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Kompendium

Die Digitalisierung, das ständige Multitasking und die andauernde Reizüberflutung machen Konzentration zum raren Gut. Immer mehr Menschen versuchen daher, ihre kognitive Leistungsfähigkeit mit Medikamenten, illegalen Drogen oder natürlichen Substanzen wie Koffein oder Guaraná zu steigern. Doch wo führt uns Neuroenhancement zukünftig hin? Werden wir die Gene unserer Nachfahren so verändern, damit sie sich besser konzentrieren können?

Kompendium: Neuroenhancement

Lange bevor Energy Drinks, Kaffee oder Ritalin zum leistungssteigernden Repertoire gehörte, versuchte ein indigenes Volk im Amazonas seine Jagdausflüge mithilfe von Guaraná möglichst effizient zu gestalten.

Kompendium: Neuroenhancement

Im 19. Jahrhundert dominierte der Kaffee als leistungssteigerndes Getränk in Europa. Seine Wirkung befeuerte die Revolutionen des 18. Jahrhunderts und ermöglichte den Leistungsdruck der Industrialisierung.

Kompendium: Neuroenhancement

Ein Balanceakt zwischen Konsum pharmakologischer Medikamente und der Leistungssteigerung mithilfe natürlicher Mittel prägt das Neuroenhancement der Gegenwart.

Kompendium: Neuroenhancement

2040 boomt die Elektrostimulation als moderne Technologie für Neuroenhancement. Von Konzentrationsproblemen bis hin zu Prokrastination – jede kleine Unannehmlichkeit wird mit einigen Stromflüssen einfach wegoptimiert.

Kompendium: Neuroenhancement

2100 herrschen gemischte Gefühle gegenüber Neuroenhancement. Einige Teilnehmer*innen der Leistungsgesellschaft möchten aussteigen, andere verankern das kognitive Enhancement in der DNA – und passen die Leistungsfähigkeit des menschlichen Hirns so ein für allemal den äußeren Anforderungen an.

Kompendium: Neuroenhancement

Indigenes Gehirndoping durch Guaraná

Kompendium: Neuroenhancement

Indigenes Gehirndoping durch Guaraná

Bild: Matheus Manfredini

Lange bevor Energy Drinks, Kaffee oder Ritalin zum leistungssteigernden Repertoire einiger hoch motivierter Menschen gehörte, versuchte ein indigenes Volk im Amazonas seine Jagdausflüge mithilfe von Guaraná möglichst effizient zu gestalten. Die kleine rote Frucht verhalf ihnen zu mehr Konzentration, weniger Müdigkeit und nachlassendem Hunger – und fand bald auch ihren Weg nach Europa.

Die Luftfeuchtigkeit legt sich wie ein zweites Blätterkleid drückend über den Amazonas. Irgendwo zwischen dem Rio Tapajós und dem Rio Madeira ist eine Gruppe indigener Jäger seit mehr als 24 Stunden auf den Beinen. Bis der erste Europäer den tropischen Regenwald betreten, das Land für seins erklären und als solches ausbeuten wird, dauert es noch viele Jahrhunderte. Zwischen den riesigen Bäumen wimmelt es nur so von wilden Tieren, die es zu erlegen gilt. Doch der Bogen und das Blasrohr in den Händen der Jäger werden immer schwerer, die Konzentration lässt nach. Höchste Zeit für einen çapó, das koffeinhaltige Getränk des Sateré-Mawé Volks.

Eine Angehörige des Sateré-Mawé Volks mit einer Guaraná Frucht am Fluss Marau, 1978. Bild: Sônia Lorenz

Einer der Männer holt ein keulenförmiges Etwas hervor. Mit der getrockneten Zunge eines Pirarucu-Fisches schabt er daran herum und vermischt das herabrieselnde Pulver mit Wasser. Bevor die Schale mit dem fertigen Getränk reihum gereicht wird, nimmt er selbst ein paar kräftige Schlucke. Als das Behältnis zu ihm zurückkommt, ist es leer. Es dauert keine Stunde und die Jäger sind wieder bei Kräften. Ihre Konzentration so scharf wie die Waffen in ihren Händen.

Guaraná – kräftiger und länger wirkend als Kaffee

Erst im 20. Jahrhundert sahen sich Wissenschaftler*innen die rote Frucht der Guaraná-Pflanze, die die Sateré-Mawé bei ihrer Jagd so tatkräftig unterstützte, genauer an. Sie stellten fest: Sie enthält bis zu sechsmal so viel Koffein wie die Kaffeebohne. Die stimulierende Substanz aktiviert die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Kortisol – und wirkt dadurch anregend. Dank der vielen Gerbstoffe in Guaraná wird das Koffein jedoch langsamer als beim Kaffee aufgenommen. So hält die Wirkung länger an. Zudem dämpft die Substanz das Hungergefühl der Jäger, sodass sie auf ihren mehrtägigen Touren problemlos ausharren können.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts prägten Neurolog*innen schließlich einen Begriff für die Praxis des indigenen Volks: Neuroenhancement. Dabei handelt es sich um die Bemühung gesunder Menschen, ihre geistige Leistungsfähigkeit mithilfe psychoaktiver Substanzen zu steigern. Die Art des Bedürfnisses nach leistungssteigernden Mitteln hat sich zwar über die Jahrhunderte und je nach Zielgruppe verändert, doch bereits die Sateré-Mawé machten mit den Früchten der heimischen Pflanze genau das: Sie optimierten ihre kognitiven Fähigkeiten, um ihr ökonomisches Potenzial zu steigern.

Der Legende nach wurde Guaraná aus den Augen eines toten Kindes, Curumim, geboren. Bild: Raquel Cunha

Das belebende Auge des Amazonas

Die Sateré-Mawé bezeichnen die roten Früchte, die die Guaraná-Liane schmücken, liebevoll als warana – also als Augen der Götter oder Augen des Amazonas. Laut einer Legende des südamerikanischen Volkes erwuchs die Pflanze aus dem Auge eines ermordeten Kindes. Und tatsächlich erinnert die Frucht der Pflanze mit ihrem weißen Fleisch und schwarzen Samen an ein menschliches Auge. Neben der stimulierenden Wirkung nutzte das indigene Volk die Frucht schon damals auch für die Behandlung von Krankheiten wie Durchfall oder Fieber. Zudem spielt das gewonnene Pulver noch heute eine wichtige spirituelle Rolle und kommt bei vielen Riten in Form des Getränks çapó zum Einsatz.

