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Foto: Madita Lammers

Coparenting 2.0 – Kinder mit dem Freundeskreis

Wenn Freunde beschließen, gemeinsam ein Kind zu bekommen, treffen sie die bewusste Entscheidung, Kinderwunsch und Partnerschaft zu trennen. Was bringt Menschen dazu, ohne romantische Liebe und jenseits einer Partnerschaft eine Familie zu gründen?

Das klassische Bild der bürgerlichen Kleinfamilie aus verheirateten, gegengeschlechtlichen Paaren mit leiblichen Kindern hat immer noch das Monopol auf die gesellschaftliche Vorstellung von Familie. Dieses Konstrukt weicht allerdings zunehmend auf. Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien oder selbstbestimmt alleinerziehende Solo-Moms erweitern das heutige Verständnis von Familie. Eine Familiengründung auf freundschaftlicher Basis, jenseits romantischer Liebe und intimer Partnerschaft, findet allerdings erst seit wenigen Jahren öffentliche Aufmerksamkeit.

Aus einem Jugendscherz wird Familie 

Madita und Tobi sind beste Freunde aus Kindertagen. Sie kümmern sich gemeinsam um ihre 6-jährige Tochter. Ein Familienmodell, das sich Coparenting nennt. Foto: Madita Lammers

Vater, Mutter, Kind – so hat sich Madita als junges Mädchen auch ihre eigene Familie vorgestellt. Doch die sieht nun ein wenig anders aus, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Madita hat eine 6-jährige Tochter. Tobi, der Vater ihrer Tochter, ist ihr bester Freund aus Schultagen.

Während ihrer Jugend waren sie unzertrennlich, erzählt die Sozialpädagogin aus Fulda. „So von 16 bis Mitte 20 hatten wir unsere intensivste Zeit. Da habe ich jede zweite Nacht bei ihm übernachtet. Gemeinsame Partys, gemeinsamer Freundeskreis, sein Outing und mein Outing. Da gab es dann eben auch diese Gedankenspielereien, die man mit 16 so hat: Wenn mal kein Mann, keine Frau will, dann kriegen wir halt zusammen ein Kind.“

Ein Scherz, aus dem einige Jahre später ernst werden sollte. Nachdem Maditas letzte Beziehung wegen ihres Kinderwunsches in die Brüche ging, ging es auf einmal ganz schnell. „Da habe ich gemerkt, ich bin jetzt 30 und muss erst mal jemand Neuen kennenlernen und eine stabile Beziehung führen. Um dann mit Mitte 30, Anfang 40 mit der Familienplanung anfangen? Nein! Ja, und dann habe ich Tobi angerufen und er war sofort dabei.“

Es folgen mehrere gemeinsame Abende, an denen sich beide über ihre Zukunft als Eltern austauschen und die Rahmenbedingungen abstecken. „Dann ging es wahnsinnig schnell. Im März war meine Trennung, dann der Anruf bei Tobi und im Mai war ich das erste Mal in der Klinik zum Beratungsgespräch. Im September war ich dann schwanger. Da waren also keine sechs Monate dazwischen.“

Lesbisch + Schwul = Eltern

Das Familienmodell, das Madita und Tobi leben, wird auch als Co-Parenting bezeichnet. In ihrem Essay „Co-Parenting und die Zukunft der Liebe“ definiert die Soziologin und Geschlechterforscherin Christine Wimbauer Co-Parenting folgendermaßen: „Zwei oder mehr Menschen (egal welchen Geschlechts) entscheiden sich, zusammen eine Familie zu gründen – im Sinne von: gemeinsam Kinder zu haben. Dabei leben die Eltern aber nicht in einer gemeinsamen Paarbeziehung und sind einander nicht in höchstpersönlicher Liebe verbunden.“

Warum entscheiden sich Menschen wie Madita und Tobi für dieses Familienmodell? Die Grundlage einer solchen Entscheidung ist allen voran der Kinderwunsch. Und der entsteht nicht selten ganz unabhängig von einer bestehenden Partnerschaft oder ist mit dem aktuellen Partner schlicht nicht umsetzbar (bspw. bei homosexuellen Paaren oder durch Unfruchtbarkeit). Weitere Beweggründe, die einen Großteil der Co-Eltern vereinen, ist der Wunsch nach einem aktiven Co-Elternteil und der Aufteilung der Elternverantwortung.

