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Kompendium

Fruchtbarkeit war nie nur eine biologische Fähigkeit. Seit jeher nimmt sie unterschiedliche Bedeutungen an, die ihren Stellenwert in der Gesellschaft beschreiben. Daraus entstehen in der Wissenschaft immer mehr Möglichkeiten, die das Thema für die Wirtschaft attraktiv machen. Doch auch die Ethik hat eine Auge darauf.

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Im Mittelalter ist das Gebären quasi ein Gebot, Fruchtbarkeit daher ein hohes Gut. Doch nicht alle werden mit dem gesellschaftlichen Standard gesegnet.

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Reproduktionstechnologie, ein Schlagwort, das seit den 1950ern immer mehr Debatten füllt. Doch während die Wissenschaft voranschreitet, kommt die Gesellschaft nicht auf einen Nenner.

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Das Geschäft mit der Fruchtbarkeit tickt im 21. Jahrhundert anders, setzt sich quasi über die biologische Uhr hinweg. Social Freezing ist die Methode, die der Familienplanung ein neues Zeitfenster schenkt und einen wirtschaftlichen Anreiz zu haben scheint.

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

In der nahen Zukunft dürfte die Wirtschaft hellhörig werden. Wenn Fruchtbarkeit in der Bevölkerung immer seltener wird, geht es nämlich darum, das Angebot zu erweitern. So führt der Fall der Geburtenrate zu einem Aufschwung der künstlichen Befruchtung.

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Werden unsere Moralvorstellungen mitziehen, wenn die Technologie rund um Reproduktionsmedizin die Natur irgendwann überholt hat? Hier trifft ein überspanntes Zukunftsszenario auf eine ethische Einschätzung.

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Kindersegen oder Kinderlosigkeit: Der Wert der Fruchtbarkeit im Mittelalter

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Kindersegen oder Kinderlosigkeit: Der Wert der Fruchtbarkeit im Mittelalter

Fruchtbarkeit war im Mittelalter das höchste Gut. Bild: Hieronymus Bosch, Garten der irdischen Freuden, von ca. 1480 via Wikicommons.

Im Mittelalter ist das Gebären quasi ein Gebot, Fruchtbarkeit daher ein hohes Gut. Doch nicht alle werden mit dem gesellschaftlichen Standard gesegnet. Kinderlose müssen daher ungewöhnliche Rituale in Kauf nehmen oder den Preis für ihre Unfruchtbarkeit zahlen.

“Seid fruchtbar und mehret euch”, lautet die eindeutige Aufforderung aus der Bibel, die das Weltbild im Mittelalter prägt. Wir befinden uns in einer Zeit, in der das Gebären der Normalzustand ist, in der Weiblichkeit für die Fortpflanzungsfähigkeit steht. Kindersegen versus Kinderlosigkeit – ein Battle, das damals schon entschieden ist, bevor es überhaupt ausgetragen wird. Denn wer der Vorstellung von Reproduktion nicht gerecht werden kann, muss entweder Möglichkeiten finden oder in Verachtung leben.

“Seid fruchtbar und mehret euch”, lautet die eindeutige Aufforderung aus der Bibel, die das Weltbild im Mittelalter prägt. Nuremberg Chronicles. Bild: Hartmann Schedel

Im Mittelalter waren im Vergleich zu heute etwa doppelt so viele Paare kinderlos. Umso absurder war das Ringen um die große Fruchtbarkeit, die auch die Männer nicht verschonte. Besonders absurd waren die damaligen Sterilitätsprüfungen, die Männer unter enormen psychischen Druck setzten. Im Buch „Kinderlosigkeit: Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter” schreibt die Mittelalterforscherin Regina Toepfer von Prüfungen, die erfahrene Ehefrauen an potenziell impotenten Männern vor Gericht durchführen sollten. Und die gehen wortwörtlich unter die Gürtellinie. Konkret: Sie muss ihn – nackt – umarmen, dann stimulieren. Kommt es zu keiner Erektion, geht die soziale Existenz des Mannes flöten.

Aber wenn wir von Fruchtbarkeit im Mittelalter sprechen, müssen wir besonders über Frauen reden. Bleiben Babys in der Ehe aus, waren es nämlich besonders sie, die die Konsequenzen tragen. Mal abgesehen davon, dass diese Situation bei einem Kinderwunsch ja persönliches Leid mit sich bringt, müssen sie zudem unter einem konstanten Druck von außen leben und sind von einem sozialen Stigma gezeichnet. Kinderlosigkeit hat ihren Preis, führte damals zur Trennung, Diskriminierung, Ausgrenzung und sogar Verstoßung. Da ist es keine Überraschung, dass sich viele Frauen geheime Hilfe suchten.

Bei Kinderlosigkeit und Unfruchtbarkeit kamen oft Hebammen ins Spiel, die von der Kirche als Hexen gebrandmarkt wurden.
Bild: Talbot Master

Hebammen: Sie führen die Geschäfte rund um Fruchtbarkeit und Co.

Professionelle Unterstützung finden sie bei Hebammen, die einen der ältesten Frauenberufe der Welt ausführen. Ihr Business ist ziemlich facettenreich. Sie begleiten zu früheren Zeiten die Geburt, das Wochenbett und beherrschen die Kräuterkunde, sind sogar bei der Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbrüchen behilflich.