Dazu werden die geernteten Guaraná-Samen zunächst getrocknet und gemahlen, um sie dann mit Wasser anzureichern. Wegen seines bitteren Geschmacks süßen einige das Getränk mit Honig. Für die Jagd bereiten die Mitglieder der Sateré-Mawé den sogenannten Bastão, eine Guaraná-Stange, zu. Hierfür wird das hergestellte Pulver ganz einfach mit Wasser und Maniokstärke zu einer Paste vermischt. Wenn diese zu einem keulenförmigen Bastão gehärtet ist, kann sie mithilfe einer getrockneten Fischzunge oder eines Steins jederzeit wieder zu Pulver zermahlen werden. So begleitet sie die Jäger während der Jagd als treuer Muntermacher.

Vom indigenen Gebräu des Mittelalters zum trendigen Energy Drink der Gegenwart

Der luxemburgische Jesuit João Felipe Bettendorff kam im 17. Jahrhundert in den Amazonas, um die indigenen Völker vor Ort zu missionieren. Auf seiner Reise traf er auf die Sateré-Mawé und erwähnte die Guaraná-Frucht erstmals schriftlich. So beschrieb er die Zubereitung eines Bastão, das das indigene Volk „so schätzt wie die Weißen das Gold“. Auch später sprachen portugiesische Kolonialisten von Guaraná als wertvollstes Gut der Sateré-Mawé, das auch als Zahlungsmittel diente.

Guaraná ist ein extrem wertvolles Gut in der Kultur der Sateré-Mawé, das sogar als Zahlungsmittel dient. Bild: James Martins

So fand das Auge des Amazonas im Gewand einer roten Frucht im 19. Jahrhundert seinen Weg nach Europa. Hier erkannten schließlich Wissenschaftler*innen die medizinische Wirkung der psychotropen Substanz. Auch der leistungsfördernde Effekt der Frucht wurde bald entdeckt und im 21. Jahrhundert ist Guaraná buchstäblich in aller Munde – ob als Nahrungsergänzungsmittel in einem der zahlreichen stimulierenden Energy Drinks oder als belebendes Mundspray. Besonders in Brasilien zählen Guaraná-Getränke zu den beliebtesten Soft Drinks. In europäischen Ländern machen sie dem exzessiven Kaffee-Konsum dagegen vorerst keine Konkurrenz. Das mag an ihrer sanfteren Wirkung liegen – wo Kaffee am Morgen für den schnellen Koffein-Kick sorgt, entfaltet Guaraná seinen Effekt eher nach und nach. Zudem bietet das Aufbrühen des Kaffees am Morgen ein beständiges, entschleunigendes Ritual, das das Öffnen eines Energy oder Soft Drinks nicht befriedigend ersetzen kann.

Guaraná ist heute in Brasilien das beliebteste Softgetränk. Bild: Hdur

Dennoch bestücken Guaraná-Getränke heute auch in Europa und den USA jeden größeren Supermarkt. Und die Sateré-Mawé profitieren vom globalen Hype: 2020 wurde ihnen als erstes indigenes Volk eine brasilianische Ursprungsbezeichnung verliehen. Sie ehrt die besondere Verbindung zwischen der roten Frucht und der Region der Sateré-Mawé. Im Gegensatz zu anderen Gegenden Brasiliens verkaufen sie vergleichsweise wenig. Doch einige Hersteller wissen die Qualität ihres Guaranás besonders zu schätzen und beziehen die Frucht daher lediglich von ihrem Volk. So schenkt das begehrte Auge des Amazonas den Sateré-Mawé noch heute eine gewisse finanzielle Autonomie.

Weiterlesen Geschichte des Kaffees – vom Luxusgetränk des Adels zum Schmiermittel des Proletariats
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Kompendium: Neuroenhancement

Geschichte des Kaffees – vom Luxusgetränk des Adels zum Schmiermittel des Proletariats

Kompendium: Neuroenhancement

Geschichte des Kaffees – vom Luxusgetränk des Adels zum Schmiermittel des Proletariats

Bild: Künstler unbekannt, inspiriert von "Turkish Girl Drinking Coffee on Diwan, Jean-Baptiste Haussard

Im 19. Jahrhundert dominierte der Kaffee als leistungssteigerndes Getränk in Europa. Je nach Zubereitungsart reichte sein Farbton von hellbraun bis hin zu tiefschwarz. Seine Wirkung befeuerte die Revolutionen des 18. Jahrhunderts und ermöglichte den Leistungsdruck der Industrialisierung.

Laut einer äthiopischen Legende entdeckte ein Hirte die Kaffeebohne im 9. Jahrhundert, als er die unermüdliche Energie seiner Ziegen bestaunte, die von den Bohnen genascht hatten. Die schwarze Bohne geriet vermutlich im Rahmen des Sklavenhandels nach Jemen, wo ab dem 14. Jahrhundert erste Kaffeeplantagen entstanden. In Arabien entsprang auch der Begriff Kaffee, der auf dem arabischen Kahwe für Lebenskraft basiert.

Ein Augsburger Mediziner brachte im späten 16. Jahrhundert erstmals Kaffee von seiner Reise durch den Vorderen Orient nach Europa. Ab dem 17. Jahrhundert importierten europäische Händler Kaffee als Kolonialware im großen Stil. Die niederländischen und portugiesischen Kolonialmächte verbreiteten den Kaffee schließlich noch weiter, indem sie Plantagen in Südamerika und Süd- sowie Südostasien errichten ließen. Abnehmer der kostbaren Bohnen fanden sie in Europa zunächst besonders beim Adel. Denn die schwarze Brühe galt damals als absolutes Luxusgetränk. Ein halbes Kilo Kaffee kostete damals umgerechnet etwa 500 Euro, – eine 200 Milliliter Tasse war also gut 12 Euro wert.

