke wie etwa jene der Token-Sammlung „Bored Ape Yacht Club“ künstlich verknappt, indem man sie mit besonderen Metainformationen „einfärbt“ und sie damit zu Unikaten deklariert, die mittlerweile mehrere Hunderttausend Dollar kosten. 

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Hyper, Hyper, Hyperkommerzialisierung von Kunst

Bild: Public Domain

London, 2063: Künstlerin Lola designt für Balenciaga, verkauft digitale Kunst aus ihrem Wallet und arbeitet für eine Werbeagentur. Lola ist ein lebendes Gesamtkunstwerk in einem nie endenden Stream.

Lola wacht an diesem Wintermorgen von den wechselnden Lichtspielen ihres Weckers in ihrer Wohnung in London auf, setzt sich in ihrem Bett auf und flüstert schlaftrunken: „Wallet“. In ihrem Schlafzimmer poppt ihr Home-Hologramm auf. Sie wischt mit flinken Handbewegungen durch ihre virtuelle Galerie und lächelt. In der Nacht haben 350.000 Personas ihre neue „animals“-Serie gestreamt, ein DAO hat sogar einen „Sidecurve“-Hasen gekauft. Dann sagt sie „People“, ihr Zimmer füllt sich mit hunderten von Gesichtern – alles neue Follower. Sie zoomt in ein Bild hinein: Die Art Directorin von Prada loopte ihre Collab mit Balenciaga.

Lola ist bekannt für ihre künstlerischen Arbeiten, welche Fabelwesen, zusammengesetzt aus verschwundenen Tierarten und cyborg-ähnlichen Apparaturen, darstellen und in verschiedenen Ausprägungen wie Hologrammen, die sich in Räumen bewegen und dabei mittels AI selbst entfalten, daherkommen. Die Unverwechselbarkeit ihrer Kunst hat ihr eine Residency bei „Wuha“ Arts & Culture, dem weltweit dominierenden Google-Nachfolger aus China, eingebracht. Dort tüftelt sie an der Verschmelzung von Daten und Zellen, an greifbaren Traumwelten und an den neuesten Holo-Apps. Lola hat in der sogenannten „Second-World“ vor einigen Tagen eine immersive Installation geschaffen, die wöchentlich von rund zwei Millionen Menschen gespielt wird. Nach einem Kaffee geht Lola in ihr begehbares Ankleidezimmer und entscheidet sich für eine Arbeit von Helia Pour, einer iranischen „Makerin“, die nach der Revolution vor 30 Jahren mit ihrer ersten Kollektion für Furore sorgte und sie zu ihrem eigenen Drop bei Balenciaga inspirierte.

Virtuelle Gallerien, Hologramme und immersive Installationen – das ist die neue Kunstwelt. Wir alle sind lebende Kunstwerke in einem nie endenden Stream. Bild: CC BY-SA 4.0

Kunst ist Streaming

Pour ist wie Lola „Makerin“, also eigentlich Künstlerin, aber die Bezeichnung ist Ende der 2020-Jahre gänzlich verschwunden, als sich Lola wie viele andere Kreative gegen Ausstellungen in Museen entschieden haben, um der männlich dominierten Kunstwelt den Rücken zuzukehren. Mit Chains-Tech kann Lola ihre Hologramm-Werke mit digitalen Stempeln versehen. Jedes Mal, wenn sich ein User diese anschaut, kriegt sie einen Input auf ihr Wallet. Wenn der User den digitalen Zwilling von Lola in die Performance mit einbezieht, erhöht sich die Input-Rate.

Bis auf den 106-jährigen Kevin McCoy, der zu den Altmeistern des Art Investments gehört und der die Pop-NFT-Welle Anfang der 2020er-Jahre entscheidend mitgeprägt hat, verdient eigentlich kein „Maker“ mehr Geld mit seinen Werken. Lola hat kürzlich auf dem Flohmarkt ein NFT aus dem Jahre 2025 entdeckt, als sie mit einer Freundin am Portobello Market gewesen war. Sie mussten beide lachen, als sie dieses in ein Viereck gedrucktes, digitales Bildchen sahen. „Ich habe bei meinen Großeltern mal einen USB-Stick auf dem Dachboden entdeckt, krass oder, kennst du das noch? Das NFT hat mich irgendwie daran erinnert“, sagt Lolas Freundin. 

