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Jeder Augenblick
ist Zukunft.
Kompendium

Seit Jahrtausenden isolieren sich Gruppen von Menschen. Geschlossene Gemeinschaften versprechen Schutz und Katalysator in einem zu sein. Doch die Exklusivität hat ihren Preis. Was ist wichtiger: Individualität oder Gruppengefühl? Das Wir oder die Anderen?

Kompendium: Closed Communities

Seit Jahrtausenden gilt das Kloster als ein Ort der spirituellen Einkehr, Zurückgezogenheit und der ritualisierten Wahrheitsfindung. So sind sie zwar in der Welt aktiv, schirmen sich aber von den Versuchungen der Außenwelt ab, um der asketischen Lebensweise nachzugehen.

Kompendium: Closed Communities

Nirgendwo sonst verbinden sich sozialistisches Ideengut und die Utopie einer selbstbestimmten Gesellschaft so konsequent wie in den ersten Kibbuzim in Palästina.

Kompendium: Closed Communities

Co-Living ist mehr als eine Wohnsituation. Es ist wie eine kuratierte Kommune, nur dass man hier keine systemfernen Utopien entwirft oder Häuser besetzt.

Kompendium: Closed Communities

Die Folgen des Klimawandels sind verheerender als angenommen. Island ist zu einem Refugium für Klimaflüchtlinge aus dem globalen Süden geworden. Wir haben die Meteorologin Rosa Arlinger gebeten, einen Rückblick auf die Entwicklungen der letzten 20 Jahre zu wagen.

Kompendium: Closed Communities

Sind sogenannte gated communities die Zukunft einer Welt, die durch den Klimawandel und eine verschärfte gesellschaftliche Polarisierung langsam aber sicher unbewohnbar wird? Experten halten das Szenario einer Aufspaltung der Welt in abgeschlossene Mikro-Gemeinden für nicht unwahrscheinlich.

Kompendium: Closed Communities

Der Preis der Nächstenliebe

Kompendium: Closed Communities

Der Preis der Nächstenliebe

Das Leben im Kloster ist von der restlichen Welt abgeschnitten. Foto: Nubes bajas en Meteora

Das Leben im Kloster ist von der restlichen Welt abgeschnitten. Foto: Nubes bajas en Meteora" (CC BY-ND 2.0) by guillenperez.

Seit Jahrtausenden gilt das Kloster als ein Ort der spirituellen Einkehr, Zurückgezogenheit und der ritualisierten Wahrheitsfindung. Im christlichen Kloster bedeutet die Liebe zu Gott immer auch die Liebe für den Nächsten; und so wurde den christlichen Mönchen seit jeher die Seelsorge für Arme und Kranke zuteil. So sind sie zwar in der Welt aktiv, schirmen sich aber von den Versuchungen der Außenwelt ab, um der asketischen Lebensweise nachzugehen.  

Klöster gibt es in vielen Religionen, im Christentum seit dem 4. Jahrhundert. „Betet ohne Unterlass”, lautet die Mahnung im Brief des Paulus an die Thessalonicher, die als der Ursprung der christlich-monastischen Tradition verstanden wird. Das Leben in den Klöstern ist allerdings so verschieden wie die Auslegung der Bibel selbst: Es reicht vom Leben in vollständiger Isolation, wie etwa bei orthodoxen Mönchen auf der griechischen Insel Athos, bis hin zum Wechsel des Klosters im dreijährigen Turnus, wie es bei den sogenannten Bettelorden üblich ist. Das Wort Kloster stammt aus dem lateinischen claustrum und meint verschlossener Ort. Es ist wenig überraschend, dass Klöster von einer mysteriösen Aura umgeben sind.