Kaffee galt zunächst als absolutes Luxusgetränk der Elite. Ein halbes Kilo kostete damals umgerechnet etwa 500 Euro, – eine 200 Milliliter Tasse war also gut 12 Euro wert. Bild: “Le Dejeuner” von François Boucher, 1739, Public Domain.

Kaffeehäuser – die europäischen Refugien der Revolutionäre

Doch schon bald eröffneten die ersten Kaffeehäuser in Venedig, London, Wien oder Berlin. Hier trafen sich Journalisten, Künstler und Schriftsteller, schlürften Kaffee und führten angeregte Diskussionen. Von der belebenden Wirkung der Kaffeebohne erfasst, entstand beispielsweise im Jahre 1751 die Enzyklopädie der Aufklärer. Mithilfe von Wissen und Bildung wandten sich die beiden Autoren Jean le Rond d’Alembert und Denis Diderot darin von religiöser und monarchischer Irreführung ab.

Die Kaffeehäuser gingen in ihrer Funktion als Refugien für demokratische Gedanken und monarchiekritische Gespräche voll auf. Der Kaffee schwächte die Müdigkeit, schärfte die Sinne und steigerte die Konzentration der Aufständischen. Die Zusammenkünfte im Kaffeehaus in Paris führten 1789 gar zu einer der ersten Menschenrechtserklärung Europas, die noch im selben Jahr die Französische Revolution entfachte. Und auch in den Vereinigten Staaten gilt das schwarze Getränk als treibende Kraft revolutionärer Bewegungen. So zählt die Boston Tea Party, während derer US-Amerikaner 1773 britischen Tee im Meer versenkten und Kaffee zum neuen Nationalgetränk erklärten, als Vorbote für die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776.

Ökonomische Interessen gewährten erstmals Arbeiter*innen Zugang zum Kaffee

Wenig später wandelte sich Kaffee zum Schmiermittel der Industrialisierung. Nachdem der Franzose Denis Papin 1690 in Frankreich den ersten Prototyp einer Dampfmaschine entwickelt hatte und diese im 19. Jahrhundert immer neue Verwendung fand, änderten sich die Arbeitsbedingungen des Proletariats grundlegend. Plötzlich mussten die Arbeiter*innen ihr Tempo an das der Maschinen anpassen, die fortan die Webereien sowie die Gewinnung von Kohle, Eisen und Stahl als auch den Transport von Waren prägten. Die Bevölkerung arbeitete rund um die Uhr. Die monotone und körperliche Natur der Tätigkeit ermüdete sie häufig.

Schon bald eröffneten erste Kaffeehäuser in ganz Europa, wo sich die Elite traf. Postkarte eines Kaffeehauses, Hauts-de-Seine, Autor und Datum unbekannt, License Ouverte 1.0.

Die Zeit des gesunden Schlafes war damit vorbei. Als sich in England immer häufiger Arbeiter*innen in den Fabriken verletzten oder starben, erkannten die Fabrikbesitzer das große Potenzial des Kaffees: Mit unterdrückter Müdigkeit, gestilltem Hunger und gesteigerter Konzentration ließ es sich leistungsstärker arbeiten. Zum Ende des 19. Jahrhunderts führte diese gewinnbringende Erkenntnis dazu, dass immer mehr Kaffeeküchen in den Fabriken errichtet wurden.

Koffein als treibender Motor des Kapitalismus

Johann Wolfgang von Goethe ermunterte im 19. Jahrhundert den Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge, die Kaffeebohne näher zu untersuchen. Runge entdeckte die psychotrope Substanz Koffein, die die Arbeiter*innen des Hochkapitalismus zur geforderten Leistung befähigte. So versorgten die versklavten Menschen auf den südamerikanischen Kaffeeplantagen das Proletariat in Europa mit genügend Antrieb in Form von Kaffee, mit dem sie die langen Arbeitstage bewältigen konnten. Anders als in der Guaraná-Frucht verfügt Kaffee über weniger Gerbstoffe. Zudem ist das Koffein im Kaffee nicht so stark an die vorhandenen Gerbstoffe gebunden, – so tritt der energetisierende Effekt schneller ein, wirkt kürzer und kann stärkere Nebenwirkungen wie Herzrasen, Kopfschmerzen oder Nervosität hervorrufen.

Arbeiter bei einer Kaffeepause im Matilda II Tank, Großbritannien, 1942. Imperial War Museums London, Public Domain.

So verlagerte sich mit der Industrialisierung der Blick auf das beliebte Koffein-Getränk – aus einem Luxusprodukt für die Eliten wurde ein Schmiermittel für die Massen. Anstelle des genüsslichen Konsums Intellektueller in den Kaffeehäusern trat eine ökonomische Kalkulation der Fabrikbesitzer, die abwogen: Ist es wirtschaftlich rentabler, Verletzungen der müden und unkonzentrierten Arbeiter*innen in Kauf zu nehmen oder ihnen Kaffee zu brauen? Der Leistungsgedanke des Kapitalismus gewann schließlich und treibt seither Bürger*innen aller Schichten mit der Kaffeetasse in der Hand durch den Arbeitsalltag. Für 2022 prognostiziert die Online-Plattform Statista allein in Deutschland einen Umsatz der Kaffee-Branche von 20 Milliarden Euro.

Weiterlesen Ritalin für Studis, Betablocker fürs Management: Neurodoping im 21. Jahrhundert
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Kompendium: Neuroenhancement

Ritalin für Studis, Betablocker fürs Management: Neurodoping im 21. Jahrhundert

Kompendium: Neuroenhancement

Ritalin für Studis, Betablocker fürs Management: Neurodoping im 21. Jahrhundert

Bild: Markus Spiske

Ein Balanceakt zwischen illegalem Konsum pharmakologischer Medikamente und der Leistungssteigerung mithilfe natürlicher Mittel prägt das Neuroenhancement der Gegenwart.

