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Kompendium

Wie flexibel sind Familien? Wenn wir in die Geschichte schauen, sehen wir, dass Familienmodelle immer schon flexibel angelegt waren. Mit den Herausforderungen der Realität konfrontiert, müssen sich Konzepte von Fürsorge, Verantwortung und ökonomischer Sicherheit immer wieder neu anpassen. Und unsere Ideen von Familie werden sich immer weiter verschieben, denn Beziehungen sind immer auch ein Abbild der Gesellschaft in der sie existieren. Was bedeutet die Abwendung vom traditionellen Familienmodell für die Finanz- und Vorsorgemodelle der Zukunft?

Kompendium: Flexible Familie

Literatur gibt uns einen Einblick in das Denken von vergangenen Gesellschaften und beantwortet zugleich die Frage: Wo kommen unsere Ideen von Familie her? Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeichnen sich flexible Ideen von Familie bei Goethe und Kleist ab. 

Kompendium: Flexible Familie

And the category is: Flexible Familien! Menschen die sich angesichts von gesellschaftlichem Ausschluss, Rassismus und Marginalisierung zu neuen Gemeinschaften zusammenfinden. Wie die New Yorker Ballroom-Szene sich ihre eigenen Fürsorgestrukturen schuf. 

Kompendium: Flexible Familie

Wenn wir uns umschauen, merken wir: Unser Verständnis von Familie unterliegt einem stetigen Wandel. Der Trend geht zur Flexibilisierung – und das kann allen Beteiligten zu Gute kommen.

Kompendium: Flexible Familie

Der Familienbegriff flexibilisiert sich weiter und Aufgaben, die wir in Ehe und Familie verankert hatten, werden in neue Solidargemeinschaften übertragen. Mit wem sparst du für deine Altersvorsorge?

Kompendium: Flexible Familie

In einer Zeit in der fernen Zukunft werden wir ganz neu miteinander kooperieren. Global und lokal zugleich leben wir in einer Welt, die uns mit den Menschen zusammenbringt, die uns unterstützen und stimulieren.

Kompendium: Flexible Familie

Die klassische Familie wie sie im Buche steht

Kompendium: Flexible Familie

Die klassische Familie wie sie im Buche steht

Portrait einer jungen Familie. Gemälde von: Joseph-Marcellin Combette

Literatur gibt uns einen Einblick in das Denken von vergangenen Gesellschaften und beantwortet zugleich die Frage: Wo kommen unsere Ideen von Familie her? Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeichnen sich flexible Ideen von Familie bei Goethe und Kleist ab. 

Literatur als Zeitzeuge: Familienmodelle der frühen Moderne

Wenn wir mehr über die Familienmodelle der Gegenwart erfahren wollen, lohnt sich ein Blick in die Literaturgeschichte. Literatur funktioniert in zwei Richtungen: Für die Zeitzeugen des Werkes gibt es eine unmittelbare Reflexion der Gegenwart im Text. Welche Rollen werden verhandelt, welche Ideale dargestellt, kritisiert oder gar dekonstruiert? Doch Literatur geht noch weiter, denn sie überlebt ihre Zeitzeugen und wird zum Zeugnis ihrer Zeit. Die Familie hat in der deutschen Literatur der frühen Moderne bereits eine große Rolle gespielt. Waren es doch vor allem auch Familien, die sich in den frühen Romanen und Dramen der Empfindsamkeit wiederfanden.

Schon damals wurden aus Freundschaften eine Art Wahlfamilie. Gemälde: Monet.

Sie waren zugleich Gegenstand der Erzählungen und Zielgruppe des Buchmarktes. Eine realistische Erzähltradition machte sich dann ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zur Aufgabe, die gesellschaftlichen Realitäten abzubilden und damit auch die vorherrschenden Vorstellungen von Familie. Diese Nähe zu gesellschaftlicher Realität behält sich die Literatur in den kommenden Jahrzehnten mal mehr, mal weniger vor. Geistesgeschichtlich hat diese Zeit noch immer einen großen Einfluss auf die Gegenwart: Hier entstehen Ideen von Familie, Subjekt und Freiheit, die uns bis heute prägen. 

Das starre Bild einer Familie, die aus Mutter, Vater und Kind (oder Kindern) besteht, wird immer wieder herausgefordert. Nehmen wir beispielsweise Goethes „Wahlverwandtschaften“ (1809), in denen ein Ehepaar (Baron Eduard und seine Frau Charlotte) sich dazu entschließt einen Freund aufzunehmen. Als dann auch noch die Nichte und Ziehtochter Ottilie von Ehefrau Charlotte dazu kommt, mischen sich die Karten zwischen dem Ehepaar und den neuen Gästen neu. Neue Liebesbande entstehen, die Ehe löst sich unweigerlich und langsam auf. In diesem Klassiker der deutschen Literatur sehen wir, wie die Normierung durch das Recht mit den Gefühlen und Sehnsüchten einer gelebten Realität in Konflikt kommt. Doch wir finden noch weitere Texte aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, die ähnlich flexible Familiengeschichten erzählen. 