Zukunfts- und Trendforscher Sven Gábor Jánszky bezeichnet Co-Parenting in einem Interview bei familie.de als „Weg die Familiengründung souveräner zu gestalten“. Einen möglichen Grund sieht er auch in der Veränderung unserer Arbeitswelt: Die Babyboomer-Generation verlässt sukzessive den Arbeitsmarkt und macht Platz für die geburtenschwachen Jahrgänge. Das heißt das Angebot der Arbeitsplätze übersteigt das der verfügbaren Arbeitnehmer. Junge Berufseinsteiger müssen sich also immer weniger Gedanken um ihre Jobs machen. Werte wie Unabhängigkeit und Freiheit werden zunehmend wichtiger. Es ist nicht mehr obligatorisch, sich durch die Gründung einer Familie selbst zu verwirklichen, dazu dient inzwischen auch die Karriere. Ob und wie die Familienplanung angeschoben wird, wird zur aktiven und selbstbestimmten Entscheidung. Vor allem für Frauen kommt die Möglichkeit der Loslösung der Familiengründung von der Partnersuche einem Befreiungsschlag gleich. Das beweist auch Maditas Geschichte.

Vom Suchen und Finden eines Elternteils 

Dabei bietet nicht nur der Freundeskreis die Möglichkeit, einen „Partner“ für die Co-Elternschaft zu finden. Mittlerweile gibt es

Was macht den Alltag einer Co-Familie anders, als den einer tradtionellen Familie? Foto: Madita Lammers

 verschiedene Online-Plattformen und Foren, auf denen sich Menschen mit Kinderwunsch jenseits einer Liebesbeziehung suchen und finden können. Im deutschsprachigen Raum zählen dazu unter anderem familyship.de mit rund 6000 Mitgliedern oder die aus Frankreich stammende Plattform co-eltern.de mit über 11500 Mitgliedern.

Entscheidet man sich jedoch für die Familiengründung mit einem/einer Freund:in als Co-Elternteil, ist dabei ein elementarer Punkt als Basis für die erfolgreiche Familiengründung bereits gegeben: Vertrauen. Auch für Madita war das ausschlaggebend für ihre Entscheidung, mit Tobi eine Familie zu gründen. „Es gibt ja Plattformen, wo man sich Väter suchen kann, die ein Interesse an Co-Parenting haben. Für mich hätte das nicht geklappt, weil ich da zuerst unheimlich viel Vertrauen hätte entwickeln müssen. Das ist wie in einer Partnerschaft: Ich weiß nicht, ob das der richtige Partner oder der richtige Vater für mein Kind gewesen wäre. Den hätte ich ja auch zwei, drei Jahre kennenlernen müssen.

Der ganz normale Wahnsinn

Und wie sieht der Alltag als Co-Familie aus? Wie unterscheidet er sich von dem einer „normalen“ Familie? Die Familienkonstellationen innerhalb einer Co-Familie sind genauso heterogen wie die Co-Eltern selbst. Die Aufteilung der Verantwortlichkeiten reicht von Vätern mit Onkelfunktion über gleichberechtigte Mehrelternfamilen bis hin zum alleinigen Sorgerecht.

Madita hat das alleinige Sorgerecht für ihre Tochter. Trotzdem spielt Vater Tobi eine aktive Rolle in ihrem Leben. „Meine Bedingung an ihn war, dass unser Kind weiß, wer sein Papa ist. Wie viel Kontakt sie schlussendlich zueinander haben, entscheidet er. Momentan ist Montag Papatag, dazu kommen Feiertage und wichtige Termine. Wir besprechen uns ganz viel. Wenn irgendwie etwas nicht mit den Absprachen geklappt hat, trinken wir einen Kaffee und quatschen darüber, was wir ändern müssen oder wo wir uns beide anpassen müssen. Da sind wir bisher immer zu einem Konsens gekommen.“

Ohne romantische Partnerschaft gibt es weniger emotionale Verstrickungen und klare Absprachen verringern das mögliche Konfliktpotenzial. Was jedoch nicht heißt, dass es zwischen den Eltern keine alltäglichen Konflikte zu bewältigen gibt. Wie in jeder anderen Familie auch. „Wir haben durchaus Konflikte. Die gleichen, die wir vor 20 Jahren hatten. Der Vorteil ist dadurch, dass wir uns so gut kennen, wissen wir, wie wir miteinander sprechen können.“

Braucht Familie Schubladen? 