Im 21. Jahrhundert sind der kapitalistische Leistungsdruck und die digitale Reizüberflutung in westlichen Gesellschaften aktueller denn je. Wo Arbeiter*innen während der Industrialisierung ihren Geist für körperliche Arbeit fit machten, streben heute viele nach einer rein kognitiven Leistungssteigerung. Denn die Fähigkeit, sich ausreichend zu konzentrieren, ist aufgrund des ständigen Multitaskings der Digitalisierung rar geworden. Studien zeigen: Selbst, wenn gerade keine (relevanten) Nachrichten reinkommen, sind wir durch die unzähligen Möglichkeiten einer digitalen Benachrichtigung dauerhaft in Alarmbereitschaft – und die wirkt sich negativ auf unsere Konzentration aus. Das Gehirn scheitert an den Anforderungen des Kapitalismus in Zeiten der Digitalisierung. Doch für die meisten ist ihre kognitive Leistungsfähigkeit überlebenswichtig.

Zu Beginn der Corona-Pandemie begaben sich zudem viele Schüler*innen, Studierende und Arbeitnehmer*innen ins Homeoffice – Arbeits-, Schlaf- und Wohnzimmer gelten seither nicht länger als getrennte Räume. Die Informationen aus dem persönlichen, sozialen und dem Arbeitsleben fließen nahtlos ineinander über. An die Stelle persönlicher Interaktion treten digitale Meetings, während derer es sich in parallel geöffneten Tabs prima weiterarbeiten lässt. Die Synthese der verschiedenen Lebenssphären macht das fokussierte Arbeiten immer schwerer. Ablenkung ist an der Tagesordnung. Zugleich steht für viele Arbeitnehmer*innen ihr Arbeitsplatz, für einige Unternehmer*innen ihre Existenz auf dem Spiel. So wird die erbrachte Leistung einmal mehr zur ökonomischen Währung – und erhebt Konzentration zum essenziellen Gut.

An Stelle persönlicher Interaktion traten  waährend der Pandemie digitale Meetings, während derer es sich in parallel geöffneten Tabs prima weiterarbeiten lässt. Die Synthese der verschiedenen Lebenssphären macht das fokussierte Arbeiten immer schwerer – Ablenkung ist an der Tagesordnung. Bild: Thats her Business

Pharmakologische Medikamente eröffnen neue Möglichkeiten des Gehirndopings

Einige gestresste Persönlichkeiten unter Leistungsdruck helfen ihrer geistigen Kapazität heutzutage mit pharmakologischen Medikamenten auf die Sprünge. Mitte des 20. Jahrhunderts kam eine Reihe solcher Mittel auf den Markt. Sie wurden für die Behandlung neurologischer Erkrankungen entwickelt – und scheinen mit ihren Zielsetzungen den Kern des Gehirndopings zu treffen. So greifen einige hochrangige Manager*innen vor wichtigen Meetings zu Betablockern, um ihre Nervosität zu beruhigen. Diese wirken dank der Substanz Metoprolol, die bei Bluthochdruck oder Herzerkrankungen helfen soll. Andere steigern ihre Gedächtnisleistung mit Antidementiva, die sie sich illegal oder mit einem Rezept von Ärzt*innen, die für ihr lockeres Rezeptheft bekannt sind, besorgen.

Als Spitzenreiter beim pharmakologischen Gehirndoping gilt jedoch der Wirkstoff Methylphenidat, der in Deutschland unter dem Markennamen Ritalin bekannt ist. Das Medikament erschien 1954 auf dem deutschsprachigen Markt und kommt besonders Menschen mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS zugute. Methylphenidat ist mit den Amphetaminen verwandt. Die psychostimulierende Substanz hemmt die Wiederaufnahme des Botenstoffs Dopamin. Das Hormon kann zeitweise nicht zurück in die Ursprungszelle gelangen – und wirkt dadurch länger. Damit erfüllt es die Anforderungen an ein effizientes Mittel für’s Neuroenhancement: Das Bedürfnis nach Schlaf und Nahrung wird schwächer, ablenkende Impulse lassen nach, die Konzentration nimmt zu. Völlig fokussiert können sich die Konsumierenden nun ihren Aufgaben widmen.

Vor allem für viele Studierende ist Ritalin das leistungssteigernde Mittel der Wahl. Laut einer Studie von 2013 baut jeder fünfte Studierende in Deutschland auf verschreibungspflichtige Medikamente oder illegale Drogen. Der Ritalinkonsum in Deutschland steigt derweil stetig an. Quelle: Statista

Einige Studiengänge setzen diese Konzentration voraus

Vor allem für viele Studierende ist Ritalin das leistungssteigernde Mittel der Wahl. Laut einer Studie von 2013 baut jeder fünfte Studierende in Deutschland auf verschreibungspflichtige Medikamente oder illegale Drogen. Wie hoch der missbräuchliche Konsum speziell von Ritalin ausfällt, ist bisher unklar. Je nach Region und Verkäufer*in variieren die Straßenpreise für eine 30-Milligramm-Pille von einem bis zu zehn Euro. Da das Medikament Kreativität hemmt, kommt es insbesondere fürs strikte Auswendiglernen infrage. Damit können Studierende stundenlang durcharbeiten.

Und einige Studiengänge verlangen ihnen eben diese Leistung ab. So setzt etwa das Jurastudium spätestens mit dem Staatsexamen hohe kognitive Leistungen voraus. Das Ranking der Studierenden, die Neuroenhancement am häufigsten verwenden, spiegelt diesen Druck wider: 19,6 Prozent der dopenden Personen sind Student*innen der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Sie besetzen damit den dritten Platz. Darüber liegen mit 21,7 Prozent dopender Studierender die Kultur- und mit 25,4 Prozent die Sportwissenschaften. Letzteren Spitzenreiter erklären die Autor*innen der Studie mit der Wirkung sportlicher Nahrungsergänzungsmittel als Einstiegsdroge, die zum späteren Konsum illegaler Substanzen verleitet. Für den zweiten Platz der Kulturwissenschaften fanden die Autor*innen keine Begründung.