Von göttlicher Einflussnahme zur Flexibilisierung gezwungen? 

Ein spannendes Beispiel für eine (sehr rasante und turbulente) Familiengeschichte ist das „Erdbeben in Chili“ (1806) von Heinrich von Kleist. In dieser kurzen Novelle nimmt Kleist uns in das Königreich Chili (Chile) und dessen Hauptstadt St. Jago mit. Die Novelle ist im 17. Jahrhundert situiert und die Macht der Kirche über die Gesellschaft geht bis hin zur Entscheidung über Leben und Tod. Die junge Josephe hat sich in Jeronimo verliebt, doch ihr Vater billigt die Ehe nicht: Josephe wird schwanger. Ein Erdbeben trifft St. Jago und die ganze Stadt geht zu Grunde. Im weiteren Verlaufen der Novelle kommen die Menschen nach der Katastrophe zusammen, der erzbischöfliche Richterspruch, der Josephe zur Tode verurteilte, scheint vergessen. 

“Literatur gibt uns einen Einblick in das Denken von vergangenen Gesellschaften und beantwortet zugleich die Frage: Wo kommen unsere Ideen von Familie her?” Gemälde: Jean-Honoré Fragonard (1770).

Das Erdbeben setzt durch die Katastrophe für eine kurze Zeit die gesellschaftlichen Normen aus und bestärkt die Menschen, die ihre Freiheit außerhalb dieser Normen suchen. Doch die Macht will sich wieder installieren: In der Kirche wird Josephe als Sünderin erkannt, ein Streit eskaliert in ein blutiges Gemetzel. Bei so vielen Wendungen und Wirrungen in Kleists Novelle zeigt sich, wie Menschen auf Katastrophen reagieren. Sie werden adaptiv und flexibel. Doch sobald die Katastrophe abgewendet scheint, das Recht wieder greift, die Normen wieder funktionieren, erstarrt die Familie. Die Verteidigung von kirchlichem Recht (und damit auch der Kernfamilie) geht soweit, dass die Menschen sich lieber gegenseitig umbringen. Zugleich gibt uns Kleist auch eine hoffungsvolle Perspektive mit: Josephes Sohn überlebt und wird von einer neuen Familie adoptiert. So steht er selbst für eine neue, flexible Generation, die noch im Heranwachsen ist. 

Lässt die Norm sich aussetzen?

Wenn wir Literatur als Zeitzeugen betrachten, dann können wir hier sehen, dass Familie zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei Kleist und Goethe, zwei wichtigen Denkern ihrer Zeit, als eine flexible Einheit konstruiert wird. Frauen können andere Kinder stillen, Paare adoptieren gerettete Babies, formieren sich entlang ihres Begehrens neu und trotz der kirchlichen und weltlichen Macht, wenn ein Erdbeben eingreift, dann besinnen die Menschen sich auf Bindungen, die das Überleben sichern. 

Was bei Kleist wie auch bei Goethe klar wird: Die Bedürfnisse der Menschen sind zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zumindest in der Literatur, bereits als freie Individuen verankert. Geistesgeschichtlich sind wir hier an einem Punkt, an dem das bürgerliche Subjekt geboren wird: Freiheit und Gefühle stehen weit oben auf der Agenda dieser Literaten. Zugleich wird die Kernfamilie in ihrer starren Konfiguration in Frage gestellt und durch Extremsituationen herausgefordert.

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Kompendium: Flexible Familie

Vogueing: Flexible Familien auf der Tanzfläche

Kompendium: Flexible Familie

Vogueing: Flexible Familien auf der Tanzfläche

Das sind die Darsteller aus Paris Is Burning, ein 1990 entstandener amerikanischer Dokumentarfilm unter der Regie von Jennie Livingston. Foto: Paris is Burning

And the category is: Flexible Familien! Menschen die sich angesichts von gesellschaftlichem Ausschluss, Rassismus und Marginalisierung zu neuen Gemeinschaften zusammenfinden. Wie die New Yorker Ballroom-Szene sich ihre eigenen Fürsorgestrukturen schuf. 

Ein Haus über dem Kopf für die Kinder

Die New Yorker Voguing-Szene, die spätestens seit der Netflix-Erfolgsserie „Pose“ größere Bekanntheit erlangt hat, zeigt uns Eindrucksstark, wie flexible Familienmodelle im queeren Underground aufkamen. Entstanden ist die Vogueing-Szene im Kontext der Drag Balls der späten 70er Jahre und blühte in ihrer vollen Ausprägung im Laufe der späten 80er und frühen 90er Jahre auf. Mit Madonnas “Vogue” im Jahr 1990 erlangte die Subkultur endgültig globale Bekanntheit. 