Wie sich Co-Parenting langfristig auf die Eltern-Kind-Beziehung und auf das spätere Leben der Kinder auswirkt, lässt sich nur schwer sagen. Soziologin Christine Wimbauer stellte im Zuge ihrer Arbeit fest, dass wissenschaftliche Arbeiten oder gar Langzeitstudien dazu nur vereinzelt im englischsprachigen Raum existieren. Im deutschsprachigen Raum fehlen sie bisher gänzlich. So kann man bisher weitestgehend nur auf Veröffentlichungen und Interviews von Co-Eltern zurückgreifen.

Auch Madita hat sich entschieden, offen über ihr Familienleben zu berichten. Auf ihrem Instagramkanal @kleinerregenbogenkaefer teilt sie Details aus ihrem Familienalltag. Bisher ganz ohne negative Reaktionen, im Gegenteil: „Relativ häufig melden sich Single-Mütter und erzählen, dass sie an diesen Weg noch gar nicht gedacht haben. Es kommen viele Rückfragen zur gesetzlichen Lage und wie es bei uns auf dieser freundschaftlichen Ebene klappt.“

Dabei steht für Madita nicht im Vordergrund, Co-Parenting als außergewöhnliches Familienmodell sichtbarer zu machen: „Ich empfinde unsere Familie nicht als etwas Besonderes, sondern das ist halt einfach eine Familie. Ich würde einer anderen Mutter auch nicht sagen: Mensch, du lebst alleine mit deinem Kind? Deswegen ist Co-Parenting auch einfach ein kleiner Teil von ganz vielen verschiedenen Familienmodellen. Und das finde ich muss mehr in die Öffentlichkeit, dass Familie diese Klassifizierung nicht braucht. Bin ich jetzt eigentlich eine Regenbogenfamilie, weil ich lesbisch bin und der Vater schwul? Oder gehöre ich jetzt zum Co-Parenting, weil wir Freunde sind? Oder bin ich einfach eine alleinerziehende Mutter?

Familie lebt und verändert sich

Die Soziologin Christine Wimbauer sieht im Co-Parenting große Chancen für die Familie der Zukunft: „Theoretisch wie empirisch verspricht Co-Parenting mehr Geschlechtergleichheit und weniger Abhängigkeit.“ Foto: Christine Wimbauer

Familienkonzepte haben sich schon immer im Kontext ihrer Zeit entwickelt. Von der bürgerlichen Familie während der Industrialisierung bis hin zur modernen Kleinfamilie in den 50er- und 60er-Jahren. Seit den 70er-Jahren pluralisiert sich das Konstrukt Familie immer weiter. Stetig steigende Lebensqualität, zunehmende Gleichberechtigung, bessere Bildungschancen und Fortschritte in der Reproduktionstechnologie tragen dazu bei, dass die Grenzen der bisher etablierten Familienmodelle mehr und mehr verwischen. Dazu gehört auch das Co-Parenting mit seiner großen Bandbreite an familiären Konstellationen. Zurzeit gilt das Modell noch als Ausnahmeerscheinung und ist weitgehend unbekannt. Durch Menschen wie Madita, die offen über ihr Familienleben berichten, wird Co-Parenting als Möglichkeit, Familie zu leben, für die breite Masse sichtbarer und ist sicher bald keine Ausnahme mehr.

Die Soziologin Christine Wimbauer sieht im Co-Parenting große Chancen für die Familie der Zukunft: „Theoretisch wie empirisch verspricht Co-Parenting mehr Geschlechtergleichheit und weniger Abhängigkeit.“ Vor allem aber schafft dieses Modell für alle die Chance auf Selbstbestimmung. Man entschließt sich nicht zufällig mit einem/einer Freund:in eine Familie zu gründen. Das ist eine aktive gemeinsame Entscheidung, die vorab intensiv besprochen und auch aktiv und bewusst umgesetzt wird.

„In dem Moment, wo man einen Weg geht, egal ob als zwei Frauen, als Solo-Mutter oder als Co-Eltern, muss man plötzlich Entscheidungen treffen – wann, wo, mit wem, wie, wovon, die ich mit ‚Ups, passiert‘ nicht habe. Ich glaube, wenn man den Entschluss fasst, dann findet man auf jeden Fall einen Weg.“ – Madita

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