Für viele Studierende ist Ritalin die Alternative zum Burnout. 19,6 Prozent der dopenden Personen sind Student*innen der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Bild: Tony Tran

Die gefährliche Wirtschaftlichkeit von Neuroenhancement

Bei Berufstätigen fällt der Prozentsatz des leistungssteigernden Medikamentenmissbrauchs weit niedriger aus: Gut zwei Prozent setzen laut einer DAK-Analyse im Arbeitsalltag auf illegale Drogen oder pharmakologische Medikamente, die für die Gesundheit nicht nötig wären. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Die Risiken des Missbrauchs, die je nach Substanz von Herzrhythmusstörungen bis hin zu Organschäden reichen, scheinen die Betroffenen nicht abzuhalten. Das Bedürfnis nach übermenschlichen Leistungen ist größer. Denn Neurodoping rentiert sich zunächst – wer sein Studium schnell und gut abschließt, macht weniger Schulden und verdient schneller mehr Geld. Und wer im Arbeitsleben schneller und besser abliefert, wird womöglich befördert und bekommt eine Gehaltserhöhung.

Im Gegensatz zur Industrialisierung dient das Neurodoping nicht mehr lediglich dem Durchhalten. Es soll die Karriere der leistungssteigernden Personen stattdessen gezielt voranbringen. Doch die übermenschliche Leistung, die Dopende durch pharmakologische Medikamente erzielen, kann zum Verhängnis werden. Die durch Psychostimulanzien erreichten Leistungen avancieren zum neuen Standard. Das bringt Kolleg*innen und früher oder später auch die dopende Person selbst in Bedrängnis. Leistungssteigernde Mittel werden unumgänglich, um langfristig auf demselben Niveau abzuliefern. Gleichzeitig geraten andere Bedürfnisse wie Schlaf oder soziale Interaktion immer weiter in den Hintergrund, – was neben der physischen Gesundheit auf lange Sicht auch die psychische beeinträchtigt.

Bei Berufstätigen fällt der Prozentsatz des leistungssteigernden Medikamentenmissbrauchs niedriger aus, als bei Studierenden: Gut zwei Prozent setzen laut einer DAK-Analyse im Arbeitsalltag auf illegale Drogen oder pharmakologische Medikamente, die für die Gesundheit nicht nötig wären. Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Bild: Campaign Creators

Natürliche Adaptogene als Alternativen zu pharmakologischen Substanzen

Häufig beschränken sich wissenschaftliche Betrachtungen zum Neuroenhancement auf den Missbrauch pharmakologischer Medikamente und illegaler Substanzen. Die Mehrheit der europäischen Bevölkerung verzichtet jedoch darauf – und versucht dennoch, dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungsdruck standzuhalten. Dafür suchen viele nach natürlichen Alternativen. Besonders die sogenannten Adaptogene erfahren in den letzten Jahren einen Aufschwung. Während der Markt laut Global Market Insights Inc. 2020 auf 8,5 Milliarden US-Dollar geschätzt wurde, soll sein Wert bis 2027 auf etwa 14 Milliarden US-Dollar ansteigen.

Der sowjetische Pharmakologe Nikolai Wassiljewitsch Lasarew verwendete den Begriff Adaptogene erstmals, als er 1947 die stressreduzierende Wirkung aktiver Pflanzenstoffe entdeckte. Er war während des Zweiten Weltkriegs beauftragt worden, ein leistungssteigerndes Mittel zu finden, mit dem Piloten länger und besser fliegen können. Unter dem Ausdruck Adaptogene fasste er schließlich einige Kräuter, Wurzeln und Pilze zusammen, die die Produktion von Stresshormonen regulieren und so die Stressresistenz steigern. Dabei haben Adaptogene im Gegensatz zu anderen gängigen Stimulanzien geringe bis keine Nebenwirkungen und führen weder zu einer Abhängigkeit noch zu einer Toleranz.

Die Kraft des eigenen Körpers kann bei vielen Achtsamkeit und Konzentration stärken. Bild: Le Minh Phuong

Auch Kraft ihres eigenen Körpers steigern viele ihre Achtsamkeit und Konzentration. Dazu soll beispielsweise die Wechselatmung aus dem Yoga verhelfen, bei der abwechselnd durch das rechte und linke Nasenloch eingeatmet wird. Die Methode verspricht innere Ruhe und Konzentration. Doch schon ein achtsames, tiefes Atmen durch die Nase kann die Hirnleistung laut Studien verbessern. Derweil wirkt Meditation nachweislich stressmindernd. Während weder Atemtechniken noch Meditationen unter die klassische Definition des Neuroenhancements fallen, erzielen sie dennoch den gleichen Effekt und kommen ohne unangenehme Nebenwirkungen aus. Zugleich zeigen sie deutlich: Ritalin und Co. müssen nicht sein. Mit natürlichen Methoden kommen leistungssteigernde Beschäftigte auf lange Sicht weiter, ohne ihre Gesundheit zu boykottieren.

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Elektrostimulation fürs Gehirn als Doping für die grauen Zellen

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Elektrostimulation fürs Gehirn als Doping für die grauen Zellen

Bild: Otto Olavinen/Northbay Oy

2040 boomt die Elektrostimulation als moderne Technologie für Neuroenhancement. Immer mehr gesunde Menschen lassen viel Geld in Privatpraxen oder basteln sich ein Gerät für Zuhause. Von Konzentrationsproblemen bis hin zu Prokrastination – jede kleine Unannehmlichkeit wird mit einigen Stromflüssen einfach wegoptimiert.

Seit Covid-19 die Welt zum Stillstand brachte, sind zwanzig Jahre vergangen. Angestellte wandeln zwischen Homeoffice und Bürogebäuden, deren Computer hochautomatisch die gearbeiteten Stunden und deren Effizienz verrechnen. Große Unternehmen setzen mehr denn je auf Anreize wie Wellness-Angebote und gesunde Mahlzeiten, um die Arbeitnehmer*innen ins Büro zu locken. Vor Ort stehen leistungssteigernde Mittel en masse bereit – von Matcha Latte über Kaffee bis hin zu Energy Drinks und Guaraná-Dragees. Denn neben dem Bedürfnis der Arbeitnehmer*innen, mehr Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen, sind auch die Leistungsanforderungen über die Jahre erhalten geblieben.