Die Ballroom-Szene war ein wichtiger Ort für LGBTIQ-BIPoC-Menschen. Das doppelte Akronym beschreibt eine ganze Reihe von Identitätsformationen: lesbian, gay, inter, queer, trans*, Brown, Indigenous, People of Colour. Hier sammelten sich alle, die in der Mehrheitsgesellschaft nicht sein durften. In einem historisch einzigartigen und zugleich kulturell äußerst produktiven Milieu entstanden Strukturen, die den Menschen halt gaben, deren Kernfamilien sie marginalisierten. Wo die genetische Familie versagte, kam der Ballroom und seine Houses zu Hilfe. 

Was wir von der Ballroom-Szene lernen können? Wenn Familienstrukturen versagen, bilden sich neue Strukturen der gemeinsamen Fürsorge und gegenseitigem Vertrauen. Foto: Voguing Masquerade Ball.

Ein bemerkenswertes Merkmal der Ballroom-Szene waren die sogenannten Houses mit ihren extravaganten und ausufernden Namen. Einem House stand immer eine Mutter vor, die ihre Children versorgt. Sie bekommen ein Zuhause, leben in einer liebevollen Solidargemeinschaft und übernehmen füreinander Verantwortung und geben sich emotionalen und psychologischen Halt. Neben den Müttern gibt es auch Väter, die Houses vorstehen und Children adoptieren. Die Schauspielerin MJ Rodriguez, die Blanca Rodriguez-Evangelista in Pose spielt, erzählt in einem Interview davon, wie sie in der Schulzeit bei einer Fashionshow mitlief und dort von ihrem House-Vater entdeckt wird. Das war ihr Eintritt in die Voguing-Szene, die sie später als Schauspielerin auf unsere Bildschirme bringen sollte. Mütter und Väter leiteten gemeinsam oder alleine ein House. Die Rolle der Eltern war der in einer Ursprungsfamilie nicht unähnlich: Sie sorgten für Gemeinschaft, stellten Ressourcen bereit und gaben Wohnraum. Das gemeinsame Leben war das einer familiären Gemeinschaft, von Alltag bis hin zu extravaganten Wochenenden. Dazu kamen natürlich auch erste Lektionen im Vogueing, damit sie auf die Balls vorbereitet waren. 

Der Ballroom als Schauplatz für Familiendrama

Auch wenn die Houses in der realen Welt Gemeinschaften bilden, auf den Tanzflächen der Ballrooms traten sie in Wettstreits gegeneinander an. Jede Wettstreit-Kategorie war wie ein performativer Kommentar auf kulturelle Diskurse. Judith Butler beschreibt die vielfältigen kulturellen Bereiche, aus denen die Wettkampf-Kategorien sich speisen.

New York ist ein Sehnsuchtsort für viele Voguer, da die Geschichte dort ihren Anfang nahm. Foto: Alex Proimos.

Judith Butlers Analyse lautet: Marginalisiert durch sexuelle Identität und Rassifizierung eignen sich die Teilnehmenden der Balls dominante kulturelle Darstellungsformen an – und übertreiben sie gnadenlos. Dominique Jackson, die in Pose die House-Mutter Elektra Abundance-Wintour spielt, beschreibt die Kategorien als Räume, in denen marginalisierte Menschen ihre Talente ausleben konnten. Hier kommen Kategorien wie „Face“ ins Spiel, in denen es um Schönheit geht. Weniger um die äußere Schönheit, als um Attitüde und, wie sie es in einem Interview nennt: „the way you sell it.“ 

Die Ballroom-Szene liest sich wie ein Nebenprodukt der hochgepeitschten Kultur der 80er Jahre mit ihren wilden Posen, Schulterpolstern und hohen Schuhen. Die Menschen, die am meisten von der Gesellschaft ausgeschlossen waren, ließen sich nicht nehmen, durch kulturelles und kreatives Kapital an ihr teilzuhaben. Houses die Diskriminierung dazu gezwungen sich neu zu formieren, bildeten sich Häuser als neue soziale Strukturen heraus. Die Houses waren ein Ort von sozialer aber auch kreativer Gemeinschaft. Sie bildeten kleine Familien, die sich durch Vertrauen in ihrer von der Gesamtgesellschaft und vom Staat abgestuften Identität gegenseitig bestärkten. 

Verantwortung übernehmen, wo der Staat versagt

“Die Ballroom-Szene liest sich wie ein Nebenprodukt der hochgepeitschten Kultur der 80er Jahre mit ihren wilden Posen, Schulterpolstern und hohen Schuhen.” Foto: Frank Schröder.