Das gynäkologische Wissen der Hebammen, das für ihr Geschäft unabdingbar ist, ist Fluch und Segen zugleich. Die Kirche brandmarkt sie als „Hexen”, weil ihre Arbeit angeblich an die Magie grenzt. In Mitteleuropa werden die Geburtshelferinnen verfolgt, gejagt und getötet. Woran die männlichen Ärzte wohl nicht ganz unschuldig sind – sie sehen nämlich in Geburten ein finanziell attraktives Geschäft, das sie sich von den Hebammen nicht vermiesen lassen wollten. Sowieso waren die Frauen eine große Konkurrenz, sprangen nämlich dann ein, wenn für den Arzt nicht genug Geld übrig war.

Für den Kinderwunsch war kein Preis zu hoch. Hebammen setzten Kräuter, Badekuren, Stecknadeln und sogar Mixturen aus Hasenmist oder Elfenbein ein. Bild: Die Hebamme Salome, Latomy

In Bezug auf den historischen Wirtschaftszweig der Fruchtbarkeit sind besonders Mittel interessant, die Hebammen bei Unfruchtbarkeit benutzten. Um den Traum der Familiengründung ihrer Patientinnen doch noch wahr werden zu lassen, setzten sie unter anderem auf Kräuter, Badekuren oder spezielle Rituale. Mit der Hoffnung auf Fruchtbarkeit warfen Hebammen zum Beispiel Stecknadeln und ließen die Körper der Frauen auf Rutschsteinen entblößen. Sogar von wahrscheinlich eher weniger wohlriechenden Mixturen aus Hasenmist und Elfenbein ist die Rede. Für das Kinderglück war kein Preis zu hoch, kein Weg zu absurd.

Während auf der einen Seite für die Fruchtbarkeit gekämpft wurde, ging es bei der Geburt oft um Leben und Tod. Denn im Mittelalter war jede Geburt mit einem hohen Risiko verbunden. Besonders, wenn aufgrund von Blutungen, Infektionen oder einer Gewebeschädigung manuell eingegriffen werden musste. Auch mit der Verlagerung der Geburt ins Krankenhaus Mitte des 19. Jahrhunderts war zunächst keine Besserung in Sicht – die Anzahl der Mütter, die die Prozedur nicht überlebten, stieg. Jede Sechste starb an Kindbettfieber. Erst als der junge Arzt Ignaz Semmelweis, heute als der „Retter der Mütter“ bekannt, das Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene beim Krankenhauspersonal zurückführte und sich um Hygienevorschriften bemühte, deutete sich ein Fall der Müttersterblichkeitsrate an. Dank hygienischer Maßnahmen und Technologien besserten sich die Überlebenschancen von Müttern und ihren Babys. Nur durch diesen medizinischen Fortschritt konnten Schwangerschaft und Geburt überhaupt planbar und sicherer für Frauen werden.

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Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Die Geburt der künstlichen Befruchtung

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Die Geburt der künstlichen Befruchtung

Kinder ohne Sex? Ja, das geht dank künstlicher Befruchtung.

Reproduktionstechnologie, ein Schlagwort, das seit den 1950ern immer mehr Debatten füllt. Doch während die Wissenschaft voranschreitet, kommt die Gesellschaft nicht auf einen Nenner.

Ihr Name ist Louise Brown. Sie ist das Mädchen aus dem Reagenzglas, das Retortenbaby, welches in die Geschichte eingehen soll. 1978 läutet ihre Geburt eine neue Ära in der Reproduktionsmedizin ein, denn sie ist der erste – in vitro – im Labor gezeugte Mensch. Eine Sensation. Doch bevor es überhaupt so weit kommt, hat die Wissenschaft noch einen langen Weg vor sich und die Gesellschaft einige Diskurse zu führen.

Schwangerschaft ohne Sex – ein unmoralisches Wunder

Für eine Schwangerschaft braucht es keinen Sex mehr. Eine Vorstellung, die mitten im 19. Jahrhundert wohl eher wie eine absurde Utopie klingen mag. Wahnwitzig? Wie soll das, was so gar nicht dem biologischen Grundwissen entspricht, nur funktionieren? 1884 findet der US-amerikanische Arzt William Pancoast das bei der ersten dokumentierten Behandlung mit Spendersamen heraus. Der spritzt einer Frau unter Vollnarkose erfolgreich den Samen eines Medizinstudenten ein – sie wird tatsächlich schwanger. Was in der Öffentlichkeit zunächst als „unmoralisch” und „unnatürlich” gilt, nimmt im 20. Jahrhundert langsam auch einen wirtschaftlichen Charakter an.

Aus Großbritannien kommt ein berühmter Vorreiter – und die wahrscheinlich kinderreichste Person der Welt. Berthold Paul Wiesner heißt der Mann, der schätzungsweise 600 bis 1.000 Nachkommen durch die eigene Samenspende als Geschäft vorangetrieben hat. Zwischen 1940 und 1960 betreibt der Biologe eine Fruchtbarkeitsklinik in London, für die er mit seinen Samen, ähm seinem Namen steht. Angeblich kommen die meisten Samenspenden, welche Frauen mit unfruchtbaren Ehemännern erhalten, nämlich von dem Forscher selbst. In einer Zeit, in der es diesbezüglich noch keine gesetzlichen Regelungen, dafür aber mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz gibt, muss er den Self-Service im Geheimen anbieten. Doch kritische Stimmen werden nichts dagegen tun können, dass die künstliche Befruchtung in jeglicher Form gerade erst vor ihrem Aufschwung steht. Im Dezember 1971 gehen in den USA nämlich die ersten kommerziellen Samenbanken an den Start, die aus der künstlichen Befruchtung ein Business machen.