Eine der bekanntesten Erzählungen über die mittelalterliche Klosterwelt ist Umberto Ecos Kriminalroman Der Name der Rose. Der Roman spielt in einem Benediktinerkloster im 14. Jahrhundert und beschreibt die Architektur des Klosters als verzweigtes Mysterium: die labyrinthische Bibliothek, das Auf und Ab geheimer Treppen, versteckte Türen, kodierte Nachrichten. Im Buch soll der Franziskaner William einem Todesfall nachgehen. Was als Mordaufklärung beginnt, entwickelt sich bald zur Debatte über die theologische Bedeutung des Lachens. Wie sich herausstellt, verachtet Jorge, einer der Klosterältesten, das Lachen, und hat deshalb die Seiten eines besonders komischen Buches vergiftet: die aristotelische Poetik. Ist dies der Preis für die Nähe zu Gott? Dass das Weltliche, „Niedere” als bedrohliche Demütigung empfunden wird?

Über ihre asketische Lebensweise und ihren Glauben definieren die Mönche ihre Gemeinschaft. Wer nicht mitmacht, darf nicht dabei sein. Bild: Albert Bredow (1828-1899) – Kunsthaus Lempertz

Das Kloster heute – noch immer ein Ort der Abkehr vom Weltlichen?

In Ecos Roman wird die Feindschaft zur Welt überzeichnet. Ähnliche Denkmuster bestehen allerdings bis heute: „Niemals in meinem Leben war ich mit so vielen Feindbildern konfrontiert wie im Kloster”, sagt der Ex-Franziskaner Piotr Sierakowski (Name v. d. Red. geändert), der fünf Jahre lang in Klöstern zwischen seinem Heimatland Polen und in Deutschland gelebt hat. „Das reichte von Frauen, die uns angeblich verführen wollen, bis hin zu kirchenkritische Medien wie Der Spiegel.” Selbst von Juden- und Freimaurer-Verschwörungen habe er mitbekommen, allerdings nur von älteren Mönchen. Das Kloster, sagt der heutige Theologie-Promovend, ähnelt in der Denkstruktur dem Rechtspopulismus. „Die Denkweise ist eine Mischung aus Selbstsicherheit und einer Unfähigkeit, sich selbst zu hinterfragen.”

Die Entlastungsfunktion der Klostergemeinschaft

Sierakowski verdammt das Kloster aber nicht grundsätzlich. Aus religiöser Perspektive ergebe die Kloster-Struktur durchaus Sinn: „Im Kloster kannst du dein Christsein intensiver ausleben”, sagt er. „Der Tagesablauf ist geregelt. Es gibt Rituale, die täglich wiederholt werden und sich seit knapp 800 Jahren nicht verändert haben. Gebetszeiten, Arbeit, Meditation usw. Das hat eine enorme Entlastungsfunktion. Und um dich herum gibt es eine Gemeinschaft von Menschen, die alle das gleiche Ziel verfolgen.” Ob all das allerdings nach wie vor wie früher in ehelosen und nach außen hin isolierten Männergemeinschaften stattfinden müsse, stellt Sierakowski heute in Frage. Er verließ das Kloster schließlich aufgrund der vorherrschenden hierarchischen Strukturen.

“Es gibt Rituale, die täglich wiederholt werden und sich seit knapp 800 Jahren nicht verändert haben. Gebetszeiten, Arbeit, Meditation usw. Das hat eine enorme Entlastungsfunktion. Und um dich herum gibt es eine Gemeinschaft von Menschen, die alle das gleiche Ziel verfolgen.” Bild: Otto Knille, German Painter, 1832-1898.

Noch heute scheint der Preis der klösterlichen Intensität darin zu bestehen, sich von all dem loszusagen, was als weltlich empfunden wird. Und so wirkt die Isoliertheit im Kloster auch als ein Abschirmen gegen imaginierte Widersacher und verbotene Gedanken – statt als bloße Maßnahme zur metaphysischen Einsicht. Neben dem sozialen Aufbau ist bis heute übrigens auch der architektonische Aufbau christlicher Klöster fast unverändert geblieben. Im Innenhof – dem Kreuzgang – befindet sich ein Garten, der den göttlichen Urzustand widerspiegeln soll: das Paradies. Ein Ort der Sehnsucht, der nur seine Unschuld bewahrt, wenn er vor allen externen Einflüssen geschützt bleibt.