Die gemeinsame Verantwortung bekam durch die AIDS-Krise mehr Gewicht, denn die Krise riss junge Menschen aus dem Leben und machte sie zu Pflegefällen. Verstoßen von ihren Ursprungsfamilien und im Zusammen”leben mit ihren Wahlfamilien, entstanden so ganz neue Konstrukte von Fürsorge-Gemeinschaft. Diese Konstrukte hatten leider weder rechtlich Rückendeckung, noch wurden sie staatlich anerkannt. Es kam so zu Konflikten zwischen den Wahlfamilien und den Ursprungsfamilien, beispielswiese wenn es um die Pflege der Todkranken oder das Erbe der Verstorbenen ging. Die Krise traf marginalisierte Menschen stärker, vor allem Latinx und Schwarze Menschen. Als eine Krise, in der marginalisierte Menschen von ihren Familien und von staatlicher Seite verlassen wurden, waren es die flexiblen Familienverbände der Houses, die zu einem tragenden Element für Menschen aus der LGBTIQ-Community wurden. 

Was wir von der Ballroom-Szene lernen können? Wenn Familienstrukturen versagen, bilden sich neue Strukturen der gemeinsamen Fürsorge und gegenseitigem Vertrauen. Es muss nicht immer die Ursprungsfamilie sein, die uns den Rücken stärkt. Manchmal sind es unsere voguenden Freund*innen. Was auch in anderen Bereichen der LGBTIQ-Szene eine große Rolle spielte, das Ausbilden von Unterstützungsstrukturen, wird in der Gegenwart umso stärker. Hier sind es neue Freiheiten der sexuellen Identität und der Ausschluss aus der Ursprungsfamilie, die zum Treiber für flexible Familien werden. Familie wird als Schicksalsgemeinschaft gelebt, die zusammenhält, wenn es hart auf hart kommt.

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Kompendium: Flexible Familie

Bunte Familienbilder der Gegenwart: Wo stehen wir?

Kompendium: Flexible Familie

Bunte Familienbilder der Gegenwart: Wo stehen wir?

Familienstrukturen wachsen immer dann, wenn wir dazu herausgefordert werden, unsere Bedürfnisse neu zu verhandeln. Foto: Sharon McCutcheon.

Wenn wir uns umschauen, merken wir: Unser Verständnis von Familie unterliegt einem stetigen Wandel. Der Trend geht zur Flexibilisierung – und das kann allen Beteiligten zu Gute kommen. 

Zusammengeflickt unter dem Regenbogen: Neue Familienenparadigmen

Mama, Papa und Kind. Das ist doch eine Familie, oder? Wie wir auch beim Blick in vergangene Epochen und Jahrzehnte sehen konnten, ist der starre Familienbegriff eigentlich nicht mehr alltagstauglich. Das Leben und die Menschen sind komplexer, als eine starres Familienkonstrukt. Es gibt mittlerweile vielfältige Formen von Familie und Menschengruppen die sich als solche definieren. 

Gemeint ist hier eine Familie, die nicht aus zwei cis-geschlechtlichen Eltern besteht, die sich in Mann und Frau unterteilen lassen möchten. Also Familien mit zwei Müttern, zwei Vätern oder anderen queeren Konstellationen. Patchworkfamilien und Alleinerziehende gehören mittlerweile auch selbstverständlich zum neuen Familienbegriff. Statistisch gesehen sind sie sogar in der großen Überzahl: Während 14.000 Kinder im Jahr 2016 schätzungsweise in einer Regenbogenfamilie lebten, waren es ca. 2,7 Millionen alleinerziehende, die einen Familienhaushalt bildeten. Die Datenlage ist allerdings dünn und schwer einzuschätzen. Es könnten viel mehr LGBTIQ-Familien geben, als erfasst. Wie viele der alleinerziehenden Menschen sind aus dem LGBTIQ-Spektrum und könnten deswegen in zugleich alleinerziehend und Regenbogenfamilie sein? Das wird statistisch nicht erfasst und zeigt: Die Methodik hängt der Lebensrealität hinterher. Hier wird mit mit einem Familienbegriff gearbeitet, der vor allem auf die Fürsorge füreinander und für Kinder eingeht. Doch Familie ist neben der vertikalen Anordnung durch Generationen hinweg auch eine horizontale Form der Organisation von Beziehungen. 

Das Leben und die Menschen sind komplexer, als eine starres Familienkonstrukt. Foto: Sharon McCutcheon.

Familienbilder prägen unsere gelebte Realität

Wenn wir davon ausgehen können, dass Sprache Realität abbildet, dann sind wir in Sachen Familie im deutschsprachigen Raum relativ offen. Zumindest wenn wir dem Duden glauben, der das Wort „Regenbogenfamilie“ bereits 2009 in den deutschen Sprachwortschatz aufgenommen hat. Doch auch die sozialwissenschaftliche Untersuchung des Familienbilds hat in den letzten Jahren immer weiter zugenommen. Mit neuen Gesetzeslagen, wie der Ehe für Alle und einem angepassten Adoptionsrecht, sehen wir, wie wichtig das Sprechen über neue Familienformen geworden ist.  Die Panelstudie „Familienleitbilder“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hat Menschen in Deutschland zwischen 20 und 39 nach ihren Vorstellungen zu Familienbildern befragt. Dabei kristallierte sich ein differenziertes Bild heraus. Familienformen, die aus einem Paar und Kindern bestanden, waren grundätzlich von einer großen Mehrheit der Befragten kohärent mit ihrem Bild von Familie. Dabei waren Regenbogenfamilien genauso als Familie gewertet, wie klassische Hetero-Konstellationen. Je mehr die Familienmodelle aber vom Paar plus Kind abwichen, desto weniger wurden diese als Familie gesehen. Ein kinderloses Paar würde damit für viele aus dem Familienbegriff herausfallen. Wir sehen hier zwar einen starken Bezug zur Kernfamilie, aber die Definition dieser Kernfamilie ist in der befragten Zielgruppe durchaus flexibel. Eine Gemeinsamkeit hat Familie hier aber, unabhängig von den Identitäten der Eltern: Kinder soll es geben. 

