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Foto: Yukai engineering

Foto: Yukai engineering

Brauchen Menschen bald Streichel-Roboter um das Fühlen nicht zu verlernen?

Die Roboter lernen langsam die haptische Wahrnehmung. Gleichzeitig beobachtet die Wissenschaft einen Rückgang der taktilen Sinne beim Menschen. Wie können beide Dinge zusammenkommen, um unseren Verlust des Tastsinns auszugleichen?

Für den Menschen ist die Berührung überlebenswichtig. Martin Grunwald, Wahrnehmungspsychologe an der Universität Leipzig, erklärt im DLF: „Wir verwerten Berührungen sowohl psychisch als auch körperlich positiv. Im Säuglingsalter sind Körperberührungen sogar elementare Voraussetzung dafür, dass das Baby überhaupt wächst. Es gibt kein neuronales und zelluläres Wachstum ohne ein adäquates Maß an Körperverformung, sprich Körperberührung.“ Wie grausam die Folgen davon sind, dokumentierte der amerikanische Forscher Charles A. Nelson, als er rumänische Waisenkinder aus der Ceauşescu-Ära studierte: Völlig sich selbst überlassen, war ihre Hirnaktivität geringer, ihr IQ vermindert und sie zeigten offensichtliche Entwicklungsstörungen. Beim Erwachsenen ist das aber genauso wichtig:Berührung ist entscheidend für die Regulierung von Emotionen und einer positiven Immunreaktion, so Grunwald.

Für den Menschen ist die Berührung überlebenswichtig. Foto: Ib Wira Dyatmika

Der Mensch verliert seinen Tastsinn

Doch langsam scheinen diese Fähigkeiten bei den Menschen zu verkümmern. Martin Grunwald führte Messungen mit Studierenden durch und testete ihre grundlegenden Tastsinnesleistungen. Sein beunruhigendes Fazit: „Der basale Tastsinn ist schlechter geworden im Vergleich zu vor zehn Jahren. Der Student von heute ist wahrscheinlich in einer Umwelt aufgewachsen, die nicht viele verschiedene Reize präsentiert hat, weshalb dieses elementare Sinnessystem nicht so gut geschult wurde“, erklärt Grunwald. Das hat nicht nur schwerwiegende Folgen, wie wir uns unsere Umwelt erschließen, sondern auch hinsichtlich des Umgangs mit anderen, der überlebenswichtig sein kann.

Das ist Emma, ein Massage-Roboter, der fachgerechte Rücken- und Kniemassagen mit seinen Massage-Noppen aus Silikon ausführt. Foto: NTU.

Die AI lernt fühlen

In dieser zwischenmenschlichen Berührungsdynamik ist nun eine neue Komponente eingetreten. Bislang war es das Alleinstellungsmerkmal von Menschen gegenüber der KI, Dinge rein anhand ihrer Oberflächensensibilität zu ertasten und zu erkennen. Roboter holen bei diesem Sinn neuerdings auf – mit fast erschreckender Präzision. So lernen sie etwa, Dinge allein durch Sehen zu „fühlen“. Forscher haben am Computerwissenschafts- und KI-Lab (CSAIL) des MIT eine künstliche Intelligenz entwickelt, die nur durch das Anschauen von Objekten ihre Taktilität „erfühlen“ kann. Umgekehrt funktioniert das genauso: Wird die KI mit einem Roboterarm verbunden, kann sie durch Ertasten eine visuelle Repräsentation des Objekts generieren. Gelernt hat die KI, indem sie 200 Haushaltsgegenstände ertastete. Etwas für Menschen essenzielles ist dabei leider unter den Tisch gefallen: dass Menschen Emotionen durch positives Berührungs-Feedback erlernen. Hätten die Roboter bei diesem Experiment doch wenigstens Menschenkörper ertastet und erlernt.