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Der Kibbuz als gelebte Utopie

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Der Kibbuz als gelebte Utopie

Die Vision der Kibbutz: einen Ort zu schaffen in der alle Gemeinschaftsmitglieder gleichberechtigt sind. Foto: Théodore Brauner - available from National Photo Collection of Israel

Die Vision der Kibbutz: einen Ort zu schaffen in der alle Gemeinschaftsmitglieder gleichberechtigt sind. Foto: Théodore Brauner - available from National Photo Collection of Israel

Nirgendwo sonst verbinden sich sozialistisches Ideengut und die Utopie einer selbstbestimmten Gesellschaft so konsequent wie in den ersten Kibbuzim in Palästina. Kibbuze sind landwirtschaftlich organisierte Kommunen, die bis heute bestehen. Mit der Hinwendung Israels zu neoliberalen Wirtschaftsmodellen drohten viele der Kommunen den Anschluss zu verlieren. Und so verabschiedeten sich die meisten vom sozialistischen Gründungsgedanken.

Mauern niederzureißen sei das Ziel der Kibbuzim, schrieb der israelische Soziologe Ze’ev Goldberg Anfang der 70er Jahre. Gemeint sind nicht etwa Mauern aus Beton, sondern die symbolischen Mauern der Isolation. Denn die Kibbuzim hatten sich in den Jahrzehnten nach Israels Staatsgründung zunehmend vom Rest der Gesellschaft entfernt. Bis heute ist der Charaktertyp des Kibbuznik (Kibbuz-Bewohner) fest im kollektiven Bewusstsein Israels verankert. Er gilt als verschobener Ländler mit Falthut und Ledersandalen – ohne Anbindung an Zeitgeist und Trends.

Fair ist das nicht. Immerhin waren die Kibbuzim die eigentlichen Kursgeber für Israels Gründung und Entwicklung. Aus der Kibbuzbewegung entsprang die israelische Arbeiterpartei Mapam, ein Vorläufer der heute größten Oppositionspartei. Levi Eshkol, einst Israels Premierminister, zählte zu den Kibbuz-Gründungsvätern. Der Hintergrund der Kibbuzim: Im späten 19. Jahrhundert befanden sich junge Juden in Europa in einer Identitätskrise. Die Assimilations-Bemühungen der Eltern waren gescheitert, vom Judentum waren sie entfremdet. Die zionistische Idee versprach ein gleichberechtigtes Miteinander, ein naturnahes Leben im Kollektiv.

Wer wollte, tüchtig arbeitete und sich familiär integrierte, konnte immer Teil der Kibbuzim werden. Oder? Foto: Zoltan Kluger – vavailable from National Photo Collection of Israel

Eine Gemeinschaft ohne Privateigentum

Die Geburtsstunde der Kibbuzim war eine Siedlung namens Degania Alef, südwestlich des Sees Genezareth. Die Vision: einen Ort zu schaffen in der alle Gemeinschaftsmitglieder gleichberechtigt sind. Wo es kein Privateigentum gibt und das tägliche Leben im Kollektiv stattfindet. Vor knapp zehn Jahren musste aber auch in Degania Alef die sozialistische Vision beendet werden. Statt dem Prinzip: ‘Arbeit gegen Teilhabe am kollektiven Besitz’ waren Mitglieder nun gezwungen eine Arbeit zu finden, die es ihnen erlaubte, ihr Haus selbst zu besitzen. Bis heute gibt es in Israel über 250 Kibbuzim. Ihr Stellenwert sei nicht zu unterschätzen, sagt Michal Palgi, die Vorsitzende des Instituts zur Erforschung des Kibbuz. Demnach dienten die Kibbuzim von Anfang an als Außenposten, die Israels Grenzen sicherten. Eine andere Funktion der Kibbuzim sei die Wiederbelebung der hebräischen Sprache gewesen, welche zuvor nur Religiöse und eine Handvoll Intellektueller beherrschten. Außerdem produzieren die Kibbuzim bis heute knapp 40 % der landwirtschaftlichen Erträge Israels. Mit knapp 160.000 Bewohnern stellen sie 1,2 % der israelischen Bevölkerung.