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Ist Familie nur da, wo Kinder sind?

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Der Duden hat das Wort „Regenbogenfamilie“ bereits 2009 in den deutschen Sprachwortschatz aufgenommen. Foto: Olya Kobruseva.

Wir werden uns weiterhin flexibilisieren 

Soweit der Status Quo, doch wie geht es weiter? Als dieser Text entsteht, geht Deutschland gerade in eine zweite Periode der Einschränkung des öffentlichen Lebens wegen der akuten Lage der Corona-Pandemie. Es ist November 2020 und viele schauen gebangt auf Weihnachten. Wird es ein besonderes Weihnachten? Können wir an Weihnachten nach Hause? Das soll das Ziel sein, doch nicht alle glauben daran. Als nächste Reaktion kommt dann: „Ok, dann machen wir es uns halt in Berlin gemütlich.“ Ein Begriff der in dieser Zeit durch die Medien geht: Freundes-Cluster.

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Verbringt ihr Weihnachten immer mit eurer Ursprungsfamilie?

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Ein Corona-Cluster bezeichnet in diesem Kontext eine temporäre Solidargemeinschaft, die sich innerhalb einer bestimmten Zeit dazu entscheidet gemeinsam den Lockdown zu verbringen. Ein Cluster kann verschiedene Regeln haben, die den jeweils geltenden Verordnungen folgt. Cluster kann bedeuten, sich noch auf der Straße zu sehen oder auch zu besuchen, aber ein Cluster heißt vor allem: Trotz Risikobewusstsein innerhalb der Pandemie dafür sorgen, dass das Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe nicht vollkommen auf der Strecke bleibt. Ein Cluster ist damit eine Solidar- und Fürsorgegemeinschaft, die auf Vertrauen fußt. Ein Cluster ist damit sowas wie eine kleine Familie auf Zeit, die sich den Gegebenheiten der Pandemie anpasst. Was wäre, wenn wir Clustern extravagante Namen wie „Cluster of Evangelista“ geben würden? Sie würden uns an die Houses der Voguing-Szene erinnern, die einander in einer Zeit der Not beistanden. 

Familienstrukturen wachsen immer dann, wenn wir dazu herausgefordert werden, unsere Bedürfnisse neu zu verhandeln. Das kann in Einklang mit der Kern- und Ursprungsfamilie stehen, muss es aber nicht. Ein Blick in die Zukunft wird uns zeigen: Die Flexibilisierung schreitet voran.

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Kompendium: Flexible Familie

Gemeinsame Vorsorge: Freundschaften werden zu Familien

Kompendium: Flexible Familie

Gemeinsame Vorsorge: Freundschaften werden zu Familien

Heute schon vollkommen Normal: Freunde tun sich zusammen und erstellen gemeinsame Accounts für Streaming-Dienste, die den Namen Family-Account haben. Foto: Analise Benevides.

Der Familienbegriff flexibilisiert sich weiter und Aufgaben, die wir in Ehe und Familie verankert hatten, werden in neue Solidargemeinschaften übertragen. Mit wem sparst du für deine Altersvorsorge? 

Wollen wir zusammen streamen – und ein Konto teilen?

Heute schon vollkommen Normal: Freunde tun sich zusammen und erstellen gemeinsame Accounts für Streaming-Dienste, die den Namen Family-Account haben. Hacken diese Menschen das System, umgehen es sogar oder deuten sie den Begriff Familie einfach für sich um? Letzteres ist ein Trend, den wir immer stärker beobachten können, wenn wir uns Dienstleistungen anschauen. 

Menschen werden weiterhin Kinder großziehen und sie werden das auch weiterhin in Gemeinschaften tun, aber zugleich ist die Frage, welche anderen Aufgaben von Familie wir noch aus den engen Voreinstellungen herauslösen, die tradierte und staatliche Vorstellungen von Familie beinhalten. Gerade die ökonomischen Aufgaben von Familie und Ehe sind nicht mehr zwingend deckungsgleich mit den Lebensmodellen der Zukunft. Schauen wir auf drei Serviceleistungen der Zukunft, die es so heute zwar schon geben könnte, aber in Zukunft vielleicht normal sein werden. 