 Ein warmer Händedruck vom Roboter hilft auch

Zumindest bei der Berührung könnten uns die Roboter langfristig weiterhelfen – auch wenn das eine merkwürdige Vorstellung sein könnte. Schließlich werden sie uns in Zukunft – wenn es um die Automatisierung in der Arbeitswelt geht – in manchen Dingen ersetzen, in manchen nur unterstützen. Elisabeth André lehrt Multimodale Mensch-Technik-Interaktion an der Universität Augsburg und sagt im DLF: „Menschen tut es gut, wenn auch der Roboter über Sensibilität bei Berührungen verfügt. Selbst bei einem Händedruck, der zwischen Mensch und Roboter passiert, werden Emotionen übertragen.“

Für ältere Menschen gibt es bereits dringenden Bedarf an Roboter-Haustiere. Diese sind wie der Seehund Paro für Demenz erkrankte, Alzheimer- und Parkinsonpatienten in Gebrauch. Foto: AIST.

Plüsch-Roboter für Streicheleinheiten

Der Tastsinn für Roboter ist noch ein ziemlich neues Feld. Wenn sie aber über genügend Fingerfertigkeit verfügen, können sie unserem Bedürfnis nach Berührung nachkommen und uns – anfassen. In Singapur geschieht das sogar schon: Emma ist ein Massage-Roboter, der fachgerechte Rücken- und Kniemassagen mit seinen Massage-Noppen aus Silikon ausführt.

Berührung ist ein lebenslanges Bedürfnis. Für ältere Menschen gibt es bereits dringenden Bedarf: der Markt der Roboter-Haustiere für an Demenz erkrankte, Alzheimer- und Parkinsonpatienten. Angefangen hat es 2003 mit dem niedlichen Paro für Senioren, einem japanischen Plüsch-Roboter in Seehundgestalt. Der wurde sogar vom Guinnessbuch der Rekorde zum „World’s Most Therapeutic Robot“ zertifiziert. Er reagiert auf seinen Namen, kann mit Kopf und Flosse wackeln und gibt Seehundbaby-Laute von sich. Auch merkt er sich das Feedback des Nutzers auf sein Verhalten und richtet es entsprechend auf ihn aus – um wieder gestreichelt zu werden.

Ähnlich verhält sich die Plüschkatze NeCoRo, die der Besitzer genug streicheln muss, damit sie kein negatives Feedback gibt. Dann gibt es noch die „Dream Pet Series“ vom Spielehersteller Sega mit einer Kunstfell-Katze, die sprechen kann. Und, als neues Kickstarter-Projekt, Tombot Jennie: Die Roboter-Hündin soll als therapeutisches Tier Senioren bei Demenz beruhigen. Designt wurde es von Jim Henson’s Creature Shop, der sfx-Schmiede von The Muppets-Erfinder Jim Henson.

Dsa ist Tombot Jennie: Die Roboter-Hündin soll als therapeutisches Tier Senioren bei Demenz beruhigen. Foto: Hires Images.

 Interaktion mit einem Fell-Kissen

 Am Ende muss es nicht mal mehr ein bestimmtes Haustier sein – Fell und Schwanz reichen aus, um ein direktes Feedback an den Streichelnden zu liefern. So geschehen bei Qoobo, einer Art Plüsch-Katzenkörper mit Schwanz. Aus einer Kickstarter-Kampagne entstanden, ist das kopflose Roboter-Geschöpf heute auf Amazon erhältlich. Entwickelt vom japanischen Robotik-Start-up Yukai Engineering gibt es dieses smarte Kissen, das bei Berührung mit dem Schwanz wedelt, in husky-grauem oder französisch-braunem Kunstfell. Einen Katzenkopf, der Schnurrlaute von sich geben und vibrieren könnte, hat es nicht.

Vielleicht ist das der Zeitgeist: So abstrakt wie virtuell die digitalisierte Welt heute unsere Arbeit, unser Sozialleben wie auch unseren taktilen Austausch mit anderen macht, so abstrakt werden auch die Mittel, mit denen wir uns eben behelfen müssen, um nicht zu verkümmern. Aber ob das reicht, in einer zunehmend berührungsarmen, entkörperlichten Welt? Was sagt wohl ein Katzenkissen ohne Kopf über unsere Zeit aus?

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