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Kurz vor dem Durchbruch: Fertilisation ohne Körper

Ein Blick in das Großbritannien der 1950er. Wir befinden uns im sogenannten Babyboom, während die Geburtenrate in Großbritannien bereits beachtliche Werte aufzeigt, bevor sie in zehn bis 15 Jahren so richtig nach oben schießt. Zu dieser Zeit haben britische Wissenschaftler*innen eine Agenda: Sie wollen künftig denjenigen den Kinderwunsch erfüllen, denen es auf natürlichem Wege nicht möglich ist. Sie sollen sich nicht mehr länger mit ihrer persönlichen Misere abfinden müssen.

Moralisch korrekt, könnte man meinen, dass nun auch diejenigen, die lange und verzweifelt eine Familie gründen wollen, die Möglichkeit bekommen. Doch bevor aus künstlicher Befruchtung überhaupt ein Business wird, überschatten ethische Debatten den Fortschritt, Entsetzen haftet sich daran wie ein Stigma. Die Kirche sorgt sich über die Zerstörung der Einheit von Ehe, Zeugung und Geburt, die Medizin über eine Zweckentfremdung. Aber die Technologie ist nicht aufzuhalten. Gemeinsam mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe schafft Genetiker Robert Edwards, quasi Vater aller Retortenbabys, nach einigen Rückschlägen und etlichen Kanincheneizellen-Experimenten im Jahr 1969 den Durchbruch: die erste Befruchtung einer menschlichen Eizelle außerhalb des Körpers. Da war sie, geboren in Großbritannien, eine neue Art der Befruchtung, die die Basis für den künftigen Standard in der künstlichen Reproduktion sein sollte.

Für eine Schwangerschaft braucht es keinen Sex mehr: 1978 läutet die Geburt von Louise Brown eine neue Ära in der Reproduktionsmedizin ein, denn sie ist der erste – in vitro – im Labor gezeugte Mensch. Bild: ZEISS Microscopy

Künstliche Befruchtung, echtes Leben

Und damit kommen wir zu Louise Brown, deren Name 1978 um die Welt geht. Sie ist nicht einfach irgendein Kind, sie ist für viele ein wahr gewordenes Wunder: der erste in vitro gezeugte Mensch. Danke, Robert Edwards und Patrick Steptoe. Das Mädchen, das durch einen Kaiserschnitt in Oldham, England geboren wird, löst einen derartigen Hype rund um die moderne Reproduktionsmedizin aus, dass man das Thema trotz aller Kritik nicht mehr unter den Tisch kehren kann. Es ist sogar im Mainstream angekommen, als sich das Klatschblatt „Daily Mail” die Exklusivrechte der ersten Berichterstattung sichert. Schon damals ist klar: Die Geschichte der künstlichen Befruchtung ist nicht nur eine Frage der Technologie, sondern auch der Gesellschaft.

Wie feministisch sind Kinder aus Laboren?

Die Debatte nimmt viele Dimensionen an, allein in Bezug auf Rollenbilder. Vater, Mutter, Kind, ein klassisches, aber alles andere als inklusives Schema, das früher auch bei der In-Vitro-Fertilisation (IVF) keinen Halt macht. Die ist übrigens 1982 auch in Deutschland angekommen, als in Erlangen das erste deutsche Retortenbaby zur Welt kommt. Acht Jahre später verabschiedet der Deutsche Bundestag das erste Embryonenschutzgesetz, das die künstliche Befruchtung menschlicher Eizellen mit dem Ziel einer Schwangerschaft erlaubt.

1990 verabschiedet der Deutsche Bundestag das erste Embryonenschutzgesetz, das die künstliche Befruchtung menschlicher Eizellen mit dem Ziel einer Schwangerschaft erlaubt. Bild: Ed Uthman

Für die IVF gilt der nicht therapierbare Eileiterverschluss ursprünglich als Indikation, ist aber nur auf verheiratete Frauen beschränkt, schließt demnach homosexuelle Paare oder Singles aus. Ähnlich ist es bei der Samenübertragung – Ärzt*innen dürfen diese nicht bei alleinstehenden oder lesbischen Frauen durchführen. Der Zugang zu einer Samenbank steht verheirateten, lesbischen Paaren in Deutschland erst durch das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe im Jahr 2017 offen.

Während Tradition dem Fortschritt nicht genug Spielraum lässt, stellt sich außerdem die Frage, inwiefern Frauen zu dieser Zeit überhaupt eine reproduktive Freiheit haben. Stichwort Selbstbestimmung. Die steht bei der feministischen Debatte der Aktivistinnen rund um IVF stets im Mittelpunkt. Da gibt es laute Stimmen, die von einer Enteignung weiblicher Fortpflanzungsfähigkeit sprechen, zu der diese Technik führen würde, die darin ein patriarchales Instrument zur Unterdrückung von Frauen sehen. Andere preisen die Technologie als Ausweitung der reproduktiven Autonomie der Frauen. Sehen sie als Befreiung, als Chance, die herrschende Geschlechterhierarchie zu überbrücken. Bei dieser Uneinigkeit scheint es, als würden gesellschaftliche Vorstellungen der medizinischen Innovation zunächst hinterherhinken.