Gemeinsames Konto über die WG hinaus

Stellen wir uns zwei Freund*innen* vor, Franka und Luis. Beide haben in ihren 20er in einer WG gewohnt, sich aber irgendwann dazu entschieden, auszuziehen und neue Wege zu gehen. Franka, weil sie mit ihrer Partnerin zusammenleben wollte, Luis, weil er einfach Lust auf eine eigene Wohnung hatte. Sie haben sich dennoch in den Jahren als WG sehr gut aufeinander eingestellt, hatten immer eine gemeinsame WG-Kasse und auch der gemeinsame Urlaub gehört fest in ihren Jahreskalender. Sie haben auch andere gemeinsame Ausgaben: Sie sehen sich oft für gemeinsame Abendessen oder kochen gemeinsam (in den jetzt getrennten Küchen). Das heißt ein Teil ihres Lebens und ihres finanziellen Aufwands ist weiterhin gemeinsam. Sie sind in Teilen eine ökonomische Einheit, die einer klassichen Ehe nicht unähnlich ist. 

Könntest du dir vorstellen in einer Bürogemeinschaft zu sein, die zugleich auch eine Solidargemeinschaft ist? Foto: Tim Gouw.

Für Franka und Luis ist ganz klar: Sie sind füreinander eine wichtige Beziehung, die in keinerlei Konkurrenz zu romantischen Beziehungen steht. Sie sind sich einig, dass sie füreinander da sind und nennen einander Familie. Sie sind durch eine Vielzahl von Erfahrungen gegangen, die auch eine strukturelle Konsequenz für ihre Finanzen hatte. Für sie ist ein gemeinsames Konto ein Erleichterung für die gemeinsamen Finanzen. Zugleich hilft es ihnen ihre gemeinsam Aktivitäten zu planen. Sie zahlen einen festen Betrag pro Monat auf das gemeinsame Konto und können so füreinander und miteinander sparen. Das Geld ist zwar für Freizeitaktivitäten gedacht, aber als Franka für ein paar Jahren während der Corona-Pandemie einen akuten Verdienstausfall hatte, war es für Luis und sie einvernehmlich in Ordnung, dass ihr solidarisches Konto dafür herhalten durfte. Reisen und Essen gehen war in dieser Zeit ja ohnehin nur eingeschränkt möglich. Doch die finanziellen Strukturen der Zukunft gehen noch weiter. 

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Würdest du dir ein gemeinsames Konto mit Freund*innen anlegen?

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Co-Working: Arbeiten für die Solidargemeinschaft

Franka ist in einer Bürogemeinschaft, die zugleich auch eine Solidargemeinschaft ist. Anstatt eines festen Betrages für Miete auszugeben, zahlt sie einen festen Betrag ihres Einkommens in die Solidargemeinschaft ein (und bekommt dafür mehr als nur einen Büroplatz). Sie arbeite Selbständig als Illustratorin und Grafikerin, deswegen schwankt ihr Einkommen. Weil es den anderen in ihrer Solidargemeinschaft genauso geht, haben sie sich auf einen prozentualen Betrag geeinigt. So landen 7,5% ihres Einkommens jeden Monat auf dem Konto der Solidargemeinschaft. Sie hat ihr Geschäftskonto so eingestellt, dass es den Betrag automatisch von ihrem Monatseinkommen berechnet und auf das Konto der Gemeinschaft einzahlt. Neben der finanziellen Unterstützung, die sie sich im Falle eines Verdienstausfalls hier holen kann, spendet die Solidargemeinschaft jeden Monat Geld an soziale Träger. So übernehmen sie gemeinsam  gesellschaftliche Verantwortung. Im Plenum verhandeln sie immer wieder neu, welche Projekte sich so unterstützen. Zuletzt haben sie sich viel mit Bewaldung und der nachhaltigen Forstwirtschaft beschäftigt. Gemeinsam mit anderen Solidargemeinschaften, die ein ähnliches Model verfolgen, haben sie einen ganzen Wald in Brandenburg gepflanzt, der auf 100 Jahre hin nicht abgeholzt werden darf. 

Viele Freunde sind sich einig, dass sie füreinander da sind und nennen einander Familie. Foto: Alvin Mahmudov.

Franka ist glücklich mit diesem Model. Sie hat durch die Solidargemeinschaft das Gefühl, gut versorgt zu sein. Die Sicherheit, die sie einander so geben, könnte kein Mitglied der Solidargemeinschaft sich selbst geben. Zugleich sind alle freiberuflich und selbständig, tragen also ein Risiko. Eine Festanstellung kommt für Franka und ihre Solidargemeinschaft nicht in Frage: Sie haben sich einfach selbst die Strukturen geschaffen, die sie brauchen, um sich gut zu fühlen. 

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Würdest du in so einer Solidargemeinschaft arbeiten wollen?