Geregelte Integration durch schrittweise Eingliederung

“Kibbuze waren niemals geschlossene Gemeinschaften”, sagt Palgi. Bis in die 90er Jahre musste man, um ein Mitglied zu werden, ein Jahr lang dort leben. Anschließend wurde per Abstimmung entschieden, ob man bleiben darf. Danach verging ein weiteres Jahr und eine weitere Abstimmung folgte. „Wer beides überstand, wurde Mitglied.” Kriterien seien die Bindung zur Gemeinschaft, Tüchtigkeit sowie der familiäre Hintergrund gewesen. Was aus zeitgenössischer wie ein Beitritt zu einer Sekte wirkt, nennt Palgi einen „geregelten Integrationsprozess”.

Die Frage lautet allerdings nicht nur: Wie wurde man Mitglied im Kibbuz?, sondern auch Wer wurde Mitglied im Kibbuz? So zweifelt etwa der Historiker Tom Segev in seinem Standardwerk Die Ersten Israelis an der Theorie von der großen Offenheit der Kibbuzim. Segev berichtet von der Gleichgültigkeit, mit der die israelische Gesellschaft in den Anfangsjahren auf das Schicksal jüdischer Einwanderer aus arabischen Ländern reagierte – eine Haltung, die sich in Kibbuzim niederschlug. Er nennt das Beispiel von vier Flüchtlingen, die illegal den Libanon durchquerten und an den Toren des Kibbuz Misgav Am abgewiesen wurden. Er verweist außerdem auf Zeitungsartikel, die belegen, dass jemenitische Juden in den Kibbuzim oft viel weniger Geld verdienten als ihre europäischen Nachbarn – ihre Arbeit wurde als weniger wertvoll angesehen.

Heute sei die Frage der Mitgliedschaft viel komplizierter als früher, sagt Palgi. In den erneuerten, privatisierten Kibbuzim gebe es zwar noch einen Mitgliedsstatus, doch die Verpflichtungen seien gelockert worden. Viele der erneuerten Kibbuzim erweiterten ihre Kerngemeinde um Nachbarschaften, in denen das Land den Menschen gehöre, die auf ihm lebten – anstatt dem Kibbuz-Komitee. Es gebe heute fast so viele Modelle von Mitgliedschaft wie Kibbuzim selbst. Letztere, bekräftigt sie, seien eine offene Gemeinschaft – eine fragwürdige These.

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Co-Living: Zusammenwohnen als Glücksversprechen

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Co-Living: Zusammenwohnen als Glücksversprechen

"Co-Living ist mehr als eine Wohnsituation." Foto: Aaron Thomas

Co-Living ist mehr als eine Wohnsituation. Es ist wie eine kuratierte Kommune, nur dass man hier keine systemfernen Utopien entwirft oder Häuser besetzt. Co-Living ist teuer. Denn die Mitlebenden zahlen nicht nur für Zimmer und Gemeinschaftsraum. Co-Living-Startups versprechen den Stress mit dem Putzplan genauso zu ersparen wie das Freunde-Suchen. Zudem wird man Teil einer kreativen Gemeinschaft – inklusive Wifi-Cloud und Avocado-Toast.

Der Erfolg des Co-Living-Konzepts, spotten manche, ist paradigmatisch für eine Phase im Lebenszyklus des Menschen, die Soziologen die „verlängerte Pubertät” nennen: eine Zeit des Experimentierens, des sich-nicht-festlegen-Wollens, in der Arbeit, in Beziehungen, oder im Wohnen. Normalerweise wird diese Phase, in TV-Sendungen wie Girls oder Friends gleichsam veralbert wie glorifiziert, mit Menschen in ihren Zwanzigern assoziiert. Im Zeitalter der Startups und Freelancer scheinen die Grenzen da etwas durchlässiger.