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Ist man da überhaupt schon bereit für das, was als Nächstes kommt? Die Biochemikerinnen Jennifer A. Doudna und Emmanuelle Charpentier stehen nämlich in den Startlöchern. 2011 entdecken sie, dass mittels des CRISPR/Cas-Systems der Mikroorganismen spezifische DNA-Ziele in vitro geschnitten werden können. 2018 kommen die zwei ersten genmanipulierten Babys aus einem chinesischen Labor auf die Welt. Wird damit Science-Fiction bald zur Realität?

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Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Kinderwunsch auf Eis legen: Social Freezing

Kompendium: Business der Fruchtbarkeit

Kinderwunsch auf Eis legen: Social Freezing

Bild: Dr. Vereczkey Attila

Das Geschäft mit der Fruchtbarkeit tickt im 21. Jahrhundert anders, setzt sich quasi über die biologische Uhr hinweg. Social Freezing ist die Methode, die der Familienplanung ein neues Zeitfenster schenkt und einen wirtschaftlichen Anreiz zu haben scheint.

Social Freezing. Klingt wie eine moderne After-Work-Aktivität für die Teamstärkung, angeboten von hippen Start-ups. Na ja, fast. Hinter dem Begriff steckt eine Technik, mit der der Kinderwunsch temporär in die Kühltruhe kommt. Das vorsorgliche Einfrieren von reifen unbefruchteten Eizellen ist ein Business, dass der modernen Frau Möglichkeiten schenkt: Sich zum Beispiel erst einmal auszuleben, Karriere zu machen, zu reisen, auf den oder die richtige*n Partner*in zu warten, oder die Überlegung, eine Familie zu gründen, einfach nach hinten zu verlegen. Das Gesetz schreibt hierzulande tatsächlich keine Altersgrenze für künstliche Befruchtung vor – man kann sich damit also Zeit lassen. Wobei natürlich zu beachten gilt, dass das Risiko für Fehlgeburten und Komplikationen, die unabhängig von der Qualität der Eizellen sind, mit höherem Alter steigt. Ärzt:innen empfehlen daher eine Grenze von 45 bis 50 Jahren, wenn es um das Einsetzen befruchteter Eizellen geht – zum Schutz der Kinder und der Mütter.

Beim Social Freezing werden Frauen gebärfähigen Alters Eizellen entnommen, schockgefrostet und auf unbestimmte Zeit gelagert, um sie später wieder auftauen, im Reagenzglas mit Spermien befruchten und anschließend in die Gebärmutter einzusetzen. Bild: Ufficio Comunicazione, Azienda Ospedaliera SS. Antonio e Biagio e Cesare Arrigo, Alessandria, Biblioteca Biomedica Centro di Documentazione

Aber was passiert beim Social Freezing genau? Hierbei werden Frauen gebärfähigen Alters ohne medizinischen Grund und auf eigenen Wunsch Eizellen entnommen, um ihre Chance auf eine spätere Schwangerschaft zu erhöhen. Besagte Eizellen werden schockgefrostet und auf unbestimmte Zeit gelagert, um sie später wieder auftauen, im Reagenzglas mit Spermien befruchten und anschließend in die Gebärmutter einsetzen zu können. Eine Garantie, dann auch schwanger zu werden, gibt es jedoch nicht. Es ist ein Business, dass sich offensichtlich bezahlt macht. Auch für die Anbieter, denn pro Zyklus liegen die Behandlungskosten bei etwa 3.000 bis 5.000 Euro. Pro Jahr kommen dann noch einige Hundert Euro für die Lagerung dazu. Das Interesse scheint trotzdem da zu sein: Laut einer repräsentativen Umfrage der IKK halten 46 Prozent der Frauen und 43 Prozent der Männer das Social Freezing für eine gute Lösung. Wie viele sich letztendlich dafür entscheiden? 2019 schätzte der Münchner Reproduktionsmediziner Jörg Puchta, dass die Zahl der Frauen in Deutschland jährlich noch unter 10.000 liegt. Allerdings mit steigender Tendenz.

Social Freezing, bezahlt vom Arbeitgeber: Mehr als nur eine eiskalte Taktik?

Zeiten ändern sich, vermeintliche Rollenbilder auch. Im 21. Jahrhundert wird die Gender Gap kleiner, der Einfluss von Frauen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik größer. Obwohl der Weg zur vollkommenen Chancengleichheit und Emanzipation ein weiter ist, nimmt die Female Shift ihren Lauf. Ein Etappensieg ist sicherlich die neue Wahrnehmung, die Frauen (bzw. diejenigen, die sich so identifizieren) heute in ein anderes Licht rückt. Alles kann, nichts muss: Mutter, Hausfrau, Karrierefrau, Sinnsuchende, oder alles zusammen. Rollenbilder verschwimmen, während eine Welle neuer Chancen Stigmen und Stereotype überschwemmt. Aber wo Fortschritt ist, ist auch weiterhin Redebedarf. Weil es nicht nur eine Richtung nach vorne gibt. Das macht das in Deutschland sogenannte „Eizellen-Gate” deutlich, welches einerseits für Zurufe, hierzulande aber besonders auch für Aufschrei sorgt.