 Ausverkauf im phy-gitalen Space

Lola ist ein viraler Star, der in der „Second World“ Millionen von Followern hat und ihnen ihre ganze Welt offenbart. Dabei stellt Lola nicht nur Hologramm-Kunst her, sondern kooperiert auch mit Modelabels und arbeitet für eine Werbeagentur, bei der sie immersive Kampagnen entwickelt. Lola ist ein lebendes Kunstwerk in allen Facetten. Alles an ihr ist Kunst, und ihr Output findet auf allen Kanälen statt. Geld verdient Lola vor allem mit den physischen Werken, die sie produziert. Digitales ist in einer Endlosschleife verfügbar und dient Lola hauptsächlich für das eigene Branding und ihre Bekanntheit. Eine Kollektion für Balenciaga, eine Collab mit einem Getränkehersteller, Ambassador für eine Hotelkette. Lola’s Kunst ist ihre avantgardistische Sichtweise der Welt, ihr Geschmack, ihr Stil – mit dem identifizieren sich ihre Kunden und ihre Fans gleichermaßen.

Vor einigen Tagen hat sie wieder 100 Pre-Hologramme gedropt, die alle ein Meme eines physisch-digitalen Werks sind, welches sie im phygitalen Space der „New Talents“-Section des Liberty Stores in London ausgestellt hat. Die Hologramme repräsentieren zugleich einen neuen Sneaker von Balenciaga, den sie mit ihren post-apokalyptischen Tiermotiven eingefärbt hat. Die Memes waren innerhalb einer Stunde ausverkauft und wurden danach auf den „People“-Kanälen tausendfach geteilt. Die Daten wurden in Echtzeit in die vollautomatisierte Produktionskette von Balenciaga eingespeist und reproduzierten den Sneaker innerhalb von wenigen Stunden, gelinkt an den Onlinehändler „Wuhashion“, bei dem die Bestellungen eingingen. Lola verzichtete diesmal auf einen Pre-Sale in einem Pop-up-Store. Die Warteliste der interessierten Käufer:innen für das Original-Hologramm, das mit einem Zertifikat versehen ist, liegt schon jetzt im vierstelligen Bereich. Vielleicht versteigert sie es, vielleicht spendet sie es. Lola entscheidet intuitiv, worauf sie gerade Lust hat.

Digitales und Physisches verschmelzen, die klassischen Museen und Kunstmessen haben ausgedient. Wer mit Kunst Geld verdienen will, hat das verstanden. Bild: Public Domain

Reality is fiction, fiction is reality

Anfragen von alteingesessenen Museen wie Tate Modern, die seit dem Ableben der letzten Babyboomer-Generation kaum mehr Besucher:innen in ihrem riesigen Gebäude verzeichnen, lehnt Lola bewusst ab. Sie sieht ihre Kunst als Gegenbewegung zum Kunstkanon und dem Establishment aus der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts, das von weißen Männern und Wohlhabenden geprägt war. Deshalb möchte Lola ihre Kunst keinesfalls in einem alten Museum, einer Kunstmesse oder einer Galerie stehen sehen, sondern bevorzugt Labels und Konsum-Plattformen. Pop-Art 4.0 scheint für sie wahre Kunst zu sein. „Kunst ist ein veralteter Begriff und erinnert an verstaubte Museen und Gemälden an Wänden. Ich mache nicht Kunst, ich lebe einfach. Dabei unterscheide ich nicht zwischen physisch und digital, sondern zwischen fiktiv und non-fiktiv. Alles, was mich ausmacht, manifestiert sich in der greifbaren und nicht-greifbaren Welt, in Objekten, die man aus einem Kleiderschrank nimmt, in Memes, die du deinen Freunden schickst oder auch nur einen Farbstrich auf einer Cola-Dose“ sagt Lola in einem Interview. Ob ihre Werke kopiert und verändert werden, ist Lola egal. Für sie ist es wichtig, dass sie auf möglichst vielen Kanälen kursieren.

Lolas Kunst wechselt in hybriden Räumen hin und her, digital und physisch, virtuell und konzeptionell und in all den Zwischenräumen. Sie winkt ab, wenn sie auf die Anfänge des 21. Jahrhunderts angesprochen wird, als noch galt: Digital ist virtuell und physisch ist real. Lola zeigt in ihren Werken die komplette Auflösung des Realitätsbegriffs und der eigenen Identität, die nicht mehr physisch oder digital gespalten wird. Stattdessen ist sie nur noch ein einziger Stream. 

Zum Anfang Zwei konkurrierende Auktionshäuser befeuern den Kunsthandel
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Bild: Edouard Duvernay
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