Das liegt nicht nur am Internet und der kollektiven Spätpubertät, die es mit sich brachte. Es handelt sich vor allem auch um ein Anzeichen eines demographischen Wandels: Städte wachsen. Unser Planet wird immer urbaner, dies belegen Satellitenaufnahmen des Global Human Settlement Layer (GHSL). Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass im Jahr 2050 etwa 70 % der Weltbevölkerung in Städten leben werden. Immerhin konzentrieren sich die bedeutenden Märkte von heute fast ausschließlich auf Großstädte. An Orten wie New York oder Berlin bekommt man kaum noch feste Mietverträge. Und wenn man den Co-Living-Trend ernst nimmt, könnte man annehmen, dass sie auch weniger gefragt sind. Wer will sich schon langfristig verpflichten, wenn er oder sie den Wohnraum einfach leasen kann?

Egal ob es um Beziehungen, Arbeit oder das Wohnen geht – die junge Generation mag es flexibel. Foto: Priscilla du Preez

Erste Co-Livings: Hacker-Kommunen der Startup-Blase

Das Phänomen Co-Living verdankt seinen Ursprung den verschrobenen Hacker-Kommunen San Franciscos. Im Jahr 2004 soll Mark Zuckerberg ein Haus mit fünf Zimmern in Palo Alto angemietet haben, wo die Facebook-Pioniere das soziale Netzwerk austüftelten. Andere taten es ihm gleich und verwandelten ganze Villen in Startup-Fabriken. Zehn Jahre später begann das Immobilien-Unternehmen Campus, erste Wohnmitgliedschaften zu verkaufen. Größere Unternehmen wie Quarters und WeLive expandierten die Kreativ-WGs international in die Großstädte.

Der Trend hat Berlin erreicht

Auch Berlin wohnt inzwischen co-kreativ – und der Trend reißt nicht ab. Sagt zumindest Marc Drwecki. Gemeinsam mit seinem Bruder Kai gründete er im Jahr 2016 das Co-Living-Projekt Happy Pigeons. Wenn der 24-Jährige über Co-Living spricht, fallen Begriffe wie Value, Community und Nachhaltigkeit. Im Gemeinschaftsraum des Hauptquartiers im Prenzlauer Berg lehnen Yogamatten an einer Sitzcouch. Über dem Eingang zur Wohnküche hängt ein Fingerboard für Kletterer. An mobilen Tischen sitzen Leute in ihren Zwanzigern unter Vintage-Glühbirnen vor ihren Laptops. An einer Post-it-Wand kleben Polaroids mit den Namen der Projektbewohner. Die Atmosphäre ist eine merkwürdige Mischung aus konzentriert und gelassen. „Wir wollten mit Happy Pigeons die Blasenbildung vermeiden, die man bei Startups oft beobachten kann”, sagt Marc. Die Idee bestand darin, das Ganze offener zu gestalten, etwa mithilfe von Sportereignissen, die auch die Nachbarschaft miteinbeziehen. Wer bei Happy Pigeons einziehen will, muss ein Bewerbungsgespräch über Skype führen. Es sei schon wichtig, dass Bewerber Interesse am Community-Gedanken zeigen, sagt Marc. Außerdem wolle er die Preise nicht zu sehr in die Höhe treiben, Berlin-gerecht eben. Ein möbliertes 20qm-Zimmer kostet hier monatlich 620 Euro – was für den Durchschnitts-Berliner in seinen Zwanzigern nicht wenig, im Vergleich zu anderen Co-Living-Unternehmen aber tatsächlich nicht viel ist.

Foto: Happy Pigeons Coliving Berlin

Foto: Happy Pigeons Coliving Berlin

Mit derzeit zehn vermieteten Zimmern in vier Berliner Altbauwohnungen ist Happy Pigeons die Brieftaube unter den Co-Living-Albatrossen – die Botschaft: Man möchte eine familiäre Brutstätte sein für die Ideen und Konzepte internationaler Kreativköpfe. Natürlich soll der Spaß dabei nicht zu kurz kommen. Wie zukunftsfähig Co-Living-Projekte wie Happy Pigeons sind – wenn sich der Traum der verlängerten Pubertät dann doch einmal ausgeträumt hat – wird sich wohl erst noch zeigen.