In Großkonzernen wie Facebook werden die Kosten für das Social Freezing der Mitarbeiter*innen übernommen.  Bild: Shreyas Minocha

Eizellen-Gate – Fortschritt oder Machtsymbol

Als damals die Meldung in Deutschland eintrudelt, dass die Großkonzerne Apple und Facebook die Kosten für das Social Freezing ihrer Mitarbeiter*innen übernehmen, steht der Atem kurz still. Wird die Selbstbestimmung der Frauen damit wieder auf Eis gelegt oder bestärkt? Eine Einordnung: Hierzulande sprechen die Fakten für sich. Die Zahl der Kinderlosigkeit steigt weiter in die Höhe, die Geburtenrate ist im Vergleich zu vorherigen Jahrzehnten niedrig, im Schnitt ist eine Frau bei ihrer ersten Geburt rund 30 Jahre alt – vor etwa vierzig Jahren lag das Durchschnittsalter noch bei 24 Jahren. Schlussfolgernd hat Frau von heute mehr Entscheidungsspielraum, was eine mögliche Familiengründung und deren Zeitpunkt angeht. Und den unterstützen einige Firmen aus Silicon Valley eben mit ihrem Geld, indem sie für ihre Mitarbeiter*innen die Kosten des Social Freezings tragen.

Nur gut gemeint oder einfach gut mitgedacht? Die Absicht der finanziellen Spritze soll darin liegen, dass Frauen ihre Vorstellungen von Familie und Beruf freier koordinieren können. Dass sie sich, wenn sie es so möchten, erst auf die Karriere konzentrieren und den Traum eines Babys auch später erfüllen können. Dann, wenn es passt.

Gut gemeint oder einfach gut mitgedacht? Auch Apple bietet Mitarbeiter*innen das Social Freezing an. Bild: DMS WIKI

Hitzige Debatte um Social Freezing als Mitarbeiter*innen-Förderung

Die Kosten für diesen „Baby auf Stand-by”-Service sind bekanntlich nicht gering. Wenn die Firma da unterstützend eingreift, ist das für viele Frauen sicher eine große Entlastung. Aber erhöht dieses Angebot der Chefetage womöglich sogar den Druck auf sie? Weil Mitarbeiter*innen dann das Gefühl haben könnten, diese Leistung annehmen zu müssen, um überhaupt eine Chance auf einen beruflichen Aufstieg im Unternehmen zu haben. Stimmen aus Deutschland sprechen sich in diesem Sinne mehr für flexible Arbeitsmodelle und ein familienfreundliches Klima aus, anstatt sich als Arbeitgeber in die Lebensplanung „einzumischen” oder gar eine bevormundende Position einzunehmen. Außerdem heißt es, dass Frau so wieder einmal nur Mittel zum Zweck wäre, ein ökonomisches Gut, um Gewinne zu steigern.

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Alles nur kapitalistische Ausbeutung? Auf der anderen Seite sprechen auch einige Dinge für den Mitarbeiter*innen-Zuschuss. Social Freezing ist nun einmal eine wertvolle Möglichkeit für diejenigen, die den jetzigen Zeitpunkt aus verschiedenen Gründen für Nachwuchs nicht passend finden. Die deswegen warten und ohne diese Methode vielleicht ungewollt niemals ein biologisches Kind bekommen hätten. Weil sich aber nun einmal nicht alle diesen Luxus leisten können, kann der Arbeitgeber mit seiner finanziellen Unterstützung die Freiheit und Selbstbestimmung dieser Frauen empowern. Am einfachsten wäre es natürlich, wenn an dieser Stelle einfach die Krankenkassen einspringen und übernehmen würden. Da es sich hierbei nach aktuellem Stand um keine medizinische Notwendigkeit handelt, bleibt diese Aussicht zunächst wohl eher eine Utopie.

Bei dieser Diskussion ist noch nicht die Luft raus. Kritiker:innen und Befürworter:innen werden beim Diskurs einen langen Atem beweisen müssen. Obwohl die Deutschen den US-Amerikaner*innen hinsichtlich des Social Freezings noch nachhinken, steigt die Nachfrage aufgrund moderner technischer Verfahren auch hierzulande langsam an. Hype nicht ausgeschlossen.

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Der Business-Boom der künstlichen Fruchtbarkeit

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Der Business-Boom der künstlichen Fruchtbarkeit

Foto: Jonathan Borba

In der nahen Zukunft dürfte die Wirtschaft hellhörig werden. Wenn Fruchtbarkeit in der Bevölkerung immer seltener wird, geht es nämlich darum, das Angebot zu erweitern. So führt der Fall der Geburtenrate zu einem Aufschwung der künstlichen Befruchtung.

Obwohl die Regularien von Land zu Land variieren, kann man sich einig sein: Ein Geschäft ist Reproduktionsmedizin schon lange. Ob wir von Leihmutterschaft, Samenspende, künstlicher Befruchtung oder Social Freezing sprechen. Doch in der nahen Zukunft könnte aus der Option eine Notwendigkeit werden, die dem Markt einen immensen Schub in Richtung weiteren Wachstum verschaffen würde. Denn wenn die Natur an ihre Grenzen kommt, muss die Technik eingreifen. Steht damit ein neuer Standard bevor?