Im Jahr 2040 haben ArbeitnehmerInnen keine Zeit mehr für Aufmerksamkeitsprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten. Elektrosimulation für das Gehirn soll Abhilfe schaffen. Bild: Brain Art Contest, Ars Electronica, Betty Lee, Creative Commons.

Für einige gestresste Beschäftigte hat das Homeoffice dieser Tage jedoch einen ganz besonderen Vorteil: Hier können sie das Mittagstief nach dem Lunch ganz einfach umgehen, indem sie ihre grauen Zellen rasch mit einem transkraniellen Gleichstromstimulator (tDCS) anregen. Selbstgebastelt, versteht sich. Denn mit 395 Euro liegt die günstigste Ausführung des At Home Brain Boosters noch immer im hohen Preissegment. Mit Einzelteilen aus dem Elektrofachgeschäft und einer Bauanleitung aus dem Internet sparen Interessierte viel Geld. So wird das handliche Gerät mit seinen bunt verpackten Elektroden bald zum absoluten Must-have. Vor jedem Meeting, bei der kleinsten Unaufmerksamkeit oder ersten Anzeichen von Prokrastination werden die blauen und roten Rechtecke am Kopf in Position gebracht – und schon lässt es sich eine weitere Stunde hoch konzentriert arbeiten. Wer hat 2040 schon Zeit für Aufmerksamkeitsprobleme und unplanmäßige Pausen?

Transkranielle Magnetstimulation in Privatpraxen – ein Privileg der reichen Oberschicht

Die wohlsituierte Oberschicht, der aufgrund ihres monetären Vorteils ohnehin bessere Bildungs- und Karrierechancen zugutekommen, gönnt sich mühelos einen Besuch beim Profi. Dort wird sie anstelle von transkranieller Gleichstromstimulation mit der etwas wirkungsvolleren transkraniellen Magnetstimulation (TMS) behandelt. Im Vergleich zur tDCS ist das Gerät für TMS weitaus größer, Geräte für den häuslichen Gebrauch existieren daher auch 2040 noch nicht. Bereits seit Mitte der 2030er-Jahre bieten Privatpraxen TMS-Behandlungen auch für gesunde Interessenten an. Bei behaglicher Spa-Atmosphäre holen sich die Wohlhabenden hier zu horrenden Summen ihre Magnetstimulation ab – und erweitern so den ökonomischen Vorteil, den sie gegenüber Geringverdienenden ohnehin haben.

Sowohl bei der tDCS als auch bei der TMS handelt es sich um nichtinvasive, schmerzfreie Methoden zur Elektrostimulation des Gehirns. Während TMS mithilfe einer Kupferdrahtspule und einem Kondensator ein Magnetfeld auslöst, das dem Gehirn kleine Stromflüsse induziert, leitet tDCS mithilfe von Elektroden Strom durch die Schädeldecke zum Gehirn. Bild: Baburov, Creative Commons.

Die Funktion der tDCS und TMS

Sowohl bei der tDCS als auch bei der TMS handelt es sich um nichtinvasive, schmerzfreie Methoden zur Elektrostimulation des Gehirns. Während TMS mithilfe einer Kupferdrahtspule und einem Kondensator ein Magnetfeld auslöst, das dem Gehirn kleine Stromflüsse induziert, leitet tDCS mithilfe von Elektroden Strom durch die Schädeldecke zum Gehirn. Dort verändert es die Erregbarkeit der Nervenzellen. Beide Technologien können so etwa Schmerzpatient*innen oder Menschen mit schwerer Depression helfen, deren Hirnaktivität aufgrund ihrer Erkrankung aus dem Gleichgewicht geraten ist. Im Vergleich zur tDCS ist TMS etwas wirkmächtiger – sie regt mit jedem Puls das Gehirn an.

TMS diente in den 80er-Jahren zunächst als diagnostisches Instrument. Sie wurde eingesetzt, um den Zustand des motorischen Systems eines Menschen beispielsweise nach einem Schlaganfall zu beurteilen. Zu Beginn der 90er-Jahre entdeckten Wissenschaftler*innen dann eine andere Funktion der Magnetstimulation. Sie begannen, Patient*innen intentional mit wiederholten TMS-Pulsen zu stimulieren. „Repetitive TMS-Protokolle wurden entwickelt und werden aktuell in der Klinik eingesetzt, um auch langanhaltend die Erregbarkeit des Gehirns zu verändern“, sagt Ulf Ziemann, der ärztliche Direktor der Abteilung Neurologie am Universitätsklinikum Tübingen.

„Repetitive TMS-Protokolle wurden entwickelt und werden aktuell in der Klinik eingesetzt, um auch langanhaltend die Erregbarkeit des Gehirns zu verändern“, sagt Ulf Ziemann, der ärztliche Direktor der Abteilung Neurologie am Universitätsklinikum Tübingen. Prof. Dr. Ulf Ziemann

In Deutschland gibt es aktuell keine offizielle Zulassung für die Technologie im therapeutischen Einsatz – und dadurch auch keine Vergütung durch die Krankenkassen. Das hält Ziemann für unangemessen. „Aufgrund der breiten Evidenzlage für die Wirksamkeit der TMS sehe ich das als rückständig an“, so der Neurologe. Er prognostiziert zudem einen weit größeren Einsatzbereich der TMS als bisher bekannt. „Wir gehen davon aus, dass jede neurologische oder psychiatrische Erkrankung, bei der eine Funktionsstörung eines Netzwerkes im Gehirn vorliegt, mit TMS behandelt werden kann. Und das ist im Grunde fast jede zentralnervöse, neurologische oder psychiatrische Erkrankung“, teilt Ziemann mit.