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Gemeinsame Altersvorsorge außerhalb der Ehe

Auch Luis hat eine weitere Form der Solidargemeinschaft gefunden. Er hat sich mit seinem besten Freund Tom zusammengetan, der ebenfalls auf der Suche nach einer besseren Form der Altersvorsorge war. Für beide war es keine Option, sich auf eine Ehe oder ähnliche Gemeinschaft zu verlassen, um so ihre Altersvorsorge zu garantieren. Beide haben aber zugleich ein vertrautes Verhältnis zueinander. Sie haben sich dazu entschieden eine Vorsorgegemeinschaft zu bilden, das heißt sie investieren gemeinsam in ihre Altersvorsorge und erzielen als Duo eine höhere Rendite. Dazu treffen sie sich regelmäßig und besprechen verschiedene Formen der Investition oder Vorsorge. Sie haben bereits gemeinsam in Kryptowährungen angelegt und eine gemeinsame Rentenversicherung abgeschlossen. Versicherungen hatten vor ein paar Jahren einen neuen Markt entdeckt: Sie begannen Produkte für Vorsorgegemeinschaften anzubieten.

Ein gemeinsames Konto unter Freunden? Sie zahlen einen festen Betrag pro Monat auf das gemeinsame Konto und können so füreinander und miteinander sparen. Foto: Helena Lopes.

Der Staat sprang auf diesen Zug auf und begann damit solche Vorsorgegemeinschaften zu bezuschussen. Die gemeinsame Rentenversicherung von Luis und Tom funktioniert ganz klassisch, beide zahlen zu gleichen Teilen in die Versicherung ein und erhalten im Alter von 65 Jahren bis zum Ende ihres Lebens regelmäßige Auszahlungen. Ihre Vorsorgepläne gehen noch weiter: Weil beide sich ein Leben auf dem Land im Alter vorstellen, haben sie auch einen gemeinsam Bausparvertrag angelegt, den sie vielleicht nutzen wollen, um sich gemeinsam ein Haus zu kaufen. Sie genießen alle Vorzüge einer ökonomischen Gemeinschaft, ohne dabei ein romantisches Interesse aneinander zu haben. Zugleich vermindern sie das Risiko, denn eine Scheidung wird es zwischen den beiden nicht geben. 

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Kannst du dir so eine gemeinsame Altersvorsorge vorstellen?

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Neue Familienformen für eine neue Gesellschaft

Franka und Luis, Luis und Tom, Franka und ihre Coworking-Community: Sie alle sind neue Formen flexibler Familie. Sie übernehmen Fürsorgeverantwortung auf finanzieller, materieller und emotionaler Ebene. Doch es sind nicht romantische Gefühle, die ihre Beziehungen bestimmen, es sind Vertrauen, Freundschaft und gemeinsame finanzielle Interessen und Werte. Menschliche Affinitäten füreinander bilden neue Familienstrukturen heraus. Wie geht es damit weiter?

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Kompendium: Flexible Familie

Die grenzenlose Familie der Zukunft

Kompendium: Flexible Familie

Die grenzenlose Familie der Zukunft

"Global und lokal zugleich leben wir in einer Welt, die uns mit den Menschen zusammenbringt, die uns unterstützen und stimulieren." Foto: Artem Bryzgalov und Chang Duong.

In einer Zeit in der fernen Zukunft werden wir ganz neu miteinander kooperieren. Global und lokal zugleich leben wir in einer Welt, die uns mit den Menschen zusammenbringt, die uns unterstützen und stimulieren. 

The Hologram: Eine Technologie der Fürsorge

Die Künstlerin Cassie Thornton stellt in ihrem Buch „The Hologram“ eine Vision der Zukunft vor, die ganz neue Formen der gegenseitigen Care-Arbeit einfordert. Sie entwirft das Bild eines Holograms, in dem drei Menschen sich um eine vierte Person kümmern und regelmäßig mit ihr einchecken. Jedes Hologram kann in seinen Teilnehmenden die Idee auslösen, neue Hologramme zu bilden. Die drei Menschen, die sich um die vierte Person in der Mitte des Holograms kümmern, können selbst Hologramme gründen und in die Mitte eines eigenen Holograms treten. Diese Form der Vorsorge soll viral gehen, wie Thornton es sehr bildlich beschreibt.

Ein Algorithmus, der unsere Freundschaften bestimmt?

Bewegen wir uns gedanklich in das Jahr 2045. Wir leben in einer Welt, deren Klima sich unweigerlich verändert hat und die sich nach der Pandemie zu Beginn des Jahrhunderts viele Fragen beantworten musste. Wie gehen wir mit Schwachen und Bedürftigen um? Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Was macht Sinn, was macht keinen Sinn? Aus diesen Erfahrungen wurde eine neue Gesellschaftsform geboren, die sich solidarischer und verbundener zeigt. Als kollaborative Spezies, nicht als Einzelkämpfer*innen hat der Mensch es soweit geschafft.