Expert*innen rechnen schon heute damit, dass sich die Weltbevölkerung von morgen auf immer weniger Geburten einstellen muss. Das kann damit zusammenhängen, dass der Zugang zu Verhütungsmitteln besser ist, dass sich immer mehr Menschen nur ein Kind wünschen oder eben gar keins, sie sowieso selbstbestimmter mit ihrer Lebensplanung umgehen. Aber auch Mutter Natur hat hierbei ihre Finger im Spiel. Die ist durch Menschenhand in einen Dauerzustand der Bedrohung geraten, der in den nächsten 15 bis zwanzig Jahren seine verdorbenen Früchte tragen könnte. Dann haben Schadstoffe in der Atemluft nämlich zugenommen. Und die vergiften nicht nur weiter unsere Umwelt, sondern auch unsere Chance auf eine gesunde Fortpflanzung.

Was ist eine Schwangerschaft in einer Welt wert, in der unter anderem durch die Umweltbelastung immer weniger Personen fruchtbar sind? Bild: Cristi Goia

Heißt: Die Fruchtbarkeit des Menschen wird vermutlich künftig sinken, bei Mann und Frau gleichermaßen. Dieser Trend hat sich bereits in den letzten Jahrzehnten gezeigt: Die weltweite Fertilitätsrate ist zum Beispiel im Zeitraum zwischen 1990 und 2017 von 3,12 auf 2,37 gesunken. Laut einer Studie des Institute for Health Metrics and Evaluation der University of Washington geht es damit weiter stetig nach unten: 2050 vermuten die Wissenschaftler:innen eine weltweite Fruchtbarkeitsrate von 1,87, im Jahr 2100 von 1,66. Damit hätte sie sich innerhalb von einem Jahrhundert halbiert.

Reproduktionsmedizin: Lukrativ und notwendig?

Schlussfolgern wir mal: In der Gegenwart ist es zum Beispiel so, dass viele Frauen auf Behandlungen rund um Reproduktionsmedizin zurückgreifen, weil sie erst in einem höheren Alter Mutter werden wollen – und es dann häufig zur Unfruchtbarkeit kommt. Wenn sich Letztere aber ganz allgemein mehr verbreitet, dürften Biotechnologien immer salonfähiger, ja vielleicht sogar ein Normalzustand werden. Das Ganze würde einen gesellschaftlichen Wandel mit sich bringen, wodurch sich auch die Aufklärung rund um das komplexe Thema medial verbessern würde. Und die darf in diesem Zusammenhang nicht unterschätzt werden. Je intensiver etwas besprochen wird, je mehr man darüber erfährt, je geläufiger es ist, desto mehr kommt man damit in Berührung. Und lässt vielleicht bisherige Zweifel fallen – die beste Freundin und die Nachbarin machen es ja jetzt auch.

Viele Frauen greifen auf Behandlungen rund um Reproduktionsmedizin zurück, weil sie erst in einem höheren Alter Mutter werden wollen. Bild: Alexander Krivitskiy

Wenn Innovationen immer mehr Menschen bei ihrem Kinderwunsch behilflich sind, vielleicht sogar notwendig werden, stellt sich die Frage des Preises. Was ist eine Schwangerschaft in einer Welt wert, in der unter anderem durch die Umweltbelastung immer weniger Personen fruchtbar sind? Genug, um daraus reichlich Profit zu schlagen. Eine Analyse des Data Bridge Market Research sagt bereits jetzt ein enormes Wachstum des Marktes voraus – sowohl in Nordamerika und Südamerika als auch in Europa, Asien, Afrika und dem Mittleren Osten. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (CAGR) liegt demnach im Zeitraum zwischen 2021 und 2028 bei 9,2 Prozent. Bereits 2026 soll die Industrie einen Marktwert von 41 Billionen Dollar haben. Klingt nach einem lukrativen Geschäft, aber wird eine erhöhte Nachfrage auch mehr Menschen die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung eröffnen? Die Studie geht in den nächsten sieben Jahren tatsächlich nicht von sinkenden, sondern von erhöhten Behandlungskosten in entwickelten Ländern aus. Die könnten wiederum ein Hauptfaktor sein, der das Marktwachstum langfristig behindert oder immerhin eine wesentliche Herausforderung darstellt.

Die Stammzellenforschung auf Überholspur

Würde man diese finanzielle Herausforderung auf längeren Zeitraum überwinden, könnte das Geschäft mit der Fruchtbarkeit allerdings irgendwann im Mainstream ankommen. An Fruchtbarkeitskliniken reihen sich vielleicht moderne Franchise-Läden, die den Interessierten den Service wie einen maßgeschneiderten Anzug anbieten. Ein Angebot dürfte die Aufmerksamkeit dann besonders auf sich ziehen: Babys aus der Hautzelle. Das hat Bioethiker Henry T. Greely schon vor einigen Jahren in seinem Buch „The End of Sex and the Future of Human Reproduction” vorhergesagt. Wenn es nach ihm geht, hat Sex in den Industrieländern zu Hochzeiten der Stammzellforschung ein Ablaufdatum, jedenfalls, wenn es um die Fortpflanzung geht. In der Zukunft würden Menschen nur noch ihre Hautzellen abgeben, die im Labor zu Eizellen werden. Nach der künstlichen Befruchtung käme es dann zu einem wichtigen Qualitäts-Screening der Gene, in der sowohl Erbkrankheiten als auch positive Fähigkeiten unter die Lupe genommen werden. Dann hat man die Qual der Wahl, denn nur ein Embryo würde letztendlich für die Einpflanzung zum Einsatz kommen.