Stromflüsse für mehr Konzentration

Die Vorstellung eines Neuroenhancements durch Stromflüsse im Hirn mag absurd klingen, ist aber längst Realität im Jahr 2022. Schon in der Vergangenheit wurde häufiger auf die potenziell leistungssteigernde Wirkung von tDCS hingewiesen. Bei Untersuchungen kamen Wissenschaftler*innen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Einige bestätigten die kognitive Leistungssteigerung, andere konnten keine Veränderungen bei ihren Proband*innen feststellen. Doch manchen leistungsorientierten Personen genügen die positiven Befunde. So fluten Anleitungen zum Bauen eines tDCS-Geräts und Erfahrungsberichte von Do-it-Yourself-Begeisterten das Internet.

TMS und tDCS scheinen eine nachhaltige Lösung für ein prävalentes Problem zu bieten: Sie versprechen eine Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit. So wird TMS schon heute auch mit Neuroenhancement in Verbindung gebracht. Die Konnotation ergibt sich wohl aus einigen der Anwendungsgebiete. Schließlich verhilft es unter anderem Menschen mit ADHS zu mehr Aufmerksamkeit und Legastheniker*innen zu besserer Lesefähigkeit. Doping-affine Personen scheinen zu hoffen, dass die Technologie, die Patient*innen mit neurologischen Störungen hilft, auch ihre Leistungsfähigkeit steigert. Nebenwirkungen hin oder her.

Die Vorstellung eines Neuroenhancements durch Stromflüsse im Hirn mag absurd klingen, ist aber längst Realität im Jahr 2022. Schon in der Vergangenheit wurde häufiger auf die potenziell leistungssteigernde Wirkung von tDCS hingewiesen. Bild: Technophant, Creative Commons.

Die Magnetstimulation wird zukünftig weiter auf individuelle Bedürfnisse angepasst

Neurologe Ziemann rät gesunden Menschen jedoch von der Nutzung von TMS und tDCS ab, – insbesondere ohne ärztliche Betreuung. „Die Netzwerke gesunder Menschen funktionieren in der Regel schon nahe am Optimum. Insoweit kann eine Stimulation wahrscheinlich ohnehin keinen besonderen Erfolg versprechen“, erklärt er. Dennoch rechnet er der transkraniellen Magnetstimulation eine verheißungsvolle Zukunft aus. Laut Ziemann ist die Universitätsklinik Tübingen schon heute weltweit führend mit der Weiterentwicklung der Technologie beschäftigt. Schon bald soll TMS demnach in der Lage sein, die Veränderung des Gehirns bereits während der Stimulation in Echtzeit zu messen und die Behandlung so zu optimieren. „Mit dieser ‘Closed-Loop’ Strategie können wir bei jedem Patienten ein hochindividualisiertes Stimulationsprotokoll entwickeln, das optimal für den Therapieerfolg ist“, sagt Ziemann.

Seine Zukunftsvision macht TMS für neurologisch oder psychiatrisch erkrankte Patient*innen noch vielversprechender – und öffnet zugleich kleine Türen der Hoffnung für all diejenigen, die genug von temporärer Stimulation durch Kaffee, Guaraná oder pharmakologische Medikamente haben. Denn wieso sollte sich das vollautomatische Stimulationsprotokoll nicht auch flexibel an das Gehirn neurologisch und psychiatrisch gesunder Menschen anpassen? So machen es sich gestresste Manager*innen und Unternehmer*innen 2040 in einem gepolsterten Stuhl bequem, lassen sich von ruhiger klassischer Musik beschallen und verschwinden unter einem hochmodernen Helm mit Kupferdrahtspulen. Nur, um eine Stunde später erholt und ein Stück leistungsfähiger unter ihm hervorzukommen.

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Kompendium: Neuroenhancement

Neue Gene für mehr Konzentration – die Zukunft des Neuroenhancements

Kompendium: Neuroenhancement

Neue Gene für mehr Konzentration – die Zukunft des Neuroenhancements

Bild: David Matos

2100 herrschen gemischte Gefühle gegenüber Neuroenhancement. Einige Teilnehmer*innen der Leistungsgesellschaft möchten aussteigen, andere verankern das kognitive Enhancement in der DNA und passen die Leistungsfähigkeit des menschlichen Hirns so ein für alle Mal den äußeren Anforderungen an.

Hölzerne Bauklötze, die sanft aneinanderstoßen, das dumpfe Kritzeln von blauem Kugelschreiber auf Papier, das leise Wispern hoher Kinderstimmen. Im IQ-Kindergarten herrscht wie üblich konzentrierte Stille. Auf dem Boden sitzt rund ein Dutzend Zwei- bis Fünf-Jähriger. Sobald sie an diesem Montagmorgen aus dem Flur der Pränataldiagnostik durch die gläserne Eingangstür getreten sind, hatten sie sich nach einigen Grußworten an die Arbeit begeben. Vor den Augen der betreuenden Neurolog*innen und Kindheitspädagog*innen entstehen seitdem hochkomplexe architektonische Bauten aus bunten Bauklötzen. An einer Tischgruppe haben drei Kinder die Köpfe zusammengesteckt. Sie grübeln über einer mathematischen Formel, die sie an ihre Grenzen bringt. Doch keines der Kinder wird ungeduldig, beschwert sich oder möchte aufhören. Ganz im Gegenteil: Sie haben sich das Rechnen selbst ausgesucht.