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Kompendium: Closed Communities

Island 2035: Klimaparadies und abgeschottete Inselgemeinschaft

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Island 2035: Klimaparadies und abgeschottete Inselgemeinschaft

Foto: Benjamin Behre

Foto: Benjamin Behre

Unser Planet erwärmt sich. Der Meeresspiegel steigt an. Die Folgen des Klimawandels sind verheerender als angenommen. Island ist zu einem Refugium für Klimaflüchtlinge aus dem globalen Süden geworden. Wir haben die Meteorologin Rosa Arlinger gebeten, einen Rückblick auf die Entwicklungen der letzten 20 Jahre zu wagen.

Ein Gespräch vom 12.12.2035

Rosa Arlinger ist seit den Nuller-Jahren im Klimaschutz aktiv. Sie leitet eine länderübergreifende Studie zu Wechselwirkungen des verbleibenden Polareises mit dem globalen Klimasystem und engagiert sich zum Thema Klimaflüchtlinge. Arlingers jüngste Vortragsreihe lautet: “Migration und Adaption: Zu ethischen Verantwortlichkeiten und Herausforderungen der Klimaflucht auf internationaler Ebene.”

Qiio: Frau Arlinger, auf den Tag genau vor 20 Jahren wurde das Pariser Klimaabkommen beschlossen. Das Ziel bestand darin, der Erderwärmung entgegenzuwirken und den Anstieg der Temperaturen im 21. Jahrhundert auf zwei Grad zu beschränken. Wie bewerten Sie die Entwicklung seitdem?

A: Ach, wissen Sie, ich sah dieses Abkommen von Beginn an mit Skepsis. Das Ganze war in meinen Augen nicht viel mehr als eine Absichtserklärung. Allein in den letzten zwei Jahrzehnten sind die Temperaturen global um 0,8 Grad angestiegen. Von Südamerika über Zentralafrika bis nach Südostasien wüten heute Klimakonflikte um Ressourcen. Es war naiv anzunehmen, dass die Staaten der Welt sich ganz ohne Druckmittel an die Pariser Vorgaben halten werden.

Zahlreiche Menschen suchen eine neue Heimat – Island nimmt bereits keine Flüchtliche mehr auf. Foto: Metthew Henry

Qiio: Was meinen Sie mit Druckmitteln?

A: Sanktionen für Staaten, die ihre Kohlendioxid-Emissionen nicht reduzieren, eine Umverteilung von Geldern für den globalen Süden, alternative Energiegewinnung, Kohle-Besteuerung, ein Umdenken im Fleischkonsum – die Liste ist lang. Ein paar dieser Punkte wurden beim 2. Montrealer Protokoll 2029 schließlich auch durchgesetzt. Die allgemeine Wahrnehmung hatte sich verändert.

Qiio: Wusste man im Jahr 2015 schlicht nicht, welche Auswirkungen die Erderwärmung haben würde?

A: Doch, doch. Wissenschaftler warnen seit über 50 Jahren und länger vor den Folgen des Klimawandels, insbesondere des schmelzenden Polareises. In der Arktis sind die Folgen immerhin schon länger zu beobachten, Sie können sich das wie bei einem Frühwarnsystem vorstellen. Aber wie gravierend die Folgen sein würden, war im kollektiven Bewusstsein damals nicht verankert. Eine Zäsur war dann das Jahr 2028. Der darauffolgende Glaubwürdigkeitsverlust der Politik rüttelte die Weltgemeinschaft auf.

Qiio: Sie sprechen von der Caíque-Hitzewelle, die massive Schäden in Portugal und Westfrankreich anrichtete…

A: …und politische Unruhen auslöste, von denen sich die Länder bis heute nicht erholt haben. Nie zuvor gab es so viele Tote durch Haus- und Waldbrände. Ähnliche Hitzewellen beobachteten wir auch schon im Jahr 2003 und auch 2018, aber 2028 war eine neue Stufe der Eskalation.

Qiio: Viele Menschen flohen damals nach Skandinavien.