Wenn es nach Henry T. Greely geht, Autor des Buches The End of Sex and the Future of Human Reproduction, hat Sex in den Industrieländern zu Hochzeiten der Stammzellforschung ein Ablaufdatum. Bild: Stemcellscientist

Dieses Szenario wäre ein Win-Win für die Wirtschaft genauso wie für die Kundschaft. Die bisherige belastende Hormonbehandlung und daraus folgende Gesundheitsprobleme bei einer künstlichen Befruchtung gehören damit der Vergangenheit an. Außerdem könnten homosexuelle Paare so endlich gemeinsam Nachwuchs zeugen, sowohl Frauen als auch Männer hätten weniger Risiken, auch bei einem höheren Alter. Eine Revolution, die allerdings wieder ethische Fragen aufwirft. Für die wird es spätestens in der fernen Zukunft Antworten brauchen, wenn das genetische Verständnis in der Bevölkerung weiter wächst und die Technologie fortschreitet.

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Wie ethisch ist das Geschäft mit der Fortpflanzung?

Bild: Dainis Graveris

Werden unsere Moralvorstellungen mitziehen, wenn die Technologie rund um die Reproduktionsmedizin die Natur irgendwann überholt hat? Hier trifft ein überspanntes Zukunftsszenario auf eine ethische Einschätzung.

2057 wird niemand mehr die natürliche Fruchtbarkeit brauchen. Auch mitten in Recklinghausen springt Technik jetzt weitgehend für die Natur ein und ist der Schöpfer, dem die Patient*innen im Ruhrgebiet vertrauen. Unter dem Motto „Kinder für alle” bekommen die Bürger*innen ein ausgereiftes und risiko- sowie nebenwirkungsfreies Komplettprogramm geboten – bestehend aus weltweit anerkannten künstlichen Eizellen über einen für Menschen einwandfrei funktionierenden künstlichen Uterus bis hin zur legalen und facettenreichen Genmodifikation an Embryos.

Im Jahr 2057 braucht niemand mehr natürliche Fruchtbarkeit: Unter dem Motto „Kinder für alle” werden Reproduktionstechnologien und Genmanipulationen im großen Stil gefördert. Bild: Nathan Dumlao

Ingenieurin Jona ist eine der Interessierten, die mit 37 Jahren langsam über Nachwuchs aus dem Labor nachdenkt. Die Entscheidung, letztendlich die In-Vitro-Version zu wählen, kam für sie instinktiv. Schwangere sieht man schließlich nur noch selten auf den Straßen in Nordrhein-Westfalen. Jona hat sich gemeinsam mit Ehemann Silas auf ein Kombi-Service geeinigt: Also eine Befruchtung mit künstlichen Eizellen, einer Schwangerschaft mit einem künstlichen Uterus und Genmodifikation. Während das heranwachsende Baby gut behütet in besten technologischen Händen ist, gibt es dadurch für die werdende Mutter absolut kein Risiko. Sie kann sich gemeinsam mit ihrem Mann bis Datum X zurücklehnen, entspannen und voller Vorfreude auf das Baby warten.

Sorgen macht sich Jona darum nicht, denn die Rate der Fehl- und Frühgeburten sind seit der Labor-Gebärmutter drastisch gesunken. Ähnlich sieht es bei Statistiken rund um gefährliche Krankheiten aus, die durch CRISPR/Cas weitgehend überwunden sind. Ein ausgereiftes Verfahren, mit der sich DNA gezielt schneiden und anschließend verändern lässt, um Gene nach Wunsch zu editieren. Die mittlerweile absolut sichere Methode hat in den letzten Jahren Türen geöffnet – für weitere Modifikationen, die man in vergangenen Jahrzehnten unter dem Begriff „Designerbaby” bereits befürchtet hatte.

Bevor Eltern ihren Nachwuchs in den Händen halten können, wird fleißig optimiert. Auch in Jonas Fall werden Ärzt*innen erst einmal den Stoffwechsel des Work-in-Progress-Babys anregen, ihm eine herausragende Sehkraft und eine hohe Intelligenz verleihen. Bei der Kosmetik fällt es von Auftrag zu Auftrag unterschiedlich aus – manche drehen an der Größe, wünschen sich für ihr Kind volles Haar, ausgeprägte Muskeln, eine Stupsnase oder eine ganz neue Hautfarbe. Da Jona und Silas große Fans von Wassersport sind, bekommt die Kleine definitiv Schwimmhäute verpasst. Die Tochter der beiden wird sich außerdem wie viele andere Kinder dank CRISPR/Cas über eine fast ewige Jugend freuen dürfen. Das biologische Altern hat sich um das Zehnfache verlangsamt. Inwiefern die Spezies Mensch und deren Erbgut von diesen Veränderungen langfristig beeinflusst wird, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass die modifizierten Gene der neuen Elite an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Missbrauch nicht ausgeschlossen. Totalitäre Regimes und Diktaturstaaten wittern bereits ihre Chance.

Dank CRISPR/Cas können Eltern jetzt ihren Nachwuchs selber “designen” und Erbkrankheiten ausschließen. Bild: Anirudh

Werden Moral und Technologie auf einen Nenner kommen?