Die Künstlerin Cassie Thornton stellt in ihrem Buch „The Hologram“ eine Vision der Zukunft vor, die ganz neue Formen der gegenseitigen Care-Arbeit einfordert. Buch: Cassie Thornton.

Und wenn die Menschheit weiterhin glücklich auf dieser Erde überleben will, muss sie sich als Teil der Erde begreifen, auf der sie lebt. Zugleich hat das Internet den Lebensraum vergrößert, Distanzen spielen keine Rolle mehr und so ist es möglich auch in virtuellen Räumen zusammenzukommen. Wir wollen dich zu einem Gedankexperiment einladen: Du hast dich in einer App angemeldet, die auf Grundlage von Daten Menschen sucht, mit denen du für einen Hologram-Cluster passend wärst. Die Daten werden von Algortihmen und AI ausgewertet.

Dieses Hologram-Cluster geht über das Hologram von Thornton hinaus und erweitert das Set von Regeln. Du entscheidest dich dazu einen komplett neuen Hologram-Cluster zu erstellen, mit Menschen, die dir noch Fremd sind. Das Versprechen der Plattform: Sie kann auf Grundlage der Daten Menschen für dich aussuchen, die zu dir und zu denen du passt. Die Menschen leben überall auf der Welt, auf allen Kontinenten, doch das Match basiert auf psycho-sozialen und demografischen Parametern. Erstmal willst du den Cluster für ein Jahr anlegen, hoffst aber darauf, dass ihr alle euch dazu entscheidet, ihn zu verlängern. Der Cluster besteht aus sechs Menschen und hat zum Ziel, dass ihr euch regelmäßig trefft und miteinander eincheckt. Dabei geht es um einen Raum, in dem du deine emotionalen und psychischen Sorgen loswerden kannst. Wie geht es dir und was brauchst du gerade? Was sind eure individuellen Erwartungen einander? All das wird in einem Hologram-Cluster gemeinsam festgelegt. 

Gemeinsame Aktivitäten für die seelische Gesundheit

Euer erstes Treffen findet in einem virtuellen Raum statt. Mithilfe einer AR-Projektion, die mit Hilfe einer Kontaktlinsen-ähnlichen Technologie funktioniert. Ihr sitzt entspannt in deinem Wohnzimmer, wo du sechs Sitzgelegenheiten aufgestellt hast und ihr unterhaltet euch über eure Vorstellungen. Jeder hat einen gleichen Redeanteil und darf sich äußern. Was sind die Vorstellungen und Bedürfnisse? Ihr vereinbart Sessions für jede*n* von euch in regelmäßigen Abständen. Gleichzeitig habt ihr im Halbjahres-Abstand auch Plenum-Sessions, in denen es um den Cluster an sich geht. Da ihr alle in verschiedenen Ländern lebt, einigt ihr euch darauf erstmal weiterhin alles virtuell stattfinden zu lassen. 

Dein Hologram-Cluster wird schon bald ein Jahr alt! Ihr habt euch dazu entschlossen, das gemeinsam auf Sizilien zu feiern und trefft euch dort für eine gemeinsame Radtour. Du bist aufgeregt – vor einem Jahr kanntest du die fünf anderen noch nicht und jetzt seid ihr bereits ein fester Bestandteil des Leben der anderen, auch wenn ihr auf verschiedenen Erdteilen lebt. Ihr kennt die Wünsche und Sorgen der Mitglieder des Clusters.

Thornton entwirft mit ihrem Hologram-Modell eine selbstorganisierte und radikal-feministische Form der Fürsorgearbeit. Foto: Kelsey Chance.

Durch das Protokoll habt ihr auch gelernt, wie ihr einander unterstützen könnten, ohne die eigenen Grenzen zu überschreiten. Euer Ziel ist es nach der Reise einen neuen Pakt zu schließen: Der Hologram-Cluster soll weiter laufen: Dieses Mal auf unbestimmte Zeit. Ihr seit füreinander Familie geworden. Die Empfehlungen des Algorithmus gingen auf.

Werden wir uns neu organisieren?

Thornton entwirft mit ihrem Hologram-Modell eine selbstorganisierte und radikal-feministische Form der Fürsorgearbeit. Sie fordert dass im vollem Bewusstsein, dass ein Hologram keine monetären Interessen verfolgen darf. Niemand im Hologram wird bezahlt dafür, dass andere sich um dich kümmern. Sie beschreibt zugleich, dass wir verlernt haben, uns für die Zuwendung und Hilfe anderer zu öffnen. Das will sie durch die Idee von Hologram und sein Protokoll ändern. Ein weiterer Vorteil des Hologram-Protokolls: Es erfordert keinen großen Zeitaufwand und folgt einem festen Ablauf. Ein Hologram tritt, so ihr Vorschlag, beispielsweise einmal pro Quartal für zwei Stunden zusammenkommen. Das ist alles, was wir brauchen, um eine ganz neue Form der Vorsorge loszutreten? 

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Kannst du dir vorstellen in einem solchen Hologram teilzunehmen? 

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