A: Richtig. Andere versuchten ihr Glück auf den Färöer-Inseln. Verhältnismäßig betrachtet flohen die meisten Menschen jedoch nach Island. Sie nutzten die damals noch liberale Flüchtlingspolitik Islands in den ausgehenden Zwanzigerjahren.

Während andere Länder mit Wasser zu kämpfen haben, haben Hitzewellen im Süden für Schaden gesorgt. Foto: Brian McMahon

Qiio: Was macht Island so besonders?

A: Wie wir bereits seit den Zweitausendzehner Jahren vorhersagten, hat sich das mitteleuropäische Klima dem südeuropäischen angeglichen, und entsprechend das nordeuropäische dem mitteleuropäischen Klima. Auf Island hingegen ist es weitgehend kühl geblieben. Das Land ist kulturell anschlussfähig. Seit die nationalistische Ríkisborgari-Partei vor zwei Jahren die Macht übernommen hat, nimmt Island allerdings keine Flüchtlinge mehr auf. Es werden auch kaum noch Touristenvisa vergeben. Asylanträge werden automatisch abgelehnt.

Qiio: Wie kontrolliert das Land die Immigration?

A: Illegal ist Island ja nur über den Seeweg erreichbar. Ehemalige Walfänger-Boote werden heute zum Grenzschutz eingesetzt. Die Finnwale sind heute fast ausgestorben und so ist der Walfang seit dem Jahr 2030 endlich auch in Island verboten, also zumindest offiziell…

Qiio: Was halten Sie von dieser Politik der Abschottung?

A: Sehen Sie, ich würde das nicht im engen Sinn als eine Abschottung bezeichnen. Immerhin hat sich die Bevölkerung Islands in kürzester Zeit mehr als verdoppelt. Ich bin wirklich keine Freundin nationalistischer Parolen. Aber man muss auch die Risiken in den Blick nehmen, die so ein Wandel mit sich bringt, insbesondere für die Umwelt und die Infrastruktur eines Landes. Wir können die Folgen des Klimawandels nicht allein Ländern wie Island überlassen.

Qiio: Sind geschlossene Gesellschaften wie Island die Zukunft, auf die wir uns einstellen sollten?

“Leben und Überleben wird immer mehr zu einem Privileg.” Foto: Martin Jernberg

A: Die menschliche Zivilisation ist eine zerbrechliche Sache. Wir leben in einer Welt, in der das Klima über 10.000 Jahre hinweg relativ stabil geblieben ist. Zu Beginn dieses Jahrhunderts hat sich das Klima radikal verändert. Dieser Wandel stellt heute unsere Überlebensfähigkeit auf dem Planet Erde auf die Probe. Wo und in welcher Form genau Menschen leben werden, lässt sich natürlich schwer voraussagen. Aber Leben und Überleben wird immer mehr zu einem Privileg, soviel ist sicher.

Qiio: Frau Arlinger, vielen Dank für das Gespräch.

Als Inspirationsquellen für dieses Zukunfts-Interview dienten Gespräche mit dem Meteorologen Dirk Notz und der Klimaexpertin Mona Freundt.

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Intime Bunker als Alternative zur Stadt

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Intime Bunker als Alternative zur Stadt

Nur wer dazu gehört, darf rein. Wie Kloster schotten sich gated communities von der Außenwelt ab. Foto: Malcolm Lightbody

Nur wer dazu gehört, darf rein. Wie Kloster schotten sich gated communities von der Außenwelt ab. Foto: Malcolm Lightbody

Sind sogenannte gated communities die Zukunft einer Welt, die durch den Klimawandel und eine verschärfte gesellschaftliche Polarisierung langsam aber sicher unbewohnbar wird? Experten halten das Szenario einer Aufspaltung der Welt in abgeschlossene Mikro-Gemeinden für nicht unwahrscheinlich.