Eine Vorstellung, die Bauchschmerzen macht, die aber möglich sein könnte. In welchem Ausmaß hängt davon ab, wie die ethischen Debatten in den nächsten Jahren ausfallen. Die Trendanalyse „Zukunft der Genetik: Von Designerbabies & dem Traum ewigen Lebens” von dem Think-Tank 2bAHEAD hebt hervor, dass Zukunftsforscher*innen die gezielte Nutzung von CRISPR/Cas sogar schon bis zum Jahr 2030 für höchstwahrscheinlich halten. Gut möglich, dass Menschen als Anpassungstiere bis dahin verändert haben, was sie einst als unethisch empfanden. Dass sie vielleicht sogar einfordern, die „Ungerechtigkeiten der Natur” auszugleichen und diese Vorsorge für ihr Baby leisten zu dürfen. Dass sie sich diesen Service gar nicht mehr verbieten lassen wollen, wenn es technisch möglich, ausgereift und sicher ist. Wie auch immer der Tenor in der Gesellschaft ist: Der Gesetzgeber wird mit dem unaufhaltbaren Fortschritt eine Pflicht haben, zu untersuchen, welche Änderungen zugelassen und welche verboten werden, findet Ethiker Prof. Dr. Nikolaus Knoepffler, Leiter des Lehrstuhls für Angewandte Ethik und des Ethikzentrums der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

„Es wird bei uns davon abhängen, wie Menschenwürde verstanden wird”, betont der Experte. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass diese zwar unantastbar ist, ihre Parameter aber verhandelbar sind. Im Februar 2020 hatte das Bundesverfassungsgericht zum Beispiel das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe aufgehoben. Prof. Dr. Knoepffler: „Und so kann es sein, dass man dann irgendwann ein Urteil haben wird, das sagt, Menschenwürde schließt auch das Recht ein, in der Reproduktion bestimmte Änderungen vorzunehmen.” Hier geht es in der fernen Zukunft besonders darum, Grenzen zu setzen, wo es rein technisch keine mehr gibt. Denn wenn durch den Einsatz von CRISPR/Cas bei Embryos Erbkrankheiten ausgeschaltet werden, wird die Akzeptanz in der Bevölkerung steigen – und somit womöglich auch der Wunsch, weitere Modifikationen zu erlauben.

Wie ethisch ist die Perfektion des Menschen durch Genmanipulation? Bild: Paul Hanaoka

„Eine Gesellschaft sollte sich sehr gut überlegen, ob man einen Menschen perfektionieren will – im Sinne von Eigenschaften, die er möglicherweise nicht hat. Zum Beispiel, wenn man das Auge so verändert, dass es im Dunkeln gut sehen kann”, sagt der Experte. Was zunächst banal klingen mag, kann durchaus einen großen Einfluss haben. Weil Veränderungen wie diese eine Schere zwischen „normalen” und genmanipulierten Kindern der neuen Elite bedeuten könnte. Spätestens wenn sich eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft andeutet, stellt sich die Frage, wie ethisch die Innovation eigentlich sein kann. Dann muss nämlich darüber gesprochen werden, was passiert, wenn die einen herausragende Fähigkeiten, ja sogar bessere Lebenschancen haben und wenn andere unter einem sozialen Druck stehen, weil sie diese genetische Optimierung für ihre Kinder nicht haben wollen.

Ob sich die Menschheit damit selbst neu erschafft? Prof. Dr. Knoepffler wünscht sich den Fokus der Diskussion eher auf dem Faktor Gesundheit: „Gentherapien – wenn diese sicher wären, halte ich sogar für moralisch geboten.” Er erklärt: „Es sollte eine klare Unterscheidung gelingen zwischen den Paaren, die wirklich eine sehr schwere Geschichte mit genetischen Änderungen in der Familie haben, die dazu führen, dass man Fehlgeburten oder schwere Erbkrankheiten hat. Diesen Paaren sollte man es wirklich erleichtern, wenn die Mittel vorhanden sind. Mit der Präimplantationsdiagnostik gibt es schon eine erste Möglichkeit. Aber wenn da Mittel vorhanden sind, die genetischen Anlagen zu reparieren, zu einem therapeutischen Einsatz zu kommen, der weitgehend sicher ist, würde ich sagen, sollte man das Gendiagnostikgesetz öffnen und erweitern.” Der Rest bleibt Spekulation, den auch Zukunftsforscher*innen noch nicht abschätzen können.

Was bleibt, ist die Vermutung, dass in der fernen Zukunft die Technologie Moralvorstellungen schneller überholen könnte, als die Debatte einheitliche Lösungen bringt. Dann wird die Herausforderung der Regierung darin liegen, sich von dem Thema trotz ethischer Uneinigkeiten, Sorgen oder Zweifel nicht einfach abzuwenden, sondern sich weiter aktiv zu beteiligen. Besonders, um illegale Forschungen hinter verschlossenen Türen zu vermeiden. Nur absolute Transparenz wird den Fortschritt in eine Richtung lenken können, mit dem sich die Gesamtheit anfreundet.

Zum Anfang Kindersegen oder Kinderlosigkeit: Der Wert der Fruchtbarkeit im Mittelalter
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Bild: Alicia Minkwitz
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