Hölzerne Bauklötze, die sanft aneinanderstoßen, das dumpfe Kritzeln von blauem Kugelschreiber auf Papier, das leise Wispern hoher Kinderstimmen. Im IQ-Kindergarten herrscht wie üblich konzentrierte Stille. Bild: Michal Parzuchowski

Gegen Mittag meldet sich ein Erzieher zu Wort. Das Essen ist fertig. Begleitet von ruhigen Unterhaltungen begeben sich die Kinder zu Tisch. Ein dampfender Topf offenbart frisches Gemüse mit Reis. Eine Neurologin zieht sich mit ihrem Klemmbrett zurück. Um zu ihrem Büro zu gelangen, muss sie quer durch die Pränataldiagnostik zum neurologischen Flügel. Auf dem Weg beobachtet sie das übliche Tagesgeschehen: Schwangere schieben ihre kugelrunden Bäuche langsam Richtung Anmeldung, hinter einer offenen Tür diskutieren Biotechnolog*innen hitzig, einige Kinder warten mucksmäuschenstill auf ihre Untersuchung. In ihrem Büro angekommen, wertet die Neurologin ihre Aufzeichnungen aus. Alles wie zu erwarten: Keine Anzeichen von Ablenkung oder Ungeduld. Stattdessen volle Konzentration und Begeisterung für komplexe Aufgaben. Nach einem schnellen Mittagessen macht sie sich wieder auf den Weg zum Kindergarten, – schließlich steht nun die Nachmittagsdiskussion an. Erfahrungsgemäß dürften angeregte Debatten mit spannenden Erkenntnissen entstehen.

Zwischen zwei Extremen

In dieser Zukunftsvision ist es fast ein Jahrhundert her, dass Wissenschaftler*innen anfingen, sich thematisch mit Neuroenhancement zu beschäftigen. Viele Nutzer*innen sind am Missbrauch pharmakologischer Medikamente und an Elektrostimulation gescheitert. Die Nebenwirkungen entpuppten sich als zu gravierend und parallel zur Leistungsfähigkeit stieg immer auch der Performancedruck mit an. Bis die Gentechnik eine neue Hoffnung möglich machte. Die genetische Optimierung der Konzentration ist im Jahre 2100 greifbar nah.

Im Jahre 2100 ist die genetische Optimierung der Konzentration ist greifbar nah. Wer gewillt ist, 15.000 Euro auszugeben, kann die DNA seines Embryos hier zugunsten einer höheren kognitiven Leistungsfähigkeit verändern lassen Bild: Sangharsh Lohakare

Wer gewillt ist, 15.000 Euro auszugeben, kann die DNA seines Embryos hier zugunsten einer höheren kognitiven Leistungsfähigkeit verändern lassen. Doch auch Geringverdiener*innen haben per Losverfahren eine Chance auf das genetische Neuroenhancement ihrer ungeborenen Kinder. Schließlich entwickelt sich die Gentechnik stetig weiter und die Neuerungen müssen an Freiwilligen ausgetestet werden. Viele der Zentren für Pränataldiagnostik haben sich in den letzten Jahren zunehmend räumlich vergrößert, um Platz für integrierte Kindergärten zu schaffen. In den bunt dekorierten Räumlichkeiten tummeln sich die Ergebnisse der gentechnischen Bemühungen. Weil die langfristigen Effekte des genetischen Neuroenhancements auf menschliche Lebewesen trotz der Vielzahl genmanipulierter Kinder noch nicht genügend erforscht sind, stehen Letztere unter ständiger Beobachtung. Drei Mal die Woche begeben sich die Kinder in die integrierten Praxen der Allgemeinmediziner*innen, wo ihre Vitalwerte überprüft werden.

Genmanipulationen mithilfe der Cripsr/Cas9-Methode sind längst nichts Neues

Die Entwicklung hatte sich lange angebahnt: Bereits 2018 hatte der chinesische Forscher He Jiankui verkündet, die ersten genmanipulierten Babys auf die Welt gebracht zu haben. An die anfängliche Empörung über die Tat Hes ist über die Jahrzehnte Bewunderung getreten. 2100 werden Forscher*innen, denen Selbiges gelingt, wie Rockstars gefeiert. Während der chinesische Forscher seiner Zeit drei Jahre ins Gefängnis gehen musste, scheint den Biotechnolog*innen 80 Jahre später ewiger Ruhm zu gebühren.

Bereits 2018 hatte der chinesische Forscher He Jiankui verkündet, die ersten genmanipulierten Babys auf die Welt gebracht zu haben. Bild: VOA – Iris Tong, Public Domain.

Schon He hatte den von ihm genmanipulierten Zwillingen neben einer Immunität gegen das HI-Virus auch besondere kognitive Fähigkeiten verliehen. Mit der Crispr/Cas9-Methode hatte er die CCR5-Gene der beiden Embryos entfernt. Das funktioniert, indem die sogenannte Genschere den DNA-Strang an der richtigen Stelle durchtrennt. Diese Entfernung sorgt einerseits für den genetischen Schutz vor HIV. Zudem haben Studien gezeigt, dass Schüler*innen, die natürlich ohne das Gen geboren werden, erfolgreicher sind. Forscher*innen kamen bei einigen Versuchen mit Mäusen zum selben Ergebnis. Tiere ohne CCR5-Gen zeigten sich intelligenter als andere. Doch auch dieses genetische Neuroenhancement hat seinen Preis: Die Lebenserwartung der genmanipulierten Kinder hat sich mit dem Auslöschen des CCR5-Gens höchstwahrscheinlich verringert.

Neuroenhancement steht und fällt mit der Leistungsgesellschaft

Der Anteil an Personen, die Genmanipulationen für ethisch verwerflich hält, ist 2100 zur Minderheit geworden. Wer sich vollends gegen den vorherrschenden Performancedruck und Leistungssteigerung stellt, nimmt 2100 und bereits heute in Kauf, ökonomisch schlechter dazustehen. Schließlich sind die Karriereleiter und das Gehalt an bestimmte Leistungsmarker gebunden. Mit dem täglichen Kaffee, pharmakologischen Medikamenten oder pflanzlichen Stoffen verschaffen sich Menschen schon seit langer Zeit nicht lediglich einen Vorteil – sie versuchen einfach bloß mitzuhalten. Mit einem Blick auf die Geschehnisse in den Zentren für Pränataldiagnostik ist klar: Neuroenhancement existiert als Symptom der Leistungsgesellschaft und kann erst dann obsolet werden, wenn ein gesamtgesellschaftlicher Wandel weg vom gegenwärtigen Performancedruck stattfindet. Ob das in Zukunft jemals passiert, bleibt fraglich.

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