Schleestein – ein Zeitsprung in das Jahr 2186

Schleswig-Holstein steht zu großen Teilen unter Wasser. Durch den angestiegenen Meeresspiegel wurde die vormalige Infrastruktur weitgehend zerstört. Diejenigen, die nicht bereits abgewandert sind (das finanziell besser gestellte obere Fünftel), haben auf der einstigen Fläche des Landes eine über Wasser liegende Plattform namens Schleestein errichtet. Der Ort ist nach außen mit einer fünf Meter hohen weißen Mauer abgegrenzt.

Die Schleestein-Gemeinde ist auf Stahlträgern im Boden verankert. Dank intelligenter Technologien können dem Wasser Informationen über Dichte und Mikroorganismen entnommen werden, auf deren Grundlage sich die Träger den klimatischen Bedingungen anpassen können. Steigt der Meerespiegel, so verlängern und balancieren sich die Träger automatisch aus. Knapp 12 Meter über der ca. 10.000 km² großen Fläche ist ein Netz aufgespannt, das wie eine künstliche Ozonschicht die Solarstrahlung abwendet und hautschädigende Einwirkungen der UV-Strahlung minimiert. Im Inneren der Gemeinde wurden künstliche Seen angelegt, als Freizeitorte und Mikro-Biotope, die helfen sollen, das ökologische Gleichgewicht zu erhalten. Die Schleesteiner folgen einem Modell der nachhaltigen Selbstverwaltung: Wasser wird gefiltert, Gemüse wird selbst angebaut, neue Bewohner sind bis auf seltene Ausnahmen nicht erlaubt.

Die gated communities passen sich den klimatischen Bedingungen an. Foto: Tommy Krombacher

Keine bloße Zukunftsvorstellung

Tatsächlich sind geschlossene Gemeinschaften, sogenannte gated communities, bereits heute keine Seltenheit. Menschen zahlen hohe Summen, um sich in abgesonderten Wohnkomplexen zu isolieren – für ein Gefühl maximaler Sicherheit und Exklusivität. Das hierzulande bekannteste Beispiel jener gelebten Abschirmung ist die Arkadien-Siedlung in Potsdam. Projekte wie dieses lassen sich wohl kaum unabhängig von der Polarisierung von Arm und Reich – und anderer mit dem Klassenunterschied verwobener Formen der Diskriminierung – verstehen.

Aus Sicht der Städteplanung, schreibt der Soziologe Richard Sennett in seinem Werk Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens, sind geschlossene Gemeinschaften Ausdruck eines rasant wachsenden Trends der Monopolisierung, der den kosmopolitischen und universalen Charakter von Städten untergräbt. Sennett versteht unter der gated community allerdings nicht nur Modelle wie die südafrikanischen Compounds oder die sogenannten Projects in New York. Er zählt auch die holistischen Bürosysteme von Firmengiganten wie Google oder Apple dazu. Im „Wir” solcher Gemeinschaften erkennt er eine Absage an die in seinen Augen zentrale Funktion der Stadt: ein Ort zu sein, an dem sich Fremde kennenlernen können.

Der Preis der Intimität

“Das Öko-Paradies hat seinen Preis.” Foto: Kees Streefkerk

Dass die Schleesteiner eher in altbekannten Konstellationen inzestuös versauern, statt Fremde kennenzulernen, ist absehbar. Man könnte sich ausmalen wie die Gemeindeplaner versuchen würden, die Verschlossenheit der Gemeinde euphemistisch zu retuschieren: Von einer “nachhaltigen Gemeinde” wäre dort die Rede, bzw. von einer “intimen Nachbarschaft” über Wasser. Letztendlich hat die Sicherheit natürlich auch ihren Preis: Von Spielplätzen bis hin zu Schulen ist in Schleestein alles privatisiert. Das Öko-Paradies hat seinen Preis. Um hier leben zu können, sind monatliche Abgaben von 500 Bitcoins (umgerechnet knapp 4000 Euro) obligatorisch. Wer sich das nicht leisten kann, muss die Gemeinde mit sofortiger Wirkung verlassen. Da endet die Intimität.

Möchtest du mehr zum Thema Klimawandel und Gesellschaft erfahren? Dann schau doch mal in unsere Kompendien Eco Identity oder Gesunde Stadt.

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